Mom schrieb:
Woher wollen sie all dieses Wissen haben, wenn sie noch nie ein Therapie gemacht haben? Aus der Theorie?
Hallo Mom,
Wie kommen Sie darauf, dass ich noch nie eine Therapie gemacht habe? Das ist nicht der Fall. Eine langwierige Psychoanalyse habe ich allerdings noch nicht gemacht, und werde mich auch bestimmt nicht darauf "einlassen" (wie es so schön heißt). Unter anderem dank der sachlichen Informationen und Querverweise hier im Forum.
Abgesehen davon sind "gute Erfahrungen" Einzelner eben KEIN Nachweis für die Wirksamkeit einer Methode. Mit dem Erfahrungsargument ("MIR hat es geholfen," bzw. "bei meinen Patienten/Kunden habe ich durchweg Erfolg mit dieser Methode") wird von Vitaminpillen über Homöopathie bis zu Reiki so ziemlich aller denkbarer Schrott beworben, vorzugsweise im Internet. Eine wissenschaftliche Theorie dagegen muss sich objektiv überprüfen und widerlegen lassen, und das ist nun einmal leider bei der Psychoanalyse nicht möglich. Sie ist so schwammig, dass sie sich weder verifizieren noch widerlegen lässt. Selbst wenn sie scheitert, kann sie sich rausreden: der Patient war halt "nicht therapiefähig".
Ich habe lange Zeit Medikamente genommen, habe 25kg dadurch zugenommen, Herz- u. Kreislaufprobleme bekommen usw..
Ich wollte keine Medikamente mehr. Ich habe 2 Verhaltenstherapien gemacht, die 2. wurde vom Therapeuten abgebrochen, da er erkrankt ist. Danach habe ich mir gedacht, das schaffte ich jetzt alleine, dann fiel ich plötzlich in ein tiefes Loch aus dem ich nicht mehr rauskam, ohne zu verstehen, warum es mir auf einmal so schlecht ging.
Das ist das Wesen der Depression. Genau wie die vorangehenden Versuche, es "alleine zu schaffen." Es tut mir sehr Leid für Sie, und auch ich mache derzeit nicht die erste depressive Phase in meinem Leben durch. Ich habe nur inzwischen eingesehen, dass ich mir an einem bestimmten Punkt Hilfe holen muss. Die Vorstellung "ich pack das alleine" ist genauso abwegig, wie wenn ein Diabetiker sagen würde, "ich probier das jetzt mal ohne Insulin, ich muss mich nur zusammenreißen".
Medikamente können SEHR hilfreich sein und versetzen viele schwer depressive Menschen überhaupt erst in die Lage, von einer begleitenden Therapie zu profitieren. Und selbst bei den Nebenwirkungen muss man im Extremfall abwägen, was wichtiger ist: nehme ich in Kauf, vorübergehend 25 Kilo zuzunehmen, oder bleibe ich schlank, nehme aber in Kauf, dass ich akut selbstmordgefährdet bin? Extreme Gewichtszunahme und sonstige schwere Nebenwirkungen treten aber soweit ich weiß bei den neueren Medikamenten auch nicht mehr so stark auf. Vielleicht hätten Sie das Medikament wechseln sollen? Ich verstehe Ihre Medikamentenmüdigkeit aber gut, es kann sehr anstrengend sein, das richtige Medikament zu finden, zumal anfängliche Nebenwirkungen ja oft erst abgewartet werden. Wenn man wochenlang ein Medikament genommen hat in der Hoffnung, dass die Nebenwirkungen doch noch weggehen, und das dann doch nicht der Fall ist, und beim nächsten Medikament passiert das Selbe, dann kann das schon sehr hart sein. Hab ich selbst vor Jahren erlebt, ist äußerst beängstigend und erschöpfend. Aber beim dritten Medikament hat es dann geklappt, mit Zoloft (Sertralin), das ich jetzt auch wieder bekomme.
Mein Arzt wies mich in ein Klinik ein, weil ich am Anfang nicht mehr in der Lage war, auch nur einen Telefonknopf zu drücken. Ich bekam dort tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, um erst eimal herauszufinden warum es mir eigentlich so schlecht ging. Später ging dies in die Verhaltenstherapie über, außerdem hatten wir Gruppentherapie.
Ich will ja nicht ausschließen, dass jemand sich nach einer Psychoanalyse tatsächlich besser fühlt. Bei Ihnen ist es Ihrer Ansicht nach der Fall, und es freut mich, das zu hören. Es ist allerdings völlig unklar, ob der Erfolg nun auf diese Therapiemethode zurückzuführen ist - eben weil es keinerlei verifizierbaren Wirksamkeitsnachweis für die Psychoanalyse gibt. Ebenso gut könnte es sein, dass das Verhältnis zwischen Patientin/Therapeut/-in in Ihrem Fall ideal gepasst hat, dass die Verhaltenstherapie hinterher der entscheidende Knackpunkt war, oder dass Sie in der Gruppentherapie an Ihrem Sozialverhalten gearbeitet haben. Nicht zu vergessen, dass es Ihnen vielleicht einfach gut getan hat, ausführlich über alles sprechen zu können, mit jemand, dem sie vertraut haben, der/die Ihnen sympathisch war und der Ihnen tagtäglich exklusiv zugehört hat. Das kann aber auch bei jeder anderen Form der Gesprächstherapie der Fall sein.
Mit ein bißchen bla, bla hat das ganze wirklich nichts zu tun, es ist harte Arbeit und sehr anstrengend. Anschließen habe ich ambulant eine Verhaltenstherapie gemacht. Es geht mir jetzt seit 11/2 Jahren gut.
Dass es anstrengend und aufwühlend ist, glaube ich gern. Daraus lässt sich aber nicht schließen, dass es wirksam bzw. heilsam ist. Sich tagtäglich und intensiv mit den tatsächlichen oder vermeintlichen Abgründen der eigenen Psyche zu befassen, kann sogar richtig gefährlich werden. Abgesehen davon: "harte Arbeit" gibt es wie oben beschrieben auch bei der Medikamentensuche - und auch in der Verhaltenstherapie. Ich würde sogar behaupten, es ist wesentlich anspruchsvoller, ein neues, konstruktives Verhalten zu lernen, als endlos in den Tiefen der negativen Ursachen herumzuwühlen. Es fließen zwar eventuell weniger Tränen, aber dafür ist es eine zielgerichtete Aufgabe, deren Ergebnisse sich am Ende überprüfen lassen.
Außerdem: wenn die Analyse so wirksam war, wieso haben Sie dann noch eine ambulante Verhaltenstherapie gebraucht? Das ist einer der zentralen Kritikpunkte an der Analyse: sie spricht Probleme an, bietet aber keinen praktischen Weg zum Umgang mit diesen Problemen. Der Patient soll sich allein durch "Einsicht" ändern.
Und ich will Ihnen keine Angst machen, aber bei mir lagen zwischen den einzelnen Phasen (derzeit die dritte) bis zu 5 Jahre. Jeder ehrliche Therapeut wird Ihnen sagen: "Das kann wiederkommen." Ich habe diesmal aber wesentlich schneller die Kurve gekriegt, weil ich (wieder)erkannt habe, dass "es" langsam aber sicher wieder losgeht und mir sofort ärztliche Hilfe geholt habe - mit einem kurzen Schlenker über eine im Nachhinein ungeeignete Therapeutin, aber das Risiko gehört halt leider dazu.
Mit Scharlatanerie und Homöopathie oder anderem Hokospokus hatte das ganze wirklich nichts zu tun.
Von bewusstem Betrug gehe ich bei den Psychoanalytikern auch nicht aus. Die meisten sind glühend überzeugt. Was sie aber nicht gerade offen für Kritik macht, leider.
Sie schreiben an anderer Stelle, von "Freud und Jung und den ganzen Theorien" hätten Sie keine Ahnung und es würde Sie auch nicht interessieren. Das zeigt für mich, dass Sie von Ihrem Therapeuten nicht aufgeklärt wurden, was er/sie da eigentlich "gemacht" hat und wie es funktiert. In jedem Krankenhaus erfährt man vor einer Operation in groben, für Laien verständlichen Zügen, was für ein Eingriff bevorsteht, wie er ungefähr ablaufen wird und was die Risiken sind. Der Patient in der Psychoanalyse dagegen weiß oft nicht, was mit ihm passiert oder passieren soll. Das diffuse Vertrauen a la "der Therapeut weiß schon, was er tut" geht aber schon in Richtung magisches Denken. Eine Verschlechterung, Schmerz, erschöpfende Sitzungen usw. werden dann kritiklos hingenommen, weil die "harte Arbeit" ja dazugehört.
Wie gesagt mom, ich will Ihnen nicht zu nahe treten, und wenn es Ihnen dauerhaft besser geht, dann ist das wirklich toll. Aber ich verwehre mich dagegen, dass Sie mir "reines Theoretisieren" unterstellen. Im Gegensatz zu Ihnen versuche ich nur, die Diagnose Depression begleitend zu meiner Behandlung auch rational nachzuvollziehen.