Die häufig fehlende Krankheitseinsicht oder Krankheitseinsichtsmöglichkeit stellt eine große Schwierigkeit bei der Erkennung der Depression dar.
Der Kranke erlebt seine objektiv oftmals nicht nachvollziehbaren Versagens- oder Schuldgefühle ja als real und bedrohlich. Genauso real erscheinen ihm die gestörten Vitalgefühle und manchmal vorkommende Schmerzzustände (da wird dann oft von einem Arzt zum anderen gegangen, um "die Krankheit" zu finden, nur wird oft am falschen "Ort" gesucht). Gegen die häufig vorkommenden Konzentrationsstörungen und ein Morgentief wird manchmal eine "Selbstbehandlung" versucht, mit Unmengen Kaffee z.B. oder auch mit Alkohol.
Depression wird nach meiner Meinung auch deshalb bei Männern weniger häufig diagnostiziert, weil Männer oftmals noch beim Arzt (es sei denn, sie sind völlig am Boden) ihre Gefühle wenig zum Ausdruck bringen und meinen, auch dort noch keine Schwäche zugeben zu können. Depression wird als Schwäche und Unzulänglichkeit empfunden und manche Männer geben eher dem unausgesprochenen Gefühl nach und bringen sich aus ihnen logisch erscheinenden Gründen um, als beim Arzt eine "Schwäche" zuzugeben. Wenn ein schwer depressiver Mann noch beim Arzt den Starken, Aktiven vorgibt, hat dieser natürlich wenig Möglichkeit, das Krankheitsbild voll zu erfassen. Vergleicht man die Zahlen zu den diagnostizierten Depressionen und den Selbstmorden bei Männern, kann man schlußfolgern, dass die Betroffenen entweder dissimulieren, was das Zeug hält, oder sie erst gar nicht zum Arzt gehen.
Um so wichtiger sind da die Angaben den Angehörigen und ihr Wille, für den Kranken wirklich aktiv zu werden. Das mag zwar vom Patienten selber zunächst als eine Art "Verrat" bewertet werden. Davor dürfen die Angehörigen jedoch keine Angst haben, schließlich geht es im Zweifelsfall um das Leben des Betroffenen und bei einer anderen lebensbedrohlichen Erkrankung bestünden doch auch keine Vorbehalte, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Sichtweise des Kranken ändert sich zudem oft, wenn eine Behandlung erfolgt ist. Dann erkennt auch der Kranke den Unterschied in den Wertungen, die ihm vorher so real, logisch und unzweifelhaft erschienen.
Wer sich speziell für Kinder- und Jugendpsychatrie interessiert: als Einstieg oder zum Schmökern gibt es ein recht passables Buch aus dem Verlag Hans Huber, Fallbuch Kinder- und Jugendpsychatrie von F. Poustka und G. van Goor-Lambo.