Ich finde die Beitraege von PeopleZ sehr interessant, gleichzeitig entdecke ich eingewobene Alltagsvorstellungen ueber Depression.
peoplez postete
[/b]Was Depressionen betrifft, habe ich, nach dem lesen vieler Patientenberichte, immer wieder das ungute Gefühl, dass einige Psychater den Unterschied einer Situationsbedingten Traurigkeit und einer "grundlosen" Traurigkeit nicht erkennen.[/b]
Das ist im Sinne eines Kunstfehlers nicht auszuschliessen, und es waere schade wenn es so ist, ich halte es aber fuer unwahrscheinlich. Eine echte Depression hat naemlich entgegen langlaeufiger Meinung nicht viel mit Traurigkeit gemeinsam
(Es kommt jedoch vor dass der maessig depressive Mensch mehr weint als der nicht-depressive; der schwer depressive Mensch weint dagegen nicht, ist auch nicht traurig, sondern schwermuetig).
Dass Psychiater Antidepressiva verschreiben bei "Traurigkeit" halte ich fuer eine blosse Mutmassung. Schwere Trauer entsteht nach Verlusten, und dafuer gibts auch keine Pathologische Bezeichnung im engeren Sinne.
Der Zusammenhang zwischen Depression und Trauer ist am ehesten in der nicht ausreichend gelebten (verdraengten) Trauer zu sehen, z.B. dass man erlebte Verluste (Arbeitsplatz, Partner, Potenz, Einkommen etc) nicht wahrhaben will. Daraus KANN Depression entstehen, wenn andere Bedingungen auch entsprechend gegeben sind (biologische Vulnerabilitaet, wenig soziale Unterstuetzung, narzisstische Persoenlichkeit).
Daher halte ich es fuer voellig abwegig dass Psychiater echte Traurigkeit mit nicht reaktiver Traurigkeit verwechseln. Man kann das eigentlich auch gar nicht verwechseln, wenn man im Kontakt mit einer depressiven Person ist. Die echte Traurigkeit ist gut einfuehlbar.
[/b]Meiner Meinung nach, darf eine situationsbedingte Traurigkeit nicht mit Antidepressiva behandelt werden, da diese so nicht behandelt werden kann. [/b]
Richtig. Eine situationsbedingte Traurigkeit landet auch ueblicherweise weder in der psychiatrischen Praxis noch in der Klinik.
[/b]In diesem Fall denke ich können maximal, je nach Intensität und Dauer maximal Beruhigungsmittel zum Einsatz kommen, welche die eigenen Verdrängungskünste unterstützen. [/b]
Eben, die Verabreichung von Beruhigungsmitteln ist bei echter Trauer kontraproduktiv.
[/b]Denn Zeit heilt solche Wunden ja bekanntlich, meist so gut als möglich.[/b]
Ja, Wunden heilen mit der Zeit, es sei denn man gibt sich keine Zeit oder erlaubt sich keine sogenannte "schwaeche". Oft ein Problem von Maennern, die bei Verlusten stark sein zu wollen, keine Gefuehle zeigen etc.
Bei Frauen ist es oft anders gelagert, dennoch aehnlich. Die schlucken oft viel runter ohne sich zur Wehr zu setzen und funktionieren bis sie in der depression zusammenbrechen.
Abschliessend muss ich als Praktiker sagen, dass sehr viele depressive Erkrankungen von niedergelassenen (Haus-)Aerzten uebersehen werden. Es waere fuer Patienten viel besser, sie wuerden nicht erst nach stattgehabter Chronifizierung an die Fachperson ueberwiesen. Im schnitt vergehen immer noch 7 (sieben) Jahren, bis ein Psychotherapie Patient den Weg in die Praxis findet. Vorher Selbstheilungsvesuche oder Bemuehungen des Hausarztes, der meist zu wenig von diesen Dingen versteht und auch kaum die Zeitkapazitaet hat um anstaendig auf den Klienten einzugehen.
Das Nicht Erkennen der Depression durch den Hausarzt haengt auch damit zusammen, dass depressive Klienten sich gegenueber dem Arzt auch nicht besonders oeffnen "ach geht schon" "wird schon wieder". Die nehmen sich und ihr Leiden oft nicht ernst genug.
Noch was zu Depression und Medikamente. Eine klare Indikation zur Medikation gibt es nur fuer schwere Depressionen (F 32.2 , F32.3 und F33.2/F33.3), bei mittelschweren haengt es von der Compliance des Klienten ab und seine Einstellung zur Psychotherapie bzw zu Medikamenten. Bei mittelschweren Depressionen so ist meine Erfahrung, koennen Medikamente helfen, aber die Anzahl derer die starke Nebenwirkungen verspueren ist ziemlich gross, auch die Zahl der Nonresponder. Oft muessen verschiedene Medikamente regelrecht ausprobiert werden, bis man das passende findet, aber auch hier scheint die Toleranz der Klienten, sich auf verschiedene Medikamente einzulassen, begrenzt.
D.h. Menschen, die wegen Depression in der Klinik sind, benoetigen in jedem Fall AD Medikation, meist auch die teilstationaeren Klienten. Im ambulanten ist dagegen der Schweregrad entscheidend.
Wichtig ist und hier liegt der Appell: Das man als Betroffener nicht aus falscher Scheu einen Behandlungswusch aufschiebt.
Julius
Dipl.Psych., Psychotherapeut