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Freitag, 13. Februar 2004, 02:43

Habermann war übrigens der Prof, der den Chinarindenversuch des Vollidioten und Homöopathie-Pseudogottes Hahnemann während der Vorlesung widerlegte.

Prof. Dr. med. Ernst Habermann
Klinische Chemie, Gaffkystr. l Ic, 35385 Gießen
Ich möchte Sie betroffen machen, indem ich Sie mit vier Problemkreisen befasse:
* Mit einigen typischen Sonderformen der Arzneitherapie
* Mit der Theorie der besonderen Therapierichtungen
* Mit den gesellschaftlichen Konsequenzen
* Zum Abschluß mit Voraussagen und Vorsorge.
7.1 Manifestationen einiger besonderer Therapieformen
Was rechnet man dazu?
Eine Beschreibung aller besonderen Therapieformen würde dicke Bände füllen.
Die menschliche Phantasie, die sich in ihnen auslebt, ist grenzenlos. Jeder
Mensch »verarbeitet« seine Beschwerden auf seine Weise. Er glaubt an die
Maßnahmen, die er gegen sie ergreift. Daher gibt es so viele besondere
Therapierichtungen, wie es Menschen gibt. Auch heute noch rufen sie Kräfte
zu Hilfe, für die man jegliche Belege vermißt. Dann spricht man von Magie.
Ich werde später darstellen, daß zwischen Wissenschaft, Glaube und Magie
fließende Übergänge bestehen.
Wenn der Mensch etwas ausheckt, dann legt er seine Gedanken nicht wie die
isolierte Käfighenne ihr Ei, das ihr dann auf Nimmerwiedersehen wegrollt.
Er denkt in einem sozialen Umfeld, das als Generator und Kondensator seiner
Ideen mitwirkt. So bilden sich von Kulturkreis zu Kulturkreis
unterschiedliche Präferenzen heraus. Während man in Indien dem eigenen Harn
gekocht oder schäumend aus dem eigenen Hahn gezapft hohen therapeutischen
Wert beimißt, benötigt hierzulande diese Therapie noch publizistische
Nachhilfe (Thomas 1993).
Insgesamt zählt man im deutschen Sprachgebiet etwa 100 verschiedene
besondere Therapieformen (Federspiel und Herbst, 1991, ZDN 1992). Die Zahl
ist niedrig geschätzt, weil innerhalb der einzelnen Therapierichtungen das
intellektuelle Chaos herrscht und sich die Sekten bekämpfen. So meint Hopff
(1991), daß es so viele Homöopathien gibt wie Homöopathen. Die
anthroposophische Therapie nimmt Anleihen bei der Phytotherapie und der
Homöopathie auf und vermengt sie mit Steinerscher Esoterik (Stratmann
1988). Es entstehen Hybriden. Ein Blick auf Tabelle l überzeugt von der
Vielfalt (Übersichten siehe Memorandum 1993, Skrabanek und McCormick 1990,
Habermann 1992).
Drei besondere Therapierichtungen sind herausgehoben, nicht etwa wegen
ihrer Qualität, sondern aus plebiszitären Gründen, nämlich Phytotherapie,
Homöopathie und anthroposophische Therapie. Sie werden am häufigsten
angewandt. Sie haben die Ehre, teils im Arzneimittelgesetz, stets bei der
Arzneimittelzulassung bevorzugt zu werden. Homöopathika bedürfen keiner
Zulassung. Registrierung genügt. Auch den anderen Richtungen wird ein Bonus
zuteil: Zur Zulassung genügt einfaches Erfahrungsmaterial nach der Art »Wir
haben nur Gutes gesehen von...« als sogenannter Wirksamkeitsnachweis. Die
harten Tests der Schulmedizin bleiben ihnen erspart, weil sie diese nicht
bestehen würden. Sie sind sogar zu Gegenständen des Lernthemenkatalogs für
Mediziner erhoben worden. Die Medien tätscheln sie. Gründe genug, gerade an
ihnen die Besonderheiten gläubiger Therapie zu exemplifizieren.
Die Phytotherapie ist die älteste unter den behördlich anerkannten
»besonderen« Therapieformen (Vogel et al. 1990). Sie liegt dem
Pharmakologen besonders am Herzen; denn sie ist die Mutter der heutigen
Pharmakotherapie. Sie steht der Schulmedizin so nahe, daß sie ohne
besondere Glaubenssätze auskommen könnte. Sie laboriert trotzdem an ihnen,
weil sie die Patina der Historie, der Tradition, wie eine Schutzschicht
benötigt und daher pflegt. Die Ärzte des Mittelalters, der Neuzeit bis zum
Beginn dieses Jahrhunderts waren im wesentlichen Phytothera-peuten. Von der
heilenden Kraft pflanzlicher Zubereitungen war man überzeugt. Opium bei
Schmerzen, Colchicum bei Gicht, Chinarinde bei Malaria, Digitalis bei einer
bestimmten Art von Wassersucht, vor allem die Abführmittel waren ja auch
recht wirksam, wie man bereits im 18. Jahrhundert wußte. Viel mehr hatte
man damals nicht.
Die Organotherapie ist die animalische Version der vegetativ fundierten
Phytotherapie. Auch sie hat eine pseudowissenschaftliche Komponente, indem
z.B. Zellen der Hormondrüsen injiziert werden; ihre Wertschätzung verdankt
sie aber vor allem dem Glauben an die Lebenskraft, die aus tierischen
Organen übertragen werden soll.
Mit dem Heranwachsen der Chemie und Physiologie im 19. Jahrhundert ging das
Naturwüchsige und Wunderbare verloren. Die Drogen wurden aufgearbeitet;
nach und nach standen Reinsubstanzen zur Verfugung. Die sogenannte
Natur-kraft, an die unsere Vorfahren glaubten, wurde geistiger Ballast, den
man zusam­men mit dem chemischen Ballast in den Abguß kippte. Die
Fortschritte der chemischen Synthese machten die Pflanze überflüssig. Die
natürlichen Wirk­stoffe entstanden jetzt in der Retorte. Derivate wurden
hergestellt. Der Mensch, und kein Naturgeist, erschuf völlig neue
Wirkstoffe. Die Pharmakologie benötig­te nur noch physikalische und
chemische Kräfte, und sonst gar nichts, um die Wechselwirkung zwischen
Chemikalie und Organismus befriedigend zu beschreiben. Der neue Zugang
ermöglichte gewaltige therapeutische Fortschritte; die Arzneitherapie wurde
zu einer quantitativen Wissenschaft. Hierzu zwei Beispiele aus eigener
Erfahrung.
Als ich 1947 Pharmakologie hörte, war Curare eine exotische Kuriosität.
Besten­falls eignete es sich als Pfeilgift für einen Urwaldbewohner, der
seine Jagdbeute für immer lahmen wollte. Die Chemie des Curare war
weitgehend unbekannt; man mußte die Wirksamkeit der jeweiligen Zubereitung
am lebenden Kaninchen ermitteln. Die Isolierung und Kristallisation des
d-Tubocurarins erlaubte dann eine Dosierung nach Gewicht. Mit der
Reinsubstanz kann der Anästhesist den Patienten in einer genau
eingestellten Paralyse halten. Das ist eine Voraussetzung für die heutige
Chirurgie am Herzen und der Lunge. D-Tubocurarin ist inzwi­schen durch
synthetische Verbindungen ersetzt. Curare hat also eine typische Karriere
durchlaufen. Der Pflanze folgte der Extrakt, auf den Extrakt die
Rein­substanz, auf die Reinsubstanz die überlegenen chemischen Derivate,
und schließlich die Neuentwicklungen ohne natürliches Vorbild.
Ein zweites Beispiel: Als junger Pharmakologe mußte ich Digitalis-
(Fingerhut-) Präparate im Tierversuch standardisieren. Viele Katzen starben
an Herzversagen, damit mir eine einzige Wertbestimmung gelang. Man kannte
zwar die Inhalts­stoffe, aber man konnte sie nicht anders bestimmen. Etwa
um die gleiche Zeit wurde kristallisiertes Digoxin verfügbar. Die
Tierversuche entfielen, weil man die Kristalle abwiegen konnte. Ich selbst
wurde frei für Besseres.
Warum entfiel nicht die gesamte Phytotherapie? Digoxin und d-Tubocurarin
sind per defmitionem keine Phytotherapeutika mehr; der Begriff ist den
Rohpräpara­ten oder daraus hergestellten Auszügen vorbehalten (Vogel et al.
1990). Die Antwort ist vierfach:

l. Nach wie vor erscheint es vernünftig, wenn auch nicht aussichtsreich,
nach noch unbekannten Inhaltssloffen von Pflanzen mit pharmakologischer
Wirkung zu suchen. Aber die heimische und die exotische Flora ist
abgegrast. In den letzten 20 Jahren gab es kaum etwas Neues zu entdecken;
selbst Vertreter phytotherapeutischer Richtungen teilen meine Skepsis
(Vogel 1993).
2. Man nimmt an, daß pflanzliche Begleitstoffe sich günstig auswirkten,
etwa auf die Resorption. Aber ein solcher Effekt ist schwer zu fassen; er
hängt vom pflanzlichen Ausgangsmaterial ab, ist also variabel und daher
nicht immer vorteilhaft.
3. Bei den meisten Phytopharmaka ist es gleichgültig, ob ihre Inhaltsstoffe
gereinigt sind oder nicht, weil ihre Wirkung an der Grenze zum
Placebo-Effekt liegt oder — wie bei manchen Magen-Darmmitteln - sich selbst
limitiert.
4. Vor allem möchte man den alten Glauben bewahren, pflanzlich sei immer
gut, besser zumindest als all das schreckliche chemische Zeug. Pflanzliches
stamme aus der »Apotheke Gottes«. Aber diese Ansicht ist falsch. Der
Anteil an potentiellen Karzinogenen unter den pflanzlichen Inhaltsstoffen
ist nicht geringer als sein Anteil unter den synthetischen Chemikalien
(Ames und Gold 1990). Mehrere pflanzliche Drogen haben wegen möglicher
Karzinogenität die Zulassung verloren. Nur ein Ideologe kann den Pflanzen
eine besondere, ganzheitlich bestimmte Heilkraft andichten.
Die heutige Phytotherapie ist ein Restposten der Medizingeschichte. Die
alte Phytotherapie enthielt manchen Edelstein, der heute die Schulmedizin
ziert. Übriggeblieben sind bestenfalls Abführmittel und ansonsten
Edelplacebos statt Edelsteine, kurz: over the counter (rezeptfreie) Artikel
für Apotheken, Reform­häuser und Drogerien. Der Trend geht zur Reinsubstanz.

Die Homöopathie ist die Zweitälteste unter den drei approbierten gläubigen
Therapieformen. Anders als die Phytotherapie besitzt sie eine Bibel der
reinen Lehre, nämlich Hahnemanns Organon (Hahnemann, Nachdruck 1985).
Hahnemann hat ein in sich geschlossenes, von ihm selbst als definitiv
erachtetes Lehrgebäude errichtet. Solche harmonisierten Produkte sprechen
den Menschen an, ob es sich um Kunstwerke, Religionen, Organismen oder wie
hier um Lehr­sätze handelt. Die Akzeptanz der Homöopathie in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts war so groß, daß in den Vereinigten Staaten
zahlreiche homöo­pathische Colleges und Krankenhäuser entstanden, die nach
Hahnemann lehrten und therapierten. Dort ist die Zeit der Homöopathie
vorbei (siehe Skeptiker 3/92, S. 60), nicht aber in Europa.
Hahnemanns Lehrgebäude ruht auf drei Säulen. Leider sind sie morsch (Hopff
1991, Schaffrath 1990, Skrabanek und McCormick 1990).
L Similia similibus curentur, zu deutsch: Ähnliches behandle man mit
Ähnli­chem. Ein Arzneimittel möge bei höherer Dosierung Symptome
hervorrufen, die denen einer bestimmten Erkrankung entsprechen. Dann so
Hahnemann wird es gewiß in niedriger Dosierung den Symptomen dieser
Erkrankung entgegenwir­ken. Die Simile-Doktrin setzt also eine gesetzmäßige
Wirkungsumkehr bei Ände­rung der Dosierung voraus. Arzneimittelbild und
Symptombild sollen sich entsprechen.
Kritik:
Keiner der vielen Versuche, die zur Prüfung dieser Hypothese ersonnen
wurden, stützte sie. Der Teufel der Krankheit läßt sich nicht durch ein
arzneitherapeutisches Beelzebübchen austreiben. Für Hahnemann waren die
Symptome das Wesen der Krankheit. Beseitigung der Symptome beseitige die
Krankheit, so lehrte er. Aber sie sind oberflächlich. Schmerzen im
Handgelenk zeigen meist eine Überlastung an, manchmal aber auch einen
Herzinfarkt. Für Hahnemann war das Medikament keine chemische Entität,
sondern der Träger einer Kraft mit magischen Zügen. Die vis vitalis des
Organismus soll durch die geistige Kraft des Medikaments verstärkt werden.
Diese Kraft ist pure Spekulation.
2. Die Wirksamkeit des Heilmittels wird durch Verdünnen potenziert. Das
Simile-Prinzip (siehe 1.) setzt diesen Satz voraus.
Kritik:
Jeder Beleg für die Wirkungszunahme durch Verdünnen oder für eine
Wirkungsumkehr fehlt. Die Effekte von Arzneimitteln folgen dem Massen
Wirkungsgesetz, ob es sich um erwünschte oder unerwünschte Wirkungen handelt.
Die geistige Kraft muß ausschließlich heilsam sein, d.h. der »weißen Magie«
angehören. Warum sollen nicht auch unerwünschte Wirkungen durch Verdünnen
potenziert, oder erwünschte in ihr Gegenteil verkehrt werden? Die Welt der
Homöopathen ist grundsätzlich nur von guten Geistern besiedelt. Die
Patienten sind nicht dieser Meinung; ich bin bereits wegen angenommener
toxischer Wirkungen von Homöopathika konsultiert worden. Meine Empfehlung
konnte nur lauten: Dosis erhöhen! Bemühungen, Hahnemanns geistige Kräfte
auf ein naturwissenschaftlich handfestes Fundament zu stellen, sind
gescheitert. Die Loschmidtsche Zahl macht es statistisch unwahrscheinlich,
daß bei einer Potenz ab D23 überhaupt noch ein Molekül vorhanden ist.
Solche Verdünnungen sind kaum mehr vorstellbar. Der letzte Atemzug des
letzten Neandertalers, über die gesamte Atmosphäre verteilt, würde in etwa
der Verdünnung D 23 entsprechen.
Die Homöopathie unterschlägt die Verunreinigungen. Für Hahnemann war reines
Brunnenwasser rein. Unsere modernen Analysemethoden reichen bis in den
femtomolaren (das ist l 0-15 mol/1) Bereich. Die mit ihrer Hilfe
nachgewiesenen Bestandteile in Wasser oder Ethanol, z. B. an Arsenik, sind
z.T. essentielle Bestandteile homöopathischer Urtinkturen. Verdünnungen
machen aber keinen Sinn mehr, wenn das Verdünnungsmittel bereits das zu
verdünnende Agens enthält. Auch die Ausrede, es komme nicht auf die
Substanz an, sondern auf die Engramme, die sie im Verdünnungsmittel
hinterließe, ist unhaltbar. Man kennt heute die Geschwindigkeit, mit der
Wassermoleküle assoziieren. Bier und Wasser würden zu höchst gefährlichen
Nahrungsmitteln, wenn darin das Gedächtnis des gesamten Erdballs abrufbar
gespeichert wäre.
Die Homöopathen sollten also bei Hahnemann bleiben, der die homöopathische
Therapie als Mobilisierung geistiger Kräfte verstand. Damit würden sie aber
ihren Magiebedarf öffentlich eingestehen.
3. Die Arzneimittelauswahl richtet sich nach den Symptomen des Patienten
und nicht nach den pathogenetischen Grundlagen. Dieser Satz ergibt sich aus
l und 2. Hahnemann und seine Epigonen haben daraufhin ein umfassendes
Repertoire von Symptomen erstellt. Sie müssen beim Patienten erkundet
werden. Die Sym­ptome betreffen die frühere und jetzige Befindlichkeit
sowie die Konstitution des Patienten. Hahnemann war der Erfinder der
radikalen Anamnese. Er hörte zu, fragte und komponierte dann die
individuelle Therapie. Die Homöopathie erkennt den einzelnen Patienten an.
Als Gegenleistung erkennt der Patient die Homöopathie an. Wie die Beichte
beim gläubigen Katholiken, so ist das ärztliche Gespräch ein ungeheuer
wichtiger Bestandteil jeder Therapie. Viele Homöopa­then ergänzen es durch
Kataloge mit Hunderten von Fragen, oft mit suggestivem Charakter, so daß
der Patient sich erkannt fühlt: »Ja, genau das fehlt mir! Warum ist da noch
niemand darauf gekommen?« Die Schulmediziner sollten sich an den
Homöopathen ein Beispiel nehmen. Aber die Symptomenlehre ist zugleich
Angriffspunkt der
Kritik:
Die riesige Liste von Symptomen verführt zum therapeutischen
Subjektivismus. Die Zuordnung der Beschwerden eines einzelnen Patienten zu
einer der zahllosen Kategorien von Schmerz, Angst, Verdauungsbeschwerden
gestattet keine Normierung. Wenn 10 Patienten, die wir unter »Asthma
bronchiale« zusammenfassen, denselben Homöopathen besuchen, dann dürfen sie
keinesfalls eine vergleichbare Therapie erwarten, weil sich ja die
Symptombilder oder die Konstitution unterscheiden können. Jeder Homöopath
wird seine eigene Therapie betreiben, weil er die Symptombilder persönlich
interpretiert.
* Die »Bilder« der Beschwerden müssen erfragt werden, damit das
entsprechende Arzneimittelbild zugeordnet werden kann. Bei strenger
Befolgung der Hahnemann'sehen Lehre sollten Patienten, die nicht
kommunikationsfaliig sind, auch nicht homöopathisch behandelt werden. Das
sind nicht wenige: Bewußtlose, Säuglinge und Kleinkinder, Demente, auch
Tiere. Gleichwohl wird gerade die Veterinär-Homöopathie zum Beleg der
Wirksamkeit herangezogen, obwohl kaum Arzneimittelbilder am Tier erstellt
werden. Auch eine prophylaktische oder Notfalltherapie mit Homöopathika
widerspräche der Lehre vom individuellen Krankheitsbild.
* Die subjektive Bewertung der Symptombilder und der daraus abzuleitenden
Therapien erschwert die Planung kontrollierter Studien. Die
Einschlußkriterien müssen ergänzt werden: Nicht der nach Regeln der
Schulmedizin festgestellte Schweregrad einer Erkrankung dient als
Einschlußkriterium, sondern das kongruente Symptombild. Die Besserung des
Symptombildes, und nicht die Änderung objektiv erfaßbarer Schweregrade
dient als Erfolgskriterium. Erfolgsberichte über homöopathische »Heilungen«
bestehen daher im wesentlichen aus Fallbeschreibungen. Fallbeschreibungen
entziehen sich jeder Falsifikationsmöglichkeit; sie sind immer wahr. Trotz
190 Jahren Homöopathie liegt keine überzeugende prospektive, kontrollierte
und randomisierte Studie mit nachgeprüft positivem Ergebnis vor. Warum
einzelne Patienten sich gleichwohl durch Homöopathie gebessert oder geheilt
fühlen, darüber wird später zu sprechen sein.
Bleibt als dritte unter den privilegierten Therapieformen die
anthroposophische. Sie ist eine späte Hybride, die an Willkür kaum zu
überbieten ist. Steiner, der bei der Anthroposophie etwa die gleiche
Stellung einnimmt wie Hahnemann in der Homöopathie, hat nicht nur bei
diesem Anleihen genommen. Man findet Züge der Phytotherapie, etwa bei der
Anwendung von Mistelextrakten, aber auch erschreckende Dosierungen von
Schwermetallen, etwa Quecksilber und Blei.
Alles wird zusammengehalten durch anthroposophische Wesens- und
Bedeutungslehre, die auch Edelsteine und Gestirne in ein abstruses Korsett
zwängt. Diese Variante der Arzneitherapie bekommt nur dem Gläubigen, der
seinen Sinn der Magie und der Esoterik erschlossen hat. Die Heterogenität
der anthroposophi-schen Lehrsätze verbietet ihre kurzgefaßte Diskussion
(Stratmann 1988), zumal sie in der therapeutischen Praxis anthroposophisch
orientierter Krankenhäuser verblassen. Dort gewinnt Hahnemann an Gelände.
Ich fasse kurz zusammen. Die alte Phytotherapie steht der
wissenschaftlichen Arzneitherapie am nächsten. Die gläubig-magische
Voreingenommenheit nimmt über die Homöopathie zur Anthroposophie zu. Dem
Phytotherapeuten sollte genügen, wenn er Wirksamkeiten im Sinne der
Schulmedizin unterstellt. Der Homöopath muß bereits Hahnemanns Glauben an
Arzneimittel und Symptombild übernehmen. Der Anthroposoph handelt gemäß
seinem allumfassenden magischen Weltbild.
7.2 Zur Theorie der besonderen Therapieformen
Es gibt nicht nur die drei approbierten, es gibt Hunderte von besonderen
Therapieformen. Haben sie soviel Gemeinsames, daß man daraus eine
umfassende Theorie entwickeln kann? Das gelingt, wenn man drei Zugänge
nutzt: Den evolutionären, den historisch-soziologischen und den
erkenntnis-theoretischen. Am Schluß werden Sie feststellen, daß die drei
Türen in einen einzigen geistigen Raum führen.
Beschreitet man diesen Weg, dann fügt sich Wissenschaft, Glaube und Magie
in der Arzneitherapie zu einem Gesamtbild. Ich möchte es aus den drei Arten
des menschlichen Verstehens entwickeln (Tabelle 2). Der Weg beginnt in der
frühen Steinzeit (Vollmer 1987). Wenn der Mensch bedroht wurde, mußte er
handeln. Er hatte keine Zeit für statistische Erwägungen. Er tat das
Nächstliegende, das Plausible. In seine Handlungen gingen sowohl Klugheit
als auch Voreingenommenheit ein; sie waren die intuitive Leistung des
gesunden, weil der Fitness dienlichen Menschenverstandes, heute common
sense genannt. Erfolg wurde als positive, Mißerfolg als negative Erfahrung
verbucht. Man lernte durch Handeln. Sich wiederholende Erfahrungen wurden
zur Wahrheit; denn »ich habe es doch erlebt, daß mir dieses oder jenes
hilft«. Die Psychologen sagen, daß unsere innere Welt zum größten Teil aus
solchen soliden Steinen des common sense aufgebaut ist, an denen kaum zu
rütteln ist. Sie sind lebensnotwendig (Weinert 1992). In den Großfamilien
unserer Vorfahren wurden Steine ausgetauscht; ein Schatz von Erfahrungen
kam zusammen. Der einzelne zahlte ein und entnahm nach Bedarf.
Die Erfahrungsmedizin, die heute so sehr gelobt wird, kam auf die gleiche,
induktive Weise zustande. Erfahrungen überzeugen; sie sind nur schwer
korrigierbar. Sie werden tradiert als Teil einer Kultur oder Zivilisation.
Man findet daher viele Sätze der heutigen Erfahrungsmedizin in der alten
Volksmedizin wieder (s. z.B. Eammert 1981).
Weil sie so vielfach verankert sind, werden sie intuitiv, d. h. ohne
vorheriges Nachdenken, als wahr (Habermann 1991) befunden.
Erfahrungsmedizin und intuitive Medizin hängen also eng zusammen.
Das Gehirn des Menschen ist aber mehr als nur eine Requisitenkammer von
Erfahrungen. Es ist ein Meister in der Extraktion und Konstruktion von
Zusammenhängen. Es macht sich ein Bild, indem es deduziert; das zeitliche
»wenn - dann« eines Zusammenhangs wird zum begründenden »weil«. Der Mensch
ist ein Kausalitätsfreak. Er wird aber mit seinen Kausalitäten nicht aus
dem Rahmen des Bildes fallen können, das er sich von der Welt macht. Die
Vielfalt der Therapieformen spiegelt die Vielfalt der Weltbilder; sie sind
nicht vorgegeben, sondern menschliche Konstrukte. Daher rührt ihre
Abhängigkeit von Kulturen, Geschichte, von öffentlichen Meinungen, aber
auch vom jeweiligen Stand des Wissens über den Menschen und seine Umwelt,
und von der Technik, mit der man sich in unserer Welt behauptet. Dem common
sense boten sich zwei Wege, um sein Erfahrungswissen zu einem Netzwerk von
Kausalitäten zu verknüpfen; der eine führte in den Glauben, der andere in
die Skepsis.
Sehr früh schon dürfte der Mensch sich Glaubenssätze konstruiert haben, um
den Beziehungen zwischen Geburt, Tod, Krankheit, Giften und den wenigen
Arzneimitteln einen Sinn, und das war identisch, eine Kausalität zu
unterlegen. Der Glaube wurde durch unverständliche »Wunder«, bekanntlich
des Glaubens liebstes Kind, verfestigt. Er wurde von Generation zu
Generation weitergereicht, so wie in der Molekularbiologie Plasmide
übertragen werden, die außerhalb des Genoms liegen. Dieser gläubige
Verstand veränderte sich mit der Zeit erstaunlich wenig. Wir erkennen für
den größten Teil der von uns übersehbaren Zeit, daß sie von gläubiger
Medizin beherrscht wurde. Vor allem die Schulmedizin war gläubig
(Ackerknecht 1979). Wenn Aristoteles (Zit. 1962) dekretiert hatte, die Frau
habe weniger Zähne als der Mann, dann zählte sie niemand nach; denn
Aristoteles konnte nicht irren. In katholischen Schulen verbreitete man bis
in dieses Jahrhundert, jeder Mann habe die Rippe weniger, die der Schöpfer
als Rohling zur Herstellung Evas entnommen habe.
Die Schulmedizin glaubte Galen, Hippokrates, der Bibel. Die Medizin des
gesunden Menschenverstandes überließ sie den Badern, Feldscheren und
Hebammen. Wer glaubte, war gegen Veränderungen gefeit; denn sie hätten
nicht nur das medizinische, sondern das Weltbild insgesamt in Frage
gestellt. Sie hätten nach Häresie gerochen.
Auch die heutigen besonderen Therapieformen sind glaubensbasiert. Wegen
ihrer großen Stabilität kann man sie jeweils kulturhistorischen Schichten
zuordnen. Die ältesten Schichten liefern Signaturen, d.h. anschauliche,
aber oberflächliche Entsprechungen, etwa zwischen Symptomen und Aussehen
der Heilpflanze. Später verband man strukturierte Heilkräfte mit dem Wesen
dieser Pflanze, dem tierischen Organ, bestimmten Schwermetallen, den
Edelsteinen, den Gestirnen. Die Quellen der Arzneimittel waren segensreich,
weil sie den Menschen in ein adäquates Weltbild einbanden. Man dachte
ganzheitlich. Daher waren die Heilmittel, wie Talismane, für alles gut. Sie
waren Panazeen. Wer genau hinhört, findet solche Züge auch bei den
besonderen Therapierichtungen.
Schon das Wort »Heilkraft« meldet einen Anspruch auf Universalität an, so
auch die »Kräftigung« oder »Umstimmung« durch Phytopharmaka. Nach Hahnemann
hilft auch die Homöopathie immer, wenn man sie nur richtig betreibt. Die
Anthroposophie ist durchsetzt mit Panazeen.
Die nahezu ideale, heute kaum zu erreichende Verschmelzung zur universalen
Heilslehre wurde von den großen Religionen geschaffen. Die Geschichte der
Volksmedizin, etwa in Bayern, läßt erkennen, daß noch um 1850 alle diese
Schichten offen lagen (Lammert 1869). Ein Vielfaches des Hiesigen ist in
den fremdländischen Therapieformen verborgen, vor allem den indischen,
tibetani­schen oder chinesischen. Die magischen Entsprechungen konnten
positive und negative Werte annehmen (Tabelle 3). Und alles war ach so
plausibel, wenn man nur glaubte.
Aber der Glaube währte nicht ewig. Der gesunde Menschenverstand entdeckte
den Zweifel; er wurde dadurch zum skeptischen, zum kritischen Verstand. Für
ihn gilt: Richtig ist, was nach Ausschluß des Falschen übrig bleibt. Dieser
Weg zur Realität wurde spät entdeckt. Erst Popper und der Wiener Kreis
gaben ihm in diesem Jahrhundert philosophische Weihen. Das Sieb der
Falsifikation hält nur diejenigen Hypothesen zurück, die derzeit als
richtig akzeptiert werden können (Popper 1984). Es steht unserer Phantasie
frei, noch bessere Hypothesen, noch feinere Siebe zu konstruieren und
dadurch zu immer richtigeren Aussagen über unsere Welt zu gelangen. Die
Skepsis, die hinter dem allen steckt, zernagte zunächst den Glauben. Der
gläubige Verstand verlor seine Basis. Die Skepsis brachte auch ihren
eigenen Vater, den common sense, in arge Bedrängnis. Wie es der englische
Astronom Thomas Digges (1546-1595) mit drei Worten formu­lierte: »Vulgi
opinio error«. Zu deutsch: »Die allgemein verbreitete Meinung ist falsch«.
Glaube und plebiszitäre Meinung standen zur Diskussion. Um Lichtenberg
(leicht modifiziert) zu zitieren: »Ach, wie schön war die Zeit, als ich
noch alles glaubte, was ich hörte oder sah.« Für den skeptischen Verstand
gilt das Gegenteil: Je selbstverständlicher etwas ist, desto verdächtiger
ist es. Der skepti­sche Verstand hat aber das bisher beste, weil richtigste
Bild unserer Welt (den Menschen eingeschlossen) entworfen. Sein Zweifel ist
konstruktiv, sein Balanceakt dreifach abgestützt. Wir greifen dazu das
Beispiel des der Zahnheil­kunde unkundigen Aristoteles auf. Die Widerlegung
seiner Doktrin erforderte drei kognitive Leistungen. Ganz vome stand die
Formulierung von Hypothesen und Begriffen. Die Begriffe »Mann«, »Frau« und
»Zahn« konnten vom common sense übernommen werden. Dann kam die skeptische
Hypothese: »Mann und Frau unterscheiden sich nicht in der Zahl ihrer Zähne«.
Damit war eine Nullhypothese formuliert, die Aristoteles zuwider lief. Als
drittes Glied kam etwas ganz Wichtiges: Man prüfte, indem man zählte. Alle
benötigten Elemente waren bereits im common sense angelegt. Die relative
Richtigkeit, der Fortschritt, die Stimmigkeit des resultierenden Weltbildes
entstammte dem Zu­sammenspiel von Hypothesenbildung und Kontrollen.
Und nun zur Arzneitherapie. Auch hier wird gemessen und gezahlt. Die Größen
sind zunächst physikalisch oder chemisch definiert (z.B. der Blutdruck oder
das Kalium im Blutplasma). Man kann aber auch den Grad einer Depression in
Zahlen übersetzen oder die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft pro 100
Frauenjahre und - in Grenzen - sogar die Lebensqualität. Sobald man diese
Zielgrößen definiert hat, kann man mit geeigneten Protokollen prüfen, ob
der Blutdruck sinkt, ob die Gesprächstherapie der Pharmakotherapie bei
Depression gleichwertig ist, wieviel besser kontrazeptiv die Pille im
Vergleich zur vatikani­schen Kontrazeption ist, oder - um beim Thema zu
bleiben - ob sich die Leistun­gen der normalen von denen der besonderen
Therapieformen unterscheiden. Wenn man die Größen nicht vorab definiert,
die Hypothesen nicht formuliert hat, kann man die Prüfung nicht planen,
geschweige denn auswerten oder nach­machen. Der gesunde Menschenverstand
verlangt: »Ich habe doch erlebt, daß ein Homöopathikum besser ist als
Nichtstun. Beweise das Gegenteil.« Der skeptische Verstand sagt: »Das mag
sein; die Erfahrung halte ich in hohen Ehren. Aber sie kann täuschen.
Deshalb beginnen wir besser mit der Nullhypothese, daß nämlich kein
Unterschied besteht. Wenn sie widerlegt ist, sehen wir weiter.« Dem sollte
der gesunde Menschenverstand beipflichten; denn er wird sich kein Schloß in
den Wolken aufschwätzen lassen.
Nicht so der gläubige Menschenverstand. Für ihn hat der Glaube absolute
Vor­fahrt, und die Wolken sind himmlisch. Kontrollierte Studien, die diesen
Namen verdienen, sind auf dem Feld der besonderen Therapieformen nur schwer
durch­führbar. Man zweifelt nicht, man vermeidet griffige Begriffe, man
quantifiziert nichts. Man kann auch - das hängt mit der Unfähigkeit zum
Zweifel und zur Quantifizierung zusammen - die Kriterien für Einschluß,
Ausschluß, Ziel und Erfolg kaum definieren. Nicht die Schuld der
Schulmedizin ist es, wenn solche Studien so gut wie fehlen oder nichts
erbracht haben. Ich wäre zu ihnen bereit, wenn der Versuchsplan verbindlich
aufgestellt werden könnte. Aber es gibt min­destens sechs verschiedene
homöopathische Schulen; jeder Versuchsplan wäre für die meisten von ihnen
unverbindlich. Je schlampiger eine Hypothese formu­liert ist, desto
schlechter läßt sie sich prüfen.
Zweifel ist hart, Hypothesenbildung anstrengend, wissenschaftliche Arbeit
teuer und meist frustrierend. Daher bevorzugen die Vertreter der besonderen
Therapie­formen kürzere Wege. Ihre »Erfahrungen« (die natürlich keine sind)
schöpfen sie aus vier Quellen. Honorig erscheint noch die Intuition
(Habermann 1991), deren Ergebnis aber nicht nachgeprüft wird. Ihre
»Erfahrungen« entstammen dem Glauben an unrealistische Alternativen. Dieses
Wort sollte man im Zusammen­hang mit der Arzneitherapie vermeiden. Wir
Pharmakologen haben mit soviel »Alternativen« zu tun: Nicht nur mit
alternativer Therapie, sondern auch mit alternativer Diagnostik, Ernährung,
mit Alternativen zum Tierversuch, und dar­über hinaus mit alternativer
Produktion oder Energiegewinnung. Das Wort »alternativ« meint immer das
Gleiche: Alternativ ist ein Verfahren, dessen Vorteil gegenüber dem
Bestehenden man wünscht, aber nicht belegen kann oder will.
Gerne sprechen die Vertreter der besonderen Therapieformen auch vom Wunder,
etwa »Die Wissenschaft steht vor einem Wunder«. Man fühlt sich an die
Religion erinnert. Die Wissenschaft trivialisiert hingegen das wunderbar
Erscheinende. Sie wird zunächst mittels der Nullhypothese prüfen, ob es ein
als Wunder deklarier­ter Zufall war. Sonst wird eine weitere Bearbeitung
herausstellen, daß sich das erstaunliche Ereignis in eine umfassende
Theorie einfügen läßt, vielleicht nach deren Modifikation. Wissenschaftler
warten geradezu darauf, daß solche »Wunder« geschehen; denn es ist ihr
Brot, Wunder zu trivialisieren. Odo Marquard (1993) hat treffend gesagt,
daß die moderne Wissenschaft ohne Häretiker oder Sensationen auskommen
müsse, weil ihre Ergebnisse keinen Sinn oder Heilsfolgen einschließen. Was
liegt näher, als zahlreiche gläubige Therapiever­fahren zu kombinieren? Der
Glaube an ein Wunder bahnt den Glauben an viele Wunder. Ein Beispiel gibt
Abb. 1. »Alternative« sind fast immer »Multiuser«.
Schließlich verschanzen sich die Vertreter der besonderen
Therapierichtungen hinter einer besonders starken Position, die ich
Komplexität nennen möchte. Wie will man Schlagworte wie »ganzheitlich«,
»Stärkung der Abwehrkraft«, »Umstimmung«, oder gar »Gesundheit«,
»Harmonisierung« auf ihren Gehalt prüfen? Wer diese Worte verwendet, ist
gegen Zweifel gefeit. Wenn aus diesem insgesamt
autistisch-undisziplinierten Denken die arzneitherapeutischen
Hand­lungsanweisungen destilliert werden, erscheint die Abstrusität.
Kein besonderes Therapieverfahren, sondern die moderne Biologie und Medizin
haben einen alternativen Weg zur besseren Therapie gebahnt; sie haben alte
Erfahrungsmedizin ersetzt durch neue Quantifizierung, alten Glauben durch
neue Offenheit, alte Autorität durch zweifelnden antiautoritären Umsturz.
Dieser Paradigmenwechsel beginnt zur Zeit der Renaissance, erreicht einen
ersten Gipfel mit der Aufklärung und gewinnt um die Mitte des 19.
Jahrhunderts die Vorherrschaft, eine der ganz großen emanzipatorischen
Leistungen der Menschheit. Diese neue Erkenntnistheorie setzt die eigene
Fehlbarkeit voraus. Der Fortschritt beruht auf der ständigen Korrektur
früherer Irrtümer, im weiteren Sinn auf Selbstorganisation und Selektion
(Habermann 1989). Dadurch unterscheidet sich die wissenschaftliche Medizin
von den besonderen Therapieformen, für die das Eingeständnis eines Irrtums
tödlich wäre. Sie besitzt einen nicht mehr einholbaren Vorteil in der
Theorienbildung. Die Zuverlässigkeit ihrer Voraussagen ist beachtlich. Die
Erfolge der modernen Arzneitherapie, wie auch die moderne Biologie, wären
mit den Sätzen der Homöopathie, der Phytotherapie, der Anthro-posophie
nicht erklärbar. Sie sollten den Vertretern der besonderen Therapieformen
wie schiere Wunder erscheinen.
Hingegen kann die moderne Medizin sogar die Erfolge der besonderen
Therapieverfahren erklären. Sie ist nämlich per Gesetz verpflichtet zu
wissen, welchen Anteil ihrer eigenen Erfolge sie dem Mechanismus verdankt,
den auch die besonderen Therapieverfahren nutzen. Wie kann man die
Nahtstelle zwischen kritischer und gläubiger Therapie orten und abtasten?
Das Studium des Placebo-Effektes hilft weiter. Er ist wohl die am
gründlichsten untersuchte Arzneimittelwirkung überhaupt (hierzu Habermann
1992, Netter et al. 1986, Kroneberg 1982). Placeboeffekte sind diejenigen
Fremdstoffwirkungen, die nicht auf chemischen oder physikalischen Kräften
beruhen.
Sie sind bei jedem Arzneimittel zu erwarten, unabhängig von der jeweiligen
Therapierichtung. Jeder, der bei der Verwendung eines Arzneimittels
mitwirkt, ob Patient, Arzt, Angehöriger, Pflegepersonal oder Tierhalter: Er
verbindet damit Vorstellungen, Hoffnungen, Befürchtungen; er ist
voreingenommen. Ein therapeutischer Versuch wird am besten zwischen den
erwartungsbedingten und den physikalisch-chemisch bedingten Wirkungen eines
Arzneimittels unterscheiden, wenn man allen Beteiligten Augenbinden umlegt;
dann ist es ein Doppelblindversuch.
Man ist immer wieder erstaunt, wie häufig und massiv die Placebo-Effekte
sind. Sie können, sprechen wir ruhig von weißer Magie, erwünscht sein. Im
wesentlichen sind es Störungen der Befindlichkeit, die auf Placebos
ansprechen (Tab. 4). Die Erfolgsquote hängt von vielen Faktoren ab, die
eine ganze Vorlesungsstunde füllen: Von der Zubereitung des Mittels
(Injektionen und Einreibungen sind wirksamer); von der empfundenen Last der
Erkrankung; vom Arzt, der das Mittel verabreicht und dem Patienten zuredet;
vom Umfeld (wer in eine entsprechende Praxis geht, rechnet mit
erfolgreicher Behandlung); von der öffentlichen Anerkennung, der Werbung,
der Empfehlung durch Bekannte. Positive Placebo-Effekte tragen in
unterschiedlichem Ausmaß zur Wirksamkeit auch solcher Arzneimittel bei,
denen eine pharmakologische Wirkung zukommt. Erwartungsgemäß ist der
Placebo-Beitrag bei »harten« Mitteln, etwa bei Antibio-tika, minimal.
Sobald es um die Befindlichkeit geht, ist er erstaunlich hoch. Bei
Migränemitteln liegt er um 50 %, sogar bei Opiaten um 20 %. Bei Mitteln der
besonderen Therapierichtungen nähert sich sein Anteil der 100 % Marke.
Der niedergelassene Arzt wird bei jeder Arzneitherapie den Placebo-Effekt
in Rechnung stellen müssen. Er wird dessen Ausmaß nicht genau kennen; denn
der Doppelblindversuch ist eine Sache der Forschung und hat in der Praxis
nichts zu suchen. Weil aber der Arzt selbst einer der wirksamsten
Placebo-Faktoren ist, muß und kann er sich immer bemühen, ihn zu
optimieren. Wie wichtig ist ein ermunterndes Gespräch, ein Händedruck,
Handanlegen jeder Art. Wenn der Arzt diesen Effekt nicht ausnutzt, kann es
ihm passieren, daß ein gläubiger Vertreter einer besonderen
Therapierichtung mit seinen pharmakologisch unwirksamen Mitteln
erfolgreicher ist als ein tumber Nutzer pharmakologisch wirksamer Mittel.
Der gut ausgebildete Arzt weiß aber, daß die Placebo-Effekte nur
Befindlichkeiten beeinflussen. Er muß also doppelte Buchführung betreiben.
Den Patienten muß er vom Segen des Placebo-Effekts überzeugen. Er selbst
aber wäge skeptisch ab, was er mit der pharmakologischen Komponente positiv
bewirkt oder negativ anrichtet.
Der Placebo-Effekt ist universell. Fast alle Patienten, die den
niedergelassenen Allgemeinarzt, Internisten, Pädiater aufsuchen, erhalten
ein Rezept. Mindestens die Hälfte würden mit ihren Beschwerden ohne ein
pharmakologisch wirksames Mittel ebensogut oder schlecht fertig werden wie
mit ihm. Was soll der gut ausgebildete Arzt tun? Die »Rote Liste« enthält
unzählige Placebos oder Mittel, die man wegen ihrer sehr geringen
pharmakologischen Wirkung als Beinahe-Placebos bezeichnen muß. Haben sie
besondere suggestive Kraft, dann werden sie auch Edelplacebos genannt. Auf
sie kann er zurückgreifen. Er muß sich auch nicht von Homöopathika oder
Phytotherapeutika distanzieren, wenn er sicher ist, daß bei diesem
Patienten ein Placebo genügt und er es tatsächlich benötigt.
Der Arzt sollte aber auch mit der Gabe von Placebos nicht ad libitum gehen,
und zwar aus mehreren Gründen, a) Patient und Krankenkasse tragen Kosten,
die zwar per se placebowirksam sind - nur was teuer ist, kann gut sein -,
aber für ein Nichts ausgegeben werden, b) Dem Patienten bestätigt die
Verschreibung, daß ihm »etwas fehlt«, was im strengen Sinne nicht wahr ist.
Er wird getäuscht, c) Schließlich dienen Placebos als Projektions flächen
für Mißbefindlichkeiten, die der Patient mit jeder Gabe von Arzneimitteln
verbindet. Er unterscheidet nicht zwischen Placebo und pharmakologischen
Wirkungen. Nebenwirkungen von Placebos werden bei Arzneimittelprüfungen im
Doppelblindversuch deutlich. Das Placebo entpuppt sich als Nocebo. d)
Arzneimittel mit substanzbeding-ten Nebenwirkungen eignen sich nicht als
Placebos.
Das Placebokapitel habe ich ans Ende meiner erkenntnis-theoretischen
Ausführungen gestellt, denn
* es liefert eine zentrale Aussage zu jeder Therapie
* jeder Therapeut, gleich welcher couleur, kann daraus höchst wichtige
Handlungsanweisungen entnehmen
* es macht die besonderen Formen der Arzneitherapie verständlich und
bestimmt ihren Platz
* es erklärt die Erfolge früherer Ärzte (Tabelle 5).
Erkenntnistheoretisch stecken die »besonderen« Therapierichtungen in einer
Klemme. Sie postulieren eine jeweils besondere Wirkungsweise, bleiben aber
den Beweis schuldig. Ihre Wirksamkeit am Patienten läßt sich zwanglos dem
Placebo-Effekt zuordnen. Umgekehrt wird es noch schlimmer: Könnte man mit
schulmedizinischen Kriterien eine besondere Wirkungsweise oder Wirksamkeit
einer besonderen Therapierichtung herausarbeiten, dann verschmölze diese
Richtung eben dadurch mit der Schulmedizin; das Besondere würde
trivialisiert, ein unerträglicher, dem Placebo-Effekt höchst abträglicher
Gedanke.
Immer öfter scheint es, die Vertreter der drei besonderen
Therapierichtungen glaubten heute nicht mehr so recht an deren besondere
Kräfte. Liebend gerne nehmen sie Anleihen bei der Schulmedizin auf. Sie
möchten sich einen wissenschaftlichen Anstrich zulegen, weil er heute der
Reputation gut tut und die Plau-sibilität fördert. Der Phytotherapeut freut
sich, wenn ein Pflanzenextrakt einen minimalen Effekt an einem mehrdeutigen
System besitzt, etwa immunmoduliert oder »umstimmt«. Wie rührend. Der
Homöopath reichert seinen Glauben mit Spekulationen zur Relativitäts- und
Quantentheorie, zur Chaostheorie, sogar zur physikalischen Chemie an. Den
Anthroposophen beglückt, daß die Mistel pharmakologisch wirksame Agentien
enthält, auch wenn sie nichts mit der vorgeblichen zytostatischen
Wirksamkeit zu tun haben. Der alte Glaube bleibt; nur seine Gegenstände
werden modernisiert.
7.3 Gesellschaftliche Konsequenzen
Wieviel kostet der Glaube? Die Frage mutet unethisch an. Aber selbst
Religionen kosten Geld, etwa als Kirchensteuer. Warum auch nicht?
Glaubenssätze sind überaus wirksam; sie sind ansteckend; sogar Kriege
können sie auslösen. Wallfahrtsorte leben davon. Glaubenssätze sind also
Fakten, die nicht nur ethisch, sondern auch anhand ihrer Effizienz bewertet
werden können. Die Effizienz des Placebos, also aller besonderen
Therapieformen, bei Störungen der Befindlichkeit steht außer Zweifel.
Wieviel kostet sie? Wer bezahlt sie?
Zunächst einige Zahlen (s. Tab. 6). Die Aufschlüsselung der für den Verkehr
zugelassenen bzw. angemeldeten Arzneimittel hebt die Vertreter der
»besonderen Therapierichtungen« heraus. Etwa 57 000 Mittel sind derzeit in
Deutschland zugelassen. Davon beanspruchen ca. 30.000 die Zugehörigkeit zur
Schulmedizin und zur Phytotherapie, ca. 21.000 zur Homöopathie und
Anthroposophie, und mehr als 4.000 zur Organotherapie. Der Anteil der
Phytopharmaka an einzelnen Arzneimittelgruppen ist hoch: bei Laxantien sind
es ca. 66 % (hier sind sie tatsächlich wirksam), bei Gallemitteln etwa 50
%, bei Expektorantien etwa 23 % (Wolffers 1994/1995, Burkhard 1993).
Solange die Mittel äußerlich oder oral gegeben werden, sind ihre Kosten
nicht exorbitant. Schließlich muß ein ordentlicher Preis verlangt werden.
Er befördert den Placebo-Effekt. Ärzte und Apotheker nahmen schon im
Mittelalter viel Geld, als man die Nicht-Placebos noch an einer Hand
abzählen konnte. Sobald injiziert wird, steigen die Preise, schnell ist man
bei Tausenden von DM pro Patient und Jahr. Deutschland ist der
Europameister in Ausgaben für »alternative Verfahren« im weitesten Sinn
(Leserservice 1990).
Manchmal wird argumentiert, die Therapie der besonderen Richtungen sei
billiger. Abgesehen davon, daß sie nur die Befindlichkeit verbessern und
Patienten mit organischen Störungen alsbald der Schulmedizin überstellt
werden: Gute Daten hierzu fehlen (Groh 1991). Ein anderes häufig gehörtes
Argument lautet: Wenn sich die Patienten wohl fühlen, ist das Geld gut
angelegt. Aber neuere Studien bei Tumorpatienten, die sich entweder nur
einer klassischen oder zusätzlich einer alternativen Nachbehandlung
unterzogen, ließen keinen Vorteil in der subjektiven Lebensqualität
erkennen, im Gegenteil: die »Alternativen« fühlten sich insgesamt
schlechter (Cassileth et al. 1991). Nachfrage erzeugt Angebot. Manche Ärzte
werden Sonderangebote bereithalten, um ihre Wartezimmer zu füllen. Manche
Studenten geben zu, daß sie Lehrveranstaltungen über »besondere«
Therapierichtungen besuchen, damit sie später konkurrenzfähig sind. Die
Gesamtkosten werden eher steigen.
Sollen solche Therapien durch die Kassen erstattet werden? Einerseits
fordern deren Arzneimittelrichtlinien, daß die Therapie ausreichend,
zweckmäßig und wirtschaftlich sein muß. Besondere Therapieformen sollten
demnach nicht erstattungsfähig sein. Andererseits steuert die
Rechtsprechung der Sozialgerichte auf eine optimale Therapie im Einzelfall
zu. Ihr werden auch solche therapeutischen Maßnahmen zugeordnet, von denen
der einzelne Patient eine deutliche Besserung erfuhr (Eicher 1993).
Euphemistisch wird oft hinzugefügt, daß die besonderen Therapieverfahren
auch eine besondere, leider »noch nicht« nachgewiesene Wirkungsweise
besäßen. Wieviel hundert Jahre will man noch warten, bis der Nachweis der
Wirksamkeit erbracht wurde? Auf ihn allein kommt es an. Würde die Haltung
der Sozialgerichte Allgemeingut, dann wäre der Ruin unseres
Gesundheitssystems sicher. Seine Ressourcen sind limitiert und müssen so
eingesetzt werden, daß sie den größtmöglichen Nutzen für möglichst viele
erbringen. Denjenigen muß man helfen, denen es am schlechtesten geht. Die
besonderen Therapierichtungen spielen schlechte Karten, solange sie den
Anspruch des ungeprüft »Besonderen« zu Geld machen wollen (s. Skeptiker
4/93, S. 106).
Manchmal verstecken sie sich hinter dem Wissenschaftspluralismus, der
Rechtsschutz gegenüber der übermächtigen Schulmedizin verdiene. Pluralismus
kann nicht heißen: Der Schulmediziner muß seine Behauptungen belegen, der
Alternative darf schwätzen, was er will. Ein solcher Pluralismus wäre
ideologischer und kommerzieller Subventionismus. Es geht um viel Geld für
Ärzte, Sanatorien, Apotheker und mittelständische Unternehmen der
pharmazeutischen Industrie.
Nach meiner Auffassung sollten die besonderen Therapieformen wie Religionen
behandelt werden. Wer Bedürfnis verspürt, mag sie nützen. Der Staat muß nur
vor Gesundheitsschädlichem oder Betrügerischem schützen. Er darf aber die
Sozialversicherung nicht mit dem Glaubensmüll vergangener Jahrhunderte
belasten. Der Gläubige bezahlt mit seiner Kirchensteuer die Aufwendungen
für seine Religion; der Ungläubige wird davon freigestellt. Auch wer den
besondere Therapieformen glaubt, sollte sie selbst bezahlen.
Wie stellen sich die Patienten, z.B. mit Tumoren (Morant et al. 1991)? Eine
Arbeit aus der Schweiz liefert Zahlen. Meist sind es phytotherapeutische
Maßnahmen; sie werden insgesamt 85x von 83 Patienten genannt (Abb. 13). 13x
erscheint Homöopathie, ebenso häufig Mistelextrakt, den man nach Belieben
der Anthroposophie oder der Phytotherapie zuordnen könnte. Vieles andere
gehört zur Magie. Wie kamen die Patienten darauf ? Etwa jeder Zweite durch
Bekannte, die anderen durch die Medien, und zwar zu gleichen Teilen durch
Fernsehen, Zeitschriften und Bücher (Abb. 14). Aufschlußreich sind die
Beweggründe, die Patienten zu den besonderen Therapieverfahren hinführen
(Abb. 14). Sie möchten zur eigenen Genesung selbst beitragen, und sie
möchten ihre eigene Seele mit einbringen. Rechnen wir dazu die Nennungen
einer »Ganzheitlichen Medizin«, dann drückt sich in etwa der Hälfte der
Nennungen das elementare Bedürfnis des Patienten aus, die eigene
Persönlichkeit in den Heilungsprozeß einzubringen. Die »Schulmedizin«
erfüllt offenbar dieses Pensum nicht. Für »Wundererzählungen«, »sanftere
Medizin« und »letzte Hoffnung« hat sie kein Mandat. Sie verlöre ihre
Glaubwürdigkeit. Gleichwohl: Nur 7 von 211 Nennungen (bei 160 Patienten)
bekunden eine Enttäuschung durch die Schulmedizin. Sie steht also
wesentlich besser da als die politischen Parteien. Nur ganz selten bedeuten
die besonderen Therapieformen eine Hinwendung zum radikal Alternativen;
eher dienen sie zusätzlicher Vorsorge. Kinder fühlen sich bei Gewitter
sicherer, wenn man eine Kerze anzündet - auch in einem Haus mit Blitzableiter.
7.4 Voraussagen und Vorsorge
Wie geht's weiter? Ich stelle vier Sätze auf.
1. Wir werden auch künftig mit besonderen Therapieformen leben.
Dieser Zugang zum persönlichen Heil ist genetisch gebahnt und
gesellschaftlich gestützt. Das Leben wäre ohne einen gehörigen Schuß
Irrationalität nicht zu ertragen. Selbst wenn wir die derzeitigen Formen
ausjäten wollten: Daneben würden neue ausschlagen. Meine Gärtnerei ist rein
defensiv. Sie soll Schaden abwenden, Schaden vom Patienten, aber auch
Schaden von unserem skeptischwissenschaftlichen Denken. Ohne Skepsis könnte
eine moderne Gesellschaft nicht überleben; sie würde in den
Fundamentalismus abgleiten und bankrott gehen.
Andererseits darf man von der sogenannten Schulmedizin nicht Unmögliches
erwarten, also
* keine letzten Wahrheiten, sondern nur vorläufige Richtigkeiten
* keine metaphysischen Gründe, sondern nur das Prüfbare
* keine Sinngebung, sondern nur die Abwehr des Unsinns
* keine Wunder, sondern deren Trivialisierung
* keine universale Ethik, sondern individuelles Verständnis
Die weitaus beste alternative Therapieform wird in keinem
Arzneimittelgesetz, in keiner Approbationsordnung genannt. Es ist die
kraftvoll gelebte Religion. Obwohl sie allen Anforderungen genügt, erhält
sie wenig Zulauf, weil sie ganzheitlich ist, also eine Umstellung des
ganzen Menschen fordert, und nicht mit der Einnahme von Tropfen, mit einer
Injektion, einer Akupunktur, einem anbiedernden Begleitgespräch abgetan ist.
2. Die sogenannte Schulmedizin muß sich des einzelnen Patienten stärker
annehmen. Zu Recht bemüht sie sich weiterhin, die Arzneitherapie als Teil
der Biowissenschaften zu objektivieren. Sobald aber der einzelne Patient
das Zimmer betritt, wird sie subjektiviert und dadurch eine besondere
Therapieform für diesen Patienten. Der schwerste Vorwurf an die
Schulmedizin ist es, den Patienten und seine Befindlichkeit zu mißachten.
Wie am Beispiel des Placebo-Effekts gezeigt, hat sie eine umfassende
Theorie erarbeitet, die jede Form der Arzneitherapie verständlich macht.
Warum handelt die Schulmedizin nicht entsprechend? Befindlichkeitsstörungen
dürfen kein Monopol der besonderen Therapierichtungen sein. Der Patient
sollte immer glauben und er ist fast immer dazu bereit. Viele Ärzte nehmen
dieses Angebot des Patienten nicht ausreichend an.
Die Minderung der objektiven Fehlbarkeit der Schulmedizin wird durch eine
Zunahme ihrer Anonymität kompensiert, leider.
3. Von einer naturwissenschaftlich orientierten Forschung auf dem Gebiet
der besonderen Therapierichtungen ist nicht mehr viel zu erwarten. Sie
hatten ihre Chance. Die Homöopathie erlebte besondere Zuwendung in den USA
im 19. Jahrhundert und später im Hitler-Deutschland. Phythotherapie und
Organo-therapie wurden seit Jahrhunderten beforscht. Was sich dabei als
Faktum erwies, wurde zum Bestandteil der Schulmedizin, das »andere« zu
Glaubenssätzen verarbeitet. Besondere Therapierichtungen bleiben eine
Fundgrube für ethnologische, medizingeschichtliche, psychologische und
soziologische Studien. Sie schärfen den Blick für Placebo-Phänomene.
Auf der anderen Seite zogen die Biowissenschaften in den letzten 100
Jahren, beschleunigt in den letzten 40 Jahren, bezüglich der Stringenz
ihrer Aussagen mit Physik und Chemie nahezu gleich. Durch Vernetzung von
Chemie, Genetik, Informatik, Verhaltenslehre und evolutionärer
Betrachtungsweise entstand ein erdbebenfestes wissenschaftliches Gebäude.
Der Wissenschaft gelang es immer schneller, Anomalien zu integrieren und
Fehler auszumerzen. Trotz mancher Widerstände wurden die Lehren von
Semmelweis, Robert Koch, Mendel, Watson und Crick innerhalb weniger
Jahrzehnte in das Bezugsnetz eingewebt. Das Klischee vom »verkannten Genie«
verlor in den Biowissenschaften des 20. Jahrhunderts seinen Platz.
Belletristik und »Alternative« hingegen brauchen es.
Würde jetzt -mit völlig atypischer Latenz die Richtigkeit eines einzigen
fundamental-alternativen Lehrsatzes belegt, dann wäre nicht nur ein kleiner
Aspekt der Arzneitherapie verändert. Wegen der Kohärenz aller
Naturwissenschaften wäre zunächst die komplette Medizin und Biologie neu zu
fassen. Pflanzen wären homöopathisch zu düngen, die Wintersaat durch
Phytotherapeutik zu kräftigen, die Toxikologie anthroposophisch auf den
Kopf zu stellen (siehe hierzu Anonymus 1993). Dann wäre eine komplette
Neukonzeption der Physik und Chemie bis hin zur Energiegewinnung, zur
Konstruktion von Automobilen oder zur Informationsübertragung fällig. Aber
so schlimm wird es nicht kommen.
4. Führt uns die derzeitige Popularität der »besonderen Therapieformen«
zurück in die Romantik? Das ist ausgeschlossen. Der Zeitpfeil der
Wissenschaft weist immer nach vom. Der Mensch wird künftig das Eine tun,
ohne das Andere zu lassen. Er wird die Vorteile der skeptischen
Schulmedizin konsumieren, aber die Tafel mit alternativen Blüten garnieren.
Er wird sich verhalten wie die Japaner zu ihren beiden Religionen. Den
ernsten Buddhismus brauchen sie bei den Schicksalsschlägen, wie Krankheit,
Alter, Tod. Die freundlicheren Geister des Shintoismus beschwören sie zu
den Höhepunkten, etwa Hochzeit und Geburt. Erst beide zusammen decken ihren
Bedarf.
Vielleicht ging ich für manchen Leser zu weit, indem ich die
arzneitherapeutische Welt in Skepsis und Glaube polarisierte. Ich tat dies,
um Ihren Blick durch Kontrastierung zu schärfen. Aber es gibt eine
gemeinsame Basis. Jeder homöopathisch, phytotherapeutisch oder
anthroposophisch orientierte Arzt muß sich der schulmedizinischen
Diagnostik und Therapie bedienen, wenn es die Situation des Patienten
erfordert. Jeder Schulmediziner muß seinen Patienten als Person anerkennen,
und nicht als reparaturbedürftigen Defektträger abstempeln. Das Bild von
Escher, das ich zum Abschluß zeige (Abb. 16), läßt aus einem
undifferen-zierten Hintergrund zwei gegensätzliche, aber komplementäre
Reihen von Figuren treten. Die Medizin der Zukunft sollte sie, wie gezeigt,
zusammenführen, ohne die Differenzen zu verwischen. Man erkennt in der
Begegnung sich selbst, indem man den anderen erkennt. Wenn der »Skeptiker«
dazu beigetragen hat, bin ich glücklich.

2

Sonntag, 15. Februar 2004, 17:22

Sollte man mal lesen und weitergeben.

4

Freitag, 20. Februar 2004, 00:50

http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=6926

...zeigt ja sehr schön,was der Hahnemann für ein naiver,suggestibler,egomaner und hypochondrischer Vollidiot war - exakt wie seine Nachfolger und deren Nachbeter.

5

Freitag, 20. Februar 2004, 01:35

Aus dem Link:

Bayr (1) meint schließlich: Hahnemann entdeckte das Similia similibus, weil er ein wissenschaftlich fehlerhaftes Experiment homöopathisch richtig interpretierte. Führte man Bayrs Gedanken weiter, dann wäre Homöopathie keine Erfahrungs-, sondern eine Irrtumswissenschaft. Dieser Geburtsfehler besteht fort: Wenn sich ein Schlüsselexperiment als fehlerhaft erweist und nicht widerrufen wird, gedeiht kein Fortschritt. Die seitherige Geschichte der Homöopathie (10, 12) ist dafür ein Lehrstück.
Ärzte, die unsere Befunde überprüfen wollen, sind zu weiteren Selbstversuchen, vor allem solchen mit höherer Dosis, in unserem Labor herzlich eingeladen. Reisekosten innerhalb Deutschlands werden erstattet.

Kommentar: was heißt schon homöopathisch richtig?

Nichts als Irrwitz.

Homöopathie ist eine Beleidigung des menschlichen Geistes - sofern man denn welchen hat.

6

Freitag, 20. Februar 2004, 01:39

Leider sind aufrechte,engagierte und schlaue Leute wie Habermann,Köbberling und Ehrmann völlig an der deutschen Ärzteschaft und sowieso an den Nachbeterflaschen aus Politik und Bevölkerung völlig spurlos vorübergegangen.

7

Freitag, 20. Februar 2004, 02:08

Zu dem 2.Link http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=8418

Peinlich,hilfos,verlogen und debil sind wie immer die Bemerkungen der ideologischen Homöopathie-Abzocker-"Ärzte" dazu.

8

Freitag, 20. Februar 2004, 02:22

Man sollte diesen Thread Schöner Text eines Erfahrenen 1077239690 mit den feinen Texten mal weiterverbreiten.

9

Freitag, 20. Februar 2004, 16:49

Es ist zwar verdienstvoll,diesen idiotischen "Versuch" des ebensolchen Hahnemann zu demontieren.

Aber eigentlich ist eh klar,daß die Grundannahmen und der darauf "aufbauende" Mist der Comöopathetik völlig mystisch-absurd sind.

Es wird völlig hirnlos rumgelogen,daß sich die Balken biegen : Sekte.

10

Sonntag, 14. November 2010, 14:18

Text 1 bitte unbedingt lesen und weitergeben.

11

Mittwoch, 18. Mai 2011, 16:20

Weitere Texte von Habermann :


Krämer, Hans-Joachim; Habermann, Ernst
Ein Vorlesungsversuch zur Homöopathie
MEDIZIN: Kurzberichte
Niemand möchte sich durch einen mißratenen Unterrichtsversuch blamieren; zu schnell ruft das Versagen des Experimentators Mißtrauen gegen das Fach hervor, für das er einsteht. Besonders schlimm ist es, wenn das widerspenstige Experiment als Schlüssel für das ganze Fach gilt. Otto Loewis
Entdeckung der neurohumoralen Übertragung wurde erst dann anerkannt, als Zweifler seine Experimente am Froschherzen wiederholt hatten.
Auch am Anfang der Homöopathie steht ein Schlüsselexperiment, nämlich Hahnemanns oft zitierter Selbstversuch (1). Er dient bis heute als Beleg, daß Homöopathie eine Erfahrungsheilkunde sei (14). Hahnemann beschreibt ihn ausführlich: "Schon im Jahr 1790 . . . machte ich mit der Chinarinde den ersten reinen Versuch an mir selbst . . ., und mit diesem ersten Versuch ging mir zuerst die Morgenröthe zu der bis zum hellsten Tag sich aufklärenden Heillehre auf" (7). Als Fußnote (2) gibt er zu Protokoll:
"Ich nahm des Versuches halber etliche Tage zweimahl täglich jedesmahl vier Quentchen gute China ein; die Füse, die Fingerspitzen u.s.w. wurden mir erst kalt, ich ward matt und schläfrig, dann fing mir das Herz an zu klopfen, mein Puls ward hart und geschwind; eine unleidliche Ängstlichkeit, ein Zittern (aber ohne Schauder), eine Abgeschlagenheit durch alle Glieder; dann Klopfen im Kopfe, Röthe der Wangen, Durst, kurz alle mir sonst beim Wechselfieber gewöhnlichen Symptomen erschienen nacheinander, doch ohne eigentlichen Fieberschauder. Mit kurzem: auch die mir bei Wechselfieber gewöhnlichen besonders charakteristischen Symptomen, die Stumpfheit der Sinne, die Art von Steifigkeit in allen Gelenken, besonders aber die taube widrige Empfindung, welche in dem Periostium über allen Knochen des ganzen Körpers ihren Sitz zu haben scheint - alle erschienen. Dieser Paroxysm dauerte zwei bis drei Stunden jedesmahl, und erneuerte sich, wenn ich diese Gabe wiederholte, sonst nicht. Ich hörte auf, und ich war gesund."
Die neue "Heillehre" war das Simileprinzip, nach dem die Homöopathie benannt ist. Cortex chinae war als Heilmittel bei Wechselfieber bekannt, aber - so der Versuch - es erzeugte eine Arzneimittelkrankheit, die dem Wechselfieber entsprach. Hahnemann zog den Schluß: Wenn ein Arzneimittel ein bestimmtes Krankheitsbild erzeugt, dann kann es eine natürliche Krankheit mit vergleichbaren Symptomen auch heilen.


Experimentelles
Der simple Versuch sollte sich ohne sonderlichen Aufwand an Zeit und Material in die Gießener Vorlesung (E. H.) über "besondere Therapierichtungen" einbauen lassen. Also maß der Hochschullehrer (70 Jahre, 64 kg) Körpertemperatur (oral) und Puls vor und nach der Vorlesung. Er demonstrierte den Studenten pulverisierte Cortex chinae (3); beiläufig stellte er die Droge als Phytopharmakon mit großer Geschichte vor. Dann suspendierte er die zuvor abgewogene Menge (1,6 g entspricht 1 neuem Quentchen) in einem Glas Wasser, rührte kräftig mit einem Kaffeelöffel und trank. Er mußte gut nachspülen, um auch die Reste aus dem Glas zu gewinnen und vor allem den widerlich bitteren Geschmack los zu werden. Der Umrechnungsfaktor (1,66 g = 1 Quentchen) galt erst ab 1858; Hahnemann mag ein Quentchen höher veranschlagt haben, vermutlich 3,64 g (9). Seine Dosierung lag im damals üblichen therapeutischen Bereich (1), eine "Arzneimittelkrankheit" oder Vergiftung war eigentlich nicht zu befürchten.
Träfe Hahnemanns Beschreibung zu, dann sollte die Vorlesung binnen kurzem ihr Ende finden. Aber es passierte nichts Berichtenswertes, außer daß sich der Vortragende wie eine redende Flasche Tonic Water fühlte. Die Körpertemperatur hatte sich nicht verändert (35,8 Celsius vor der Vorlesung, 36,15 danach); der Puls blieb unauffällig. Für die Studenten (nicht unbedingt für den Vortragenden) war der Versuch vergnüglich und dürfte in dauernder Erinnerung bleiben. Eine Verdoppelung der Dosis änderte nichts am Ergebnis.
Drei mögliche Einwände waren auszuräumen:
1 Der Proband sei ungeeignet. Er sei zu alt und stünde überdies unter Antihypertensiva (Betablocker und Diuretikum). Auch könne er als Hochschullehrer der Pharmakologie voreingenommen sein, wenn es um Homöopathie geht, und daher die "Arzneimittelkrankheit" wie ein Indianer am Marterpfahl überstehen.
1 Die Dosis sei zu niedrig, eine Beobachtungszeit von 45 Minuten zu kurz.
1 Die Daten seien unzureichend.
Daher wurde der Vorlesungsversuch mit höherer Dosis unter Laborbedingungen durch einen unabhängigen Kollegen wiederholt. Der Arzt H. J. (37 Jahre, 80 kg) maß sich dreimal im Abstand von 30 Minuten Blutdruck, Puls und Temperatur. Dann nahm er in einem Experiment 3,3 g, in einem anderen 8 g Cortex chinae und wiederholte die Messungen viermal im Abstand von 30 Minuten. Weder die unter Cortex chinae gemessenen Daten noch die Befindlichkeit wichen von der Norm ab. Die Zahlen für die stärkste Exposition seien kurz angeführt. Hier lag der Puls unmittelbar vor der Droge bei 89/Minute mit maximalen Abweichungen von ± 5 über zwei Stunden. Die Temperatur blieb bei 36,5 Celsius mit maximalen Abweichungen von + 0,2 Celsius und 2 0,5 Celsius. Auch der Blutdruck des Probanden (140/80) änderte sich nicht. Dieser Versuch wurde in einer gekürzten (40 Minuten) Version, aber mit grundsätzlich gleichen Ergebnissen, auch in der Vorlesung des Sommersemesters 1997 demonstriert.


Diskussion
Wir sind nicht sicher, ob der Versuch von Hahnemann selbst oder von wem auch sonst unter Originalbedingungen, das heißt mit Cortex chinae in hoher Dosis, jemals wiederholt wurde. Prüfungen mit Chinin, bereits 1841 angestellt, erbrachten nicht das erwartete Ergebnis (1). Der Greifswalder Pharmakologe Schulz, sicher kein Gegner der Homöopathie (8), fand unter niedrigen Dosen Chinin (5 bis 10 mg, äquivalent etwa 100 mg Rohdroge) die Körpertemperatur gesunder Probanden unverändert (13). Hahnemann selbst hatte noch kein Fieberthermometer. Entsprechend der damaligen Definition setzte er Fieber mit beschleunigtem Puls gleich (4). Daher rechnete er auch sehr starken Kaffee oder Branntwein neben Ignazbohne, Arsenik und Pfeffer zu den fiebererzeugenden, das Wechselfieber spezifisch hemmenden Substanzen (2). Änderungen der Herzaktion durch China-Alkaloide sind bekannt (5), desgleichen Rötung der Haut; beide Kreislaufreaktionen wurdenn auch von Hahnemann registriert. Aber daß sich die Bedeutung des Wortes Fieber seither gewandelt hat, ist manchem Vertreter der Homöopathie unbekannt (14).
Hahnemanns Epigonen ist eine weitere Erklärung eingefallen. Ihr Meister verbrachte 1777 kurze Zeit in Siebenbürgen, wo es damals Malaria gab. Aus seiner Erlanger Zeit (11) und auch aus dem Jahr 1808 (6) stammen Berichte, die auf gelegentliche Anfälle von Malaria schließen lassen. In Erlangen, wo er 1779 promovierte, vertrug er die beim Selbstversuch angewandte Dosis anstandslos. Zur Erklärung dieser Unstimmigkeit wurde unterstellt (1), daß Hahnemann zwischen 1779 und 1790 überempfindlich gegen Chinin oder einen anderen Inhaltsstoff von Cortex chinae geworden sei. Aber das "Arzneimittelbild", wie es Hahnemann mit erfreulicher Deutlichkeit beschreibt, paßt nicht recht zu den Symptomen, die man bei einer Überempfindlichkeit gegen Chinin erwarten würde (5). Und vor allem: Wer das Schlüsselexperiment an einer Allergie Hahnemanns festmachen möchte, entwertet es.
Bayr (1) meint schließlich: Hahnemann entdeckte das Similia similibus, weil er ein wissenschaftlich fehlerhaftes Experiment homöopathisch richtig interpretierte. Führte man Bayrs Gedanken weiter, dann wäre Homöopathie keine Erfahrungs-, sondern eine Irrtumswissenschaft. Dieser Geburtsfehler besteht fort: Wenn sich ein Schlüsselexperiment als fehlerhaft erweist und nicht widerrufen wird, gedeiht kein Fortschritt. Die seitherige Geschichte der Homöopathie (10, 12) ist dafür ein Lehrstück.
Ärzte, die unsere Befunde überprüfen wollen, sind zu weiteren Selbstversuchen, vor allem solchen mit höherer Dosis, in unserem Labor herzlich eingeladen. Reisekosten innerhalb Deutschlands werden erstattet.


Klinische Pharmakologie, Klinikum der Justus-Liebig-Universität Gießen

Zitierweise dieses Beitrags:Dt Ärztebl 1997; 94: A-1811-1812[Heft 26]Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis im Sonderdruck, anzufordern über die Verfasser.Anschrift für die VerfasserProf. Dr. med. Ernst HabermannKlinische PharmakologieJustus-Liebig-Universität GießenGaffkystraße 11c35385 Gießen



Deinhart, Stefan; Stürmer, Joachim; Habermann, Ernst; Rosenberg, Wolfgang E.; Reuber, Kerstin; Störiko, Reinhard; Zang-Svojanovsky, Christof; Frölich, J. C.; Rampold, Veronika
Ein Vorlesungsversuch zur Homöopathie
MEDIZIN: Diskussion
Zu dem Beitrag von Dr. med. Hans-Joachim Krämer, Prof. Dr. med. Ernst Habermann in Heft 26/1997
Mutiger Selbstversuch
Zunächst erst einmal vielen Dank für den mutigen und uneigennützigen Selbstversuch, mit dem die Autoren Dr. med. Hans-Joachim Krämer und Prof. Dr. med. Ernst Habermann in Heft 26/1997 das "Schlüsselexperiment" der Homöopathie entkräften, nach dem das Einnehmen von Chinarinde die Symptome eines "Wechselfiebers" hervorrufen würde! Das negative Ergebnis ist von zentraler Bedeutung für die allgemeine Bewertung der Homöopathie, denn angeblich führte dieses Experiment Samuel Hahnemann im Jahr 1790 zu dem SimilePrinzip, nach dem ein Arzneimittel, das ein bestimmtes Krankheitsbild erzeugt, auch eine natürliche Krankheit mit vergleichbaren Symptomen heilen kann.
Wir möchten nun ergänzend zu den Ergebnissen darauf hinweisen, daß das SimilePrinzip nicht Hahnemanns Entdeckung ist, sondern daß es im Sinne einer Impfung bereits im 17. Jahrhundert in der Türkei üblich war, was im Jahr 1717 durch Mary Wortley-Montague (1689 bis 1762) in England bekannt gemacht wurde (1). Systematisch erforscht hat dieses Prinzip später der englische Landarzt Edward Jenner (1749 bis 1823), der seinen Patienten bekanntlich Vacciniaviren (Orthopoxvirus commune) verabreichte, wobei diese Infektion mit "Kuhpocken" eine ähnliche körperliche Reaktion hervorrief wie die gefürchteten Pocken, und die Erkrankung durch Variola-Viren verhinderte oder abmilderte. Jenner machte sich die Mühe, dieses Wirkungsschema 20 Jahre lang zu untersuchen, statistisch zu verifizieren und erst dann im Jahr 1798 zu publizieren (2), ein gewissenhaftes Vorgehen, das wir bei Hahnemann ebenso vermissen wie bei den meisten seiner heutigen Anhänger, die zudem - kurioserweise - nicht selten Impfgegner sind.


Literatur
1. Aschoff, Diepgen, Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7. Aufl. Berlin: Springer, 1960; 34.
2. Fischer-Homberger E: Geschichte der Medizin, Berlin: Springer, 1975; 167.
Dr. med. Wolfgang E. Rosenberg,
Praktischer Arzt
Kerstin Reuber, Tierärztin
Eichbaumstraße 84
85635 Höhenkirchen-Siegertsbrunn


Mehr experimentelle Doktorarbeiten
Mit sehr viel Vergnügen habe ich den Artikel "Ein Vorlesungsversuch zur Homöopathie" von Dr. med. HansJoachim Krämer und Prof. Dr. med. Ernst Habermann gelesen. Abgesehen von der amüsanten Versuchsbeschreibung finde ich es als Chemiker sehr begrüßenswert, daß Experimente zur Homöopathie durchgeführt werden. Leider scheinen sowohl "Schulmediziner" als auch "Homöopathen" nicht daran interessiert zu sein, ihre jeweilige Ansicht durch wissenschaftliche und/oder statistische Untersuchungen zu untermauern. Ich verbinde daher mit diesem Leserbrief den Aufruf, zum Beispiel mehr experimentelle Doktorarbeiten auf diesem Gebiet zu vergeben. Nur so können Phänomene wie der "Imprinting-Effekt" durch das Potenzieren der homöopathischen Wirkstoffe vielleicht einmal wissenschaftlich nachgewiesen werden - und das dürfte ja gerade im Sinne der Anhänger einer angeblich mit "PlazeboEffekten" behandelnden Ärzteschaft stehen.


Dr. rer. nat. Reinhard Störiko
Institut für anorganische Chemie
Universitätsstraße 31
93040 Regensburg


200 Jahre Polemik
Schon die erste Veröffentlichung Samuel Hahnemanns zur Homöopathie im Jahre 1796 in Hufelands Journal (1) war überaus polemisch. In gleicher Weise hat sich die Polemik in den Schriften der Befürworter und der Gegner der Homöopathie seit 200 Jahren kontinuierlich fortgesetzt. Leider verhindert eine derartige Tradition eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem scheinbaren Widerspruch zwischen der gegenwärtigen Schulmedizin und der Homöopathie - denn Polemik will verletzen. Der Chinarindenversuch der Verfasser war zweifellos heldenhaft, denkt man alleine an den schlechten Geschmack der Droge. Auch zeugt das umfangreiche Literaturstudium der Autoren Dr. med. Hans-Joachim Krämer und Prof. Dr. med. Ernst Habermann (2) von einer ausführlichen Beschäftigung mit der Materie. Etwas überraschend erscheint der kurze Schluß von wenigen Versuchen und die Sichtung der Literatur zur Aussage, die Homöopathie sei eine Irrtumswissenschaft. Eine vorsichtigere Betrachtungsweise wäre hier sicher angebracht gewesen. Der Artikel reiht sich somit nahtlos in die bisherige Tradition schulmedizinisch-homöopathischer Auseinandersetzung ein. Das ist bedauerlich, denn von einem konstruktiven Dialog könnten sicher nicht nur die homöopathisch tätigen Ärzte profitieren, sondern auch die schulmedizinisch orientierten Kollegen.


Literatur:
1. Hahnemann S: Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen. Journal der practischen Arzneykunde, 2. Bd. (1796), 3. Stück, S. 391 ff, Fortsetzung 4. Stück, S. 1 ff. Nachdruck in Stapf 1829, Bd. 1 S. 135-198.
2. Bayr G: Hahnemanns Selbstversuch mit der Chinarinde im Jahre 1790, Heidelberg: Haug Verlag, 1989.


Dr. med. Christof Zang-Svojanovsky
Eckenerstraße 15
63808 Haibach


Plausibles Denkmodell wünschenswert
Wir alle wissen, daß die Wirksamkeit homöopathischer Arzneien anscheinend jedem gesunden Menschenverstand und jeder soliden Wissenschaft widerspricht. Aber keiner der praktizierenden Homöopathen macht sich noch allzu viele Gedanken, wenn er eine C 30-Potenz gibt, daß er damit jenseits des stofflichen Bereichs liegt. Wenn der Patient nach einigen Wochen wiederkommt und sein Kräftezustand ist gebessert, seine Schlafstörungen behoben, die Neurodermitis erheblich gemildert, sein Asthma braucht weniger Akut-Aerosol, seine Colitis ist in Remission gegangen oder was immer es sein mag, dann ist dem homöopathischen Praktiker die theoretische Erklärung hierfür zweitrangig - ebenso wie für den Patienten, wenn er nachhaltige Linderung, Besserung oder Ausheilung erlebt.
Natürlich wären wir froh, wenn wir ein plausibles Denkmodell zur Erklärung der Wirksamkeit von Hochpotenzen hätten, das leider bisher erst in Ansätzen erarbeitet ist. Aber auch in der konventionellen Medizin werden viele Therapien durchgeführt, deren genauer Wirkmechanismus noch nicht entschlüsselt ist, die sich aber im Klinik- und Praxisalltag bewährt haben.
Ich kann die Pharmakologen gut verstehen, denn auch für mich war es ursprünglich eine klare Sache, daß die ganze Homöopathie ein ausgemachter Hokuspokus sein muß. Erst das Ausprobieren in der Praxis machte mich anfangs sprachlos - später wird es selbstverständlich, und man macht sich nicht mehr viele Gedanken.
Es stimmt mich aber immer ein wenig traurig, wenn die Auseinandersetzung mit der Homöopathie so oberflächlich und in diesem Falle im Stile eines Kasperletheaters geführt wird. Wir Homöopathen fühlen uns manchmal wie Galilei vor der Inquisition, und man möchte sagen: "Schaut doch durch das Fernrohr, lest die Kasuistiken, und beschäftigt Euch mit der Theorie." Aber das stößt auf taube Ohren, weil die Gegenseite eine - berechtigte - Verantwortung spürt, die Medizin vor Hokuspokus zu bewahren. Schnell wird das Ganze lächerlich gemacht und mit manchmal wahrhaft missionarischem Eifer in die esoterische Ecke gestellt. Gleichmäßig wird der deutsche Blätterwald immer wieder mit solchen Attacken gegen die Homöopathie bedacht. Die Leserbriefe, die ein solcher Artikel in der "Zeit" ausgelöst hat, kann ich den Autoren nachdrücklich zur Lektüre empfehlen.
Ich wünsche mir, daß es in Zukunft doch mehr Offenheit gibt, aufeinander zuzugehen, wie das "draußen in der Praxis" ja auch oft ohne Probleme klappt.
Zum Chininfieber vergleiche übrigens die Bücher des großen Pharmakologen Louis Lewin, Gifte und Vergiftungen, 4. Auflage 1929; 742 sowie vor allem Louis Lewin, Die Nebenwirkungen der Arzneimittel, 3. Auflage 1899; 422.


Dr. Joachim Stürmer
Arzt für Allgemeinmedizin -
Homöopathie
Frankfurter Straße 10
97082 Würzburg


Selbstversuche anstrebenswert
In dem amüsanten und interessanten Selbstversuch von Habermann wird beschrieben, daß die Verabfolgung von Chinarinde nicht die von Hahnemann beschriebenen Wirkungen hervorruft, nämlich Zunahme der Körpertemperatur und Veränderung der Pulsfrequenz und Pulsqualität, letztere als Blutdruck registriert. Die Unrichtigkeit der grundlegenden Beobachtung von Hahnemann, die zum SimilePrinzip Anlaß gab, ist schon früher berichtet worden. Habermann, bisher als Pharmakologe bekannt und tätig, hat diesen Selbstversuch unter dem Signum der Klinischen Pharmakologie der Universität Gießen veröffentlicht. Es entspricht die Durchführung dieses Versuches jedoch keineswegs dem Standard einer ordnungsgemäß durchgeführten klinischpharmakologischen Studie. Hätte sie einer Ethikkommission vorgelegen, so wäre sie sicher nicht genehmigt worden. Es wird erkennbar, daß der Übergang von der Pharmakologie zur Klinischen Pharmakologie durch eine einfache Umetikettierung nicht möglich ist. - Sehr zu begrüßen ist jedoch die Durchführung eines Selbstversuches, zu der sich eigentlich jeder Arzt bereitfinden sollte. In England sind Selbstversuche auch im Studentenunterricht eine Selbstverständlichkeit.


Prof. Dr. med. J. C. Frölich
Medizinische Hochschule Hannover
Klinische Pharmakologie
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover


Macht’s genau nach!
Der Versuch des Gießener Kollegen Habermann, Hahnemanns Chinarinden-Experiment aus dem Jahre 1790 zu wiederholen, ist aus für Kenner der Materie klar ersichtlichen Gründen, nämlich wegen Verfahrensfehlern, gescheitert und daher ungeeignet, Rückschlüsse auf die Verläßlichkeit des Hahnemannschen Berichts zu ziehen. Erstens: Die Cortex Chinae war unterdosiert. Hahnemann nahm "zweimal täglich vier Quentchen gute China" ein, wobei er unzweifelhaft alte Quentchen zu 3,64 Gramm meinte. Er prüfte also mit täglich zweimal 14,56 Gramm Chinarinde, der um 1790 üblichen therapeutischen Tagesdosis. Habermann hingegen gibt nicht an, wieviel Cortex Chinae er eingenommen hat, und der namentlich ungenannte zweite Prüfer nahm maximal eine Einzeldosis von 8 Gramm, eine "höhere Dosis" als die von Habermann.
Zweitens: Habermann stand zum Versuchszeitpunkt unter Pharmaka, welche die Pulsfrequenz senken (Betablocker). Zur Begleitmedikation von Prüfer 2 erhielten wir keine Informationen. Einen Arzneiversuch mit konventioneller pharmakologischer Zielsetzung würde allein diese Tatsache schon entwerten. Drittens: Hahnemann notierte bei seinem Experiment genau alle Befindensveränderungen, die er wahrnahm. Habermann und sein Kollege dagegen konzentrierten sich einseitig nur auf Puls und Temperatur. Dies ist um so widersinniger, als Hahnemann zwar eine Pulsbeschleunigung an sich wahrgenommen hat, aber mit keinem Wort eine Veränderung der objektiven Körpertemperatur erwähnt. Ebensowenig hat Hahnemann behauptet, Cortex Chinae habe bei ihm einen Wechselfieberanfall erzeugt. Die Arznei reproduzierte "nur" alle ihm aus Erfahrung bekannten Symptome eines solchen Anfalls, jedoch "ohne eigentlichen Fieberschauder", wie er selbst betont! Viertens: Chinarinde und Chinin können bekanntermaßen Fieber erzeugen. Peters (1) sah objektive Temperaturerhöhungen bis 40 Grad Celsius nach 0,06 Gramm Chininsulfat. Budelmann und Grauel von der Uniklinik Hamburg-Eppendorf (2) beobachteten solche Fieberanstiege auch nach Chinidin. Moeschlin (3) erwähnt "drug fever" als relativ häufige unerwünschte Arzneimittelnebenwirkung von Chinin. Letzterer schreibt auch, daß "Chininvergiftungen oft schwer von Überempfindlichkeitsreaktionen auf therapeutische Dosen zu unterscheiden" seien. Das bedeutet, daß bei Chinarinde und Chinin toxische und allergische Wirkungen nahtlos ineinander übergehen und es der Sachlage nicht gerecht würde, Hahnemanns Reaktion auf Cortex Chinae einfach als "Chininallergie" zu den Akten zu legen. Daß Chinin auch Herzarrhythmien und Tachykardie erzeugt, bedarf keiner weiteren Untermauerung.
Last, but not least: Hahnemann blieb nicht bei groben pharmakologischtoxikologischen Experimenten wie diesem Chinarindenversuch stehen, so wichtig sie auch waren. In der (seiner Zeit um 100 Jahre vorauseilenden) Intention, eine rationale Pharmakotherapie mit geringstmöglichen Nebenwirkungen zu entwickeln, verringerte er die therapeutischen Dosen der von ihm benutzten Arzneien immer weiter. Bei diesen Versuchen, welche Verdünnungsverfahren zur Verbesserung der Resorption einschlossen, entstand schließlich die Potenzierung. Es stünde einem Pharmakologieprofessor gut an, einen historischen Arzneiversuch nicht nachlässig, sondern exakt zu reproduzieren, besonders wenn es darum geht, eine ganze Therapierichtung zu beurteilen. Der studentische Arbeitskreis Homöopathie an seiner Universität hätte ihm vielleicht dabei helfen können.
Literatur
1. Peters, Lancet, 5. Oktober 1889, S. 727, in: Madaus G: Lehrbuch der biologischen Heilmittel, Bd. 2. Leipzig: Verlag Georg Olms, 1938; 952.
2. Budelmann/Grauel, Klinische Wochenschrift, 15. Jahrgang, S. 225, in: Madaus G: Lehrbuch der biologischen Heilmittel, Bd. 2, Leipzig: Verlag Georg Olms, 1938; 953.
3. Moeschlin S: Klinik und Therapie der Vergiftungen. 7. neubearb. und erw. Auflage, Stuttgart, New York: Thieme, 1986.


Dr. med. Stefan Deinhart,
Arzt für Allgemeinmedizin -
Homöopathie
Dr. med. Veronika Rampold,
praktische Ärztin - Homöopathie
August-Weihe-Institut für homöopathische Medizin
Benekestraße 11
32756 Detmold


Schlußwort
Am Schluß unseres Berichtes hatten wir zu weiteren Selbstversuchen, vor allem solchen mit höherer Dosierung, eingeladen. Weil kein Vertreter der Homöopathie erschien, trugen wir den noch ausstehenden Versuch mit Hahnemanns Dosis, also vier alten Quentchen, entsprechend 14,5 Gramm, nach. Die Herzfrequenz des Probanden (H.-J. K.) stieg nach halbstündiger Latenz für etwa 30 Minuten von 88 auf 100/min, der Blutdruck sank für etwa eine Stunde von 125/99 auf 116/77. Profuse, rindenfarbene, schmerzlose Durchfälle meldeten sich nach einer Stunde und vor allem zwei Stunden; anschließend normalisierte sich die Darmfunktion prompt. Die Körpertemperatur des Probanden blieb um die 36,5 °Celsius, die Befindlichkeit blieb, wenn man vom Stuhlgang absieht, ungestört. Durchfälle nach China-Alkaloiden gehören ebenso wie Kreislaufstörungen zum typischen Vergiftungsbild. Ob die milden Kreislaufreaktionen direkt oder gastrointestinal bedingt waren, bleibt offen. Wir konnten also Hahnemanns markante "Arzneimittelkrankheit" selbst durch eine eben noch tolerable Dosis von Cortex Chinae nicht reproduzieren, obwohl sie "jedesmahl" hätte eintreten müssen.
Dieser Hochdosisversuch entkräftet zugleich den ersten Kritikpunkt von S. Deinhart und V. Rampold. Zum Glück hatten wir uns in der Vorlesung auf 8 Gramm Cortex Chinae beschränkt, sonst hätte der Vortragende vom Lehrstuhl auf den Nachtstuhl wechseln müssen. Jetzt hatten wir die Gabe von zweimal 14,5 Gramm erwogen. Aber der braunschwarze, sehr dünne Stuhl ließ erwarten, daß die Resorption der auslösenden und erst recht einer nachfolgenden Gabe gestört wird. Auch ist Hahnemanns Protokoll zu entnehmen, daß sein zwei- bis dreistündiger Paroxysmus jedesmal auftrat und sich erneuerte, wenn er die Gabe wiederholte. Aus beiden Gründen verzichteten wir auf eine zweite Gabe am gleichen Tag. Unabhängig davon bleibt offen, ob Hahnemanns "gute China" mit ihrem Wirkstoffgehalt an unsere DAB-Droge heranreichte. Auch der zweite Einwand läßt sich entkräften; denn 8 Gramm (dreimal geprüft) und 14,5 Gramm (einmal geprüft) nahm nur der 37jährige, gesunde, medikamentenfreie Autor (H.-J. K.) mit bis dahin normalem Stuhlgang. Zum dritten wird vorgehalten, wir hätten nur auf Puls, Blutdruck und Temperatur geachtet, nicht aber auf die Befindlichkeit. Hahnemanns dramatische Befunde hätten niemandem entgehen können; wir berichteten, daß sie ausblieben. Wir maßen den Puls, weil Hahnemann eine Beschleunigung - bei ihm das Äquivalent von "Fieber" - angegeben hatte. Unsere Messung der Temperatur leitet über zum vierten Einwand. Wenn Hahnemann sich gleich zweimal auf Wechselfieber bezieht, aber die Körpertemperatur nicht ins Kalkül zieht, sollte man deren Messung nicht als widersinnig bezeichnen. Zu unserem Erstaunen geht die Kritik nahtlos in Argumente für das Chininfieber über. Wegen der Komplexität dieses Begriffs verweisen wir wieder auf Bayr (1989), wegen der akuten Toxizität von China-Alkaloiden auf (6). Dazu paßt, daß man (3) homöopathisches China bei verschiedenen Arten von Fieber, darunter "Wechselfieber", verordnet.
Wir haben im Rahmen des Möglichen unser Bestes getan, um Hahnemann zu folgen. Aber es bleibt dabei: Nach Gabe von 1,6 bis 14,5 Gramm Cortex Chinae hat sich weder die Befindlichkeit verschlechtert, noch ist "Fieber" im Sinne des 18. oder 20. Jahrhunderts entstanden.
Von Studenten erwarten wir, daß sie mit uns nicht nur diskutieren, sondern auch experimentieren. Besonders danken wir für den Hinweis, daß aus Versuchen wie dem von uns überprüften die Potenzierung abgeleitet wurde. Wenn nämlich das "Arzneimittelbild" nicht stimmt, müßte die homöopathische Potenzierung - gesetzt, sie funktionierte - in die Irre führen.
J. C. Frölich meint, über die fehlende Reproduzierbarkeit des Hahnemannschen Grundversuchs sei schon früher berichtet worden. Er bleibt aber Zitate schuldig, die einen strengen Nachvollzug bis in subtoxische Bereiche hinein ermöglicht hätten. Die gelegentlichen, von uns erwähnten (Bayr 1989) Prüfungen mit Chinin statt Cortex Chinae hätte Hahnemann abgelehnt; denn er glaubte, das Alkaloid Chinin weise gegen das genuine Phytotherapeutikum Nachteile auf (1). - Die Ethik-Kommission des hiesigen Fachbereichs mußte nicht eingeschaltet werden, weil es sich um einen Selbstversuch voll informierter Ärzte handelte, der nicht gegen die guten Sitten verstieß (Grundsatzbeschluß AZ 12/97). - Unser Versuch war als Vorlesungsexperiment geplant und ausgewiesen. Wie beschrieben, wurde der Ablauf, beginnend mit einer einstündigen Kontrollphase, im Labor eingeübt und messend verfolgt. In den Vorlesungen wurden gekürzte Versionen demonstriert. Plazebokontrollen wären wegen des durchschlagend bitteren Geschmacks des Verums sofort erkannt worden. Aus mehreren Gründen - darunter solchen ethischer Art - mußten wir auf eine streng klinisch-pharmakologische Studie mit größerer Probandenzahl verzichten.
K. Reuber und W. Rosenberg betonen, daß das Simile-Prinzip längst vor Hahnemann in der Medizin heimisch war. Ergänzend nennen wir den Titel einer Hallenser Dissertation fünfzig Jahre vor Hahnemanns Versuch: "De curatione per similia" (5). Jütte (1996) findet Züge des Prinzips im Corpus Hippocraticum und bei Paracelsus. Aber ich zögere, Jenner mit Hahnemann gleichzusetzen. Jenner blieb auf dem Boden der Tatsachen, und die Vakzination gewann schnell generelle Bedeutung. Hahnemann ritt Prinzipien, mit denen wir uns noch heute, nach zweihundert Jahren, herumplagen müssen.
R. Störiko sei versichert, daß uns nur der Grundversuch Hahnemanns interessierte. Dieser schrieb 1811 (2): ". . . ein Erfahrungswerk wie mein Organon der rationellen Heilkunde, welches bloß aus Erfahrung fließt, bloß auf Erfahrung hinweist und nie anders als durch Gegenerfahrung oder Gegenversuche bestätigt oder widerlegt werden könnte. . ." Dies, und nur dies, haben wir versucht. An anderer Stelle hob er hervor (Paragr. 28 in [1]): ". . . so kommt es auf die scientifische Erklärung, wie dies zugehe wenig an und ich setze wenig Wert darauf, dergleichen zu versuchen." Dem schließen wir uns an, auch hinsichtlich des Imprinting- Effekts (gemeint ist hierbei das "Gedächtnis des Wassers". [Die Autoren]).
Ch. Zang-Svojanovsky wünscht sich einen konstruktiven Dialog, gibt aber dazu kein Stichwort. Die Aussage, daß sich Hahnemann geirrt habe, stammt nicht von uns. Wir zitierten sie aus dem Buch von Bayr, einem Sympathisanten der Homöopathie. Herr Zang möge verstehen, daß man über Irrtümer ebensowenig hinwegreden darf wie über Computerviren. Beide können auch gute Programme zerstören.
Ebensowenig wie J. Stürmer geht es uns darum, die Rätsel der Homöopathie zu entschlüsseln. Wir wollten lediglich den vielzitierten Selbstversuch Hahnemanns öffentlich nachvollziehen. Wenn Stürmer unsere Vorlesungsversuche mit einem Kasperletheater vergleicht, dann sollte er auch das Theaterstück nennen: Es handelt von des Kaisers neuen Kleidern. Der Schleppenträger des Kaisers ästimiert sie. Das unverständige Kind zeigt mit dem Finger: "Aber der Kaiser ist ja nackt!" Die Blöße läßt sich nicht verdecken, indem man auf des Kaisers reichliche häusliche Garderobe (sprich: therapeutische Kasuistiken) verweist. Stürmers Erfolge in der Praxis seien nicht bestritten. Man darf sich aber fragen, wieviel sie mit der hier in Frage gestellten wissenschaftlichen Essenz der Homöopathie zu tun haben. Wenn man homöopathische Therapie mit modernen Methoden prüft - das ist durchaus möglich -, bleibt nicht viel übrig (4). Zwar rate ich meinen Studenten nicht von der Verschreibung der Homöopathika ab, wenn nur der Patient keinen körperlichen oder finanziellen Schaden erleidet und korrekt informiert wird. Aber sie müssen wissen, was sie tun; denn in der heutigen Zeit hat rationales Denken auch eine moralische Dimension. Literatur
1. Hahnemann S (1842): Organon der Heilkunst. 6. Auflage, Hrsg. von R. Haehl. Leipzig: 1921. Paragr. 273, Fußnote 2.
2. ebendort, S. V., Vorwort von R. Haehl
3. Dorcsi M: Homöopathie heute. Hamburg: 1990; 233.
4. Kleijnen J, Knipschild P, ter Riet G: Clinical trials of homeopathy. Brit Med J 1991; 302: 316-323.
5. Bruguiere FA la: De Curatione per Similia. Inaug. Diss. Halle, 1734.
6. Ludewig R, Lohs K: Akute Vergiftungen. Jena: 1991; 142-145. (Hier wird vermerkt, daß bei Vergiftung mit einer Senkung, bei Überempfindlichkeit mit einer Steigerung der Temperatur zu rechnen sei).
Für die Verfasser
Prof. Dr. med. Ernst Habermann
Klinische Pharmakologie
Justus-Liebig-Universität Gießen
Gaffkystraße 11 c
35385 Gießen

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