Habermann war übrigens der Prof, der den Chinarindenversuch des Vollidioten und Homöopathie-Pseudogottes Hahnemann während der Vorlesung widerlegte.
Prof. Dr. med. Ernst Habermann
Klinische Chemie, Gaffkystr. l Ic, 35385 Gießen
Ich möchte Sie betroffen machen, indem ich Sie mit vier Problemkreisen befasse:
* Mit einigen typischen Sonderformen der Arzneitherapie
* Mit der Theorie der besonderen Therapierichtungen
* Mit den gesellschaftlichen Konsequenzen
* Zum Abschluß mit Voraussagen und Vorsorge.
7.1 Manifestationen einiger besonderer Therapieformen
Was rechnet man dazu?
Eine Beschreibung aller besonderen Therapieformen würde dicke Bände füllen.
Die menschliche Phantasie, die sich in ihnen auslebt, ist grenzenlos. Jeder
Mensch »verarbeitet« seine Beschwerden auf seine Weise. Er glaubt an die
Maßnahmen, die er gegen sie ergreift. Daher gibt es so viele besondere
Therapierichtungen, wie es Menschen gibt. Auch heute noch rufen sie Kräfte
zu Hilfe, für die man jegliche Belege vermißt. Dann spricht man von Magie.
Ich werde später darstellen, daß zwischen Wissenschaft, Glaube und Magie
fließende Übergänge bestehen.
Wenn der Mensch etwas ausheckt, dann legt er seine Gedanken nicht wie die
isolierte Käfighenne ihr Ei, das ihr dann auf Nimmerwiedersehen wegrollt.
Er denkt in einem sozialen Umfeld, das als Generator und Kondensator seiner
Ideen mitwirkt. So bilden sich von Kulturkreis zu Kulturkreis
unterschiedliche Präferenzen heraus. Während man in Indien dem eigenen Harn
gekocht oder schäumend aus dem eigenen Hahn gezapft hohen therapeutischen
Wert beimißt, benötigt hierzulande diese Therapie noch publizistische
Nachhilfe (Thomas 1993).
Insgesamt zählt man im deutschen Sprachgebiet etwa 100 verschiedene
besondere Therapieformen (Federspiel und Herbst, 1991, ZDN 1992). Die Zahl
ist niedrig geschätzt, weil innerhalb der einzelnen Therapierichtungen das
intellektuelle Chaos herrscht und sich die Sekten bekämpfen. So meint Hopff
(1991), daß es so viele Homöopathien gibt wie Homöopathen. Die
anthroposophische Therapie nimmt Anleihen bei der Phytotherapie und der
Homöopathie auf und vermengt sie mit Steinerscher Esoterik (Stratmann
1988). Es entstehen Hybriden. Ein Blick auf Tabelle l überzeugt von der
Vielfalt (Übersichten siehe Memorandum 1993, Skrabanek und McCormick 1990,
Habermann 1992).
Drei besondere Therapierichtungen sind herausgehoben, nicht etwa wegen
ihrer Qualität, sondern aus plebiszitären Gründen, nämlich Phytotherapie,
Homöopathie und anthroposophische Therapie. Sie werden am häufigsten
angewandt. Sie haben die Ehre, teils im Arzneimittelgesetz, stets bei der
Arzneimittelzulassung bevorzugt zu werden. Homöopathika bedürfen keiner
Zulassung. Registrierung genügt. Auch den anderen Richtungen wird ein Bonus
zuteil: Zur Zulassung genügt einfaches Erfahrungsmaterial nach der Art »Wir
haben nur Gutes gesehen von...« als sogenannter Wirksamkeitsnachweis. Die
harten Tests der Schulmedizin bleiben ihnen erspart, weil sie diese nicht
bestehen würden. Sie sind sogar zu Gegenständen des Lernthemenkatalogs für
Mediziner erhoben worden. Die Medien tätscheln sie. Gründe genug, gerade an
ihnen die Besonderheiten gläubiger Therapie zu exemplifizieren.
Die Phytotherapie ist die älteste unter den behördlich anerkannten
»besonderen« Therapieformen (Vogel et al. 1990). Sie liegt dem
Pharmakologen besonders am Herzen; denn sie ist die Mutter der heutigen
Pharmakotherapie. Sie steht der Schulmedizin so nahe, daß sie ohne
besondere Glaubenssätze auskommen könnte. Sie laboriert trotzdem an ihnen,
weil sie die Patina der Historie, der Tradition, wie eine Schutzschicht
benötigt und daher pflegt. Die Ärzte des Mittelalters, der Neuzeit bis zum
Beginn dieses Jahrhunderts waren im wesentlichen Phytothera-peuten. Von der
heilenden Kraft pflanzlicher Zubereitungen war man überzeugt. Opium bei
Schmerzen, Colchicum bei Gicht, Chinarinde bei Malaria, Digitalis bei einer
bestimmten Art von Wassersucht, vor allem die Abführmittel waren ja auch
recht wirksam, wie man bereits im 18. Jahrhundert wußte. Viel mehr hatte
man damals nicht.
Die Organotherapie ist die animalische Version der vegetativ fundierten
Phytotherapie. Auch sie hat eine pseudowissenschaftliche Komponente, indem
z.B. Zellen der Hormondrüsen injiziert werden; ihre Wertschätzung verdankt
sie aber vor allem dem Glauben an die Lebenskraft, die aus tierischen
Organen übertragen werden soll.
Mit dem Heranwachsen der Chemie und Physiologie im 19. Jahrhundert ging das
Naturwüchsige und Wunderbare verloren. Die Drogen wurden aufgearbeitet;
nach und nach standen Reinsubstanzen zur Verfugung. Die sogenannte
Natur-kraft, an die unsere Vorfahren glaubten, wurde geistiger Ballast, den
man zusammen mit dem chemischen Ballast in den Abguß kippte. Die
Fortschritte der chemischen Synthese machten die Pflanze überflüssig. Die
natürlichen Wirkstoffe entstanden jetzt in der Retorte. Derivate wurden
hergestellt. Der Mensch, und kein Naturgeist, erschuf völlig neue
Wirkstoffe. Die Pharmakologie benötigte nur noch physikalische und
chemische Kräfte, und sonst gar nichts, um die Wechselwirkung zwischen
Chemikalie und Organismus befriedigend zu beschreiben. Der neue Zugang
ermöglichte gewaltige therapeutische Fortschritte; die Arzneitherapie wurde
zu einer quantitativen Wissenschaft. Hierzu zwei Beispiele aus eigener
Erfahrung.
Als ich 1947 Pharmakologie hörte, war Curare eine exotische Kuriosität.
Bestenfalls eignete es sich als Pfeilgift für einen Urwaldbewohner, der
seine Jagdbeute für immer lahmen wollte. Die Chemie des Curare war
weitgehend unbekannt; man mußte die Wirksamkeit der jeweiligen Zubereitung
am lebenden Kaninchen ermitteln. Die Isolierung und Kristallisation des
d-Tubocurarins erlaubte dann eine Dosierung nach Gewicht. Mit der
Reinsubstanz kann der Anästhesist den Patienten in einer genau
eingestellten Paralyse halten. Das ist eine Voraussetzung für die heutige
Chirurgie am Herzen und der Lunge. D-Tubocurarin ist inzwischen durch
synthetische Verbindungen ersetzt. Curare hat also eine typische Karriere
durchlaufen. Der Pflanze folgte der Extrakt, auf den Extrakt die
Reinsubstanz, auf die Reinsubstanz die überlegenen chemischen Derivate,
und schließlich die Neuentwicklungen ohne natürliches Vorbild.
Ein zweites Beispiel: Als junger Pharmakologe mußte ich Digitalis-
(Fingerhut-) Präparate im Tierversuch standardisieren. Viele Katzen starben
an Herzversagen, damit mir eine einzige Wertbestimmung gelang. Man kannte
zwar die Inhaltsstoffe, aber man konnte sie nicht anders bestimmen. Etwa
um die gleiche Zeit wurde kristallisiertes Digoxin verfügbar. Die
Tierversuche entfielen, weil man die Kristalle abwiegen konnte. Ich selbst
wurde frei für Besseres.
Warum entfiel nicht die gesamte Phytotherapie? Digoxin und d-Tubocurarin
sind per defmitionem keine Phytotherapeutika mehr; der Begriff ist den
Rohpräparaten oder daraus hergestellten Auszügen vorbehalten (Vogel et al.
1990). Die Antwort ist vierfach:
l. Nach wie vor erscheint es vernünftig, wenn auch nicht aussichtsreich,
nach noch unbekannten Inhaltssloffen von Pflanzen mit pharmakologischer
Wirkung zu suchen. Aber die heimische und die exotische Flora ist
abgegrast. In den letzten 20 Jahren gab es kaum etwas Neues zu entdecken;
selbst Vertreter phytotherapeutischer Richtungen teilen meine Skepsis
(Vogel 1993).
2. Man nimmt an, daß pflanzliche Begleitstoffe sich günstig auswirkten,
etwa auf die Resorption. Aber ein solcher Effekt ist schwer zu fassen; er
hängt vom pflanzlichen Ausgangsmaterial ab, ist also variabel und daher
nicht immer vorteilhaft.
3. Bei den meisten Phytopharmaka ist es gleichgültig, ob ihre Inhaltsstoffe
gereinigt sind oder nicht, weil ihre Wirkung an der Grenze zum
Placebo-Effekt liegt oder — wie bei manchen Magen-Darmmitteln - sich selbst
limitiert.
4. Vor allem möchte man den alten Glauben bewahren, pflanzlich sei immer
gut, besser zumindest als all das schreckliche chemische Zeug. Pflanzliches
stamme aus der »Apotheke Gottes«. Aber diese Ansicht ist falsch. Der
Anteil an potentiellen Karzinogenen unter den pflanzlichen Inhaltsstoffen
ist nicht geringer als sein Anteil unter den synthetischen Chemikalien
(Ames und Gold 1990). Mehrere pflanzliche Drogen haben wegen möglicher
Karzinogenität die Zulassung verloren. Nur ein Ideologe kann den Pflanzen
eine besondere, ganzheitlich bestimmte Heilkraft andichten.
Die heutige Phytotherapie ist ein Restposten der Medizingeschichte. Die
alte Phytotherapie enthielt manchen Edelstein, der heute die Schulmedizin
ziert. Übriggeblieben sind bestenfalls Abführmittel und ansonsten
Edelplacebos statt Edelsteine, kurz: over the counter (rezeptfreie) Artikel
für Apotheken, Reformhäuser und Drogerien. Der Trend geht zur Reinsubstanz.
Die Homöopathie ist die Zweitälteste unter den drei approbierten gläubigen
Therapieformen. Anders als die Phytotherapie besitzt sie eine Bibel der
reinen Lehre, nämlich Hahnemanns Organon (Hahnemann, Nachdruck 1985).
Hahnemann hat ein in sich geschlossenes, von ihm selbst als definitiv
erachtetes Lehrgebäude errichtet. Solche harmonisierten Produkte sprechen
den Menschen an, ob es sich um Kunstwerke, Religionen, Organismen oder wie
hier um Lehrsätze handelt. Die Akzeptanz der Homöopathie in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts war so groß, daß in den Vereinigten Staaten
zahlreiche homöopathische Colleges und Krankenhäuser entstanden, die nach
Hahnemann lehrten und therapierten. Dort ist die Zeit der Homöopathie
vorbei (siehe Skeptiker 3/92, S. 60), nicht aber in Europa.
Hahnemanns Lehrgebäude ruht auf drei Säulen. Leider sind sie morsch (Hopff
1991, Schaffrath 1990, Skrabanek und McCormick 1990).
L Similia similibus curentur, zu deutsch: Ähnliches behandle man mit
Ähnlichem. Ein Arzneimittel möge bei höherer Dosierung Symptome
hervorrufen, die denen einer bestimmten Erkrankung entsprechen. Dann so
Hahnemann wird es gewiß in niedriger Dosierung den Symptomen dieser
Erkrankung entgegenwirken. Die Simile-Doktrin setzt also eine gesetzmäßige
Wirkungsumkehr bei Änderung der Dosierung voraus. Arzneimittelbild und
Symptombild sollen sich entsprechen.
Kritik:
Keiner der vielen Versuche, die zur Prüfung dieser Hypothese ersonnen
wurden, stützte sie. Der Teufel der Krankheit läßt sich nicht durch ein
arzneitherapeutisches Beelzebübchen austreiben. Für Hahnemann waren die
Symptome das Wesen der Krankheit. Beseitigung der Symptome beseitige die
Krankheit, so lehrte er. Aber sie sind oberflächlich. Schmerzen im
Handgelenk zeigen meist eine Überlastung an, manchmal aber auch einen
Herzinfarkt. Für Hahnemann war das Medikament keine chemische Entität,
sondern der Träger einer Kraft mit magischen Zügen. Die vis vitalis des
Organismus soll durch die geistige Kraft des Medikaments verstärkt werden.
Diese Kraft ist pure Spekulation.
2. Die Wirksamkeit des Heilmittels wird durch Verdünnen potenziert. Das
Simile-Prinzip (siehe 1.) setzt diesen Satz voraus.
Kritik:
Jeder Beleg für die Wirkungszunahme durch Verdünnen oder für eine
Wirkungsumkehr fehlt. Die Effekte von Arzneimitteln folgen dem Massen
Wirkungsgesetz, ob es sich um erwünschte oder unerwünschte Wirkungen handelt.
Die geistige Kraft muß ausschließlich heilsam sein, d.h. der »weißen Magie«
angehören. Warum sollen nicht auch unerwünschte Wirkungen durch Verdünnen
potenziert, oder erwünschte in ihr Gegenteil verkehrt werden? Die Welt der
Homöopathen ist grundsätzlich nur von guten Geistern besiedelt. Die
Patienten sind nicht dieser Meinung; ich bin bereits wegen angenommener
toxischer Wirkungen von Homöopathika konsultiert worden. Meine Empfehlung
konnte nur lauten: Dosis erhöhen! Bemühungen, Hahnemanns geistige Kräfte
auf ein naturwissenschaftlich handfestes Fundament zu stellen, sind
gescheitert. Die Loschmidtsche Zahl macht es statistisch unwahrscheinlich,
daß bei einer Potenz ab D23 überhaupt noch ein Molekül vorhanden ist.
Solche Verdünnungen sind kaum mehr vorstellbar. Der letzte Atemzug des
letzten Neandertalers, über die gesamte Atmosphäre verteilt, würde in etwa
der Verdünnung D 23 entsprechen.
Die Homöopathie unterschlägt die Verunreinigungen. Für Hahnemann war reines
Brunnenwasser rein. Unsere modernen Analysemethoden reichen bis in den
femtomolaren (das ist l 0-15 mol/1) Bereich. Die mit ihrer Hilfe
nachgewiesenen Bestandteile in Wasser oder Ethanol, z. B. an Arsenik, sind
z.T. essentielle Bestandteile homöopathischer Urtinkturen. Verdünnungen
machen aber keinen Sinn mehr, wenn das Verdünnungsmittel bereits das zu
verdünnende Agens enthält. Auch die Ausrede, es komme nicht auf die
Substanz an, sondern auf die Engramme, die sie im Verdünnungsmittel
hinterließe, ist unhaltbar. Man kennt heute die Geschwindigkeit, mit der
Wassermoleküle assoziieren. Bier und Wasser würden zu höchst gefährlichen
Nahrungsmitteln, wenn darin das Gedächtnis des gesamten Erdballs abrufbar
gespeichert wäre.
Die Homöopathen sollten also bei Hahnemann bleiben, der die homöopathische
Therapie als Mobilisierung geistiger Kräfte verstand. Damit würden sie aber
ihren Magiebedarf öffentlich eingestehen.
3. Die Arzneimittelauswahl richtet sich nach den Symptomen des Patienten
und nicht nach den pathogenetischen Grundlagen. Dieser Satz ergibt sich aus
l und 2. Hahnemann und seine Epigonen haben daraufhin ein umfassendes
Repertoire von Symptomen erstellt. Sie müssen beim Patienten erkundet
werden. Die Symptome betreffen die frühere und jetzige Befindlichkeit
sowie die Konstitution des Patienten. Hahnemann war der Erfinder der
radikalen Anamnese. Er hörte zu, fragte und komponierte dann die
individuelle Therapie. Die Homöopathie erkennt den einzelnen Patienten an.
Als Gegenleistung erkennt der Patient die Homöopathie an. Wie die Beichte
beim gläubigen Katholiken, so ist das ärztliche Gespräch ein ungeheuer
wichtiger Bestandteil jeder Therapie. Viele Homöopathen ergänzen es durch
Kataloge mit Hunderten von Fragen, oft mit suggestivem Charakter, so daß
der Patient sich erkannt fühlt: »Ja, genau das fehlt mir! Warum ist da noch
niemand darauf gekommen?« Die Schulmediziner sollten sich an den
Homöopathen ein Beispiel nehmen. Aber die Symptomenlehre ist zugleich
Angriffspunkt der
Kritik:
Die riesige Liste von Symptomen verführt zum therapeutischen
Subjektivismus. Die Zuordnung der Beschwerden eines einzelnen Patienten zu
einer der zahllosen Kategorien von Schmerz, Angst, Verdauungsbeschwerden
gestattet keine Normierung. Wenn 10 Patienten, die wir unter »Asthma
bronchiale« zusammenfassen, denselben Homöopathen besuchen, dann dürfen sie
keinesfalls eine vergleichbare Therapie erwarten, weil sich ja die
Symptombilder oder die Konstitution unterscheiden können. Jeder Homöopath
wird seine eigene Therapie betreiben, weil er die Symptombilder persönlich
interpretiert.
* Die »Bilder« der Beschwerden müssen erfragt werden, damit das
entsprechende Arzneimittelbild zugeordnet werden kann. Bei strenger
Befolgung der Hahnemann'sehen Lehre sollten Patienten, die nicht
kommunikationsfaliig sind, auch nicht homöopathisch behandelt werden. Das
sind nicht wenige: Bewußtlose, Säuglinge und Kleinkinder, Demente, auch
Tiere. Gleichwohl wird gerade die Veterinär-Homöopathie zum Beleg der
Wirksamkeit herangezogen, obwohl kaum Arzneimittelbilder am Tier erstellt
werden. Auch eine prophylaktische oder Notfalltherapie mit Homöopathika
widerspräche der Lehre vom individuellen Krankheitsbild.
* Die subjektive Bewertung der Symptombilder und der daraus abzuleitenden
Therapien erschwert die Planung kontrollierter Studien. Die
Einschlußkriterien müssen ergänzt werden: Nicht der nach Regeln der
Schulmedizin festgestellte Schweregrad einer Erkrankung dient als
Einschlußkriterium, sondern das kongruente Symptombild. Die Besserung des
Symptombildes, und nicht die Änderung objektiv erfaßbarer Schweregrade
dient als Erfolgskriterium. Erfolgsberichte über homöopathische »Heilungen«
bestehen daher im wesentlichen aus Fallbeschreibungen. Fallbeschreibungen
entziehen sich jeder Falsifikationsmöglichkeit; sie sind immer wahr. Trotz
190 Jahren Homöopathie liegt keine überzeugende prospektive, kontrollierte
und randomisierte Studie mit nachgeprüft positivem Ergebnis vor. Warum
einzelne Patienten sich gleichwohl durch Homöopathie gebessert oder geheilt
fühlen, darüber wird später zu sprechen sein.
Bleibt als dritte unter den privilegierten Therapieformen die
anthroposophische. Sie ist eine späte Hybride, die an Willkür kaum zu
überbieten ist. Steiner, der bei der Anthroposophie etwa die gleiche
Stellung einnimmt wie Hahnemann in der Homöopathie, hat nicht nur bei
diesem Anleihen genommen. Man findet Züge der Phytotherapie, etwa bei der
Anwendung von Mistelextrakten, aber auch erschreckende Dosierungen von
Schwermetallen, etwa Quecksilber und Blei.
Alles wird zusammengehalten durch anthroposophische Wesens- und
Bedeutungslehre, die auch Edelsteine und Gestirne in ein abstruses Korsett
zwängt. Diese Variante der Arzneitherapie bekommt nur dem Gläubigen, der
seinen Sinn der Magie und der Esoterik erschlossen hat. Die Heterogenität
der anthroposophi-schen Lehrsätze verbietet ihre kurzgefaßte Diskussion
(Stratmann 1988), zumal sie in der therapeutischen Praxis anthroposophisch
orientierter Krankenhäuser verblassen. Dort gewinnt Hahnemann an Gelände.
Ich fasse kurz zusammen. Die alte Phytotherapie steht der
wissenschaftlichen Arzneitherapie am nächsten. Die gläubig-magische
Voreingenommenheit nimmt über die Homöopathie zur Anthroposophie zu. Dem
Phytotherapeuten sollte genügen, wenn er Wirksamkeiten im Sinne der
Schulmedizin unterstellt. Der Homöopath muß bereits Hahnemanns Glauben an
Arzneimittel und Symptombild übernehmen. Der Anthroposoph handelt gemäß
seinem allumfassenden magischen Weltbild.
7.2 Zur Theorie der besonderen Therapieformen
Es gibt nicht nur die drei approbierten, es gibt Hunderte von besonderen
Therapieformen. Haben sie soviel Gemeinsames, daß man daraus eine
umfassende Theorie entwickeln kann? Das gelingt, wenn man drei Zugänge
nutzt: Den evolutionären, den historisch-soziologischen und den
erkenntnis-theoretischen. Am Schluß werden Sie feststellen, daß die drei
Türen in einen einzigen geistigen Raum führen.
Beschreitet man diesen Weg, dann fügt sich Wissenschaft, Glaube und Magie
in der Arzneitherapie zu einem Gesamtbild. Ich möchte es aus den drei Arten
des menschlichen Verstehens entwickeln (Tabelle 2). Der Weg beginnt in der
frühen Steinzeit (Vollmer 1987). Wenn der Mensch bedroht wurde, mußte er
handeln. Er hatte keine Zeit für statistische Erwägungen. Er tat das
Nächstliegende, das Plausible. In seine Handlungen gingen sowohl Klugheit
als auch Voreingenommenheit ein; sie waren die intuitive Leistung des
gesunden, weil der Fitness dienlichen Menschenverstandes, heute common
sense genannt. Erfolg wurde als positive, Mißerfolg als negative Erfahrung
verbucht. Man lernte durch Handeln. Sich wiederholende Erfahrungen wurden
zur Wahrheit; denn »ich habe es doch erlebt, daß mir dieses oder jenes
hilft«. Die Psychologen sagen, daß unsere innere Welt zum größten Teil aus
solchen soliden Steinen des common sense aufgebaut ist, an denen kaum zu
rütteln ist. Sie sind lebensnotwendig (Weinert 1992). In den Großfamilien
unserer Vorfahren wurden Steine ausgetauscht; ein Schatz von Erfahrungen
kam zusammen. Der einzelne zahlte ein und entnahm nach Bedarf.
Die Erfahrungsmedizin, die heute so sehr gelobt wird, kam auf die gleiche,
induktive Weise zustande. Erfahrungen überzeugen; sie sind nur schwer
korrigierbar. Sie werden tradiert als Teil einer Kultur oder Zivilisation.
Man findet daher viele Sätze der heutigen Erfahrungsmedizin in der alten
Volksmedizin wieder (s. z.B. Eammert 1981).
Weil sie so vielfach verankert sind, werden sie intuitiv, d. h. ohne
vorheriges Nachdenken, als wahr (Habermann 1991) befunden.
Erfahrungsmedizin und intuitive Medizin hängen also eng zusammen.
Das Gehirn des Menschen ist aber mehr als nur eine Requisitenkammer von
Erfahrungen. Es ist ein Meister in der Extraktion und Konstruktion von
Zusammenhängen. Es macht sich ein Bild, indem es deduziert; das zeitliche
»wenn - dann« eines Zusammenhangs wird zum begründenden »weil«. Der Mensch
ist ein Kausalitätsfreak. Er wird aber mit seinen Kausalitäten nicht aus
dem Rahmen des Bildes fallen können, das er sich von der Welt macht. Die
Vielfalt der Therapieformen spiegelt die Vielfalt der Weltbilder; sie sind
nicht vorgegeben, sondern menschliche Konstrukte. Daher rührt ihre
Abhängigkeit von Kulturen, Geschichte, von öffentlichen Meinungen, aber
auch vom jeweiligen Stand des Wissens über den Menschen und seine Umwelt,
und von der Technik, mit der man sich in unserer Welt behauptet. Dem common
sense boten sich zwei Wege, um sein Erfahrungswissen zu einem Netzwerk von
Kausalitäten zu verknüpfen; der eine führte in den Glauben, der andere in
die Skepsis.
Sehr früh schon dürfte der Mensch sich Glaubenssätze konstruiert haben, um
den Beziehungen zwischen Geburt, Tod, Krankheit, Giften und den wenigen
Arzneimitteln einen Sinn, und das war identisch, eine Kausalität zu
unterlegen. Der Glaube wurde durch unverständliche »Wunder«, bekanntlich
des Glaubens liebstes Kind, verfestigt. Er wurde von Generation zu
Generation weitergereicht, so wie in der Molekularbiologie Plasmide
übertragen werden, die außerhalb des Genoms liegen. Dieser gläubige
Verstand veränderte sich mit der Zeit erstaunlich wenig. Wir erkennen für
den größten Teil der von uns übersehbaren Zeit, daß sie von gläubiger
Medizin beherrscht wurde. Vor allem die Schulmedizin war gläubig
(Ackerknecht 1979). Wenn Aristoteles (Zit. 1962) dekretiert hatte, die Frau
habe weniger Zähne als der Mann, dann zählte sie niemand nach; denn
Aristoteles konnte nicht irren. In katholischen Schulen verbreitete man bis
in dieses Jahrhundert, jeder Mann habe die Rippe weniger, die der Schöpfer
als Rohling zur Herstellung Evas entnommen habe.
Die Schulmedizin glaubte Galen, Hippokrates, der Bibel. Die Medizin des
gesunden Menschenverstandes überließ sie den Badern, Feldscheren und
Hebammen. Wer glaubte, war gegen Veränderungen gefeit; denn sie hätten
nicht nur das medizinische, sondern das Weltbild insgesamt in Frage
gestellt. Sie hätten nach Häresie gerochen.
Auch die heutigen besonderen Therapieformen sind glaubensbasiert. Wegen
ihrer großen Stabilität kann man sie jeweils kulturhistorischen Schichten
zuordnen. Die ältesten Schichten liefern Signaturen, d.h. anschauliche,
aber oberflächliche Entsprechungen, etwa zwischen Symptomen und Aussehen
der Heilpflanze. Später verband man strukturierte Heilkräfte mit dem Wesen
dieser Pflanze, dem tierischen Organ, bestimmten Schwermetallen, den
Edelsteinen, den Gestirnen. Die Quellen der Arzneimittel waren segensreich,
weil sie den Menschen in ein adäquates Weltbild einbanden. Man dachte
ganzheitlich. Daher waren die Heilmittel, wie Talismane, für alles gut. Sie
waren Panazeen. Wer genau hinhört, findet solche Züge auch bei den
besonderen Therapierichtungen.
Schon das Wort »Heilkraft« meldet einen Anspruch auf Universalität an, so
auch die »Kräftigung« oder »Umstimmung« durch Phytopharmaka. Nach Hahnemann
hilft auch die Homöopathie immer, wenn man sie nur richtig betreibt. Die
Anthroposophie ist durchsetzt mit Panazeen.
Die nahezu ideale, heute kaum zu erreichende Verschmelzung zur universalen
Heilslehre wurde von den großen Religionen geschaffen. Die Geschichte der
Volksmedizin, etwa in Bayern, läßt erkennen, daß noch um 1850 alle diese
Schichten offen lagen (Lammert 1869). Ein Vielfaches des Hiesigen ist in
den fremdländischen Therapieformen verborgen, vor allem den indischen,
tibetanischen oder chinesischen. Die magischen Entsprechungen konnten
positive und negative Werte annehmen (Tabelle 3). Und alles war ach so
plausibel, wenn man nur glaubte.
Aber der Glaube währte nicht ewig. Der gesunde Menschenverstand entdeckte
den Zweifel; er wurde dadurch zum skeptischen, zum kritischen Verstand. Für
ihn gilt: Richtig ist, was nach Ausschluß des Falschen übrig bleibt. Dieser
Weg zur Realität wurde spät entdeckt. Erst Popper und der Wiener Kreis
gaben ihm in diesem Jahrhundert philosophische Weihen. Das Sieb der
Falsifikation hält nur diejenigen Hypothesen zurück, die derzeit als
richtig akzeptiert werden können (Popper 1984). Es steht unserer Phantasie
frei, noch bessere Hypothesen, noch feinere Siebe zu konstruieren und
dadurch zu immer richtigeren Aussagen über unsere Welt zu gelangen. Die
Skepsis, die hinter dem allen steckt, zernagte zunächst den Glauben. Der
gläubige Verstand verlor seine Basis. Die Skepsis brachte auch ihren
eigenen Vater, den common sense, in arge Bedrängnis. Wie es der englische
Astronom Thomas Digges (1546-1595) mit drei Worten formulierte: »Vulgi
opinio error«. Zu deutsch: »Die allgemein verbreitete Meinung ist falsch«.
Glaube und plebiszitäre Meinung standen zur Diskussion. Um Lichtenberg
(leicht modifiziert) zu zitieren: »Ach, wie schön war die Zeit, als ich
noch alles glaubte, was ich hörte oder sah.« Für den skeptischen Verstand
gilt das Gegenteil: Je selbstverständlicher etwas ist, desto verdächtiger
ist es. Der skeptische Verstand hat aber das bisher beste, weil richtigste
Bild unserer Welt (den Menschen eingeschlossen) entworfen. Sein Zweifel ist
konstruktiv, sein Balanceakt dreifach abgestützt. Wir greifen dazu das
Beispiel des der Zahnheilkunde unkundigen Aristoteles auf. Die Widerlegung
seiner Doktrin erforderte drei kognitive Leistungen. Ganz vome stand die
Formulierung von Hypothesen und Begriffen. Die Begriffe »Mann«, »Frau« und
»Zahn« konnten vom common sense übernommen werden. Dann kam die skeptische
Hypothese: »Mann und Frau unterscheiden sich nicht in der Zahl ihrer Zähne«.
Damit war eine Nullhypothese formuliert, die Aristoteles zuwider lief. Als
drittes Glied kam etwas ganz Wichtiges: Man prüfte, indem man zählte. Alle
benötigten Elemente waren bereits im common sense angelegt. Die relative
Richtigkeit, der Fortschritt, die Stimmigkeit des resultierenden Weltbildes
entstammte dem Zusammenspiel von Hypothesenbildung und Kontrollen.
Und nun zur Arzneitherapie. Auch hier wird gemessen und gezahlt. Die Größen
sind zunächst physikalisch oder chemisch definiert (z.B. der Blutdruck oder
das Kalium im Blutplasma). Man kann aber auch den Grad einer Depression in
Zahlen übersetzen oder die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft pro 100
Frauenjahre und - in Grenzen - sogar die Lebensqualität. Sobald man diese
Zielgrößen definiert hat, kann man mit geeigneten Protokollen prüfen, ob
der Blutdruck sinkt, ob die Gesprächstherapie der Pharmakotherapie bei
Depression gleichwertig ist, wieviel besser kontrazeptiv die Pille im
Vergleich zur vatikanischen Kontrazeption ist, oder - um beim Thema zu
bleiben - ob sich die Leistungen der normalen von denen der besonderen
Therapieformen unterscheiden. Wenn man die Größen nicht vorab definiert,
die Hypothesen nicht formuliert hat, kann man die Prüfung nicht planen,
geschweige denn auswerten oder nachmachen. Der gesunde Menschenverstand
verlangt: »Ich habe doch erlebt, daß ein Homöopathikum besser ist als
Nichtstun. Beweise das Gegenteil.« Der skeptische Verstand sagt: »Das mag
sein; die Erfahrung halte ich in hohen Ehren. Aber sie kann täuschen.
Deshalb beginnen wir besser mit der Nullhypothese, daß nämlich kein
Unterschied besteht. Wenn sie widerlegt ist, sehen wir weiter.« Dem sollte
der gesunde Menschenverstand beipflichten; denn er wird sich kein Schloß in
den Wolken aufschwätzen lassen.
Nicht so der gläubige Menschenverstand. Für ihn hat der Glaube absolute
Vorfahrt, und die Wolken sind himmlisch. Kontrollierte Studien, die diesen
Namen verdienen, sind auf dem Feld der besonderen Therapieformen nur schwer
durchführbar. Man zweifelt nicht, man vermeidet griffige Begriffe, man
quantifiziert nichts. Man kann auch - das hängt mit der Unfähigkeit zum
Zweifel und zur Quantifizierung zusammen - die Kriterien für Einschluß,
Ausschluß, Ziel und Erfolg kaum definieren. Nicht die Schuld der
Schulmedizin ist es, wenn solche Studien so gut wie fehlen oder nichts
erbracht haben. Ich wäre zu ihnen bereit, wenn der Versuchsplan verbindlich
aufgestellt werden könnte. Aber es gibt mindestens sechs verschiedene
homöopathische Schulen; jeder Versuchsplan wäre für die meisten von ihnen
unverbindlich. Je schlampiger eine Hypothese formuliert ist, desto
schlechter läßt sie sich prüfen.
Zweifel ist hart, Hypothesenbildung anstrengend, wissenschaftliche Arbeit
teuer und meist frustrierend. Daher bevorzugen die Vertreter der besonderen
Therapieformen kürzere Wege. Ihre »Erfahrungen« (die natürlich keine sind)
schöpfen sie aus vier Quellen. Honorig erscheint noch die Intuition
(Habermann 1991), deren Ergebnis aber nicht nachgeprüft wird. Ihre
»Erfahrungen« entstammen dem Glauben an unrealistische Alternativen. Dieses
Wort sollte man im Zusammenhang mit der Arzneitherapie vermeiden. Wir
Pharmakologen haben mit soviel »Alternativen« zu tun: Nicht nur mit
alternativer Therapie, sondern auch mit alternativer Diagnostik, Ernährung,
mit Alternativen zum Tierversuch, und darüber hinaus mit alternativer
Produktion oder Energiegewinnung. Das Wort »alternativ« meint immer das
Gleiche: Alternativ ist ein Verfahren, dessen Vorteil gegenüber dem
Bestehenden man wünscht, aber nicht belegen kann oder will.
Gerne sprechen die Vertreter der besonderen Therapieformen auch vom Wunder,
etwa »Die Wissenschaft steht vor einem Wunder«. Man fühlt sich an die
Religion erinnert. Die Wissenschaft trivialisiert hingegen das wunderbar
Erscheinende. Sie wird zunächst mittels der Nullhypothese prüfen, ob es ein
als Wunder deklarierter Zufall war. Sonst wird eine weitere Bearbeitung
herausstellen, daß sich das erstaunliche Ereignis in eine umfassende
Theorie einfügen läßt, vielleicht nach deren Modifikation. Wissenschaftler
warten geradezu darauf, daß solche »Wunder« geschehen; denn es ist ihr
Brot, Wunder zu trivialisieren. Odo Marquard (1993) hat treffend gesagt,
daß die moderne Wissenschaft ohne Häretiker oder Sensationen auskommen
müsse, weil ihre Ergebnisse keinen Sinn oder Heilsfolgen einschließen. Was
liegt näher, als zahlreiche gläubige Therapieverfahren zu kombinieren? Der
Glaube an ein Wunder bahnt den Glauben an viele Wunder. Ein Beispiel gibt
Abb. 1. »Alternative« sind fast immer »Multiuser«.
Schließlich verschanzen sich die Vertreter der besonderen
Therapierichtungen hinter einer besonders starken Position, die ich
Komplexität nennen möchte. Wie will man Schlagworte wie »ganzheitlich«,
»Stärkung der Abwehrkraft«, »Umstimmung«, oder gar »Gesundheit«,
»Harmonisierung« auf ihren Gehalt prüfen? Wer diese Worte verwendet, ist
gegen Zweifel gefeit. Wenn aus diesem insgesamt
autistisch-undisziplinierten Denken die arzneitherapeutischen
Handlungsanweisungen destilliert werden, erscheint die Abstrusität.
Kein besonderes Therapieverfahren, sondern die moderne Biologie und Medizin
haben einen alternativen Weg zur besseren Therapie gebahnt; sie haben alte
Erfahrungsmedizin ersetzt durch neue Quantifizierung, alten Glauben durch
neue Offenheit, alte Autorität durch zweifelnden antiautoritären Umsturz.
Dieser Paradigmenwechsel beginnt zur Zeit der Renaissance, erreicht einen
ersten Gipfel mit der Aufklärung und gewinnt um die Mitte des 19.
Jahrhunderts die Vorherrschaft, eine der ganz großen emanzipatorischen
Leistungen der Menschheit. Diese neue Erkenntnistheorie setzt die eigene
Fehlbarkeit voraus. Der Fortschritt beruht auf der ständigen Korrektur
früherer Irrtümer, im weiteren Sinn auf Selbstorganisation und Selektion
(Habermann 1989). Dadurch unterscheidet sich die wissenschaftliche Medizin
von den besonderen Therapieformen, für die das Eingeständnis eines Irrtums
tödlich wäre. Sie besitzt einen nicht mehr einholbaren Vorteil in der
Theorienbildung. Die Zuverlässigkeit ihrer Voraussagen ist beachtlich. Die
Erfolge der modernen Arzneitherapie, wie auch die moderne Biologie, wären
mit den Sätzen der Homöopathie, der Phytotherapie, der Anthro-posophie
nicht erklärbar. Sie sollten den Vertretern der besonderen Therapieformen
wie schiere Wunder erscheinen.
Hingegen kann die moderne Medizin sogar die Erfolge der besonderen
Therapieverfahren erklären. Sie ist nämlich per Gesetz verpflichtet zu
wissen, welchen Anteil ihrer eigenen Erfolge sie dem Mechanismus verdankt,
den auch die besonderen Therapieverfahren nutzen. Wie kann man die
Nahtstelle zwischen kritischer und gläubiger Therapie orten und abtasten?
Das Studium des Placebo-Effektes hilft weiter. Er ist wohl die am
gründlichsten untersuchte Arzneimittelwirkung überhaupt (hierzu Habermann
1992, Netter et al. 1986, Kroneberg 1982). Placeboeffekte sind diejenigen
Fremdstoffwirkungen, die nicht auf chemischen oder physikalischen Kräften
beruhen.
Sie sind bei jedem Arzneimittel zu erwarten, unabhängig von der jeweiligen
Therapierichtung. Jeder, der bei der Verwendung eines Arzneimittels
mitwirkt, ob Patient, Arzt, Angehöriger, Pflegepersonal oder Tierhalter: Er
verbindet damit Vorstellungen, Hoffnungen, Befürchtungen; er ist
voreingenommen. Ein therapeutischer Versuch wird am besten zwischen den
erwartungsbedingten und den physikalisch-chemisch bedingten Wirkungen eines
Arzneimittels unterscheiden, wenn man allen Beteiligten Augenbinden umlegt;
dann ist es ein Doppelblindversuch.
Man ist immer wieder erstaunt, wie häufig und massiv die Placebo-Effekte
sind. Sie können, sprechen wir ruhig von weißer Magie, erwünscht sein. Im
wesentlichen sind es Störungen der Befindlichkeit, die auf Placebos
ansprechen (Tab. 4). Die Erfolgsquote hängt von vielen Faktoren ab, die
eine ganze Vorlesungsstunde füllen: Von der Zubereitung des Mittels
(Injektionen und Einreibungen sind wirksamer); von der empfundenen Last der
Erkrankung; vom Arzt, der das Mittel verabreicht und dem Patienten zuredet;
vom Umfeld (wer in eine entsprechende Praxis geht, rechnet mit
erfolgreicher Behandlung); von der öffentlichen Anerkennung, der Werbung,
der Empfehlung durch Bekannte. Positive Placebo-Effekte tragen in
unterschiedlichem Ausmaß zur Wirksamkeit auch solcher Arzneimittel bei,
denen eine pharmakologische Wirkung zukommt. Erwartungsgemäß ist der
Placebo-Beitrag bei »harten« Mitteln, etwa bei Antibio-tika, minimal.
Sobald es um die Befindlichkeit geht, ist er erstaunlich hoch. Bei
Migränemitteln liegt er um 50 %, sogar bei Opiaten um 20 %. Bei Mitteln der
besonderen Therapierichtungen nähert sich sein Anteil der 100 % Marke.
Der niedergelassene Arzt wird bei jeder Arzneitherapie den Placebo-Effekt
in Rechnung stellen müssen. Er wird dessen Ausmaß nicht genau kennen; denn
der Doppelblindversuch ist eine Sache der Forschung und hat in der Praxis
nichts zu suchen. Weil aber der Arzt selbst einer der wirksamsten
Placebo-Faktoren ist, muß und kann er sich immer bemühen, ihn zu
optimieren. Wie wichtig ist ein ermunterndes Gespräch, ein Händedruck,
Handanlegen jeder Art. Wenn der Arzt diesen Effekt nicht ausnutzt, kann es
ihm passieren, daß ein gläubiger Vertreter einer besonderen
Therapierichtung mit seinen pharmakologisch unwirksamen Mitteln
erfolgreicher ist als ein tumber Nutzer pharmakologisch wirksamer Mittel.
Der gut ausgebildete Arzt weiß aber, daß die Placebo-Effekte nur
Befindlichkeiten beeinflussen. Er muß also doppelte Buchführung betreiben.
Den Patienten muß er vom Segen des Placebo-Effekts überzeugen. Er selbst
aber wäge skeptisch ab, was er mit der pharmakologischen Komponente positiv
bewirkt oder negativ anrichtet.
Der Placebo-Effekt ist universell. Fast alle Patienten, die den
niedergelassenen Allgemeinarzt, Internisten, Pädiater aufsuchen, erhalten
ein Rezept. Mindestens die Hälfte würden mit ihren Beschwerden ohne ein
pharmakologisch wirksames Mittel ebensogut oder schlecht fertig werden wie
mit ihm. Was soll der gut ausgebildete Arzt tun? Die »Rote Liste« enthält
unzählige Placebos oder Mittel, die man wegen ihrer sehr geringen
pharmakologischen Wirkung als Beinahe-Placebos bezeichnen muß. Haben sie
besondere suggestive Kraft, dann werden sie auch Edelplacebos genannt. Auf
sie kann er zurückgreifen. Er muß sich auch nicht von Homöopathika oder
Phytotherapeutika distanzieren, wenn er sicher ist, daß bei diesem
Patienten ein Placebo genügt und er es tatsächlich benötigt.
Der Arzt sollte aber auch mit der Gabe von Placebos nicht ad libitum gehen,
und zwar aus mehreren Gründen, a) Patient und Krankenkasse tragen Kosten,
die zwar per se placebowirksam sind - nur was teuer ist, kann gut sein -,
aber für ein Nichts ausgegeben werden, b) Dem Patienten bestätigt die
Verschreibung, daß ihm »etwas fehlt«, was im strengen Sinne nicht wahr ist.
Er wird getäuscht, c) Schließlich dienen Placebos als Projektions flächen
für Mißbefindlichkeiten, die der Patient mit jeder Gabe von Arzneimitteln
verbindet. Er unterscheidet nicht zwischen Placebo und pharmakologischen
Wirkungen. Nebenwirkungen von Placebos werden bei Arzneimittelprüfungen im
Doppelblindversuch deutlich. Das Placebo entpuppt sich als Nocebo. d)
Arzneimittel mit substanzbeding-ten Nebenwirkungen eignen sich nicht als
Placebos.
Das Placebokapitel habe ich ans Ende meiner erkenntnis-theoretischen
Ausführungen gestellt, denn
* es liefert eine zentrale Aussage zu jeder Therapie
* jeder Therapeut, gleich welcher couleur, kann daraus höchst wichtige
Handlungsanweisungen entnehmen
* es macht die besonderen Formen der Arzneitherapie verständlich und
bestimmt ihren Platz
* es erklärt die Erfolge früherer Ärzte (Tabelle 5).
Erkenntnistheoretisch stecken die »besonderen« Therapierichtungen in einer
Klemme. Sie postulieren eine jeweils besondere Wirkungsweise, bleiben aber
den Beweis schuldig. Ihre Wirksamkeit am Patienten läßt sich zwanglos dem
Placebo-Effekt zuordnen. Umgekehrt wird es noch schlimmer: Könnte man mit
schulmedizinischen Kriterien eine besondere Wirkungsweise oder Wirksamkeit
einer besonderen Therapierichtung herausarbeiten, dann verschmölze diese
Richtung eben dadurch mit der Schulmedizin; das Besondere würde
trivialisiert, ein unerträglicher, dem Placebo-Effekt höchst abträglicher
Gedanke.
Immer öfter scheint es, die Vertreter der drei besonderen
Therapierichtungen glaubten heute nicht mehr so recht an deren besondere
Kräfte. Liebend gerne nehmen sie Anleihen bei der Schulmedizin auf. Sie
möchten sich einen wissenschaftlichen Anstrich zulegen, weil er heute der
Reputation gut tut und die Plau-sibilität fördert. Der Phytotherapeut freut
sich, wenn ein Pflanzenextrakt einen minimalen Effekt an einem mehrdeutigen
System besitzt, etwa immunmoduliert oder »umstimmt«. Wie rührend. Der
Homöopath reichert seinen Glauben mit Spekulationen zur Relativitäts- und
Quantentheorie, zur Chaostheorie, sogar zur physikalischen Chemie an. Den
Anthroposophen beglückt, daß die Mistel pharmakologisch wirksame Agentien
enthält, auch wenn sie nichts mit der vorgeblichen zytostatischen
Wirksamkeit zu tun haben. Der alte Glaube bleibt; nur seine Gegenstände
werden modernisiert.
7.3 Gesellschaftliche Konsequenzen
Wieviel kostet der Glaube? Die Frage mutet unethisch an. Aber selbst
Religionen kosten Geld, etwa als Kirchensteuer. Warum auch nicht?
Glaubenssätze sind überaus wirksam; sie sind ansteckend; sogar Kriege
können sie auslösen. Wallfahrtsorte leben davon. Glaubenssätze sind also
Fakten, die nicht nur ethisch, sondern auch anhand ihrer Effizienz bewertet
werden können. Die Effizienz des Placebos, also aller besonderen
Therapieformen, bei Störungen der Befindlichkeit steht außer Zweifel.
Wieviel kostet sie? Wer bezahlt sie?
Zunächst einige Zahlen (s. Tab. 6). Die Aufschlüsselung der für den Verkehr
zugelassenen bzw. angemeldeten Arzneimittel hebt die Vertreter der
»besonderen Therapierichtungen« heraus. Etwa 57 000 Mittel sind derzeit in
Deutschland zugelassen. Davon beanspruchen ca. 30.000 die Zugehörigkeit zur
Schulmedizin und zur Phytotherapie, ca. 21.000 zur Homöopathie und
Anthroposophie, und mehr als 4.000 zur Organotherapie. Der Anteil der
Phytopharmaka an einzelnen Arzneimittelgruppen ist hoch: bei Laxantien sind
es ca. 66 % (hier sind sie tatsächlich wirksam), bei Gallemitteln etwa 50
%, bei Expektorantien etwa 23 % (Wolffers 1994/1995, Burkhard 1993).
Solange die Mittel äußerlich oder oral gegeben werden, sind ihre Kosten
nicht exorbitant. Schließlich muß ein ordentlicher Preis verlangt werden.
Er befördert den Placebo-Effekt. Ärzte und Apotheker nahmen schon im
Mittelalter viel Geld, als man die Nicht-Placebos noch an einer Hand
abzählen konnte. Sobald injiziert wird, steigen die Preise, schnell ist man
bei Tausenden von DM pro Patient und Jahr. Deutschland ist der
Europameister in Ausgaben für »alternative Verfahren« im weitesten Sinn
(Leserservice 1990).
Manchmal wird argumentiert, die Therapie der besonderen Richtungen sei
billiger. Abgesehen davon, daß sie nur die Befindlichkeit verbessern und
Patienten mit organischen Störungen alsbald der Schulmedizin überstellt
werden: Gute Daten hierzu fehlen (Groh 1991). Ein anderes häufig gehörtes
Argument lautet: Wenn sich die Patienten wohl fühlen, ist das Geld gut
angelegt. Aber neuere Studien bei Tumorpatienten, die sich entweder nur
einer klassischen oder zusätzlich einer alternativen Nachbehandlung
unterzogen, ließen keinen Vorteil in der subjektiven Lebensqualität
erkennen, im Gegenteil: die »Alternativen« fühlten sich insgesamt
schlechter (Cassileth et al. 1991). Nachfrage erzeugt Angebot. Manche Ärzte
werden Sonderangebote bereithalten, um ihre Wartezimmer zu füllen. Manche
Studenten geben zu, daß sie Lehrveranstaltungen über »besondere«
Therapierichtungen besuchen, damit sie später konkurrenzfähig sind. Die
Gesamtkosten werden eher steigen.
Sollen solche Therapien durch die Kassen erstattet werden? Einerseits
fordern deren Arzneimittelrichtlinien, daß die Therapie ausreichend,
zweckmäßig und wirtschaftlich sein muß. Besondere Therapieformen sollten
demnach nicht erstattungsfähig sein. Andererseits steuert die
Rechtsprechung der Sozialgerichte auf eine optimale Therapie im Einzelfall
zu. Ihr werden auch solche therapeutischen Maßnahmen zugeordnet, von denen
der einzelne Patient eine deutliche Besserung erfuhr (Eicher 1993).
Euphemistisch wird oft hinzugefügt, daß die besonderen Therapieverfahren
auch eine besondere, leider »noch nicht« nachgewiesene Wirkungsweise
besäßen. Wieviel hundert Jahre will man noch warten, bis der Nachweis der
Wirksamkeit erbracht wurde? Auf ihn allein kommt es an. Würde die Haltung
der Sozialgerichte Allgemeingut, dann wäre der Ruin unseres
Gesundheitssystems sicher. Seine Ressourcen sind limitiert und müssen so
eingesetzt werden, daß sie den größtmöglichen Nutzen für möglichst viele
erbringen. Denjenigen muß man helfen, denen es am schlechtesten geht. Die
besonderen Therapierichtungen spielen schlechte Karten, solange sie den
Anspruch des ungeprüft »Besonderen« zu Geld machen wollen (s. Skeptiker
4/93, S. 106).
Manchmal verstecken sie sich hinter dem Wissenschaftspluralismus, der
Rechtsschutz gegenüber der übermächtigen Schulmedizin verdiene. Pluralismus
kann nicht heißen: Der Schulmediziner muß seine Behauptungen belegen, der
Alternative darf schwätzen, was er will. Ein solcher Pluralismus wäre
ideologischer und kommerzieller Subventionismus. Es geht um viel Geld für
Ärzte, Sanatorien, Apotheker und mittelständische Unternehmen der
pharmazeutischen Industrie.
Nach meiner Auffassung sollten die besonderen Therapieformen wie Religionen
behandelt werden. Wer Bedürfnis verspürt, mag sie nützen. Der Staat muß nur
vor Gesundheitsschädlichem oder Betrügerischem schützen. Er darf aber die
Sozialversicherung nicht mit dem Glaubensmüll vergangener Jahrhunderte
belasten. Der Gläubige bezahlt mit seiner Kirchensteuer die Aufwendungen
für seine Religion; der Ungläubige wird davon freigestellt. Auch wer den
besondere Therapieformen glaubt, sollte sie selbst bezahlen.
Wie stellen sich die Patienten, z.B. mit Tumoren (Morant et al. 1991)? Eine
Arbeit aus der Schweiz liefert Zahlen. Meist sind es phytotherapeutische
Maßnahmen; sie werden insgesamt 85x von 83 Patienten genannt (Abb. 13). 13x
erscheint Homöopathie, ebenso häufig Mistelextrakt, den man nach Belieben
der Anthroposophie oder der Phytotherapie zuordnen könnte. Vieles andere
gehört zur Magie. Wie kamen die Patienten darauf ? Etwa jeder Zweite durch
Bekannte, die anderen durch die Medien, und zwar zu gleichen Teilen durch
Fernsehen, Zeitschriften und Bücher (Abb. 14). Aufschlußreich sind die
Beweggründe, die Patienten zu den besonderen Therapieverfahren hinführen
(Abb. 14). Sie möchten zur eigenen Genesung selbst beitragen, und sie
möchten ihre eigene Seele mit einbringen. Rechnen wir dazu die Nennungen
einer »Ganzheitlichen Medizin«, dann drückt sich in etwa der Hälfte der
Nennungen das elementare Bedürfnis des Patienten aus, die eigene
Persönlichkeit in den Heilungsprozeß einzubringen. Die »Schulmedizin«
erfüllt offenbar dieses Pensum nicht. Für »Wundererzählungen«, »sanftere
Medizin« und »letzte Hoffnung« hat sie kein Mandat. Sie verlöre ihre
Glaubwürdigkeit. Gleichwohl: Nur 7 von 211 Nennungen (bei 160 Patienten)
bekunden eine Enttäuschung durch die Schulmedizin. Sie steht also
wesentlich besser da als die politischen Parteien. Nur ganz selten bedeuten
die besonderen Therapieformen eine Hinwendung zum radikal Alternativen;
eher dienen sie zusätzlicher Vorsorge. Kinder fühlen sich bei Gewitter
sicherer, wenn man eine Kerze anzündet - auch in einem Haus mit Blitzableiter.
7.4 Voraussagen und Vorsorge
Wie geht's weiter? Ich stelle vier Sätze auf.
1. Wir werden auch künftig mit besonderen Therapieformen leben.
Dieser Zugang zum persönlichen Heil ist genetisch gebahnt und
gesellschaftlich gestützt. Das Leben wäre ohne einen gehörigen Schuß
Irrationalität nicht zu ertragen. Selbst wenn wir die derzeitigen Formen
ausjäten wollten: Daneben würden neue ausschlagen. Meine Gärtnerei ist rein
defensiv. Sie soll Schaden abwenden, Schaden vom Patienten, aber auch
Schaden von unserem skeptischwissenschaftlichen Denken. Ohne Skepsis könnte
eine moderne Gesellschaft nicht überleben; sie würde in den
Fundamentalismus abgleiten und bankrott gehen.
Andererseits darf man von der sogenannten Schulmedizin nicht Unmögliches
erwarten, also
* keine letzten Wahrheiten, sondern nur vorläufige Richtigkeiten
* keine metaphysischen Gründe, sondern nur das Prüfbare
* keine Sinngebung, sondern nur die Abwehr des Unsinns
* keine Wunder, sondern deren Trivialisierung
* keine universale Ethik, sondern individuelles Verständnis
Die weitaus beste alternative Therapieform wird in keinem
Arzneimittelgesetz, in keiner Approbationsordnung genannt. Es ist die
kraftvoll gelebte Religion. Obwohl sie allen Anforderungen genügt, erhält
sie wenig Zulauf, weil sie ganzheitlich ist, also eine Umstellung des
ganzen Menschen fordert, und nicht mit der Einnahme von Tropfen, mit einer
Injektion, einer Akupunktur, einem anbiedernden Begleitgespräch abgetan ist.
2. Die sogenannte Schulmedizin muß sich des einzelnen Patienten stärker
annehmen. Zu Recht bemüht sie sich weiterhin, die Arzneitherapie als Teil
der Biowissenschaften zu objektivieren. Sobald aber der einzelne Patient
das Zimmer betritt, wird sie subjektiviert und dadurch eine besondere
Therapieform für diesen Patienten. Der schwerste Vorwurf an die
Schulmedizin ist es, den Patienten und seine Befindlichkeit zu mißachten.
Wie am Beispiel des Placebo-Effekts gezeigt, hat sie eine umfassende
Theorie erarbeitet, die jede Form der Arzneitherapie verständlich macht.
Warum handelt die Schulmedizin nicht entsprechend? Befindlichkeitsstörungen
dürfen kein Monopol der besonderen Therapierichtungen sein. Der Patient
sollte immer glauben und er ist fast immer dazu bereit. Viele Ärzte nehmen
dieses Angebot des Patienten nicht ausreichend an.
Die Minderung der objektiven Fehlbarkeit der Schulmedizin wird durch eine
Zunahme ihrer Anonymität kompensiert, leider.
3. Von einer naturwissenschaftlich orientierten Forschung auf dem Gebiet
der besonderen Therapierichtungen ist nicht mehr viel zu erwarten. Sie
hatten ihre Chance. Die Homöopathie erlebte besondere Zuwendung in den USA
im 19. Jahrhundert und später im Hitler-Deutschland. Phythotherapie und
Organo-therapie wurden seit Jahrhunderten beforscht. Was sich dabei als
Faktum erwies, wurde zum Bestandteil der Schulmedizin, das »andere« zu
Glaubenssätzen verarbeitet. Besondere Therapierichtungen bleiben eine
Fundgrube für ethnologische, medizingeschichtliche, psychologische und
soziologische Studien. Sie schärfen den Blick für Placebo-Phänomene.
Auf der anderen Seite zogen die Biowissenschaften in den letzten 100
Jahren, beschleunigt in den letzten 40 Jahren, bezüglich der Stringenz
ihrer Aussagen mit Physik und Chemie nahezu gleich. Durch Vernetzung von
Chemie, Genetik, Informatik, Verhaltenslehre und evolutionärer
Betrachtungsweise entstand ein erdbebenfestes wissenschaftliches Gebäude.
Der Wissenschaft gelang es immer schneller, Anomalien zu integrieren und
Fehler auszumerzen. Trotz mancher Widerstände wurden die Lehren von
Semmelweis, Robert Koch, Mendel, Watson und Crick innerhalb weniger
Jahrzehnte in das Bezugsnetz eingewebt. Das Klischee vom »verkannten Genie«
verlor in den Biowissenschaften des 20. Jahrhunderts seinen Platz.
Belletristik und »Alternative« hingegen brauchen es.
Würde jetzt -mit völlig atypischer Latenz die Richtigkeit eines einzigen
fundamental-alternativen Lehrsatzes belegt, dann wäre nicht nur ein kleiner
Aspekt der Arzneitherapie verändert. Wegen der Kohärenz aller
Naturwissenschaften wäre zunächst die komplette Medizin und Biologie neu zu
fassen. Pflanzen wären homöopathisch zu düngen, die Wintersaat durch
Phytotherapeutik zu kräftigen, die Toxikologie anthroposophisch auf den
Kopf zu stellen (siehe hierzu Anonymus 1993). Dann wäre eine komplette
Neukonzeption der Physik und Chemie bis hin zur Energiegewinnung, zur
Konstruktion von Automobilen oder zur Informationsübertragung fällig. Aber
so schlimm wird es nicht kommen.
4. Führt uns die derzeitige Popularität der »besonderen Therapieformen«
zurück in die Romantik? Das ist ausgeschlossen. Der Zeitpfeil der
Wissenschaft weist immer nach vom. Der Mensch wird künftig das Eine tun,
ohne das Andere zu lassen. Er wird die Vorteile der skeptischen
Schulmedizin konsumieren, aber die Tafel mit alternativen Blüten garnieren.
Er wird sich verhalten wie die Japaner zu ihren beiden Religionen. Den
ernsten Buddhismus brauchen sie bei den Schicksalsschlägen, wie Krankheit,
Alter, Tod. Die freundlicheren Geister des Shintoismus beschwören sie zu
den Höhepunkten, etwa Hochzeit und Geburt. Erst beide zusammen decken ihren
Bedarf.
Vielleicht ging ich für manchen Leser zu weit, indem ich die
arzneitherapeutische Welt in Skepsis und Glaube polarisierte. Ich tat dies,
um Ihren Blick durch Kontrastierung zu schärfen. Aber es gibt eine
gemeinsame Basis. Jeder homöopathisch, phytotherapeutisch oder
anthroposophisch orientierte Arzt muß sich der schulmedizinischen
Diagnostik und Therapie bedienen, wenn es die Situation des Patienten
erfordert. Jeder Schulmediziner muß seinen Patienten als Person anerkennen,
und nicht als reparaturbedürftigen Defektträger abstempeln. Das Bild von
Escher, das ich zum Abschluß zeige (Abb. 16), läßt aus einem
undifferen-zierten Hintergrund zwei gegensätzliche, aber komplementäre
Reihen von Figuren treten. Die Medizin der Zukunft sollte sie, wie gezeigt,
zusammenführen, ohne die Differenzen zu verwischen. Man erkennt in der
Begegnung sich selbst, indem man den anderen erkennt. Wenn der »Skeptiker«
dazu beigetragen hat, bin ich glücklich.