VORAB KÖNNTEN SIE DIESEN WICHTIGEN TEXT ÜBER DEN WISSENSCHAFTSBEGRIFF IN DER MEDIZIN LESEN :
Zum Wissenschaftsbegriff in der Medizin:
Und bitte auch dies :
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Fortsetzung auf Seite 2.
Dermatologie-Professor Dr.med.Rudolf Happle:
Schulmedizin und „Naturheilkunde"
Neun Thesen aus schulmedizinischer Sicht
Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Naturheilkunde" bzw. „Naturheilverfahren", und in welchem Verhältnis steht die Naturheilkunde zur Schulmedizin? Neun Thesen sollen zur Klärung dieses Verhältnisses, das häufig Mißverständnissen unterworfen ist, beitragen.
In der siebenten Novelle der Approbationsordnung für Ärzte wird gefordert, daß das Gebiet „Grundlagen, Möglichkeiten und Grenzen von Naturheilverfahren und Homöopathie" in den Prüfungsstoff der akademischen Medizinerausbildung aufgenommen wird. Diese Thematik aufgreifend, hat am 6. November 1993 an der Universität Marburg ein Studentensymposium über „Schulmedizin und Naturheilverfahren" stattgefunden. Daß bei dieser Veranstaltung die Naturheilkunde im eigentlichen Sinne so gut wie gar nicht erwähnt worden ist, kann nur denjenigen überraschen, der mit der hierzulande und heutzutage praktizierten Sprachregelung nicht vertraut ist. Die folgenden Thesen stellen einen Versuch dar, Klarheit in die verworrene Situation zu bringen.
These 1:
Notwendigkeit einer Klärung der Begriffe
„Schulmediziner" und „Naturheilkundige" sprechen verschiedene Sprachen. Sie sollten aber versuchen, sich zumindest darüber zu einigen, für welche Bereiche die Begriffe „Schulmedizin" und „Naturheilkunde" gelten sollen, da man sonst nur aneinander vorbeireden wird. (Die Worte „Naturheilverfahren" und „Naturheilkunde" werden in diesen Thesen als Synonyme aufgefaßt.)
These 2:
„Naturheilkunde" ist nicht Naturheilkunde.
Naturheilkunde im ursprünglichen und eigentlichen Sinne hat die Erforschung des therapeutischen Einflusses von Wärme, Kälte, Klima, Sonne, Luft, Meerwasser oder Diät zum Gegenstand. Dieses Wissensgebiet ist mit dem rationalen Denken vereinbar und deshalb integraler Bestandteil der „Schulmedizin". Heute ist jedoch in Deutschland dem Begriff „Naturheilkunde" von interessierter Seite eine andere Bedeutung untergeschoben worden. Aufgrund dieser allgemein etablierten Sprachregelung umfaßt der Begriff „Naturheilverfahren" alle medizinischen Konzepte, die sich mit rationalem Denken nicht begründen lassen. Ihre Basis ist zumeist eine metaphysische Überzeugung. Diese „Naturheilkunde" schließt auch solche Methoden ein, die mit „Natur" nichts zu tun haben (Beispiele: Eigenbluttherapie, „Amalgam-Ausleitung", „Neuraltherapie", chinesische Akupunktur; oft wird auch die Homöopathie mit einbezogen). Damit ist der Begriff „Naturheilverfahren" zu einem nebelhaften Propagandawort, einem Synonym für Pseudo-Naturheilverfahren, umgewertet worden. Integraler Bestandteil dieser „Naturheilkunde" sind die Gänsefüßchen, die in den vorliegenden Thesen durchgehend gebraucht werden, um einer Verwechslung mit der Naturheilkunde im eigentlichen Sinne vorzubeugen.
These 3:
„Schulmedizin" ist nicht „konventionelle Medizin"; „Naturheilkunde" ist nicht „unkonventionelle Medizin".
Die Konzepte der Schulmedizin unterliegen unausgesetzt dem Prozeß der Verifizierung oder Falsifizierung, d.h. sie werden immer wieder überprüft. Was heute als Lehrmeinung gilt, kann morgen als Irrtum erkannt und verworfen werden. Ein Wesensmerkmal der Schulmedizin ist somit, daß sie durchaus „unkonventionell" ist. Viele Konzepte der „Naturheilkunde" sind konservative Denksysteme, die sich über Jahrhunderte nicht gewandelt haben. Die Lehrsätze von Altmeistern, auf die man sich beruft, unterliegen nicht dem Prozeß der Verifikation oder Falsifikation, sondern man glaubt an sie aufgrund einer Konvention. Ein Wesensmerkmal vieler „naturheilkundlicher" Konzepte ist somit, daß sie durchaus „konventionell" sind.
These 4:
Das rationale Denken als Paradigma der Schulmedizin
In der Schulmedizin müssen sich alle Konzepte vor dem rationalen Denken verantworten; was vor diesem Kriterium nicht bestehen kann, wird nicht in die Lehre aufgenommen. Wesentliche Merkmale schulmedizinischer Konzepte sind Abstraktion, Möglichkeit zur Generalisierung, Reproduzierbarkeit der Daten, „Objektivierbarkeit" der Befunde. Der Begriff „rationales Denken" bedeutet, daß die Schulmedizin eine breitere Grundlage hat als die rein naturwissenschaftliche. Die Schulmedizin ist sich darüber im klaren, daß sich nur ein kleiner Teil menschlichen Krankseins erforschen und erklären läßt. Sie verzichtet auf den totalitären Anspruch, alles erforschen und erklären zu können. Sie ist sich bewußt, daß zum Arztsein mehr gehört als das, was als Prüfungsstoff abgefragt werden kann. Die Schulmedizin arbeitet analysierend und zerstückelnd; dennoch betreibt jeder gute Arzt im eigentlichen Sinne „Ganzheitsmedizin" (ohne dieses vielfach mißbrauchte Propagandawort für sich zu reklamieren).
These 5:
Kritik am rationalen Denken als Paradigma der „Naturheilkunde"
Die „Naturheilkunde" stellt das rationale Denken in Frage und läßt auch andere Denkmuster gelten. Diese haben eine metaphysische Dimension, für deren Anerkennung ein „Glaube" im religiösen Sinne vonnöten ist. Die Konzepte der „Naturheilkunde" betonen die Einzigartigkeit eines jeden kranken Menschen und richten sich gegen Abstraktion, Möglichkeit zur Generalisierung, Reproduzierbarkeit der Daten und Doppelblindversuche. Der metaphysische Ansatz erzeugt eine systemimmanente Sprache („paradigmenfreies Denken", „alternative Medizin", „ganzheitliche Betrachtung", „erweiterte Heilweisen"). Viele Konzepte der Naturheilkunde beruhen auf Wesensschau („ganzheitliche" Erklärung des Menschen und seiner Stellung im Kosmos; Ablehnung einer „partikularistischen Ontologie"; Annahme eines „ganzheitlichen Menschenorganismus-Gestaltkraftsystems"; Erkennbarkeit einer Gestaltungskraft jenseits des naturwissenschaftlichen Kausalitätsdenkens; „geistartige Lebenskraft" (vis vitalis)).
In der Tatsache, daß die Schulmedizin nicht alles erklären kann, sieht die „Naturheilkunde" eine „Krise der etablierten Medizin". Demgegenüber lehnt die Schulmedizin den totalitären Anspruch der „Naturheilkunde" ab, auch das Unerforschliche erklären zu können. Die Forderung, die Schulmedizin solle einen „Paradigmenwechsel" vollziehen und den metaphysischen Konzepten der „Naturheilverfahren" eine wissenschaftliche Basis nachträglich unterschieben, ist nicht erfüllbar.
These 6:
Bewertung des Plazeboeffektes in beiden Bereichen
Die Schulmedizin arbeitet in vielfältiger und intensiver Weise mit dem Plazeboeffekt. Doppelblindstudien sind ein Versuch, den Plazeboeffekt auszuschalten. Andererseits ist es eine unbezweifelbare Tatsache, daß „Naturheilverfahren" erhebliche Plazeboeffekte bewirken können. Dieses Phänomen ist intensiv erforscht und nichts Ungewöhnliches. Sofern mit einer „naturheilkundlichen" Methode mehr erreicht werden kann als ein Plazeboeffekt, kann sie verifiziert und damit Teil der Schulmedizin werden.
„Wer heilt, hat recht": Mit diesem Satz ist die Schulmedizin nicht einverstanden, da sie zwischen Plazeboeffekt und anderen Heilwirkungen unterscheidet. In der Therapie fordert das „schulmedizinische" Denken den Wirkungsnachweis durch Vergleich mit Kontrollen (nicht immer müssen es Doppelblindstudien sein). Das „naturheilkundliche" Denken vertraut auf die Erfahrung („Erfahrungsheilkunde").
These 7:
Zweifel versus Glaube in Schulmedizin und „Naturheilkunde"
Ein Wesenszug schulmedizinischen Denkens ist der Zweifel. Im Umgang mit dem Patienten muß der „schulmedizinische" Arzt stets abwägen, wieviel „Zweifel" der Patient ertragen kann. Das schulmedizinische Idealziel ist der mündige Patient, der über ein Maximum an Information verfügt, um selbst über die Behandlung mitzuentscheiden. (Aus vielfältigen Gründen wird dieses Idealziel oft nicht erreicht.) Ein Wesenszug „naturheilkundlichen" Denkens ist der Glaube. Das „naturheilkundliche" Idealziel ist der Patient, der an den heilenden Arzt und seine Konzepte glaubt. Hierin liegt die Stärke der „Naturheilkunde", aber auch ihre Schwäche, denn wissenschaftliches Denken schließt stets den Zweifel mit ein.
These 8:
„Natur" als Ersatzreligion?
In einer Zeit zunehmender Entfremdung von den Glaubensinhalten der etablierten Kirchen bleibt die urtümliche Sehnsucht des Menschen nach metaphysischer Bindung unerfüllt und sucht nach einem Ersatz. Das Wort „Natur" bekommt für manchen eine religiöse Dimension. Die Stärke der „Naturheilkunde" liegt darin, daß sie ein religiöses Grundbedürfnis des Menschen zumindest teilweise befriedigen kann. Mit anderen Worten: gerade der Umstand, daß die Konzepte der „Naturheilkunde" nicht mit dem rationalen Denken vereinbar sind, macht sie für viele Menschen so attraktiv.
These 9:
Freiheit der Meinungen und metaphysischen Überzeugungen ist nicht zu verwechseln mit „Wissenschaftspluralismus".
Die Freiheit, verschiedene metaphysische Überzeugungen zu entwickeln und zu bekennen auch in Bezug auf Krankheit und Kranksein, ist in einer demokratisch verfaßten Gesellschaft unverzichtbar. Jedem Arzt steht es frei, „naturheilkundlichen" Glaubensrichtungen anzuhängen und seine Patienten entsprechend zu behandeln. Diese Freiheitsgarantie ist jedoch nicht gleichzusetzen mit „Wissenschaftspluralismus". Die Hochschulmedizin muß vielmehr darauf achten, den Prüfungsstoff freizuhalten von metaphysischen Kategorien. Die Frage, was wir an einer medizinischen Fakultät mit dem rationalen Denken für vereinbar halten sollen und was nicht, entzieht sich grundsätzlich der Verfügungsgewalt einer staatlichen Anordnung.
Autor:
Rudolf Happle, Dr. med., Univ.-Professor, Dermatologie u. Venerologie, Geschäftsführender Direktor der Dermatologischen Klinik, Universität Marburg
Forschung & Lehre 8/94, S. 346-348