Kinesiologie
Die Health-Kinesiologie, wie sie von J. Scott in den USA in den 1960iger Jahren entwickelt worden ist, gehört zu den unkonventionellen alternativmedizinischen Diagnoseverfahren.
Die Methode ist zur Zeit vor allem bei niedergelassenen Ärzten und Heilpraktikern weit verbreitet und ihr Bekanntheitsgrad und ihre Akzeptanz ist im Steigen begriffen.
Verwirrung durch Namensgleichheit
Die Bezeichnung Kinesiologie ist verwirrend, denn auch in der Hochschulmedizin nimmt die Kinesiologie (engl. Kinesiology), als Bewegungstherapie u.a. im sportmedizinischen Bereich einen breiten Raum ein. Man versteht darunter gymnastische Übungen, Leistungstests für ausgewählte Muskelgruppen oder allgemeine Funktionstests zur körperlichen Leistungsfähigkeit. Der hochschulmedizinische Begriff der Kinesiologie hat jedoch mit der alternativmedizinischen Health-Kinesiologie oder der in esoterischen Kreisen einfach als Kinesiologie bezeichneten Pseudo-Diagnostik nichts zu tun.
Der Sinn der Kinesiologie
Der gesamte Körper soll im Hinblick auf seine Reaktion auf eine Substanz durch die Beurteilung der Haltekraft eines als Indikator wirkenden Muskels beurteilt werden. Da diese Methode eine nicht-invasive und wenig belastende Untersuchungsform ist, wird sie häufig auch bei Kindern angewendet. Obgleich die Methode verbreitet ist, haben sich nur wenige unabhängige Untersuchungen mit ihr befasst.
Klinische Überprüfungen zeigen Wirkungslosigkeit der Methode
Im Rahmen einer ausführlichen Studie zur diagnostischen Wertigkeit der Health-Kinesiologie nach Scott klärte die Hautklinik der Hamburger Universitätsklinik Eppendorf die Zuverlässigkeit und Sicherheit der Methode bei Patienten mit allergischen Erkrankungen.
Von September 1993 bis August 1994 wurden 42 Testpersonenen mit gesicherter Wespen- oder Bienengift-Allergie (gesichert durch Prick- u. Rast-Test) vor dem Beginn einer Hyposensibilisierungsbehandlung auf folgende Allergene getestet: Acetylsalicylsäure, Hausstaubmilbe, Katzenhaare, Laktose, Graspollen, Wespen- und Bienengift, Candida albicans. Als Kontrollsubstanzen wurden Histamin (erzeugt stets eine Reaktion) und Kochsalz (erzeugt keine allergische Reaktion) mitgeprüft. Die mittels Prick- und Rast-Test durchgeführten Allergie-Tests wurden von zwei Assistenzärzten der Hautklinik Hamburg vorgenomen, so dass zwei unabhängige Befunde vorlagen.
Beide Assistenzärzte führten auch die kinesiologische Untersuchung durch, wobei sie beide unter der Qualitätskontrolle von zwei externen, seit Jahren kinesiologisch tätigen Ärzten standen. Der erste Assistenzarzt hatte bereits vor Untersuchungsbeginn eine Grundausbildung (Touch for Health) sowie einen Aufbaukurs (Health Kinesiologie) durchlaufen, der von J. Scott selbst geleitet worden war. Der zweite Assistenzarzt wurde vor Beginn der Studie in die Methodik eingewiesen. Die kinesiologischen Tests wurden nach dem Verfahren von Jimmy Scott (Health Kinesiologie) durchgeführt. Die Testung erfolgte im Stehen am Musculus deltoideus anterior. Dabei versuchte der Tester, den Arm der Testperson herabzudrücken, während die Testperson versuchte, den Arm in der Ausgangsposition zu halten, ohne selbst Gegendruck auszuüben. Durch diesen Test wurde der Bewegungsablauf trainiert. Um festzustellen, ob der Indikatormuskel erwartungsgemäß reagierte, wurden die Testpersonen aufgefordert, dies mit JA (starke Reaktion) oder NEIN (schwache Reaktion) zu bewerten. Die weitere Testung wurde im Liegen durchgeführt. Zunächst erfolgte eine Überprüfung der Meridianbalance anhand der um den Nabel angeordneten Testpunkte für die Meridianpaare. Der Korrekturmodus für schwache Elemente wurde nach der Methode von Scott festgelegt. Begonnen wurde in solchen Fällen mit der Austestung der neurovaskulären Punkte. Bei einer starken Reaktion folgte die Testung der Meridian- Endpunkte und in der Folge die der neurolymphatischen Punkte und die der Sedierungspunkte. Schwach testende Punkte wurden entsprechend korrigiert. Zum Abschluss der Vortestungen wurden eine Nabel-Balance (Hand der Testperson wird über den Bauchnabel, d.h. sämtliche Meridianpaare gelegt) vorgenommen. Dann erfolgte die Testung des Indikatormuskels. Anschließend wurde die Testung des Allergietestpunktes (kleine Knochengrube vor dem Ohr, die die Testperson selbst während des Tests komprimiert halten muss) durchgeführt.
Für die anschliessende Testung wurden die Allergene in kleine Glasfläschen verpackt und dem Tester in einer kleinen Pappschachtel gereicht. Alle Glasröhrchen waren gleich schwer. Die Reihenfolge der Allergene und der getesteten Allergene war für den Tester und die Testperson unbekannt, da die Pappschachtel undurchsichtig war. Die Pappschachtel wurde vom Tester unterhalb des Bauchnabels der Testperson auf die sog. Substanztestzone aufgelegt und der Indikatormuskel erneut geprüft. Eine Unsicherheit im Halten des Armes oder das widerstandslose Nachgeben des Armes unter Druck wurde als schwache Reaktion bewertet. Das stabile Halten des Armes in der Ausgangsposition wurde als starke Reaktion bewertet. Die schwache Reaktion steht im kinesiologischen Testsystem nach Scott für eine Allergie gegenüber der Testsubstanz.
Um die später folgenden Ergebnisse zu verstehen, müssen die Begriffe Sensitivität und Spezifität erläutert werden.
Unter Sensitivität (=Empfindlichkeit) eines Verfahrens versteht man die Häufigkeit des Eintretens eines positiven Testergebnisses. Weisst ein Allergietest bei der Testung von Bienengift-Allergen z.B. eine Sensitivität von 100% auf, so zeigte jeder dieser Tests eine allergische Reaktion auf das Bienengift-Allergen. Ist die Genauigkeit eines alternativmedizinischen Testverfahrens ebenso groß wie jene eines schulmedizinischen Verfahrens, so entspricht seine Sensivitität 100%. Es erkennt also genauso häufig den gleichen Befund wie das schulmedizinische Verfahren. Ist der Wert kleiner, erkennt die Kinesiologie weniger.
Die Spezifität sagt aus, wie häufig das Testverfahren bei einem gesunden Patienten eine fehlende Reaktion richtig erkennt. Hier sollte die Spezifität ebenfalls 100% betragen. Liegt sie niedriger, erkennt das Verfahren fälschlicherweise einen nicht vorhandenen Befund. So kann ein Patient Bienenstichallergiker sein und gleichzeitig nicht auf Candida albicans reagieren. Wenn eine Methode nun eine Sensitivität von 100% und Spezifität von 100% aufweist, wird das Bienenstichallergen sicher gefunden (Sensitivität), und auch das Fehlen einer Reaktion auf Candica albicans-Allergen wird richtig erkannt (Spezifität).
Die Ärztegruppe der Hamburger Hautklinik fanden im Vergleich zur Prick-/Rast-Allergietestung bei Bienen- und Wespengift für die Kinesiologie eine Sensitivität von 44% und eine Spezifität von 70%. Die Kinesiologie erkannte also nur 44% derjenigen Patienten, die eine Bienen- bzw. Wespengiftallergie hatten (Sensitivität) und nur bei 70% der Untersuchungen konnte die Kinesiologie richtigerweise das Fehlen einer entsprechenden Allergie feststellen. Für alle anderen Allergene wurde von den Autoren der sog. Cohens- Cappa-Wert angegeben. Dies ist eine Zahl, die die Stärke der Übereinstimmung von Messergebnissen beschreibt. Sie schwankt zwischen Null und Eins. Dabei bedeutet 0 keinerlei und 1 eine perfekte Übereinstimmung zwischen den alternativ- und schulmedizinischen Untersuchungsverfahren.
Als Untersuchungsmethoden waren der schulmedizinische Prick-/Rast- Test auf der einen Seite und die Health-Kinesiologie auf der anderen Seite zu vergleichen. Die Cappa-Werte zeigt die nachfolgende Tabelle.
Cappa-Werte des Vergleichs von
hochschulmedizinischem Prick-/Rast-Test
versus Health-Kinesiologie nach J. Scott
Allergen Cappa-Wert
Laktose 0.16
Hausstaubmilbe 0.11
Katzenhaare 0.31
Graspollen 0.02
Acetylsalicylsäure 0.16
Wespengift 0.14
Bienengift 0.47
Candida albicans 0.25
Kochsalz 0.42
Histamin 0.21
alle Allergene insgesamt 0.17
Der Zusammenhang von Kinesiologie und schulmedizinischen Testergebnissen war sehr gering, zum Teil (s. Graspollen) fast nicht vorhanden. Man hätte Mindestwerte von 0.9 erreichen müssen, um halbwegs akzeptable Übereinstimmungsraten erzielen zu können.
Um die Reproduzierbarkeit der Kinesiologie zu untersuchen, wurde im Januar 1995 in der Hautklinik bei fünf Wespengiftallergikern (gesichert mit Prick-/Rast-Test) vor einer Hyposensibilisierungsbehandlung erneut eine mehrfache kinesiologische Untersuchung vorgenommen.
Ein externer, erfahrener niedergelassener Kinesiologe führte eine 20fache Testwiederholung durch. 10 mal testete der Arzt mit Wespengift, 10 mal nur mit Kochsalzlösung. Auch hier waren die Proben für diesen Arzt unkenntlich (verpackt, gleich schwer), so dass weder Proband noch Kinesiologe wussten, ob gerade Allergen oder Placebo getestet wurde. Bei den Wespengift-Proben erreichte der Kinesiologe eine übereinstimmende Diagnose in nur 24%, jedoch immerhin 68% bei den Kochsalztestungen. Ein im Parallelversuch ebenfalls kinesiologisch diagnostizierender Arzt, der das Verfahren im Schnelldurchlauf von zwei Ärztinnen demonstriert bekam, die selbst nur einen Standardkurs in Kinesiologie erhalten hatten, brachte es immerhin beim Wespengift und beim Kochsalz auf eine Reproduzierbarkeitsrate von 61%. Da die Ärzte der Hamburger Hautklinik trotz der separaten Auftrennung von Patienten mit Candica albicans bzw. Patienten ohne Cancida albicans keinen Unterschied in der Reproduzierbarkeit der Messungen finden konnten, konnte das Argument der Kinesiologen, dass eine ordnungsgemäße kinesiologische Testung bei Candica albicans-Befall nicht möglich sei, als faktisch wiederlegt angesehen werden.
Die Kinesiologie ist unbrauchbar
Die Hamburger Hautärzte stellten fest: Aus unserer Sicht besteht daher derzeit kein wissenschaftlich begründbarer Anhaltspunkt dafür, die Kinesiologie in der Allergiediagnostik einzusetzen.
Eltern, die ihre Kinder Health-Kinesiologen oder analogen Kinesiologen zur Diagnostik überlassen, gehen ein hohes Risiko ein, wenn aus dieser unbrauchbaren Wundermethode therapeutisch relevante Folgen resultieren sollen. Es besteht dann die Gefahr der Fehldiagnose und Falschbehandlung. In jedem Fall geht man das Risiko ein, dass das Kind/der Patient verzögert zu einer wirklich wirksamen therapeutischen Einrichtung gelangt. Vor allem in Heilpraktikerkreisen wird die Kinesiologie als sicher propagiert. Man sollte die Praxen von Therapeuten, die diese Methode anbieten, sofort verlassen.
Es gibt im übrigen noch weitere Abwandlungen der Kinesiologie, die vom amerikanischen Chiropraktiker George Goodheart ebenfalls in den 1960iger Jahren entwickelt wurde. Dabei wird auf das aus der chinesischen Mythologie/Gesundheitslehre stammende Chi oder Ki abgezielt - ein geheimnisvoller Energiefluss im menschlichen Körper, der in Wirklichkeit nicht existiert und religös-magischen Ursprungs ist. Der Patient wird dadurch geprüft, dass dieser einen Arm im rechten Winkel von Körper zur Seite ausstreckt. Der Kinesiologe legt seine eigene Hand auf das Handgelenk des ausgestreckten Arms des Patienten und drückt nun den Arm gegen den Widerstand des Patienten nach unten. Der Energiefluss ist dann in Ordnung, wenn der Patient dem Druck des Therapeuten widersteht. Da dieses Phänomen aber von der Aufmerksamkeit des Patienten abhängt und somit vom Therapeuten sehr leicht beeinflusst werden kann, kann auf diese Weise dem unbedarften Patienten eine Scheinerkrankung angedichtet werden, die in der Realität nicht existiert.
Quellenverzeichnis
Lüdtke R, Seeber N, Kunz B, Ring J: Kinesiologie in der Allergiediagnostik. in: Jahrbuch der Karl und Veronica Carstens-Stiftung, Band 2, Hippokrates Verlag, Stuttgart, 1995, 54-64
Zu dem Autoren:
http://kidmed.info/forum/index.php?page=Thread&threadID=5398 1086373349
KOMMENTAR: es ist völlig unsinnig,daß sich die Medizin überhaupt mit solchem ganz offensichtlichen Unfug befaßt.
Und die Carstens-Stiftung ist schwerstkriminell.