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Physik
Die zwei Leben des Brian
Vor 29 Jahren erhielt Brian Josephson den Nobelpreis. Heute glaubt er an Ufos und Geister
Von Max Rauner
Als Brian Josephson ungefähr sechzig war, beauftragte die Universität eine Malerin damit, den Professor in Öl zu porträtieren. Die Künstlerin, eine Freundin der Familie, kam ins Haus. Sie malte zwei Bilder. Das eine, vom Foto abgemalt, zeigt einen attraktiven Mann mit Hornbrille, schmalem Gesicht und schwarzen Locken: Brian Josephson, das Genie, kurz nachdem er den Physiknobelpreis bekam. Das zweite Bild stellt einen Mann mit ausgedünntem Haar, randloser Brille und grauen Koteletten dar: Brian Josephson, den Mystiker, der an Telepathie, Poltergeister und Ufos glaubt.
Der Mann mit den zwei Gesichtern führt auch zwei Leben. Das eine in seinem gelben Backsteinhäuschen im englischen Cambridge. Das andere in den Lehrbüchern der Physik. Dort wird der junge Nobelpreisträger als Entdecker des „Josephson-Effekts“ gefeiert. Im gelben Haus dagegen lebt ein Abtrünniger. Seit Jahren veröffentlicht Josephson nicht mehr in Fachzeitschriften. Stattdessen hält er Vorträge auf Esoterik-Kongressen und schreibt Leserbriefe über Psychokinese und übersinnliche Wahrnehmung. Für die Physiker ist er eine tragische Figur, für die Esoterik-Szene ein prominenter Glücksfall. Irgendwo zwischen heute und damals bekam seine Biografie einen Knick – auf der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn?
Von außen strahlt das Häuschen in der Gogh Street britische Gemütlichkeit aus. Auf dem Passat in der Einfahrt klebt ein Aufkleber gegen genmanipuliertes Essen. Eine Frau mit „Freiheit für Palästina“-Anstecker öffnet die Tür. Im Flur trocknen Wanderschuhe, auf der Fensterbank im Wohnzimmer betet ein Holz-Buddha neben einem Buch von Uri Geller. Der Nobelpreisträger kauert in einem roten Sessel. Er trägt eine Tweedjacke und sieht ein bisschen aus wie Woody Allen. It’s tea time.
Bewusstsein ist interessanter als Physik
Als 22-jähriger Doktorand schrieb Brian Josephson einen zweiseitigen Fachartikel für Physics Letters. Darin versuchte er zu erklären, wie Strom zwischen zwei Supraleitern, Materialien ohne Widerstand, hin und her fließt. „Ich habe nie verstanden, was er sagen wollte“, erinnerte sich sein Doktorvater viele Jahre später. Im Jahr 1973, Physiker hatten den Josephson-Effekt längst im Experiment nachgewiesen, bekam er im Alter von 34 Jahren den Nobelpreis für Physik. Heute verwendet man Josephson-Bauteile zu Tausenden in der Medizin, um die winzigen Magnetfelder der Hirn- und Herzströme zu messen.
Aber davon erzählt Brian Josephson wie ein gequälter Barkeeper, der um drei Uhr morgens den letzten Gast vergraulen will. Schon mit 25 Jahren – da forschte er als Gastprofessor in den USA – las er lieber Bücher über Parapsychologie und Bewusstsein als über Festkörperphysik. „Die Physik hat mich nicht mehr interessiert“, sagt er, und als er den Nobelpreis bekam, hatte er den Mainstream längst verlassen. Die Gründe deutet er nur an: Halluzinationen, Übermüdung, Konzentrationsschwäche und starke Beruhigungsmittel. Tägliches Meditieren habe ihm „so etwas wie einen inneren Frieden“ zurückgegeben, ebenso seine Heirat 1976. Mit seiner Frau Carol hat er eine Tochter, die Tierärztin werden will.
Josephson will nicht über Supraleiter reden, sondern über Geist, Sprache, Bewusstsein: „Ich hoffe, dass ich nun endlich zeigen kann, wie das Gehirn funktioniert und wie Sprache und all das zustande kommen.“ Er springt auf und läuft zum Computer, druckt eine halbe Seite Text aus. „Das wird jene Kritiker verstummen lassen, die mir vorwerfen, ich hätte nichts Nützliches mehr hervorgebracht.“ Noch vor seinem anstehenden Urlaub will er seine Theorie zur Veröffentlichung einreichen. Wahrscheinlich bei Nature, sagt er. So kurz wie sein Nobelpreis-Artikel soll das Paper sein, und vor allem: noch viel wichtiger.
In der Küche klingelt ein Küchenwecker. „Meine Frau kocht Brokkoli immer ohne Deckel, damit die Lebensgeister entweichen“, murmelt Josephson, „aber das ist ziemlich unwissenschaftlich.“ Mitunter ist nicht ganz klar, ob er nun selbst an unerklärliche Phänomene glaubt oder nicht. „Manchmal bin ich in einem Zustand, in dem besondere Dinge passieren können“, sagt er und erzählt, wie er einmal an einem Versuch teilgenommen hat, bei dem die Probanden vor einer Kiste mit Lämpchen und Zufallsgenerator saßen. In Gedanken sollte man vorhersehen, welche Lampe als nächste aufleuchten würde. Er tippte etwas häufiger richtig, als statistisch zu erwarten war.
Die meisten Physiker halten den Josephson von heute für einen Spinner. Als er vor einem Jahr eine Sondermarke der Royal Mail zum hundertsten Geburtstag des Nobelpreises erläutern durfte, schrieb er im Briefmarkenheftchen, die Quantentheorie werde eines Tages zum Verständnis der Telepathie führen. Umgehend wurde Kritik laut. „Ich bin sehr skeptisch“, gab der deutschstämmige Physiknobelpreisträger Herbert Kroemer zu Protokoll. „Wenige von uns glauben an Telepathie. Und genauso wenig glauben wir, dass die Physik so etwas erklären kann.“ Der angesehene Quantenphysiker David Deutsch von der Universität Oxford wurde noch deutlicher. „Das ist totaler Quatsch“, schimpfte er. Auf die Frage, ob Telepathie nicht doch eines Tages ein anerkanntes Forschungsgebiet werden könnte, antwortet Deutsch: „Eines Tages könnte auch der Weihnachtsmann ein anerkanntes Forschungsgebiet werden. Für das eine gibt es so wenige Belege wie für das andere.“
„Die Kritik berührt mich nicht“, sagt Josephson. Dank Meditation – Kundalini-Yoga – könne er das ertragen. Auch über die Theorien des verschrobenen Nachtarbeiters David Deutsch (siehe ZEIT Nr. 22/2002) schüttele schließlich mancher in der Zunft den Kopf. Deutsch schreibt etwa über Parallel-Universen, die ihm als logische Konsequenz der Quantenphysik erscheinen. „Daran glaube ich nicht“, sagt Josephson.
Woran er glaubt, ist in einem Gespräch, während der Geist des Brokkolis durch die Flure streift, nur schwer zu ergründen. Immer wieder unterbricht er sich, wechselt sprunghaft die Themen, und sein Blick schweift ins Unendliche. Oder er kramt E-Mails und Publikationen hervor, zum Beispiel das Buch über Poltergeister von Mathew Manning, dem britischen Uri Geller. Die Rückseite des Buches zeigt ein Foto des jungen Josephson neben einem Hippie. Darunter steht: „Nach den Ergebnissen von Toronto forderte Nobelpreisträger Brian Josephson eine Neubewertung von Realität und Nichtrealität.“ Wieder springt Josephson auf. Diesmal holt er einen von Manning verbogenen Schlüssel aus der Schublade.
Im Lauf des Gesprächs fügen sich Zitate, Gedankensplitter und Zeichen zu einer diffusen Mischung aus Kant („Wir sind gefangen in unserem Denken“), Zen („Durch Meditation können wir darüber hinausgehen“) und New Age („Was wir dem freien Willen zuschreiben, ist in Wirklichkeit ein aktives Agens, das die Physik noch nicht verstanden hat“). Josephson glaubt, dass Gehirn und Nervensystem ähnlich wie ein Computer auf Treibern und Hardware basieren. Auf der untersten Hierarchieebene steuert der Motor-Kortex im Gehirn die Bewegung des Beins. Auf einer höheren Ebene gibt es einen Treiber für einen Spaziergang über unebenes Terrain. Auf anderen Ebenen kommt die Sprache hinzu. Und das alles steht mit der Außenwelt irgendwie in Verbindung. „Ich bin zu 90 Prozent sicher, dass die Quantenphysik da ins Spiel kommt.“
Ist das nun genial oder gaga? Bewiesen sei eine Theorie erst, wenn reproduzierbare Experimente überzeugende Ergebnisse erbracht hätten, sagen die Kritiker. Auch Josephson sagt: „Es muss eine Verbindung zur realen Welt geben.“ Von der wissenschaftlichen Methode, dem Experiment, hat er sich daher noch nicht verabschiedet. Doch seine Beweise sind dürftig, und die Begeisterung der Geldgeber hält sich in Grenzen. „In einer Idealwelt würde ich selber die Experimente machen“, sagt Josephson, „aber dies ist keine Idealwelt.“ Zwar hat er nach dem Nobelpreis eine Professur auf Lebenszeit in der Forschergruppe für theoretische Festkörperphysik der Universität Cambridge angenommen. Doch Forschungsgeld bekommt er schon lange nicht mehr. Den paar Studenten, die bei ihm promovieren wollen, wird das Stipendium gestrichen.
„Ich möchte die Wahrheit bekannt machen“
Peter Littlewood, Leiter der theoretischen Festkörperphysik, verteidigt die Politik seines Instituts: „Für Studenten ist diese Art von Forschung riskant.“ Wenn sie nach drei Jahren ohne Ergebnis dastehen, bekommen sie weder ihren Doktortitel noch einen Job. Über Brian Josephson sagt Littlewood: „Er ist kein Scharlatan und auch kein Verrückter, Brian ist ein tiefgründiger und nachdenklicher Mensch.“ Seine Methode sei die Inspiration. Er, Littlewood, glaube zwar nicht an Josephsons parawissenschaftliche Theorien, aber vielleicht stimmten sie ja. „Wer bin ich, darüber zu urteilen? Ich werde in der Physik niemals das erreichen, was Brian erreicht hat.“
Nach dem Gemüse ist nun auch der Fasan gar und dampft auf dem Tisch. Die Schrotkugeln finde man immer in den Hinterbeinen, warnt Carol Josephson. Das liege am großen Wirkungsquerschnitt der Schenkel, spekuliert ihr Mann. Manchmal lebt er noch in seiner früheren Welt. Dann beschimpft er, wenn ihm die Schnürsenkel aufgehen, den Reibungskoeffizienten. Und der Abwasserkanal auf dem Weg zur Uni erscheint ihm als „idealer Schallwellenleiter“. Nur lässt ihn darüber keiner Artikel veröffentlichen.
Freilich werden auch seine Manuskripte über die Grenzen der Quantenphysik abgelehnt. Zu spekulativ. Josephson wittert Zensur und eine Verschwörung der etablierten Wissenschaften: „Es gibt definitiv einen Zustand der Unterdrückung.“ Schon im Studium würden die Gehirne der Studenten im Sinne des wissenschaftlichen Mainstreams „programmiert“. Als Robin Hood der Pseudowissenschaften trägt Josephson E-Mail-Gefechte mit Zeitschriftenredakteuren aus. Seine Website dient als Forum für Artikel über „das Gedächtnis des Wassers“ und die kalte Kernfusion. „Ich möchte die Wahrheit bekannt machen, auf mich hören die Leute eher als auf andere.“
Josephson, der Auserwählte, gibt sich als Anhänger von Thomas S. Kuhn: Wissenschaft schreitet nicht kontinuierlich voran, sondern in einem Wechsel von Krisen und ruhigen Zeiten. Der letzte Paradigmenwechsel vollzog sich mit dem Schritt von der klassischen Physik zur Quantenphysik. Und der nächste? Er ist sicher: „Wir sind in einem Zustand der Vorkrise.“
Wird Brian Josephson mit seiner Theorie des Gehirns die nächste Revolution auslösen? Braucht die Wissenschaft Leute wie ihn? Wie unterscheidet man seriöse Wissenschaftler von Spinnern? Was ist ein Spinner? Am Sonntagnachmittag im Norden von Cambridge gibt es mehr Fragen als Antworten.
Inzwischen ist auch die befreundete Porträtmalerin, die Ungarin Gabriela, eingetroffen. Sie setzt sich vor einen Teller mit einem großen Stück Fasan und erzählt, wie sie damals, nach getaner Arbeit, mit den zwei Bildern vom adretten und vom grauen Brian Josephson zum Trinity College schritt. Der Dekan entschied sich für das Porträt des jungen Nobelpreisträgers. Seitdem lagert es in der Universität. Im Keller.
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