Und hier die oben erwähnten Artikel nochmal im Volltext:
FAZ, Die Gegenwart, 13.03.2002, Nr. 61, S. 12
BLUT UND BOHNEN
Der Paradigmenwechsel im Künast-Ministerium ersetzt Wissenschaft durch Okkultismus / Von Peter Treue
"Der tierische Organismus lebt im ganzen Haushalt der Natur darin. Von vorne nach hinten im Tier: Von der Schnauze gegen das Herz zu hat es die Saturn-, Jupiter-, Marswirkungen, in dem Herz die Sonnenwirkung, dahinter gegen den Schwanz zu die Venus-, Merkur- und Mondwirkung . . . Das vom Mond zurückgestrahlte Sonnenlicht ist ganz unwirksam, wenn es auf den Kopf eines Tieres scheint. Aber diese Dinge gelten namentlich für das Embryonalleben. Das Mondlicht entfaltet seine größte Wirkung, wenn es auf den Hinterteil eines Tieres scheint."
Das sind Einsichten Rudolf Steiners. Er tat sie 1924 in Koberwitz bei Graf Keyserling kund, in acht Vorträgen über "geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft". Steiner, der Gründervater Anthroposophie, legte mit diesem Vortragszyklus den Grundstein für die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die radikalste Spielart des heutigen Ökolandbaus. Die Anthroposophie ist eine Geheimwissenschaft. Sie ist zwar in den Schriften Steiners öffentlich zugänglich, erschließt sich jedoch angeblich nur "Eingeweihten". Die höchste Stufe der Einsicht befähigt zur Lektüre der imaginären "Akasha"-Chronik, die nur seherisch erfaßt werden kann. Allerdings hat das seit Steiner, soweit bekannt, kein Anthroposoph mehr erreicht. Die Anthroposophen glauben an Reinkarnation und Karma, an Äther-, Astral- und andere Leiber und leiten die Entwicklung der Menschheit von "Planetenzeitaltern" ab. Der anthroposophische Okkultismus erfährt heute einen bemerkenswerten Aufschwung.
Das aktuelle Schlagwort "Agrarwende" der grünen Ministerin Künast umfaßt auch die Erhebung dieses sektierischen Kultes in die Reihen der ernstzunehmenden Wissenschaften. Denn der ökologische Landbau, dessen massive Ausdehnung Frau Künast ununterbrochen fordert, ist in seinen Grundfesten ein Kind des Rudolf Steiner und einer Zeit, in der es vor allem darauf ankam, gesund, natürlich und rassisch rein zu sein.
Blondheit, Gescheitheit und terrestrische Kräfte.
"Aber mit der Zeit verliert sich die Blondheit, weil das Menschengeschlecht schwächer wird. Und die Erdenmenschheit würde vor der Gefahr stehen, daß die ganze Erdenmenschheit eigentlich dumm würde, wenn nicht das kommen würde, daß man eine Geisteswissenschaft haben wird, eine Anthroposophie, die nicht mehr auf den Körper Rücksicht nimmt, sondern aus der geistigen Untersuchung selbst heraus die Gescheitheit wieder holt, wenn ich so sagen darf . . . Die blonden Haare geben eigentlich Gescheitheit. Geradeso wie sie wenig in das Auge hineinschicken, so bleiben sie im Gehirn mit ihren Nahrungssäften, geben sie ihrem Gehirn die Gescheitheit. Die Braunhaarigen und Braunäugigen, und die Schwarzhaarigen und Schwarzäugigen, die treiben das, was die Blonden ins Gehirn treiben, in die Haare und Augen hinein." So Rudolf Steiner in seiner Schrift "Über Gesundheit und Krankheit. Grundlagen einer geisteswissenschaftlichen Sinneslehre". Dergleichen würde heute, öffentlich vorgetragen, entrüstete Reaktionen hervorrufen. Statt dessen wird der Geist Rudolf Steiners vielfach beschworen, wenn es um die Dringlichkeit einer "Agrarwende" geht.
Rudolf Steiner wurde 1861 in Kraljevica (Kroatien) als Sohn eines österreichischen Eisenbahnbeamten geboren. Er besuchte die Schule in Wien und studierte dort Mathematik. 1897 ging er nach Berlin, wo er literarische Zeitschriften herausgab. Von 1899 bis 1905 war er Lehrer an einer "Arbeiter-Bildungsschule", dort entwickelte er sein anthroposophisches Weltbild. Das führte zum Bruch mit der "theosophischen Gesellschaft", deren Generalsekretär Steiner seit 1902 war. Jene Gesellschaft, gegründet von der russischen Wahrsagerin Helene Blavatsky, hing "altindischen" Erlösungslehren an. Präsidentin der "theosophischen Gesellschaft" war zu Steiners Zeit Annie Besant. Nach dem Bruch hieß es in Mitteilungen der Theosophen, Steiner habe Prophet, okkulter Lehrer und Beamter zugleich sein und die Leitung an sich reißen wollen. Dieses Muster - Abfall von Führungspersönlichkeiten und Neugründung einer auf sie zugeschnittenen Gemeinschaft - ist typisch für die vielen Sekten- und Zirkelgründungen jener Zeit. Um seinerseits den Bruch deutlich zu machen, nannte Steiner fortan seine Lehre "Anthroposophie" und seine 1913 begründete Gemeinde "Anthroposophische Gesellschaft". Den Begriff der "Anthroposophie" hatte er von Ignaz Troxler übernommen, einem Arzt und romantischen Naturphilosophen. Heute wird Steiner gelegentlich als Begründer der "Anthroposophischen Wissenschaft" bezeichnet.
Er selbst nannte seine Lehre, im Gegensatz zu den Naturwissenschaften, "die Geisteswissenschaft" schlechthin. Der eigentümliche Sprachgebrauch - den Wörtern wird eine andere als die gemeinverständliche Bedeutung unterlegt - ist ein weiteres Merkmal esoterischer Sekten. Denn in Wahrheit ist die Anthroposophie sowenig Wissenschaft, wie Astrologie und Wahrsagerei es sind. Das weltanschauliche Kernstück von Steiners Ideen bildet eine evolutionistische Reinkarnationslehre. Sie verdankt sich nach Auffassung der Anthroposophen nicht metaphysischer Spekulation, sondern Steiners persönlicher Einsicht in höhere Welten. Seine Anhänger wähnen ihn im Besitz seherischer Gaben, er selbst beanspruchte die Fähigkeit zur "Hellsicht". Untersuchungen über den Ursprung seiner komplexen Religionsschöpfung lassen aber eher vermuten, daß er auf Ideen von Annie Besant und Helene Blavatsky zurückgriff.
"Das hellseherische Eindringen in höhere Bewußtseinssphären durch eine okkultistische Trainierung, die siebengliedrige Natur des Menschen, die drei Welten mit den sieben Regionen der Seelenwelt und des Geisteslandes, die sieben planetarischen Zustände, die sieben Kulturstufen und die sieben Wurzelrassen, die ganze Akasha-Chronik, vor allem die Lehre vom Karma und der Wiederverkörperung, alles so ziemlich in der gleichen Weise begründet und beschrieben", schrieb Johannes Frohmeyer schon 1920 über Steiners Anthroposophie. Die vollständige Erleuchtung kann man in dem weit über dreihundert Bände mächtigen Lebenswerk Steiners nachlesen. Vielfach handelt es sich dabei um stenographische Aufzeichnungen mündlicher Äußerungen. Es gibt fast keinen Lebensbereich, den Steiner nicht mit seinen Einsichten bestrichen hat. Aber einflußreich wurden seine Auffassungen vor allem in der Pädagogik (Waldorf-Schulen), der "alternativen" Heilkunde und in der "biologisch-dynamischen" Landwirtschaft. Dank dieser drei Säulen wurden die Anthroposophen zur erfolgreichsten okkulten Bewegung Europas.
"Wenn wir Kosmos wirken lassen wollen, dann ist es nötig, das Irdische möglichst stark in das Chaos hineinzutreiben . . . Das noch nicht zum Chaos Gekommene, das weist in gewisser Weise das Kosmische zurück. Verwenden wir das beim Pflanzenwachstum, so halten wir das eigentlich Irdische in der Pflanze drinnen fest und es wirkt das Kosmische nur in dem Strom, der dann wiederum hinaufgeht bis zur Samenbildung. Dagegen wirkt das Irdische in der Blatt- und Blütenentfaltung usw. In das alles strahlt nur das Kosmische seine Wirkungen hinein." So Steiner in seinem landwirtschaftlichen Vortragszyklus.
Sein Werk gilt unter Anthroposophen bis heute als unantastbar, es stellt die ideologische Basis dieser esoterischen Weltanschauung dar. Und es ist die Basis der biologisch- dynamischen oder "organischen" Landwirtschaft, die in Deutschland heute vor allem durch den Anbauverband "Demeter" vertreten wird. Bald nach Steiners Vortragszyklus 1924 erprobte ein "Versuchsring anthroposophischer Landwirte" seine "Angaben" (so die anthroposophische Vokabel). Drei Jahre später wurde eine "Verwertungsgenossenschaft für Produkte der Biologisch-Dynamischen Wirtschaftsmethode" gegründet und 1928 das Markenzeichen "Demeter" eingeführt. Auf dem Fundament der Lehre Rudolf Steiners folgen die Verfechter dieser Wirtschaftsweise bis heute seinen Anweisungen. So vergraben die spirituellen Landwirte zum Beispiel Kuhhörner, gefüllt mit "Düngehilfsmitteln", bei Vollmond auf dem Acker. Horn sei durchlässiger für kosmische Energie als andere Materialien. Zermahlene Kiesel und Kuhmist, in denen sich die kosmische Energie besonders anreichern soll, werden in den Boden eingearbeitet. Mist von "gesundem Weidevieh" wird deshalb verwendet, weil er sich zum "Aufsammeln terrestrischer Kräfte" am besten eigne. Zusätzlich wird der Boden mit speziellen "Heilpflanzen"-Extrakten besprüht, um deren "urwüchsige Kraftquellen" nutzbar zu machen. Besonders empfahl Steiner den "stark kieselhaltigen" Ackerschachtelhalmtee.
Steiner wies in Koberwitz ausdrücklich darauf hin, daß seine Präparate in geringsten Mengen wirksam seien, "was für den Landwirt von großem wirtschaftlichem Vorteil" sei. Unter Anlehnung an die Homöopathie erhob er die Wirkung "kleinster Entitäten" zu einem Hauptprinzip der biologisch-dynamischen Düngung. Sogenannte "Portionen" von ein bis zwei Gramm sollen ausreichen, um ein Viertel bis ein Drittel Hektar "abzudüngen", also etwa 3000 Quadratmeter. Diese Praxis erscheint schon angesichts der Menge natürlich vorkommender Pflanzenbestandteile und sonstiger organischer Substanz im Boden geradezu aberwitzig.
Vorreiter dieser landwirtschaftlichen Praktiken waren der "Reichsverband für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise in Landwirtschaft und Gartenbau e.V." und der Anbauverband "Demeter". Einer der Reichsverband- Vorsitzenden, der ehemalige Reichskanzler Michaelis, unterstützte die Demeter-Gründung tatkräftig. Gegründet als "Versorgungs-Genossenschaft Demeter e.G.m.b.H." in Bad Saarow, wurde die Genossenschaft 1931 in den "Demeter-Wirtschaftsbund" umgewandelt. Der Reichsverband für biologisch- dynamische Wirtschaftsweise ging am 20. Februar 1935 in ein Verhältnis "gegenseitiger Förderung und enger Zusammenarbeit" mit der "Deutschen Gesellschaft für Lebensreform e.V." in München, die wiederum Mitglied des "Sachverständigen Beirates für Volksgesundheit" in der Reichsleitung der NSDAP war. Dieser Sachverhalt könnte ein Grund dafür sein, daß trotz der Auflösung der Anthroposophischen Gesellschaft am 15. November 1935 durch eine Verordnung der Gestapo zum "Schutz von Volk und Staat" eine Weiterführung der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise nach Rudolf Steiner durch den nationalsozialistischen Staat geduldet und gefördert wurde.
Dabei gingen Verfechter des biologisch-dynamischen Landbaus einst wesentlich freundlicher mit der Ideologie des "Dritten Reiches" um, als sie heute wahrhaben wollen. Das Organ für biologische Wirtschaftsweise "Bebauet die Erde" zeigte sich 1940 erfreut darüber, daß der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, Darré, sich für eine "vernünftige und undogmatische Auswertung" der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise aussprach. Enthusiastisch schrieb der Anthroposoph Ewald Könemann:
"Dazu kommt, daß auch von einer anderen Seite die biologische Frage sowohl im allgemeinen als auch im besonderen reif geworden ist. Zunächst ist im neuen Deutschland die Biologie politisch von Bedeutung geworden durch die Erkenntnis der Rassenfrage, die Darré ausgeweitet hat in dem Begriff ,Blut und Boden', das heißt er sieht die Erhaltung der Rasse unmittelbar mit dem Boden verbunden. Gleichzeitig aber machte sich eine Bewegung geltend, die die biologischen Fragen der Lebensweise vertiefte und eine Wissenschaft der Naturmedizin schuf. Genau genommen bedeutet dies nichts anderes als Rassehygiene."
Magische Landwirtschaft. Das Streben nach "Gesundheit des Bodens" und die vom Nationalsozialismus propagierte "Volksgesundheit" gingen eine unheilige Allianz ein. Rudolf Steiner war bestimmt kein Nationalsozialist, zumal da er bereits am 30. März 1925 in Dornach bei Basel gestorben ist. Doch das metaphysische Konglomerat, das ihn hervorgebracht hat, gehört auch zu den Quellen der nationalsozialistischen Bewegung. Und seine unverhüllt rassistischen Auslassungen muß man dem Strom zurechnen, der schließlich in die Verbrechen der Nazionalsozialisten mündete. Insgesamt wurden die Anthroposophen schließlich von den Nationalsozialisten als weltanschauliche Konkurrenten wahrgenommen, wie auch das Verbot der "Demeter"-Organisation von 1941 erweist. Das ändert aber nichts daran, daß Versatzstücke der anthroposophischen Lehren bei Nationalsozialisten auf fruchtbaren Boden fielen.
Die Vorgänge verdienen also eine sensible Betrachtungsweise. Davon ist Bundesministerin Künast weit entfernt. Sie hat inzwischen genügend Nachhilfe in Sachen Landwirtschaft genommen, um selbstbewußt im Sinne der Anthroposophen argumentieren zu können. In den BSE- und MKS-Fällen, die sie an die Spitze des Ministeriums gespült haben, sah sie eine historische Chance: "Es hat sich eine Tür aufgetan. Wenn man auf Rudolf Steiner zurückgeht, dann haben sich die Menschen seit den zwanziger Jahren für einen nachhaltigeren Umgang mit der Natur eingesetzt. Es war immer eine kleine radikale Minderheit."
Diese kleine radikale Minderheit hält jetzt - über die Grünen - die Fäden der Landwirtschaftspolitik in der Hand. Das Feindbild, "Profitbauern" und "Agrarfabriken", ist klar definiert, der gemeine Landwirt produziert "Masse statt Klasse". Dem stellt die Ministerin das elysäische Panorama ökologischer Landwirtschaft gegenüber. Da erwies sich der Beirat des Ministeriums allerdings als Hindernis. Den dort vertretenen Agrarwissenschaftlern leuchten Einsichten wie die folgende einfach nicht ein:
"Im Apfel ißt man den Jupiter, in der Pflaume den Saturn . . . Das Minderwertiger-Werden der Produkte . . . hängt zusammen ebenso wie die Umwandlung der menschlichen Seelenbildung mit dem Ablauf des Kali-Yuga im Weltall" (aus Steiners Vortragszyklus von 1924).
Nachdem die Unabhängigkeit des wissenschaftlichen Beirats durch eine Satzungsänderung zerstört wurde, trat er geschlossen zurück. Jetzt kann sich Frau Künast ihre Berater danach aussuchen, welchen Rat sie wünscht. Künasts Staatssekretär Müller, auch ein Grüner, sah damit nur ein Hindernis für die Neuausrichtung der Agrarpolitik zum ökologischen Landbau beseitigt. Und das stimmt wohl auch. Wissenschaftliche Argumente zählen nicht, das Sagen haben Ideologen. Auf der Homepage des Verbraucherministeriums wird, im Zusammenhang mit dem ökologischen Landbau, der anthroposophischen Methode das Wort geredet:
"Der ökologische Landbau ist keine Modeerscheinung. Schon 1924 wurde die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise eingeführt. Auch andere Formen des ökologischen Anbaus, wie der organisch-biologische oder der naturgemäße Landbau, haben eine lange Tradition."
Der schleichende Paradigmenwechsel fand schon vor Jahrzehnten statt. Mit Beginn der siebziger Jahre wurden an deutschen Agrarfakultäten die ersten Lehrstühle für ökologischen Landbau eingerichtet, zum Teil unter erheblichen universitätsinternen Protesten - wie in Kassel, wo der damalige Präsident der Gesamthochschule, Ernst Ulrich von Weizsäcker, die Initiative ergriff. Ein Erfolgsrezept war und ist die undurchsichtige Verquickung von anthroposophischer Lehre und vorgeblich naturwissenschaftlicher Methodik.
Daß einer "auf höheren Einsichten" basierenden Weltsicht mit Naturwissenschaften nicht beizukommen ist, wissen auch die Anthroposophen. Steiner behauptete ohnehin, daß die Naturwissenschaften gar nicht anders könnten, als nachträglich Erkenntnisse zu gewinnen, die er dank seiner "Geisteswissenschaft" schon vorher schaute. Schon in den dreißiger Jahren gelangten Agrarwissenschaftler durch vergleichende Forschungen zu dem Ergebnis, daß es keine meßbaren Qualitätsunterschiede zwischen landwirtschaftlichen Produkten aus biologisch-dynamischer und konventioneller Wirtschaftsweise gibt. Daher mußten eigene Prüfverfahren eingeführt werden. Jedoch können nur Anthroposophen sie anwenden. Beispiele dafür sind die 1930 vorgestellten sogenannten "bildschaffenden Methoden", die die "innere Qualität, das Charaktervoll-Arttypische" von Lebensmitteln sichtbar machen sollen, indem man das Wachstum und die Ausbildungsform von Kristallen aus Säften und Pflanzenextrakten frei interpretiert.
Die ideologisierte Richtung des Ökolandbaus ist eben untrennbar mit der esoterisch vernebelten Welt- und Natursicht verbunden. Attribute wie "natürlich, biologisch, organisch, gesund" und "ganzheitlich" - mit ihrer für die Gläubigen spezifischen Bedeutung - gehören ebenso dazu wie der Glaube an die Kraft der Steine und Gestirne. Steiner:
"Das Wasser ist nicht nur aus H und O zusammengesetzt, das Wasser weist die Wege im Erdenbereich denjenigen Kräften, die zum Beispiel vom Mond kommen, so daß das Wasser die Verteilung der Mondkräfte im Erdbereich bewirkt" (landwirtschaftlicher Vortragszyklus).
"Mondkräfte" spielen in der anthroposophischen Landwirtschaft eine besondere Rolle. Obwohl schon Untersuchungen in den dreißiger Jahren einen wie auch immer gearteten Einfluß des Mondes auf das Pflanzenwachstum für unwesentlich befunden haben, wird bis heute an einigen Instituten dahin gehend geforscht. 1995 fand die Dritte Wissenschaftstagung zum ökologischen Landbau statt. Tagungsort war die Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Den ersten Plenarvortrag hielt Dr. Wolfgang Schaumann aus Bad Vilbel. Schaumann führte aus, daß Steiner mit seinem landwirtschaftlichen Vortragszyklus zu Menschen gesprochen habe, "die sich mit seinem bisherigen Werk, der Anthroposophie, schon beschäftigt hatten. Diese Voraussetzung muß daher eigentlich auch heute noch erfüllt werden, was aber nur selten der Fall ist".
Steiners "Kurs", wie Schaumann die Vorträge nennt, sei "eine geistig außerordentlich anspruchsvolle Kost. Es setzt eine sehr starke geistige Bemühung voraus, eine Beschäftigung mit den Grundlagen der Anthroposophie und gewissermaßen ein Leben mit den Inhalten." Statt dessen würden die Studenten mit "Spezialwissen vollgestopft". Die "Wurzel des Problems" sei die "Art der Bildung" in Deutschland. " Die Ausführungen endeten mit der Feststellung:
"Sie sehen, es ist ganz ungeheuer viel zu tun und das nicht deshalb, weil wir irgendwelche Sonderlinge sind, die sich seltsame Fragen einfallen lassen, sondern weil die Geschichte des Abendlandes dorthin strebt und weil die Welt, wo man hinblickt, gewissermassen laut danach ruft, daß es endlich mit genügender Intensität geschehe."
Das war der einleitende Beitrag einer wissenschaftlichen Tagung an einer staatlichen Universität! Schaumann forderte nichts anderes als eine Abkehr von wissenschaftlicher Bildung. Unverhüllt tritt hier der Anspruch einer okkulten Lehre zutage, durchgreifenden Einfluß auf das Bildungswesen in unserem Staat zu gewinnen. Was an anthroposophischen Waldorf-Schulen mit Kindern begonnen wird, die Vermittlung einer esoterischen Mythologie, die Runenlehre, das Rechnen mit Pentagrammen, die Erziehung zu heiliger Ehrfurcht und Scheu - wie Steiner es ausdrückte -, das soll an den Hochschulen fortgesetzt werden.
Die anthroposophische Medizin nach Rudolf Steiner wird heute allein in Deutschland in etwa 1000 Krankenhäusern und von 6000 Ärzten praktiziert. Trotz enormer Widersprüche der Anthroposophie zu den Naturwissenschaften fühlen sich Anwender dieser Methode nicht daran gehindert, eine Arzneimittellehre zu entwickeln, die auf dem Denkraster der Viergliederung des Menschen in physischen, Äther-, Astral- und Lichtleib beruht. Metalle (primär Gold-, Kupfer-, Eisen-, Quecksilber-, Zinn-, Silber- und Bleiverbindungen) dienen zur "Behandlung" des "unbelebten Leibes", wobei angebliche Zusammenhänge frei behauptet werden. So steht das Metall Blei den Anthroposophen für die Wirkung des Planeten Saturn und hat als "Zielorgan" die Milz, Gold hingegen steht für die Sonnenwirkung und zielt auf das Herz, Silber sei mit dem Mond verbunden und wirke auf das Gehirn. Diese Denkweisen und Praktiken sind nicht wissenschaftlich, sondern magisch, wie die biologisch-dynamische Landwirtschaft.
Solchen Ansätzen hat sich jedoch beispielsweise das im Jahr 2000 gegründete Versuchsgut für den ökologischen Landbau in Trenthorst bei Lübeck verschrieben. Es wird von Gerold Rahmann geleitet, dessen anthroposophische Ausrichtung erst jetzt zutage trat. Am Institut für organischen Landbau der Universität Bonn wird zur Zeit eine prüfungsrelevante Vorlesung abgehalten mit Inhalten wie geisteswissenschaftliche Grundlagen der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise, goethanistisches Naturverständnis und Erkenntnisweg, Nutzung chronobiologischer Rhythmen, bildschaffende Methoden und Phänomenologie.
Wie nicht erst diese Beispiele zeigen, steht der wissenschaftliche Ansatz in Forschungseinrichtungen des ökologischen Landbaus zur Disposition. Gleichwohl sind nicht alle Institute, an denen zum Ökolandbau geforscht wird, Horte ideologischer Hardliner. Integrierende Ansätze zur Ökologisierung der Landwirtschaft, wie sie am Kieler Lehrstuhl für Grünland und Futterbau/Ökologischer Landbau oder in Dänemark erarbeitet werden, können wichtige Impulse auch für die konventionelle Landwirtschaft liefern. Ein ergänzendes Miteinander statt ideologischer Grabenkämpfe ist vonnöten. Aber das erfordert auch eine harte und deutliche Auseinandersetzung der Wissenschaftler mit den radikalen pseudowissenschaftlichen Ansätzen der Anthroposophie.
Esoterik, Astrologie und Okkultismus haben an staatlich unterstützten Forschungseinrichtungen nichts zu suchen. Ein wissenschaftlicher und vor allem öffentlicher Diskurs über die historischen Grundpfeiler des Ökolandbau-Gebäudes und bestimmte gegenwärtige Ausrichtungen sind unerläßlich. Doch auch die konventionelle Landwirtschaft trägt einen großen Teil Mitschuld an dieser Entwicklung. Unfreiwillige Schützenhilfe erhielt die ideologische und radikale Ökofraktion nämlich zuhauf: Es war der oft zielund gedankenlose Einsatz von Herbiziden und Insektiziden, heute noch als Pestizide verrufen, der immer noch grassierende Einsatz von Hormonen und Antibiotika in der Tierzucht und eine oftmals ignorante Haltung der Funktionäre, welche eine zunehmend kritische Verbrauchergeneration in die Bioläden trieb. Daß die SPD das Landwirtschaftsministerium komplett den Grünen überließ - Ministerin und Staatssekretär -, es also praktisch aus dem Bereich eigener Interessen gestrichen hat, ist eine Folge der BSE-Affäre.
Heute rennen zahlreiche, ehemals konventionell ausgerichtete Bauern dem Zeitgeist hinterher und spielen mit dem Gedanken, ihren Betrieb auf "Öko" umzustellen. Das Ganze ist, und damit wirbt auch "Demeter", ein großes Geschäft. Für viele Landwirte dürfte der Umweltgedanke nicht das wichtigste Argument sein. Doch wird die Rechnung unter Umständen nicht aufgehen. Die von Frau Künast geforderten zehn Prozent "ökologisch" produzierter Produkte würden zu einem starken Preisverfall führen. Und nur durch zum Teil sehr hohe Preise können Ökobetriebe und -produzenten überleben.
Chemie nie! Natur pur!
Man sollte auch die Nachteile der "ökologischen" Produktionsweise nicht aus dem Auge verlieren - etwa die hohen Ertragseinbrüche und Qualitätsverluste bei Getreide. Es ist ohne mineralische Stickstoffdüngung so gut wie unmöglich, backfähigen Qualitätsweizen zu produzieren, der sich durch einen besonders hohen Proteingehalt und gute Klebereigenschaften auszeichnet. Doch gerade die mineralische Stickstoffdüngung ist in das Fadenkreuz der Agrarwende geraten. Basierend auf dem strikten Mineraldüngerverbot durch die Richtlinien der Öko-Anbauverbände wird das in unseren Breiten effizienteste Werkzeug zur Ertrags- und Qualitätsbildung von Getreide verteufelt.
Auch diese Beschränkung geht direkt auf Rudolf Steiner zurück, der forderte, daß keinerlei Kunstdünger mehr zur Anwendung kommen dürfe. "Das Streben nach Höchstqualität wäre dann vergeblich." Mineraldünger sei "tot" und würde deshalb mit den Maßnahmen der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise, "die überall das Leben fördern sollen", nicht harmonieren. Berechtigte ökologische Fragestellungen, zum Beispiel zur Nitratauswaschung ins Grundwasser, waren in diesem Zusammenhang ohne Bedeutung. Aber auch die heute aktuellen ökologischen Zielsetzungen werden auf "biologisch-dynamischem Wege" nicht zwangsläufig erreicht. Das ist nicht etwa eine Anspielung auf den Fund des Wachstumsregulators Chlormequat in den Babygläschen des "Demeter"-Herstellers Sunval.
Einige Agrarökonomen sind der Ansicht, daß die Anbaurichtlinien des ökologischen Landbaus nie darauf überprüft wurden, ob sie tatsächlich auf effiziente Weise die Umweltziele erreichen. Möglicherweise gibt es Landbaumethoden, die nachhaltiger als der Ökolandbau sind. Selbst beim unbestreitbar wichtigen Thema Tierschutz muß die Ökolandwirtschaft Probleme einräumen, so bei Fragen der Milchviehhaltung.
"Chemie nie! Natur pur!" steht auf den Brötchentüten einer Bioland- Vertragsbäckerei. Bioland gilt als einer unter den zum Teil zerstrittenen Anbauverbänden, der ideologische Ansätze nicht unterstützen will und sich von diesen absetzte. Ist diese etwas schlichte Werbung nicht Sinnbild für die gesellschaftliche Entwicklung? So harmlos sich die Worte auf der Tüte auch ausnehmen: Sie sind Beleg für die Abkehr von einer wissenschaftlichen und realistischen Weltsicht hin zum Irrealen und Übernatürlichen. Dieser Prozeß hat sich in die Schulen und Universitäten eingeschlichen, er spielt sich tagtäglich auf allen Fernsehkanälen ab - und auch in einigen Köpfen von Entscheidungsträgern. Während weltweit an der Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes geforscht wird und Teilchenphysiker der Kraft auf der Spur sind, die "die Welt im Innersten zusammenhält", lassen wohlmeinende deutsche Eltern ihre Kinder nicht mehr impfen. Der Staat selbst finanziert direkt und indirekt die Verbreitung pseudowissenschaftlicher Lehren. Die Pisa-Studie bescheinigte unserem Land niederschmetternde Bildungsergebnisse. Gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern gibt es einen großen Mangel an Lehrkräften. Hat Steiner auch das vorhergesehen? "Unser Denken hört auf, und unser Kopf wird der Schauplatz des Wirkens der höheren Hierarchien."
http://www.nitrogen.de/bub/faz.htm
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Unterwandert von Anthroposophie
Bildung, Medizin und Landwirtschaft werden zunehmend von okkulten Vorstellungen der Anthroposophie bestimmt. Mit der “grünen" Ministerin Renate Künast gerate die gesamte Agrarpolitik der Bundesregierung unter den Einfluß des Begründers der Anthroposophie, Rudolf Steiner (1861-1925), kritisiert der Agrarwissenschaftler Peter Treue (Kiel). In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verweist er darauf, daß Steiner die Grundlagen für die biologisch-dynamische Landwirtschaft als radikalste Spielart des Ökolandbaus gelegt habe.
Die “Agrarwende" der Bundeslandwirtschaftsministerin umfasse auch "die Erhebung dieses sektiererischen Kultes in die Reihen der ernstzunehmenden Wissenschaften". Treue: “Die ideologisierte Richtung des Ökolandbaus ist eben untrennbar mit der esoterisch vernebelten Welt- und Natursicht verbunden. Attribute wie ’natürlich, biologisch, organisch, gesund' und ’ganzheitlich' - mit ihrer für die Gläubigen spezifischen Bedeutung - gehören ebenso dazu wie der Glaube an die Kraft der Steine und Götter."
Treue erinnert ferner daran, daß Teile der nationalsozialistischen Rassenlehre und der Ideologie von “Blut und Boden" von Anthroposophen gestützt worden seien. Die Öko-Marke Demeter gehe ebenfalls auf eine anthroposophische Genossenschaft in den zwanziger Jahren zurück.
Kosmische Kräfte spielen eine große Rolle: “So vergraben die spirituellen Landwirte zum Beispiel Kuhhörner, gefüllt mit ’Düngehilfsmitteln', bei Vollmond auf dem Acker. Horn sei durchlässiger für kosmische Energie als andere Materialien. Zermahlene Kiesel und Kuhmist, in denen sich die kosmische Energie besonders anreichern soll, werden in den Boden eingearbeitet. Mist von ’gesundem Weidevieh' wird deshalb verwendet, weil er sich zum ’Aufsammeln terrestrischer Kräfte' am besten eigne." (...)
Die Anthroposophie beeinflusse zunehmend auch andere Bereiche der Gesellschaft. So versuche die “okkulte Lehre", Einfluß auf das Bildungswesen und die Wissenschaft zu nehmen: “Was an anthroposophischen Waldorf-Schulen mit Kindern begonnen wird, die Vermittlung einer esoterischen Mythologie, die Runenlehre, das Rechnen mit Pentagrammen, die Erziehung zu heiliger Ehrfurcht und Scheu - wie Steiner es ausdrückte - das soll nun an den Hochschulen fortgesetzt werden." Auch die anthroposophische Medizin breite sich aus. Sie werde an etwa 1.000 Krankenhäusern und von 6.000 Ärzten in Deutschland praktiziert. So basiere eine Arzneimittellehre auf der Gliederung des Menschen in Äther-, Astral- und Lichtleib. Metalle würden dabei in folgender Weise zur “Behandlung" angewandt: Blei stehe für die Wirkung des Planeten Saturn und habe als “Zielorgan" die Milz, Gold stehe für die Sonnenwirkung und ziele auf das Herz, Silber sei mit dem Mond verbunden und wirke auf das Gehirn.
http://www.vision2000.at/2002/vision6-02/26_06.htm
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Am Ende des Weges: Magie als Kassenleistung?
Die Jünger STEINERs in der Gesundheitspolitik
Prof. Klaus-Dietrich Bock
Prof. Manfred Anlauf
Die "Weltschau" der Anthroposophie RUDOLF STEINER´s kann als eine esoterisch-okkultistische Geheimwissenschaft mit Elementen aus der Kosmologie, der Astrologie, der Alchemie, der Homöopathie, fernöstlichen Lehren u. a. zusammengefasst werden.
Das Karma, die vier Wesensglieder ("Leiber") des Menschen, eine vermeintliche Dreigliederung des Menschen und der Gestalt der Pflanzen, daraus konstruierte physiologische, pathologische und therapeutische Zusammenhänge, postulierte Beziehungen zwischen Gestirnen, irdischen Metallen und Körperorganen, aus denen
absurde Therapieverfahren abgeleitet werden, und vieles andere wurde von STEINER ohne jegliche empirische Basis zu einer mystischen Gesamtschau der Welt und des Menschen vereinigt. KANT bezeichnete solche Grundanschauungen von der Geistigkeit der Welt als "Metaphysik der faulen Vernunft", womit ein Totalwissen gemeint ist, das
unter Missachtung der Grenzen der Erkenntnis das Ganze schon zu kennen meint, bevor auch nur ein Einzelproblem erforscht worden ist (ULLRICH 1988). Es handelt sich weder um Natur- noch um Geisteswissenschaft im üblichen Sinne, sondern um eine dogmatische, mystische Gesamtsicht der Welt, an die man glauben kann oder nicht. Man fragt sich, ob die meisten und oft einflussreichen Anhänger der Anthroposophie diese Hintergründe kennen, insbesondere die doch sonst so rational agierenden Wirtschaftsführer und Wissenschaftler, die sie fördern durch reichliche Spenden, ihre Anwesenheit in den Gremien der Privaten Universität Witten/Herdecke oder auch nur durch Ergänzung ihres Unterrichtsangebotes.
Man könnte die Anthroposophie als harmlose esoterische Sekte betrachten, die in einer liberalen Gesellschaft ohne weiteres ihren Platz haben kann. Viele Beispiele zeigen aber (siehe u.a. PETER TREUE in der FAZ vom 13.3.2002), dass die Anthroposophische Gesellschaft mit ihrer wenig durchsichtigen Struktur erheblichen politischen Einfluss ausübt. Nicht nur, dass sie Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, Altenheime, Wirtschaftsbetriebe, Pharmaunternehmen, Banken, eine Universität etc. betreibt, sie nimmt auch Einfluss auf Regierungshandeln und Gesetzgebung. Das Beispiel der Landwirtschaft ist eines, wobei der Biologisch-Dynamische Landbau die mystische anthroposophische Variante einer sonst ja durchaus erwünschten, aber auf rationalen Methoden basierenden ökologischen Landwirtschaft ist. Ein weit gravierenderes Beispiel ist der Einfluss auf das Gesundheitswesen, u.a. derzeit bei der Gesetzgebungsinitiative der Regierungskoalition, anthroposophische Arzneimittel in die
Erstattungspflicht der gesetzlichen Krankenkassen aufzunehmen
http://www.medizin.uni-koeln.de/kliniken…ositivliste.htm
Man muss in die Details gehen, um die Methoden zu erkennen und die Entwicklung zu verstehen. Beispielhaft waren die Vorgänge bei der Novellierung des Arzneimittelgesetzes (AMG) 1976, die einer von uns (B.) als damaliges Mitglied des Vorstandes der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft aus nächster Nähe erlebte. Die Regierung hatte einen Entwurf vorgelegt, der den damals mehr noch als heute chaotischen Arzneimittelmarkt mit einer Unzahl wirkungsloser und auch nicht ungefährlicher Medikamente ordnen sowie "Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit der Arzneimittel"( § 1 AMG) gewährleisten sollte, und zwar geprüft nach dem jeweils gesicherten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Das hätte das Ende zahlreicher unkonventioneller Therapierichtungen bedeutet. Daraufhin setzte, angeführt von den Anthroposophen, eine unglaubliche Lobbyarbeit zur Bearbeitung des Parlaments ein. Unter Missbrauch der wissenschaftstheoretischen Analysen von T.S.KUHN wurden die Begriffe "Methodenpluralismus" und "Wissenschaftspluralismus" eingeführt, womit die Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit jeglicher Medizintheorie suggeriert werden sollte. Die weltweit anerkannten Verfahren zum Wirksamkeitsnachweis wurden mit ethischen, juristischen und biostatistischen Argumenten angegriffen. Später erschien
das Buch eines Juraprofessors: "Arzneimittelprüfung. Strafbare Versuchsmethoden. 'Erlaubtes' Risiko bei eingeplantem fatalen Ausgang" mit einem Arzt in Handschellen auf dem Umschlagbild. Angeblich war die Therapiefreiheit bedroht. Es gab eine massive
Aktion zur persönlichen Beeinflussung der Abgeordneten - ein Ausschussmitglied erhielt z.B. an einem Tag 1500 gleichlautende Briefe. Man schreckte nicht einmal vor dem Versuch zurück, den für den Gesetzentwurf verantwortlichen Staatssekretär zu diffamieren: Der Abgeordnete UDO F. verschickte an eine Reihe von Professoren am
20.2.1975 die Photokopie einer sorgfältig anonymisierten Publikation aus dem Jahr 1970 über die Wirkung von Chloramphenicol auf die Blutbildung - mit der Frage, ob die Untersuchung ethischen Prinzipien entsprochen habe - was der Fall war, aber offensichtlich verneint werden sollte. Es kam heraus, dass einer der beiden unkenntlich
gemachten Autoren eben dieser Staatssekretär war.
Dass die anthroposophischen Auffassungen über Wirksamkeitsnachweise nicht nur bei uns, sondern auch international abgelehnt wurden, zeigte sich, nachdem die Herdecker Anthroposophen R. BURKHARDT und G.KIENLE ihre Vorstellungen über kontrollierte klinische Studien 1978 in "Lancet" publiziert hatten. Daraufhin trat eine 19köpfige
Gruppe von international renommierten Wissenschaftlern, darunter auch Ethiker, vom 13.-16. September 1979 zu einer Guest Conference der Ditchley Foundation zusammen. In ihrem ausführlichen Report begründeten sie die einhellige Ablehnung der methodischen und ethischen Einwände der Herdecker Autoren.
Was war das Ergebnis? Man erfand für das AMG die "Besonderen
Therapierichtungen" (Anthroposophie, Homöopathie, Phytotherapie), wobei für die Zulassung ihrer Arzneimittel eigene, bis heute bestehende Kommissionen gebildet wurden, zusammengesetzt aus deren Vertretern (u.a. mit Heilpraktikern), die nach eigenen Maßstäben entscheiden. Das wurde später mit dem neuen Begriff "Binnenanerkennung" auch im Sozialgesetzbuch verankert – ein Begriff, der nichts anderes besagt, als dass jedwede Therapierichtung für sich beschliessen kann, was wirksam ist.
Nicht genug damit: Da nach dem Gesetzentwurf die Zulassung zu versagen war, wenn die therapeutische Wirksamkeit fehlt, wurde in letzter Minute noch der Satz eingefügt:
"Die therapeutische Wirksamkeit fehlt, wenn feststeht, dass sich mit dem Arzneimittel keine therapeutischen Ergebnisse erzielen lassen" (§25(2)AMG). Damit wurde die Beweispflicht des Antragstellers für die Wirksamkeit umgekehrt in eine Beweispflicht der Zulassungsbehörde für die Unwirksamkeit, ein Beweis, den diese jedoch niemals erbringen kann; bei konsequenter Auslegung müsste die Behörde auch jedes Placebo zulassen, da auch Placebos, (d.h. Präparate ohne Wirksubstanz) psychologisch bedingte therapeutische Effekte haben können.
Die Zulassung nach verschiedenen, von Herstellern und Anwendern selbst gesetzten Standards hat bis heute gravierende Konsequenzen. Der Markt ist nach wie vor ungeordnet, die Nachzulassung Zehntausender seinerzeit im Handel befindlicher Medikamente hat sich immer wieder verzögert und soll nun bis 2005 beendet sein. Zahlreiche Prozesse wurden wegen der Kostenerstattung für zweifelhafte Therapien oft bis in die höchsten Instanzen geführt, mit widersprechenden Urteilen der überforderten Richter. Man streitet seit langem über Positiv-, Negativ- und Transparenzlisten und über die Erstattungspflicht in Kommissionen der Ärzte- und Kassenverbände - all dies wäre überflüssig mit einem eindeutig auf dem heutigen Wissensstand beruhendem Gesetz und einer kompetent besetzten, ausreichend ausgestatteten Zulassungsbehörde, die das tun würde, was § 1 AMG vorschreibt, nämlich nur wirksame und unbedenkliche Arzneimittel zuzulassen, und zwar geprüft nach dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis. Wollte man die unkonventionellen medizinischen Verfahren am Leben erhalten, wofür es zwar keine wissenschaftlichen, wohl aber offenbar politische Gründe gibt, z.B. die grosse Zahl von Beschäftigten in diesem gut verdienenden Sektor des Gesundheitswesens, wären hierzu andere Massnahmen, vielleicht ein eigenes Gesetz, erforderlich, nicht das Hineinmogeln der "Besonderen Therapierichtungen" in das Arzneimittelgesetz mit seinen wissenschaftlich begründeten Standards. Nicht nur, dass der Schutz der Bevölkerung vor Schäden durch bindende Vorschriften zum Nachweis der Unbedenklichkeit (chronische Toxizitätsprüfung, Embryotoxizität u.a.) statt durch "Binnenanerkennung" gewährleistet sein müsste, auch der Handel mit den Arzneimitteln neu auf den Markt drängender, nicht erfasster Therapierichtungen wie der chinesischen Medizin bedarf dringend der Kontrolle: Hier gibt es hohe Risiken durch Toxizität selbst in vermeintlich harmlosen Tees, oder es gibt Beimengungen von Pharmaka wie Cortison u.a. in derartigen Mitteln. Man muss sich von dem Gedanken freimachen, dass auf dem Gebiet der Aussenseitermedizin reine Idealisten eine naturgemässe, "sanfte" Medizin betreiben - vielmehr ist dies auch ein Tummelplatz geldgieriger Scharlatane, mit und ohne ärztliche Approbation, die die Patienten schamlos ausnehmen.
Man darf zweifeln, ob die meisten Parlamentarier seinerzeit begriffen haben, was für einem Gesetz sie zustimmten. Sie sind auf die Schlagworte Methoden- und Wissenschaftspluralismus , Therapiefreiheit u.ä hereingefallen und glaubten vermutlich, besonders liberal, oder, wie in der aktuellen Diskussion zu hören, besonders demokratisch zu sein, was immerhin auf eine willfährige Bedienung der Wählerklientel hinweist. Bewundernswert gesteuert wurde diese ja durchaus legitime Kampagne, darüber waren sich alle damaligen Beobachter einig, von den Anthroposophen. Sie zogen die anderen Besonderen Therapierichtungen mit, deren Vertreter ihnen intellektuell, vor allem aber auch hinsichtlich ihrer suggestiven Formulierungskünste nicht das Wasser reichen konnten. Trotzdem ist kaum ins öffentliche Bewusstsein gedrungen, wer hier die Fäden gezogen hat.
Ein weiteres Beispiel für das unauffällige, aber in seinem Einfluss auf die Politik sehr effiziente Wirken der Anthroposophen sind die Vorgänge 1977 um das anthroposophische Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. An die Medizinische Fakultät des Universitätsklinikum Essen war das Ansinnen gestellt worden, dieses Krankenhaus als akademisches Lehrkrankenhaus anzuerkennen. Dem Zeitgeist - und damit auch der Meinung nicht weniger Politiker - kam entgegen, dass ausgestreut wurde, dies sei ein "hierarchiefreies" Krankenhaus und die Chefärzte und deren Liquidationsrecht gäbe es dort nicht. In Herdecke liquidierten zwar nicht die Chefärzte selbst, dafür aber kräftig die Verwaltung, und die Vergütung der Chefärzte mit Geld und Sachleistungen blieb in wohltätiges Dunkel gehüllt.
Die Essener Medizinische Fakultät lehnte die Anerkennung des Herdecker Krankenhauses als Lehrkrankenhaus ab, und zwar ausschliesslich deshalb, weil dort eine Medizin betrieben würde, die in Theorie und Praxis mit der wissenschaftlichen Medizin unvereinbar sei. Dies wurde ausführlich begründet. Daraufhin kam es am 22.11.1977 im Düsseldorfer Landtag zu einer Kleinen Anfrage der FDP-Abgeordneten EIKMANN und GERIGK-GROHT an die Regierung, in der u.a. gefragt wurde, ob die Ablehnung mit dem Arzneimittelgesetz vereinbar sei. Letzteres war überhaupt nicht einschlägig, aber hier zeigte sich erstmals, welche grundsätzliche politische Bedeutung der im neuen Arzneimittelgesetz verankerten prinzipiellen Gleichberechtigung aller therapeutischen Richtungen zugemessen wurde. Weiter fragten die beiden Abgeordneten, ob die Landesregierung unter Berücksichtigung der Ablehnung der Fakultät den geplanten Bau des operativen Zentrums in Essen noch für notwendig und fachlich geboten halte. Das operative Zentrum wurde trotzdem gebaut, Herdecke wurde nicht Lehrkrankenhaus, aber dafür eine mit erheblichen öffentlichen Mitteln geförderte Privatuniversität. Im Geschäftsjahr 1999/2000 waren es knapp 10 Millionen DM.
Von den vielen Auffälligkeiten des medizinischen Forschungs- und Lehrbetriebes in Witten/Herdecke sei hier nur der Lehrstuhl für „Theoriebildung in der Medizin“ genannt, im Forschungsbericht 1998-2000 heisst er noch „Medizintheorie und Komplementärmedizin“, mit früher 11 Wissenschaftlichen Mitarbeitern (6 davon Doktoranden, zwei Naturwissenschaftler, ein Veterinär und nur eine promovierte Humanmedizinerin), jetzt sind es noch 4 Wissenschaftler. Wenn KANT (in 'Kritik der reinen Vernunft') quasi als Grundlage für die Theorie einer Wissenschaft fordert: "Denn man muss die Gegenstände schon in ziemlich hohem Grade kennen, wenn man die Regel angeben will, wie sich eine Wissenschaft von ihnen zustande bringen lasse" - muss man doch fragen, ob in diesem Personenkreis der erforderliche hohe Grad von Sachverstand über die ärztliche Wissenschaft repräsentiert ist, um deren Theorie zu erforschen. Einige "Forschungsprojekte" des Lehrstuhls im Forschungsbericht: "Kongressdarstellung im Internet", "Postgraduierten Lehrgang, "Kongressleitung", drei Anwendungsbeobachtungen biologischer Präparate" (u.a. "Rhythmische Einreibung mit Moor-Lavendelöl'), acht Zeitschriftenbeiträge, davon 3 in Ärztekammerblättern.
Der Inhaber dieses Lehrstuhls für Theoriebildung in der Medizin ist der Psychiater Prof.Dr.MATTHIESSEN, tätig in zahlreichen Beiräten und auch als Regierungsberater. Aufgabe des Lehrstuhls sei, die Pluralität von Weltanschauungen, Paradigmen und Denkfiguren in der Medizin durchschaubar zu machen und dies in einem "interparadigmatischen Diskurs" kritisch herauszuarbeiten.
Immer wiederkehrend ist die Behauptung, dass es einen Theorien- und
Methodenpluralismus derart gäbe, dass Wissenschaftliche Medizin, Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Traditionelle Chinesische Medizin u.ä. gleichwertige Medizintheorien seien. Es wird übersehen, dass es im Falle einer Konkurrenz erfahrungswissenschaftlicher Theorien wissenschaftstheoretische Kriterien gibt, die eine Entscheidung ermöglichen, welche Theorie die bessere, die überlegene ist. Es sind dies: Zirkelfreiheit, innere und äussere Widerspruchsfreiheit (Konsistenz), Erklärungswert, Prüfbarkeit, Widerlegbarkeit, Testerfolg, Prognosefähigkeit, Reproduzierbarkeit, Fruchtbarkeit und weitere. Der Unterschied zwischen den verschiedenen medizinischen Theorien besteht in den Annahmen über die Entstehung von Krankheiten: Die wissenschaftliche Medizin geht seit Anfang des 19.Jahrhunderts davon aus, dass Krankheiten natürliche körperliche und psychische Ursachen haben, die mit rationalen, d.h. wissenschaftlichen Methoden analysiert (und behandelt) werden können, dass Krankheiten also z.B. nicht Folge der Sünde oder der falschen Mischung von 4 Säften (Humoralpathologie) sind, dass sie nicht mit geisteswissenschaftlichen Konstrukten (Anthroposophie), religiösen Prinzipien (Chinesische Medizin) oder mit der "Verstimmung" einer mysteriösen Lebenskraft (Homöopathie) zu erklären sind.
Die Anwendung der genannten Kriterien zur Bewertung konkurrierender Theorien zeigt, dass sie allein von der wissenschaftlichen Medizin erfüllt werden. Deshalb hat sie sich überall in der Welt durchgesetzt. Sie und die von ihr abgeleiteten therapeutischen und präventiven Verfahren haben als erste in der Geschichte der Medizin bewirkt, dass die durchschnittliche Lebenserwartung (als härtestes Kriterium für die Effektivität einer Medizin) von 30 - 40 auf 70 - 80 Jahre angestiegen ist. Keine andere frühere und die heutige alternative Medizin war und ist hierzu in der Lage, keine hat auch ein annähernd vergleichbares effektives Praeventionskonzept. Es genügt eben nicht, bei spontan heilenden oder auch unheilbaren Krankheiten die Befindlichkeit oder die Lebensqualität zu verbessern oder Schmerztherapie zu betreiben, so wichtig das ist. Hierfür verfügt auch die wissenschaftliche Medizin über wirksame Methoden . Aber es ist unsinnig, zur Behandlung solcher, in hohem Masse suggestiven Einflüssen unterliegenden Phänomene veraltete oder hochspekulative Medizintheorien anzuwenden. Diese Verfahren entfalten um so eindrucksvoller ihre Placeboeffekte, je geheimnisvoller, je exotischer die Theorie und ihre Praxis ist. Glaubt der Therapeut an sein Verfahren, so ist er umso erfolgreicher. Seit Jahrzehnten versuchen diese Richtungen, neben anektodischen und unkontrollierten Beobachtungen wissenschaftlich haltbare Belege für die Tauglichkeit ihrer Theorien zu erbringen, d.h. Beweise für einen substantiellen Einfluss auf den Kranheitsverlauf - stets vergeblich.
Natürlich hat auch die wissenschaftliche Medizin längst nicht alle Probleme gelöst, aber ihre Theorie hat sich bisher als äusserst fruchtbar erwiesen. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass irgendeine alternative Theorie in der Lage sein wird, eines der offenen Probleme zu lösen, schon bisher gelang ihr das nirgends. Die unkonventionellen Richtungen sind weder eine Ergänzung noch eine Erweiterung oder Komplementierung der wissenschaftlichen Medizin - sie sind unvereinbar mit ihr, weil es sich, ungeachtet ihres medizinhistorischen Interesses, um Pseudowissenschaften handelt. Sie gehören in die Asservatenkammer der Medizingeschichte (HABERMANN).
Das Beharren der Anthroposophen auf einem angeblichen Theorienpluralismus hat in Witten/Herdecke groteske Konsequenzen. Man bietet zukünftigen Ärzten nicht nur Lehrveranstaltungen in Homöopathie und Anthroposophischer Medizin an, sondern auch einen 3-jährigen Studiengang in Traditioneller Chinesischer Medizin und einen 2- jährigen in Traditioneller Chinesischer Phytotherapie. Gleichzeitig gibt es aber auch eine Lehrveranstaltung über Evidenzbasierte Medizin, die sich ja wesentlich auf kontrollierte klinische Prüfungen stützt, Verfahren also, die noch vor 30 Jahren - s.oben - von den Anthroposophen als unbrauchbar, sogar als kriminell verteufelt worden waren. Was auch immer dort darüber gelehrt werden mag, demonstriert werden soll offenbar Weltoffenheit, Toleranz und grenzenlose Liberalität. Das beeindruckt sicher die vielen Förderer aus Wirtschaft und Politik, verwirrt aber den angehenden Arzt vielleicht auf Lebenszeit, weil er mangels jeglicher eigenen ärztlichen und wissenschaftlichen Erfahrung nicht beurteilen kann, was hier Sinn hat und was Unsinn ist. Es gibt zwar Lehrveranstaltungen, die angeblich solche Urteilsbildung ermöglichen sollen, aber es ist zu bezweifeln, dass die hierzu oben erwähnten objektiven Maßstäbe vermittelt werden. Allein schon die Tatsache, dass die unkonventionellen medizinischen Richtungen nicht im Fach Medizingeschichte, sondern als Studiengänge bzw. Fortbildungsveranstaltungen angeboten werden, zeigt eindeutig, dass die These vom angeblichen Theorien- und Methodenpluralismus nicht kritisch analysiert, sondern als feststehend betrachtet wird.
Selbstkritisch muss gesagt werden, dass einer an sich sehr erwünschten Diskussion über Wissenschaftstheorie in der Medizin die „Theorievergessenheit“ einzelner anderer Medizinischer Fakultäten gegenübersteht. Diese glauben fortschrittlich, besonders liberal oder tolerant zu sein, wenn sie auch "Alternatives" anbieten. Im Gegensatz zum politischen und sozialen Leben gibt es in der wissenschaftlichen Diskussion jedoch keine Toleranz in dem Sinne, dass beliebige, als falsch oder widerlegt erkannte Meinungen oder Theorien weiter mitgeschleppt und gelehrt werden, sie werden als obsolet ausgesondert. Wissenschaft betreiben heisst auch zu unterscheiden! Ob wohl jemals ein Fachbereich Chemie eine Fortbildung in Alchemie oder die Astrophysiker eine solche in Astrologie anbieten würde?
Die bisher übliche systematische Lehre in den Anfangssemestern aller Wissenschaften vermittelt nicht nur die theoretischen Grundkenntnisse in den einzelnen Teilgebieten, das Wissen und das Verständnis dafür, worum es sich bei den Problemen überhaupt handelt und welche Lösungsansätze in Betracht kommen (also die "Regeln" KANT´s), sondern sie macht auch anschaulich, was Wissenschaft eigentlich ist und wie sie funktioniert - eine Kenntnis, die den wissenschaftlich gebildeten Arzt vor dem nur praxisorientierten, heilpraktikerähnlichen Pragmatiker auszeichnet. Problemorientierung vom ersten Semester an, wie in Witten/Herdecke angeboten, hat zwar hohen Unterhaltungswert, kann aber eine gewaltige Zeitverschwendung sein, denn die Wissensfragmente aus allen Gebieten müssen später dann wieder in eine sinnvolle Ordnung gebracht werden. Systematisches Lernen ist zwar mühsamer, aber kein Medizinstudent, der wirkliches Interesse an den Vorgängen im gesunden und kranken Menschen hat, wird das je langweilig finden. Wohlfühldidaktik ist ein weitgehend illusionäres Desiderat der 68er, ebenso wie die in Witten/Herdecke ständig hervorgehobene scheindemokratische Mitwirkung der Studierenden an der Auswahl der Unterrichtsgegenstände - wie wir alle aus persönlicher Erfahrung nur zu gut wissen, kann der Medizinstudent natürlich nicht beurteilen, was er an Kenntnissen später braucht. Intelligente Studenten erlernen ihr Fachgebiet zwar selbst bei schlechter Didaktik, aber es kommt auf den Durchschnitt an, der allerdings auf Grund des Selektionsverfahrens in Witten/Herdecke nicht repräsentativ ist für die übrigen deutschen Universitäten.
Es ist keine Frage, dass an der anthroposophisch dominierten Privat-Universität Witten/Herdecke im Bereich der Medizin die Argumente vorbereitet werden, welche die Munition für die bevorstehende gesundheitspolitische Auseinandersetzung liefern. Diese wird zu einem wesentlichen Teil darin bestehen, zu definieren, was zur medizinischen Grundversorgung gehört, für die jeder Bürger obligatorisch voll versichert sein sollte. Bei Anwendung der international geltenden Grundsätze wissenschaftlicher Medizin ist eine solche Abgrenzung ohne weiteres möglich mit einer sehr kleinen Grenzzone, die von Fall zu Fall zu diskutieren ist.
Die Erfahrungen bei der Verabschiedung des Arzneimittelgesetzes lassen voraussehen, was hier zu erwarten ist. Im November 2002 legte das Bundesministerium für Gesundheit und Soziales den Entwurf einer sogenannten Positivliste derjenigen Arzneimittel vor, die in Zukunft von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden sollen. Da bei den Präparaten der wissenschaftlichen Medizin streng auf die Evidenzbasis geachtet wurde, konnte auf die Aufnahme zahlreicher zugelassener Arzneimittel verzichtet werden. Dieser Regel unterlagen die Präparate der sogenannten alternativen Therapierichtungen – Anthroposophie, Homöopathie, Phytotherapie – nicht. Hier finden sich nicht nur die abstrusesten Inhaltsstoffe, die von ERDMANN (FAZ vom 30.12.02) zutreffend als Teil einer mittelalterlichen Schamanenmedizin bezeichnet wurden, geeignet uns in der Welt lächerlich zu machen. Um diesen Populismus nicht durch einen wissenschaftlichen Diskurs zu gefährden, wurden von Regierungsseite auf gesetzlicher Basis besondere Regeln für die Kommission festgelegt, die die Positivliste zu entwerfen hatte. Drei der neun Mitglieder mussten den besonderen Therapierichtungen angehören. Diese erhielten zudem eine Sperrminorität dadurch, dass sich bei wichtigen Entscheidungen sieben der neun Mitglieder einig sein mussten.. Zudem war das Glück mit den machtpolitisch Tüchtigen. Zwei der schulmedizinischen Kommissionsmitglieder sind durch Lehraufgaben in Witten/Herdecke dieser Universität besonders verbunden.
In den nächsten Tagen soll die vorliegende Liste auf dem Gesetzesweg durchgepeitscht werden. Alarmierte Ärzte haben eine Initiative
http://www.konsequente-positivliste.de/ ins
Leben gerufen, um die Aufnahme von anthroposophischen, homöopathischen und phytotherapeutischen Präparaten in der Leistungspflicht der RVO-Kassen zu verhindern. 1995 scheiterte bereits eine Positivliste auf massiven Druck der pharmazeutischen Industrie trotz breiter Zustimmung u.a. des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen. Da sie ein erneutes Scheitern befürchten, haben sich jetzt leider einzelne verdienstvolle Vertreter der Pharmakritik für eine Konsenspolitik entschieden.
Sie hegen wohl die Illusion, wissenschaftliche Arzneimittel mit schwacher Wirksamkeitsevidenz aus der Regelversorgung verbannen zu können unter Inkaufnahme alternativen pharmakotherapeutischen Unsinns. Wer wie wir grundsätzlich eine Positivliste befürwortet, sollte sie jedoch nicht mit schweren Inkonsistenzen belasten.
Es ist sicher, dass alle sog. alternativen Richtungen weiter versuchen, Bestandteil der Grundversorgung (und der damit verbundenen obligaten Kostenerstattung) zu werden. Die mächtige Lobby der Aussenseiter, gestützt auf ihre von vielen Medien unkritisch geförderte Popularität, wird Druck auf Politiker und Abgeordnete ausüben. Begründungen werden diesmal sogar, für die Laien sehr eindrucksvoll, geliefert von einer Universität, die ja schon entsprechende Studiengänge anbietet. Stichworte:
Pluralismus in der Wissenschaft und in den Methoden, Gleichberechtigung der "Besonderen Therapierichtungen" (wie im Arzneimittelgesetz festgeschrieben), Toleranz und Liberalität sowie die ganze anthroposophische Phraseologie – der meist nur teilaufgeklärte (vermeintlich) mündige Bürger soll – demokratisch - selbst entscheiden, wie er behandelt werden will. Das soll er auch, nur darf das nicht dort auf Kosten der Solidargemeinschaft geschehen, wo die wissenschaftlichen Grundlagen zwar behauptet werden, aber nicht gegeben sind. Und kein aufgeklärter Bürger darf gezwungen werden, Pflichtbeiträge für derartige medizinische Leistungen zu entrichten.
Anschrift der Verfasser:
Prof. Dr. med. Klaus Dietrich Bock
Em. o. Professor f. Innere Medizin Chefarzt Medizinische Klinik III
Schoenetweg 17 Zentralkrankenhaus Reinkenheide
D-83708 Kreuth Postbrookstr.103
Prof. Dr. med. Manfred Anlauf
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