So wird der Scharlatanerie Tür und Tor geöffnet:
Doch über Heilmittel, welche für organisch und okkult zueinander stimmende Ausgleichswirkungen konstruiert wurden, über Mixturen, deren Anwendung eigentlich erst im Zusammenhang mit der Biographie eines Erkrankten sinnfällig erscheint, wie bringt man da ausreichendes Beweismaterial zusammen? Wie sollen sie getestet werden, da doch ihre Erfinder und Anwender ein anthroposophisches Bild vom Menschen und der Wahrheit verteidigen?
Zur Verblüffung der Pharma-Lobby haben die Anthroposophen in Bonn mit ihren ungewohnten Auffassungen von medizinischer Erkenntnisgewinnung Gehör gefunden. Der Mensch ist für sie nicht einfach "auch eine Art Tier". Tierversuchen messen sie erst Beweiskraft zu, falls eine mit ihrer Evolutionstheorie zu vereinbarende Beziehung zwischen menschlichen und tierischen Funktionen definiert werden kann.
Für verwerflich, einen Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht, erklären sie Versuche an Menschen, bei welchen neben einem Mittel Scheinmittel gegeben werden (Blindversuch). Das schlimmste ist für sie das Ansinnen, auch noch dem Arzt zu verschweigen, wer ein solches Scheinmittel bekommt (Doppelblind-Versuch).
Statistische Beweis-Verfahren schließlich lehnen sie ab, weil diese nur Aussagen über Wahrscheinlichkeiten statt der individuellen Erkenntnis ermöglichen. Zur Erkenntnis gehört für sie anstandshalber die Erklärung der jeweils zu ihr führenden Erkenntnistheorie: eine Wegbeschreibung, ein Menschenbild, ein Weltbild.
Zum erstenmal seit ihrer Entstehung wurde Steiners medizinischer Schule, auf dem Umweg über das Bundesgesundheitsministerium, die Wissenschaftlichkeit solchen Denkens bescheinigt. Es änderte nichts an ihrer Not, für die künftige Zulassung auch ihrer Heilmittel dann eben auf andere Weise ausreichende Belege beizubringen.
Einen Zusammenhang zwischen der Entstehung von Krebs und einem Zusammenbruch des Gleichgewichts innerhalb der Leib-Seele-Gliederung muß keine medizinische Schule so zwingend annehmen wie die anthroposophische. Friedrich Lorenz, Krebsarzt und Leiter der Medizinischen Sektion im Dornacher Goetheanum, ist nur einer von vielen, die es so sehen. Ebenso wie einzelne Zellen, meint er, könnten sich "Denken, Fühlen und Wollen aus dem Ganzen lösen und selbständig wuchern".
Psychose sei der Krebs der Seele, Krebs die Psychose des Leibes - so habe ich es noch und noch bei anthroposophischen Heilern vernommen. Doch wo im Mineralischen, Pflanzlichen oder Tierischen wäre eine Substanz, die helfen könnte, solchem Systembruch entgegenzuwirken.
Rudolf Steiner hielt die Mistel (Viscum album) für geeignet. Sie ist eine in ihrem Wachstum ausnahmsweise nicht der Sonne zugewandte, vom Jahresrhythmus offenbar unabhängige immergrüne Besonderheit, die vor dem Frühling blüht und im Winter fruchtet. Parasitär gedeiht sie auf Ulmen, Pappeln, Kiefern, Apfelbäumen und hat, anthroposophisch betrachtet, etwas von einem tier-pflanzlichen Zwischenwesen der Evolution.
"Gestaute Zeitprozesse", meint der Krebsarzt Werner, schlummerten in ihr. Schlicht gesagt: Ein Gewächs, das sich wider Evolutionssprünge seit Urzeiten sperrt, müßte ausuferndes Zellwachstum wie Krebs gleichfalls bremsen können: wieder einmal so ein Gegenpol.
Rudolf Steiner hatte die Sache nur nebenhin angetippt. Sechs Jahrzehnte danach trägt das nun unheimlich Früchte. Anthroposophische Forscher, Ärzte und Vermarkter konkurrieren plötzlich gegeneinander mit einem halben Dutzend aus der Mistel gewonnenen Krebs-Heilmitteln. Außer den Krebskranken in der unvergleichlich wohltemperierten Pflege anthroposophischer Spezial- und Gemeinschaftskrankenhäuser werden solche Präparate Zehntausenden von bloß Verängstigten regelmäßig zur Vorsorge gespritzt.
Daß Abwehrwirkung von Extrakten der Mistel ausgeht, räumt die Schulmedizin mittlerweile ein. Aber das ist alles. Professor Kurt Schumacher, Hämatologe und Onkologe am Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus: "Viscum album als Psychotherapie halte ich noch für mäßig gut ein Gespräch ist für den Patienten effektiver."
Wissenschaftliche Stütze für diese von vielen namhaften Schulmedizinern geteilte Reserve sind Tierversuche. Das eben, was Anthroposophen so contre coeur geht. Der Medizin-Statistiker Professor Joachim Hornung von der Freien Universität Berlin, unbestreitbar ein schierer "Schulmediziner", erregt sich mit ihnen über den Vorwurf, die Mistel-Therapie sei im wissenschaftlichen Sinne nicht wirksam. "Mit einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit" sei eine "Verlängerung der Lebenserwartung" anzunehmen.
Doch wieder hapert es mit der Dokumentation aus der diffizilen anthroposophischen Praxis. In ihr erweist sich jeder Fall als eigentlich unvergleichlich. Begleitet wird die Mistelkur mit einem unendlich variablen Paket unterschiedlichster therapeutischer Impulse.
Diät und Eurythmie, Malen, Singen, Plastizieren, die Lektüre von Märchen, Heilbäder, Massage, ja sogar das Schreiben mit der linken Hand oder das umgekehrte Hersagen von Reimen kommen in Frage, Leib und Seele aufeinander wieder einzustimmen.
Die Therapie erster Wahl allerdings heißt auch für die anthroposophischen Ärzte: Operation.
Rudolf Steiner hat weder über die Mischung noch über die Anwendung des Extraktes von Viscum album eindeutige Anmerkungen hinterlassen. Einer auf ihn und Goethe eingeschworenen Forschung reichte das völlig zur Rechtfertigung für einen technologisch, gelinde gesagt, verblüffenden Aufwand. So werden im Haus Hiscia in Arlesheim bei Basel, einem der Firma Weleda zuarbeitenden Institut, Mistelsäfte in großen Zentrifugen mit 11 000 Umdrehungen pro Minute geschleudert. Teller aus Titan drehen sich unter einer mit Helium gefüllten Glocke.
Dabei ergeben sich Sicherheits- und Hitze-Probleme. Die zu bewältigen riefen die Ärzte und Ingenieure aus Arlesheim den Anthroposophen Professor Ernst August Müller, einen Physiker aus dem Göttinger Max-Planck-Institut für Strömungsforschung, zu Hilfe. Der Krebsarzt Friedrich Lorenz fürchtete schon, die ganze Sache werde "auseinanderfliegen".
Ursache für den Aufwand war eine beiläufige Anmerkung Rudolf Steiners: Es werde die Mistelwirkung vielleicht steigern, wenn man Sommerernte und Winterernte "ausziehe" und "spiralig" rühre. Seine Gefolgsmänner suchten einen Maßstab für die dazu anthroposophisch wünschenswerte Drehzahl. Aus der Erd-Anziehung wollten sie in Arlesheim die sich vereinigenden Säfte vorübergehend herausheben. Ein kosmisch orientierter Arzt wie Lorenz findet: "Dadurch wird es erst zum Heilmittel."
Das Erzeugnis heißt "Iscador". Damit eine so organische Substanz nicht in etwas so Anorganisches wie blankes Glas abgefüllt wird, entwickelten sie in Arlesheim ein Verfahren, das Innere der Ampullen hauchfein mit sterilem Bienenwachs zu überziehen.
In diesem geistigen Bezugs-System gebührt besondere Bedeutung der Frage nach dem Wirtsbaum der jeweils abgeernteten Misteln. Je nachdem sollen die Beeren-Extrakte dann gegen bestimmte Arten von Krebs besonders wirken.
Das alles, wie gesagt, ist Folge einer Steinerschen Marginalie. Dr. Lorenz gibt zu, da sei allenfalls die Rede gewesen von einer "spiraligen Durchkreisung bis in die kleinsten Kreise". Er ist stolz, Steiner in so extremer Weise Rechnung zu tragen. "Im Wärmekurs, Gesamtausgabe Band 321", das muß er bedauern, "hat ER einiges noch nicht Realisierbare gesagt."
Kann es sein, daß Steiner derlei wollte? Zweifel drängten sich mir auf. Zwei Autobahnstunden nordöstlich von Arlesheim geriet ich im schwäbischen Öschelbronn in eine Gruppe anthroposophischer Mistel-Forscher, die den Weg der Arlesheimer für einen in die Irre zu halten scheinen. In ihrem von Spenden zehrenden "Carl-Gustav-Carus-Institut" (Carus war ein Goetheanist des 19. Jahrhunderts) haben sie sich der Frage, wie Winter- und Sommer-Extrakt zu einer Einheit werden können, "goetheanistisch" genähert.
Eine Art Mistel-Metamorphose strebten sie an, eine im Sinne ihres Goethe und der von ihm und Steiner skizzierten Fortentwicklung von Natur geistig höhere Saftverbindung. Nach polaren Gegensätzen und Gegenkräften haben sie Ausschau gehalten.
Die "Sommerernte" auf den Wirtsbäumen ereignet sich bald nach der Blüte: Dazu, fanden sie, kontrastiere eine Ruhe wie die von spiegelglatten Wasserflächen (sogenannter "Rieselfilm"). Wintersaft, Planzenstarre: Als ein völliges Gegenbild dazu erschien ihnen eine Zerstäubung. So einigten sie sich auf das Resultat, den Wintersaft über eine spiegelglatte Fläche von Sommersaft zu sprühen, welche sich allerdings erst bei rund 7000 Umdrehungen pro Minute in ihrer Zentrifuge einstellen wollte.
Einer Hochleistungs-Schleuder müssen auch sie sich bedienen. Deren rasend rotierender Teller ist so geformt, daß an seinem Rand die vermengten Säfte wie Brandungswellen um und um rollen. So spielen Anthroposophen in Goethes Namen Natur.
Der Strömungsphysiker Müller hat der Gruppe in Öschelbronn ebenfalls helfen müssen. Stets wird ja die äußerste Möglichkeit der Technik in Anspruch genommen. Das beginnt bei der Ernte. Gleich unter den Bäumen werden die Mistelbeeren tiefgefroren.
Die Carus-Forscher gaben ihrem Krebsbekämpfungsmittel den Namen "Abnoba-Viscum". Thomas Göbel, ihr Senior, hebt hervor, daß diese anthroposophische Lösung bewußt einmal über Steiner hinausgedacht sei. Der habe nicht einmal verlangt, daß man die Säfte überhaupt mischen müsse.
Familiäre Nähe zum Kranken wünschen sich die Behandelnden in allen sieben anthroposophischen Krankenhäusern. Den Namen "Gemeinschaftskrankenhaus" führen nur die beiden größten: das in Herdecke (440 Betten) und das von den Kolben-Herstellern Ernst und Hermann Mahle gestiftete im schwäbischen Filderstadt (210 Betten). Der Name meldet ein Programm: Sozialer Wandel und der medizinische sind eins.
Den Nährboden dafür liefert Steiners Soziallehre ebenso wie seine Inspiration für die "Erweiterung der Heilkunst". Also: keine Chefärzte und Oberschwestern. Gearbeitet wird in Gruppen, unter Verzicht auf herrschaftliche Abgrenzungen und, was die Ärzte anbetrifft, das standesgemäße Abkassieren.
Folgerichtig gehören die Patienten zu diesem Bund. Ihr Leiden wird hier nicht bloß diagnostisch anvisiert und unter therapeutisches Punktfeuer genommen. Möglichst gemeinsam forschen Ärzte und Kranke bis in biographische, ja seelische Bereiche hinein nach tieferen, womöglich sogar schicksalhaften Ursachen. Dabei gedeihen oft Wechselwirkungen, die der Schulmedizin zunehmend nur noch abstrakt bekannt sind.
Die medizinische Technologie der Gemeinschaftskrankenhäuser, ihre Chirurgie oder Intensivmedizin weichen vom Repertoire großer Allgemein-Krankenhäuser keinen Deut ab. Mit manchen von ihnen haben sie das "Rooming-in" gemeinsam: Mutter und Kind im selben Zimmer. Bei der Geburt können Väter dabeisein.
Im übrigen aber hebt das anthroposophische Rezept des Miteinander sich mächtig vom Gebräuchlichen ab. Stimulierende Alltäglichkeiten, wie Wasch-, Weck- und Mahlzeiten, auch der Zimmerschmuck werden mit einer von der Einweisung bis zur Entlassung andauernd zuständigen Schwester nach Wunsch abgestimmt. Notfalls spielt sie einem Patienten, der selber nicht mehr Saiten zupfen oder flöten kann, seine spezielle Schlafmelodie.
Noch auf der Intensivstation sind Besucher prinzipiell erwünscht. Gestorben wird möglichst unter Begleitumständen, die sich dem Leitbild von gemeinschaftlicher Haltung untadelig unterordnen. Alle sollen dann zugegen sein, die behandelt und geholfen haben.
Vom Patienten, der in der Regel alles andere als ein Anthroposoph ist, wird erwartet, daß er seinerseits reine Konsum- und Erwartungshaltungen aufgibt, mit dem Vertrauensklima übereinstimmt. Andernfalls kann es Enttäuschung geben.
In den Rezepturen erst und in der Vermengung von Heilkunst mit Kunst glimmt unnachahmlich die andere Weltanschauung auf.