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1

Samstag, 22. Mai 2010, 11:39

Anhaltspunkte zur Kinderentwicklung:

http://www.kinderaerzte-im-netz.de/bvkj/…ender/index.htm

Einfach auf die jeweiligen Kinderbilder klicken.

Man sollte aber immer im Auge behalten,daß die Menschen nun mal verschieden sind.

Ratschläge zur Kinderentwicklung:

http://www.rund-ums-baby.de/entwicklung/

Im Zweifelsfalle bitte den betreuenden Kinderarzt untersuchen lassen.


Größen- und Gewichts-Kurven :

Größen- und Gewichts-Kurven :

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Kinderarzt« (11. November 2010, 19:03)


2

Sonntag, 30. Mai 2010, 22:21

Im Laufe der Jahre habe ich immer weniger Physiotherapie für Säuglinge verschrieben und jetzt schon etliche Jahre gar keine mehr - ohne daß dabei irgendetwas versäumt worden wäre.-Im Gegenteil: Kindern UND Müttern wurde jede Menge übelster Stress erspart.

Durch eine 1-wöchige Intensiv-Zusatz-Ausbildung in Sachen Entwicklungsneurologie und Vojta wurde meine kritische Haltung eher bestätigt.

Gerade die Vojta-"Therapeuten" tragen ja leider zum Teil schon sektiererische Züge - wie die analytischen "Psychotherapeuten",Homöopsychopathen,Anthropopsychopathen,Osteopsychopathen usw..

3

Freitag, 4. Juni 2010, 15:13

Das ist wichtig und sollte neben www.kidmed.info auch weitergegeben werden.

4

Dienstag, 8. Juni 2010, 23:12

Geraten Sie bloß nicht an solche infamen Scharlatane:

http://www.zukunft-huber.de/home.php?hnaviid=1

Da werden Sie und ihr Kind Ihres Lebens nicht mehr froh.


Das muß man sich und seinem Kind definitiv nicht antun:

http://www.zukunft-huber.de/buch.php


Das ist falsch,zwanghaft,betrügerisch und gehört auf den Müll :

http://www.zukunft-huber.de/angebot.php?nid=6&hnaviid=3#6

http://www.zukunft-huber.de/angebot.php?nid=9&hnaviid=3#9


"Professor" Hellbrügge ist so ein absurder Kinderverwickler-Papst,neben Vojta DER Guru der Kinder-Entwicklungs-Leute.


Da werden Millionen vernichtet.

Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von »Kinderarzt« (6. November 2010, 18:46)


5

Mittwoch, 9. Juni 2010, 01:48

Wenn man einen seriösenen Kinderarzt und einen ebensolchen Kinderorthopäden hat,sind diese ekelhaften und schamlos elternverblödenden Abzocker-Pfuscher weg vom Fenster.

Dazu:

Zur Kinderorthopädie


Eine korrekte Sichtweise :

http://www.rund-ums-baby.de/kinderarzt/F…onie_315694.htm

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Kinderarzt« (9. Juni 2010, 11:59)


6

Dienstag, 6. Juli 2010, 01:22

Diesen Thread bitte weitergeben,weil er manchen Eltern unnötige Sorgen nehmen kann.

7

Dienstag, 4. Januar 2011, 16:42

Bitte weiterverbreiten - vor allem an diese debil-irren Kommerz-Eltern-Jammer-Pseudoforen.

8

Mittwoch, 26. Januar 2011, 21:31

Bitte gegen die allgegenwärtige Verblödung weitergeben.

10

Donnerstag, 7. April 2011, 15:08

Kidmed will den Eltern unnötige Sorgen nehmen und sie gleichzeitig für echte Probleme sensibilisieren.

11

Donnerstag, 26. Mai 2011, 10:02

Zu weiter Obigem :

Im Übrigen habe ich reichlich recht intensive Fortbildung in Sachen Vojta-Therapie,was mich der Sache nicht gerade nähergebracht hat.

Außerdem habe ich das dumpfe Gefühl,daß die ganze Physiotherapie-Industrie inzwischen zusehends leider auch von solcher infamen Scharlatanerie-Kriminalität infiltriert wird :

Zum Unfug mit der "Osteopathie"


Dazu lese man bitte dies :

Physiotherapie

12

Donnerstag, 23. Juni 2011, 15:43

Viele Eltern machen sich Sorgen über die Entwicklung ihrer Kinder.

Sie können hier jederzeit gerne nachfragen.


Was man auch wissen sollte.

13

Montag, 1. April 2013, 19:17

Zu den einzelnen Vorsorgeuntersuchungen.

Dazu kommen inzwischen noch die U 7a vor dem 3.Geburtstag und je nach Bundesland noch weitere.

Wird dann noch eingefügt.


http://kidmed.info/vorsorge/


Kinder-Vorsorgeuntersuchungen


Kinder entwickeln sich schnell. Um Beurteilen zu können, ob diese Entwicklungen auch "nach Plan" verlaufen, gibt es die sog. Vorsorgeuntersuchungen U1-J1. Bei diesen Untersuchungen, deren Kosten die Krankenkassen übernehmen, wird durch den Arzt der Entwicklungs- und Gesundheitszustand des Kindes regelmässig überwacht. Im Bedarfsfall kann so bei einer evtl. Abweichung direkt durch den Arzt gegengesteuert bzw. behandelt werden.

Es empfiehlt sich also unbedingt, diese Untersuchungen regelmässig in Anspruch zu nehmen.

Bei den hier gemachten Angaben handelt es sich lediglich um einen Überblick. Über die genauen Untersuchungsinhalte und deren Umfang gibt Ihnen Ihr behandelnder Kinderarzt sicherlich gerne Auskunft.


U 1


Die U 1 wird direkt nach der Geburt durchgeführt. Hierbei werden Hautfarbe, Atmung, Muskeltätigkeit, Reflexe und Herzschlag kontrolliert. Die Untersuchung, der APGAR- Test, beinhalt das Schema

A - Aussehen (Hautfarbe)
P - Puls
G - Gesichtsbewegungen
A - Aktivität
R - Respiration (Atmung)

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U 2


Die U 2 wird zwischen dem 3. und 10. Lebenstag des Neugeborenen durchgeführt. Normalerweise erfolgt diese Untersuchung ebenfalls wie die U 1 im Krankenhaus. Sofern ambulant entbunden wurde, muss auch hierzu der Kinderarzt konsultiert werden.

Inhalt dieser Untersuchung sind u. a. die Organe, die Reflexe sowie ein Bluttest, bei dem evtl. Stoffwechselerkrankungen und die Schilddrüsenfunktion untersucht werden.

Ebenfalls zur Untersuchung gehört auch das Prüfen der Hüfte auf eine mögliche Fehlstellung (Hüftdysplasie).

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U 3


Die U 3 wird zwischen der 4. und 6. Lebenswoche durchgeführt. Der Kinderarzt untersucht hier die Entwicklung des Kindes und beurteilt, ob diese einer altersgerechten Entwicklung entspricht.

Es erfolgt nochmals eine Hüftuntersuchung sowie ein Test des Hörvermögens. Ferner werden Sprach-, Spiel- und Sozialverhalten beurteilt.

Ist das Kind gesund, sollte es u. a.

• Lächeln oder Freude zeigen, wenn es angelächelt wird
• "Interessante Dinge" mit seinem Blick verfolgen
• Zufriedenheit durch "wohliges Seufzen" kundtun

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U 4


Diese Untersuchung erfolgt zwischen dem 3. bis 4. Lebensmonat. Der Arzt untersucht nochmals das Hüftgelenk, das Nervensystem, die motorische Entwicklung, Hör- und Sehvermögen sowie das Bewegungsverhalten.

Ein Kind, welches sich altergemäss entwickelt sollte bereits spontan Freude äussern können und sich Geräuschen und Zurufen zuwenden. In der Bauchlage liegend sollte das Baby in der Lage sein, sich selbständig aufzustützen und seinen Kopf gerade zu halten.

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U 5


Zwischen dem 6. und 7. Lebensmonat werden bei dieser Untersuchung nochmals die motorische Entwicklung des Kindes untersucht. Auch eine Beobachtung des altersgemässen Verhaltens sowie nochmaliger Test des Hör- und Sehvermögens stehen hierbei auf dem Untersuchungsplan.

Das Kind sollte bereits mit Unterstützung Sitzen können. Es sollte Interesse an seiner Umwelt zeigen und typischerweise für es interessante Dinge mit seinen Händen und Mund untersuchen und erforschen.

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U 6


Diese Untersuchung wird zwischen dem 10. und 12. Lebensmonat des Kindes durchgeführt. Kann das Kind bereits krabbeln, sitzen und stehen? Weiteres Augenmerk wird auf die geistige Entwicklung des Kindes gelegt.

Das Kind sollte in diesem Alter selbständig sitzen und anfangen, sich z. B. an Möbeln hochzuziehen um mit Unterstützung bereits stehen zu können. Weiter unternimmt es mit Unterstützung bereits seine ersten Schritte.

In diesem Lebensabschnitt fällt auch die Entwicklung der ersten Milchzähne.

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U 7


Bei dieser Untersuchung, die zwischen dem 21. und 24. Lebensmonat durchgeführt wird, liegt das Hauptaugenmerk auf der motorischen Entwicklung sowie der Sprachentwicklung des Kindes.

In dieser Phase versteht das Kind bereits fast alles, was Mama oder Papa von ihm möchtel. Aber es bekundet auch den eigenen Willen und reagiert gar nicht erfreut, wenn es seinen Willen nicht durchsetzen kann. Das Kind ist u. a. dabei, die Grenzen seines Handelns zu erforschen.

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U 8


Die U 8 findet zwischen dem 3 1/2 und dem 4. Lebensjahr statt. Der Arzt befragt hierbei die Eltern nach den bereits erfahrenen Kinderkrankheiten. Ferner werden nochmals die Organe und die motorische Entwicklung des Kindes untersucht.

Kinder in diesem Alter können sich fast selbständig alleine an- oder ausziehen. Es kann selbständig Essen und Trinken und kennt auch den Gebrauch von Besteck. Einfache Formen kann es nachmalen. Ferner sollte es bereits grosse selbständige Aktivität zeigen - Rumtoben, Klettern, Spielen mit anderen Kindern, etc.

Die Milchzähne (20 Stück) sollten ebenfalls vollständig ausgebildet sein.

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U 9


Die U 9 erfolgt zwischen dem 5. und 5 1/2 Lebensjahr des Kindes. Es werden nochmals alle Organe sowie deren Funktion durch den Arzt untersucht. Auch die Motorik und das Hör- und Sehvermögen werden nochmals untersucht.

Kinder in diesem Alter haben sich meist auch schon festgelegt, ob sie lieber mit der linken oder rechten Körperhälfte aggieren, also Links- oder Rechtshänder sind. "Umschulungsmassnahmen" seitens der Eltern sollten vermieden werden, da diese unnötig sind und dem Kind eher schaden als helfen.

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J 1


Bei der J 1 handelt es sich um eine Erweiterung der o. g. U-Untersuchungen. Gab es früher nur die U1-U9, stellt die J 1 nun eine weitere Vorsorgeuntersuchung dar. Sie erfolgt beim Eintritt vom Kinder- in das Jugendalter und wird zwischen dem 12. und 14. Lebensalter durchgeführt.

Der Haus- oder Kinderarzt führt neben einer nochmaligen Untersuchung ein Beratungsgespräch mit dem Jugendlichen durch. Hierbei werden Themen wie z. B. Alkohol, Drogen, Rauchen und Sexualität besprochen.



DER OPTIMALE IMPFPLAN :


http://kidmed.info/impfungen/


Bitte unbedingt weitergeben.



Wenn Sie mehr über die möglichen Komplikationen bzw. Gefahren einer entsprechenden Erkrankung bei Nicht-Impfung erfahren möchten, können Sie sich auch gerne in unserem sehr umfangreichen über 11-jährigen Impfforum informieren :

http://kidmed.info/forum/board1-allgemei…/board3-impfen/



Mein Impfplan,den ich für optimal halte und der auch die wenigsten Stiche braucht :


1.

Ab Geburt erste Hepatitis B Impfung

2.

Vier Wochen nach Geburt zweite Hepatitis B Impfung

3.

Ab Ende der 8. Woche erste 5fach-Impfung:
Diphterie-Tetanus-Keuchhusten-Polio-Hib + erste Pneumokokken

4.

Vier Wochen später die zweite 5fach-Impfung + zweite Pneumokokken

5.

Weitere vier Wochen später die dritte 5fach-Impfung
+ dritte Pneumokokken

6.

Dritte Hepatitis B Impfung fünf Monate nach der zweiten Impfung

7.

Masern-Mumps-Röteln (MMR) + Windpocken im 12. Monat (besser jedoch schon früher)

8.

Zweite MMR + Windpocken vier Wochen nach der ersten Impfung (und nicht erst später oder gar mit 6, da dies ganz falsch ist)

9.
Impfung gegen Meningokokken zusammen mit der 1.MMRV-Impfung. Vierte Pneumokokken innerhalb des zweiten Lebensjahres.

10.

Zusammen mit der vierten 5fach Impfung - 12 Monate nach der dritten.

11.

Tetanus-Diphterie -Keuchhusten Impfung mit 6 Jahren (Boostrix,Covaxis))

12.

Polio (IPV) Impfung mit 11 Jahren (oder mit 16)

13.

Windpocken-Impfung mit 12-15 Jahren (wenn noch keine Windpocken
oder Impfung gehabt)

14.

Tetanus-Diphterie+Keuchhusten mit 16 Jahren

15.

Danach alle 10 Jahre Tetanus-Diphterie + Keuchhusten Impfung


Es handelt sich hierbei um einen modifizierten bzw. optimierten Impfplan, der durch die STIKO gedeckt ist.



Was noch sehr wichtig ist und was bei den allermeisten Eltern und Mitbürgern überhaupt völlig fehlt,ist dies :

Das Interesse an veritablen medizinischen Dingen


SO kann das nichts werden !

14

Samstag, 13. April 2013, 18:26

Zur Kinderentwicklung von einem wirklich guten Entwicklungspädiater :








Das emotionale Bewusstsein

zurück zum Forum




von Rüdiger Posth

Teil 1 - Die Erlebniswelt des Säuglings


Liebe Eltern,




von der großen Anzahl der Fragen im Entwicklungsforum überwältigt, ist
es mir ein großes Bedürfnis geworden, allgemeine Grundsätze meines
entwicklungspsychologischen Konzepts auch in einem fortlaufenden Text
darstellen; erlauben mir doch die Antworten auf konkrete Fragen nur ein
sehr beschränktes Eingehen auf den Gesamtkomplex.



Die Basis




Bei meinem Unternehmen will ich mich bemühen, die doch recht schwierigen
Zusammnenhänge der frühkindlichen, seelischen Entwicklung auf ein
allgemein verständliches Niveau zu bringen. Die vielen Einflüsse aus der
Geschichte der Kinderpsychologie, eine Geschichte, die sich nahezu
ausschließlich auf die letzten fünf Jahrzehnte des vergangenen
Jahrhundert beschränkt, werde ich mit Zitaten auf ein Mindestmaß
reduzieren. Lassen Sie sich vor allem auch nicht von den z.T.
unvermeidlichen Fremdwörtern irritieren. Ich werde mich bemühen, diese
sofort oder noch im aktuellen Zusammenhang zu erklären. Bedenken Sie,
wollte ich Ihnen die Funktionsweise des menschlichen Immunsystems
erklären oder -einem ganz anderen Bereich entnommen- das Innenleben
eines Computers, ginge es auch nicht ohne Fremdwörter ab. Jede weit
entwickelte, wissenschaftliche Disziplin besitzt inzwischen ihre eigenen
Sprache, die sie benutzt, um einen schnellen, allgemein verständlichen
Kommunikationsaustausch zu sichern, aber nicht, um sich für die
Allgemeinheit unverständlich zu machen.



Was ist nun meine Grundvorstellung?




Für mich ist der kleine Säugling das empfindlichste Wesen in der Natur
überhaupt. Er ist, anders als die kleinen Tiere, erstens viel weniger
durch eine instinktive Brut- oder Nestpflege seitens seiner Eltern
existenziell abgesichert und zweitens hat er von der Natur nicht die
rasche Entwicklung zur Selbständigkeit z.B. in der Fortbewegung mit
bekommen. Demzufolge ist der Säugling auf zwei entscheidende Fähigkeiten
angewiesen, nämlich erstens den Sozialkontakt mit seinen Eltern ständig
und wirkungsvoll herauszufordern und zu erhalten, und zwar im Guten,
wie im "Schlechten". D.h., da es in der Natur solche Kategorien, wie gut
und böse nicht gibt, geht es allein um Signale, die unmißverständlich
sein müssen. Zweitens besitzt der Säugling angeborene, innere Gefühle,
die nicht nur seine elementaren Triebe wie Hunger und Durst ihn gewahr
werden lassen, sondern auch sein dringendes Bedürfnis nach eben diesem,
für ihn überlebenswichtigen Sozialkontakt.



Innere Gefühle und über Jahrtausende hinweg gesicherte Prägungen im
Verhalten sichern auf diese Weise dem Säugling die Fähigkeit sein Leben
aufzubauen. Diese Prägungen des Verhaltens müssen, wie gesagt- eindeutig
sein und intensiv im Ausdruck, weil sonst die Eltern, die sich
ihrerseits mit den existenziellen Problemen plagen, diese Signale
überhören oder fehlinterpretieren könnten, letzteres aus Egoismus sogar
bewußt. Der Schrei ist ein solches Signal, welches im einen Säugling
aufziehenden Erwachsenen Sorge und inneres Unbehagen auslöst mit der
Folge, das er sich um dessen Bedürfnisse kümmert und das Unangenehme ihm
beseitigt. Zwei ganz eigene Gefühle bewegen dabei den Erwachsenen, die
beide auch für ihn von großer Bedeutung sind. Erstens die Besorgnis um
sein Kind, die ihm als solche letztlich angeboren ist, wie die
Brutpflege dem Tier, zweitens sein Verantwortungsgefühl, das er zusammen
mit den Inhalten seines Gewissens erlernt hat. Diese beiden inneren
Empfindungen kennzeichnen entscheidende Werte der Menschlichkeit und
erziehen auch den Erwachsenen zu einem respektablen
Gesellschaftsmitglied.



Das Lächeln oder Lachen ist neben dem Schreien das andere, äußerst
starke Signal, welches nun am gegenüberliegenden Ende der Gefühlsskala
emotionale Übereinstimmung mit den aufziehenden Eltern und bei diesen
eigene, innere Freude auslöst. Das Säuglingslachen vermittelt den
Erwachsenen Bestätigung ihrer guten Betreuungsleistung. Dieses Gefühl
der Bestätigung braucht der Erwachsenen dringend, um seine Zuwendung und
Pflege trotz aller Schwierigkeiten beständig fortzuführen. Solche
Beständigkeit empfindet wiederum der Säugling als Zuverlässigkeit, von
der sein Wohlbefinden stark abhängig ist.



Wir sprechen übrigens bei diesen die Emotionen eines Menschen
ausdrückenden Verhaltensweisen von Affekten, was dazu geführt hat, dass
der Begriff Affekt zuweilen synonym mit Emotion=Gefühl benutzt wird. Ich
möchte aber die doch sehr aussagehaltige Unterscheidung der Begriffe um
eines klaren Verständnisses willen beibehalten.



Also Schreien, Lachen, Streicheln, Umarmen, Anschmiegen, Schlagen,
Beißen usw., all das sind Affekte, bzw. affektive Handlungsweisen, deren
jeweiligen emotionalen Hintergrund wir Erwachsenen kennen und verstehen
sollten, um das Verhalten unserer Nachkommen richtig zu interpretieren.
Darum vor allem geht es mir in diesem Text, darum vor allem drehen sich
auch die meisten Fragen, die mir gestellt werden. Der ganze
theoretische Unter- oder Überbau ist eigentlich nur selten Inhalt einer
Frage.



Grundlagen der menschlichen Persönlichkeit




Wie aus den Begrifflichkeiten der Entwicklungsneurologie, die sich mit
dem Bewegungssystem und den Sinnen des Säuglings befaßt, d.h. also mit
den organischen Funktionen des Zentralnervensystems, und denen der
Entwicklungspsychologie, als das hier zu Besprechende, hervorgeht,
berechnet man das Säuglingsalter auf das erste Lebensjahr und das
Kleinkindalter auf weitere fünf. Danach beginnt das Schulalter. Die hier
gemachten Ausführungen erstrecken sich etwa auf die ersten drei Jahre
dieser Zeit.



Ein ganzes Jahr braucht der Mensch, um seinen aufrechten Gang auf zwei
Beinen gegen die Auswirkungen der Schwerkraft zu erlernen (Stato- oder
Grobmotorik). Mindestens genauso lange braucht er, um die Funktion der
zwei frei bleibenden Arme einigermaßen unter Kontrolle zu bekommen
(Hand- und Feinmotorik). Störungen oder Schwächen in der für ein
selbständiges Leben notwendigen Beherrschung dieser Funktionen
bezeichnet man als sensomotorische Integrationsstörung.



Interessanterweise braucht der Mensch aber ebenso lange, um verstehen zu
lernen, dass er ein eigenes Individuum ist, das sich von der oder den
ihn aufziehenden, erwachsenen Personen entfernen kann und nach Bedürfnis
auch wieder zu diesen zurückkehren. Dazu muß der Säugling wenigstens
zwei Dinge erkannt haben. Das erste ist die Gewißheit, dass wenn er
seine Bezugspersonen verläßt, diese auch wieder auffindbar sind, wenn er
zu ihnen zurückkehrt (Objekt-, resp. personelle Permanenz n. J.Piaget).
Das zweite ist die Erfahrung, dass seine Umgebung ein Raum ist, den man
"durchkrabbeln" und durchlaufen kann, und in dem man jederzeit wieder
umkehren und an den verlassenen Platz zurück gehen kann. Dass man für
dieses Gehen Zeit braucht, die dabei verstreicht und in der
Vergangenheit "verloren" geht, davon wissen der Säugling und das
Kleinkind lange Zeit noch nichts.



Die Handlungen des Säuglings, die in diesem Lebensabschnitt der
Entfernung von seiner Bezugsperson einen entscheidenden Wendepunkt
vollziehen, sind zum erstem Mal von seinem eigenen Willen geprägt. Alle
Eltern spüren diesen Augenblick, wenn ihr Kind plötzlich Dinge tut, von
deren Vollzug es nicht ablassen mag, und dessen Realisation es auch
ständig neu inszenieren muß. Der hier spürbare Wille ist einstweilen so
starr und beharrlich, dass er beinahe einem Zwang gleichkommt, was
bedeutet, dass das Kind selber von seinem einmal gefaßten Willen nicht
so ohne weiteres los kommt und eine Behinderung in dessen Ausübung (z.B.
durch die erziehenden Eltern) mit dramatischem Protest quittiert. Was
sich im Säuglingsalter mit beharrlicher Persistenz als statomotorische
und feinmotorische Entwicklung vollzogen hat, ereignet sich im zweiten
Lebensjahr mit gleicher Intensität in der Ausübung des Willens. Wie wir
heutzutage wissen, bewegt sich der Wille im Gehirn eines Menschen auf
ähnlichen funktionellen Pfaden, wie sein Drang zur Bewegung. Man könnte
sagen, der Wille ist, bevor er als eigener Wille erkannt wird, nichts
als ein starker Drang, etwas zu tun, resp. eine Handlung zu vollziehen.
Ich nenne diesen Drang eine Regung. Nebenbei gesagt sind auch Gedanken
eine Art Bewegung im Gehirn, nämlich eine geistige Bewegung.



Auf alle diese Fragen werden wir zurückkommen, vorläufig wollen wir aber
bei den Gefühlen des kleines Säuglings bleiben. Wir müssen uns
vorstellen, dass der kleine Säugling, der als Neugeborenes die
schützende Hülle der Gebärmutter verläßt, in einen ihm völlig
andersartigen, völlig fremden "Raum" eintritt. Alles, was er vorfindet,
ist ihm fremd, aber auch alles, denn auch die mütterliche Stimme klingt
nun anders, und ihr Herzschlag ist ihm ferner denn je. So ist es
verständlich, dass die ersten Bestrebungen des Neugeborenen die
Anklammerung an die Mutter sind, die ihm gleich nach der Geburt mit
ihrer Brust und ihren Armen Schutz und Sicherheit bietet. Fortan werden
Brust (=Saugen) und Arme (=Tragen) die wichtigsten Schutzelemente sein,
die er von Anfang an spüren und richtig verstehen kann. Es sind seine
ersten Erfahrungen. Diese Erfahrungen betreffen aber nicht so sehr sein
verstehendes Wissen, denn das entwickelt sich erst am Ende der
Säuglingszeit, sondern seine Gefühlswelt, insofern wir lieber von
Erlebnissen reden sollten, als von Erfahrungen. Der kleine Säugling
erfährt sein Dasein in gefühlshaften Erlebnissen. Dass diese prägend für
das ganze spätere Seelenleben eines Menschen sein sollen, wird ebenso
heftig bestritten, wie verteidigt, aber allein die Tatsache, dass diese
Vorstellung das menschliche Gemüt so heftig bewegt, beweist meines
Erachtens, wie wichtig diese Anschauung letztendlich doch geworden ist.
Hervorgebracht wurde sie vor allem von S.Freud, der allerdings die
postulierte Erlebniswelt des Säuglings ursächlich auf libidinöse Triebe
zurückführte (d.h. auf eine direkte Befriedigung ausgerichtete
Bedürfnisse, was einen gewissen Bezug zur Sexualität herstellt) und
deren Versagung, weil von der Mutter unerfüllbar. Freud fand seine
Nachfolger, z.B. seine Tochter Anna Freund oder Melanie Klein, die diese
Libidotheorie hin und her diskutierten, aber schließlich auf keinen
gemeinsamen Nenner kamen.



Der Zugang zur Erlebniswelt des Säuglings




Heutzutage wird ein anderer Zugang zu der Erlebniswelt der Säuglinge
versucht. Ein wesentliches Element dabei ist die sogenannte
Direktbeobachtung. Anders als Freud und ein Großteil seiner Nachfolger,
die das kindliche Erleben rein retrospektiv, d.h. aus der rückwärts
gerichteten Sicht im späteren Leben psychisch erkrankter oder vielleicht
auch nur leidender Erwachsener betrachteten (Psychoanalyse), wählt man
jetzt die unmittelbare Beobachtung und Analyse des Säuglingsverhaltens
(z.B. M.Dornes an der Universität in Kassel).



Das hört sich leichter an, als es ist. Mit der reinen Beobachtung ist es
nämlich nicht getan. Man muß sich dabei überlegen, wie registriert der
Säugling seine Umwelt und mit welchen Gefühlen tut er das. Zu der Art,
wie ein Säugling seine Umwelt registriert, gibt es zahlreiche
Untersuchungen, die allesamt darauf abheben, zu erkennen wie die Sinne
des Säuglings funktionieren und auf "Gehirnebene" miteinander arbeiten
(Wahrnehmungspsychologie). dass die fünf Sinne des Säuglings noch etwas
anders funktionieren als beim älteren Kind und Erwachsenen, das war
schon immer klar. Worin aber diese Unterschiede bestehen, das ist
Gegenstand aktueller Forschung. Man weiß aber heute durch geschickte
Untersuchungsanordnungen, dass Säuglinge ihre fünf Sinne im Gehirn schon
recht gut miteinander in Beziehung setzen können. Das heißt allerdings
noch nicht, dass sie daraus auch ein echtes Wirklichkeitsverständnis
ableiten können. Mir z.B. aber kommt es gar nicht so sehr auf die
Funktion der Wahrnehmung (oder wissenschaftlich: Perzeption) des
Säuglings an, sondern auf die Emotionen, d.h. die Gefühle, die diese
Wahrnehmungen unweigerlich begleiten.



Nehmen wir hier zur Konkretisierung und zum besseren Verständnis meiner
Position aber nicht eine Funktion aus dem Wahrnehmungsbereich, sondern
aus dem Verhaltensbereich, denn so ist leichter verständlich zu machen,
was ich sagen will. Nehmen wir das eindringliche Beispiel des Schreiens.
Ich wähle hier das Schreien bewußt, weil es für alle Eltern ein
zentrales Geschehen im Aufziehen ihrer Säuglinge ist. Wissenschaftlich
wird also untersucht, wie oft und wie lange ein Säugling schreit, bis
man ihm attestieren muß, unnormal bzw. krankhaft zu schreien. Des
weiteren wird untersucht, wie hoch sein Puls dabei geht, wie stark er
schwitzt, vielleicht wie sich seine Hirnströme im Elektroencephalogramm
(EEG) verhalten oder seine Muskelspannung. Was man hier untersucht, sind
tatsächlich die psychovegetativen Auswirkungen des Schreiens, d.h.
dessen körperliche Erscheinungen und Meßbarkeiten, aber weder dessen
Ursache, noch dessen Folgen. Mir geht es aber um gerade die beiden
letzteren Aspekte. Dass Schreien das vegetative (das unwillkürliche,
nicht steuerbare) Nervensystem beeinflußt, ist ein gesichertes Phänomen,
dem nichts wesentlich Neues hinzuzufügen ist. Interessant sind aber
doch nur die Ursache und die Auswirkungen des Schreiens. Davon wird
gleich zu sprechen sein.



Neben die direkte Beobachtung des Säuglingsverhaltens, die wie gezeigt
rein wissenschaftlich sich schnell in meßbare Skalen ergeht und
ursächliche (kausale) Gesichtspunkte aus den Augen verliert, muß immer
und sofort die empathische Betrachtungsweise treten, welche ihre Bezüge
aus der Intuition (Einfühlsamkeit) gewinnt. Intuition heißt hier, dass
das zu untersuchende Gefühlserleben des Säuglings etwas mit den eigenen
Gefühlen zu tun haben muß, also denen des Untersuchers (die allesamt
selbst einmal Säuglinge waren!). Das darf man sich nun nicht subjektiv
und völlig spekulativ vorstellen, sondern muß es als eine durch
Übereinkunft in der Gefühlswelt menschlichen Erlebens erzielte und daher
zu verallgemeinernde, psychologische Theoriebildung anerkennen.
Letztere folgt einem langen Prozeß der Erkenntnis emotionaler Vorgänge
im Menschen und benutzt neben Beobachtungen aus der Ethnologie
(Völkerkunde) und Verhaltensbiologie (Natur menschlichen Verhaltens)
auch die pathologische (also ins Krankhafte) Verkehrung des Normalen.



Als dritter Faktor in der Erklärung und dem Verständnis von Empfindungen
im Gehirn des Säuglings wird in Zukunft immer mehr auch die
biochemische Analyse und die bildgebende Darstellungsweise
(computergesteuerte Messung magnetischer Wellenspektren/MRT, oder der
Zuckerverbauch bei Aktivität in speziellen Hirnarealen/PET) des
unmittelbar untersuchten Gehirns treten. Bei der biochemischen Analyse
v.a. der sogenannten Botenstoffe im Gehirn, die Neurotransmitter, werden
auch Untersuchungen an "artverwandten" Tieren zu Rate gezogen, da sich
aus ethischen Gründen gezielte Untersuchungen an unseren Säuglingen
größtenteils verbieten.



Gerade solche Untersuchungen haben in jüngster Zeit meines Erachtens
wesentliche Dinge ans Licht gebracht. Als ganz entscheidende Entdeckung
ist zu werten, dass sich bald nach der Geburt im Zuge der Verknüpfung
von Neuronen (Hirnnervenzellen) zur Aufnahme von Abbildungen aus der
Wirklichkeit, dingliche wie erlebnishafte zum Aufbau der "inneren Welt",
im menschlichen Gehirn stark überzählige Verknüpfungen bilden, die
sogenannten Synapsen, aus deren Vielzahl dann im Laufe der weiteren
Monate und Jahre die günstigsten und effektivsten durch Reduktion
selektiert, d.h. ausgewählt und stabilisiert werden. Die anderen
"verfallen" gleichsam im Normalfall. Bei diesem Vorgang spielen die
Botenstoffe/Neurotransmitter eine entscheidende Rolle. Die
Neurotransmitter aber gehören selbst zum emotionalen System des Menschen
und steuern die Ausprägung der Gefühle. Das wiederum weiß man z.B. aus
der Verwendung von Psychophamaka, welche allesamt ihre Wirkung aus der
Beeinflussung der Neurotransmitter beziehen (z.B. Selektive Serotonin
Wiederaufnahmehemmer/SSRI wie Fluoxetin oder auch Methylphenidat, das
Mittel, das man zur Behandlung des
Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperkinetisches-Syndrom/ADHS verwendet). Die
eben erwähnte Reduktion der Synapsen auf die entscheidenden
Verknüpfungen in der Entwicklung der menschlichen Psyche und des Geistes
wird zweifelsohne durch die soziale Interaktion (das gesellschaftliche
"Miteinander") von Säugling und Bezugspersonen beeinflußt. Das müssen
wir uns wahrscheinlich so vorstellen, dass alle regelmäßig und
zuverlässig einsetzenden Maßnahmen der Sorge und Pflege des Säuglings
die Vielzahl der potenziellen Verbindungen im Gehirn auf ein
zuträgliches und -sagen wir- gesundes Maß zurückstuft. Auf diesem
reduzierten und geordneten Boden bauen sich dann alle wesentlichen
geistig-seelischen Entwicklungsmerkmale als Charakter des Menschen auf.
Im Umkehrschluß heißt das aber, dass im Falle der massiven Störung
dieser "Synapsenreduktion" durch Inkonsistenz (Unzuverlässigkeit) der
Bezugspersonen dem Säugling gegenüber oder durch jede Form von
Vernachlässigung (evtl. auch extrem langes Schreien lassen) die
überzähligen Verknüpfungen bestehen bleiben und als ständiger
"Störfaktor durch ablenkende Querverbindungen" die Kindheit bis in das
Erwachsenenalter hinein begleiten können. Alle diese dann am System
teilhabenden Nebenverbindungen beanspruchen aber auch weiterhin
Neurotransmitter für ihr Funktionieren, so dass einerseits deren
Erschöpfbarkeit schneller als im Normalfall einsetzen kann, andererseits
jede zusätzliche pharmakologische Gabe von Neutransmitteraktivität
fördernden Substanzen sich in gewisser Weise nützlich auswirken wird
(Beispiel Methylphenidat bei ADHS).



Das Schreien als ursprünglichste affektive Äußerung




Nun kennen wir das Rüstzeug und wissen, was damit an Aussage über das
Fühlen und Empfinden des kleinen Säuglings zu machen ist. Wenden wir uns
nun tatsächlich stattfindenden Ereignissen zu, so wie viele Eltern
diese in der Arztpraxis, der psychologischen Praxis oder z.B. auch im
Internet vortragen.



Da geht es in erster Linie um das Schreien des Säuglings. Jeder, der
Säuglinge erlebt, merkt recht bald, dass es mindestens drei Formen des
Schreiens gibt. Die erste Form ist das Signal für Unzufriedenheit und
Unlustgefühle. In der Direktbeobachtung sehen wir einen unruhigen,
stampelnden, motorisch erregten Säugling, der im Gesicht von Ernst
gezeichnet um die Aufmerksamkeit seiner Berzugsperson ringt. Intuitiv
erkennen wir das Schreien als Ärger oder, wenn die Geduld zu sehr
strapaziert wurde als Wut. Am Anfang nur ein Meckern oder kürzere,
klagende Laute vortragend, eigentlich mehr ein Weinen denn ein Schreien,
steigert sich der Säugling je nach Temperament schnell ins
"wutentbrannte" Geschrei. Das ist gekennzeichnet von mit Nachdruck
hervorgebrachten Schreilauten (Kreischen), die von kurzen, oft
"juchzenden" Atemzügen zum Luftholen unterbrochen sind.



Kommt keine Hilfe oder wird nur nicht schnell genug reagiert, geht das
Anfangsschreien in ein ausdauerndes, zunächst noch nachdrücklich
wirkendes, dann immer kläglicher werdendes Dauerschreien, ein Schreien
aus Not, über. Dieses kann stundenlang anhalten und den Säugling bis in
die tiefste Erschöpfung treiben.



Zum Beispiel bei Zufügen stärkerer Schmerzen, aber auch im Rahmen des
Dauerschreiens immer wieder aufflammend, erleben wir das Panikschreien,
welches exzessiv erscheint und höchst dramatisch klingt. Es ist Ausdruck
allergrößter Not im Säugling. Schrie ein erwachsener Mensch in dieser
Form, nähme jeder andere intuitiv den höchsten Grad von körperlicher
oder seelischer Verletzung an und reagierte dementsprechend. Nicht so
beim Säugling! Haben wir hier unsere Intuition verloren?



Wie können wir uns dieses Schreien erklären, wenn wir immer wieder
feststellen müssen, dass gerade in den ersten Lebenswochen kein für uns
ersichtlicher Daseinszustand von großer Not oder Bedrohung erkennbar
ist. Ist es tatsächlich erlaubt, sich mit organischen
Erklärungsmodellen, wie Dreimonatskoliken zu begnügen? Ist es
desweiteren erlaubt, dem Säugling angeborene Unfähigkeit in der
Selbstregulation zu unterstellen, wobei deren rein physiologische Gründe
noch weitaus weniger nachvollziehbar sind, als die viel zitierten,
etwas ominösen Schmerzen im Gedärm? Was wäre denn Selbstregulation bei
einem emotional vollkommen abhängigen Wesen, wenn nicht eine angeborene
Fähigkeit zum Yoga? Die Antwort ist meines Erachtens immer nein, bzw.
eine solche Fähigkeit besitzt der Säugling nicht. Das erste, was der
Säugling nach der Geburt auf dieser Welt erlebt, ist eine totale
Befremdung. Nichts von dem, was er ab diesem Augenblick erfahren und
erleben muß, ist ihm in irgendeiner Weise bekannt. Diese Fremde oder
Befremdung erlebt der Säugling aber mit Sicherheit nicht kognitiv, d.h.
wissensmäßig, denn dazu fehlen ihm sämtliche Vorauserfahrungen als
Empirie, sowie die nötige Denkfähigkeit mit Begriffsbildung und
logischen Schlußfolgerungen. Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über
die Reifung des menschlichen Gehirns sprechen gegen solche Fähigkeiten.
Der Säugling kann diese Dinge nur rein emotional erfahren.



Dass aber das Neugeborene und der kleine Säugling schon Emotionen erlebt
und auch in seinem Gehirn verarbeiten kann, ja offenbar sogar
abspeichert, dafür sprechen Untersuchungen, die u.a. der Amerikaner
J.LeDoux aus einem Puzzle testpsychologischer Untersuchungen an
erwachsenen Menschen (mit dem Ergebnis: "Gefühle sind immer schneller
als Erkenntnisse") und zahlreichen neurophysiologischen (die
Hirnbiologie und den Hirnstoffwechsel betreffenden) Untersuchungen an
jungen Tieren herausgelesen hat. Das Ergebnis all dieser Untersuchungen
war, dass eine bestimmte Struktur im Gehirn der Säugetiere und Menschen
Gefühle von ganz früh an steuert, nämlich die Mandelkerne (Amygdala).
Die wiederum bedienen sich dabei eines Erregungssystems, welches aus
Botenstoffen im Gehirn, genannt Neurotransmitter, s.o., besteht
(Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Acetylcholin, Endorphine u.a). In
zwei -sagen wir- schleifenförmig verlaufenden Hirnkomplexen, die beide
zusammen als Limbisches System bezeichnet werden, gelangen die
Ergebnisse des Fühlens "von etwas" in die allgemeine Gefühlszentrale
zurück (Thalamus), zugleich aber auch in das Frontal-(oder Stirn-)hirn
(über den Gyrus cinguli). Diesem System an Gefühlskonstruktion ist nur
noch eine Tatsache hinzuzufügen, um dahin zu kommen, was das
Gefühlserleben der Säuglinge so entscheidend betrifft, nämlich dass
Gefühle sogar aus Vorprägungen im Gehirn (also angeborenermaßen)
entstehen können.



Um das zu verstehen, müssen wir Erkenntnisse der Verhaltensbiologie
hinzunehmen, so wie sie z.B. von I.Eibl-Eibesfeld schon in den
Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts an Säuglingen und Kleinkindern
von verschiedenen Völkern in der Welt gewonnen hat. Vorprägung heißt,
dass überall auf der Welt Säuglinge und Kleinkinder in etwa dieselben
emotionalen und affektiven Reaktion auf bestimmte Ereignisse zeigen,
erklärbar allein durch die Annahme, dass die Menschheitsgeschichte über
die Jahrtausende hinweg (Phylogenese) die Empfindungen und
Verhaltensweisen uns Menschen allgemein zur schnellen Sozialisierung mit
auf den Weg gegeben hat.



Wie aber können solche Vorprägungen nun im Gehirn bereits bei Geburt
verankert sein? Sicher weiß man dazu längst noch nicht alles. Es ist
aber durchaus denkbar, dass in der genetisch vorgegebenen Ausgestaltung
der Adapterstellen für die Neurotransmitter, spezielle Rezeptoren, die
Antwort auf unsere Frage ruht. Denkbar ist nämlich eine spezifische
Anordnung dieser Rezeptoren in den einzelnen Hirnregionen, welche sich
in der frühkindlichen Entwicklung dann auf bestimmte Teilfähigkeiten des
Gehirns nun also im Verbund mit Gefühlsqualitäten in dieser Region
spezialisieren. Ein jedes Kind käme also mit einer
Rezeptorgrundkonstellation im Gehirn zur Welt, welche durch die
Selektion der synaptischen Verbindungen einer individuellen
Ausgestaltung einmal Platz macht. Auf diese Weise wären auch die
angeborenen Temperamente gut zu erklären.



Eigentlich wissen wir jetzt alles, was wir wissen müssen, um das
Schreien der Säuglinge zu verstehen. Das Schreien dient als Signal an
die Bezugspersonen, sprich die Eltern, den in innere Not geratenen
Säugling in seiner Hilflosigkeit zu verstehen und alles Erdenkliche zu
tun, ihn aus dieser Lage zu befreien. Untersagt man dem Säugling diese
Hilfe, gerät er in Verzweiflung und erlebt Gefühle der Panik. Der Grund,
warum sich aber der Säugling häufig ganz aus einem inneren Gefühl
heraus in Not befindet und nicht durch Unterlassungen der Eltern, liegt
mit der Evolutiongeschichte des Menschen nun auf der Hand. Es ist das
Erschrecken vor der Fremde und der möglichen Einsamkeit, in die er sich
hinein begeben mußte, ein Erschrecken, das sich meines Erachtens am
leichtesten als Unheimlichkeit nachempfinden läßt. Unheimlichkeit
überkommt uns Erwachsene übrigens oftmals auch noch völlig unerwartet
und scheinbar unerklärlich (z.B. beim Heimweh in der Fremde), und wenn
es so ist, dann setzt sich in der Regel ein anderer Mensch für den
Betroffenen ein und redet ihm bezogen auf diese Situation jeden Grund
für das genannte Gefühl aus. Mit dieser Erklärung kommen wir nahe dran
an das, was den Säugling unerwartet schreien läßt. Er "erhofft" sich in
seinem Schrei aus Not das Hinzukommen eines Anderen, der Mutter als
pimärer Bezugsperson, ihm die Gründe für dieses Gefühl "auszureden".
Dieses Ausreden stellt sich faktisch dar als Trösten.



Um die Not aus der Evolutionsgeschichte des Menschen zu verstehen,
müssen wir uns noch einmal daran erinnern lassen, dass der Mensch
ursprünglich mehr oder weniger schutzlos dem Unbill und den Gefahren der
Natur ausgesetzt war. Bedrohung durch das Wetter, die Wildtiere, aber
auch durch den z.B. Hungers darbenden Mitmenschen waren ständig präsent.
Ohne die Sicherheit in der Gruppe sah sich der Mensch generell einer
Bedrohung ausgesetzt. Bedrohung ohne Verständnis dessen von was erzeugt
jedoch tiefes Unbehagen. Das ist das Gefühl der Unheimlichkeit, das den
Säugling ohne den nötigen Schutz bei seiner Bezugsperson befällt. Dem
Gefühl der Unheimlichkeit folgt die Angst auf dem Fuße. In gewisser
Weise ist Angst die Antwort auf die Unheimlichkeit, denn jetzt kann ein
Mensch sich wenigstens eine kausale Erklärung für sein Empfinden geben.
Es ist einem unheimlich, weil man Angst verspürt, und wieder umgekehrt.
Zwar kann der Säugling sich solche rationalen (verstandesmäßigen)
Erklärungen nicht geben, aber etwas derartiges spüren kann er schon.
Bekanntermaßen schreien Säuglinge nicht so viel von den ersten
Lebenstagen an, sondern erst, wenn ihre Wachsamkeit und Aufmerksamkeit
stärker auf die Umwelt gerichtet erscheint.



Es ist also so, dass das einstweilen noch stillschweigend erduldete
Gefühl der Unheimlichkeit (in den oft noch schlafähnlichen
Anfangszuständen) erst mit den Lebenswochen und einer höhergradig
gewordenen Wahrnehmung in die Angst mündet, welche sich jetzt durch
Schreianfälle affektiv äußert. Auf diese Weise wäre auch erklärbar,
wieso hauptsächlich die Nachmittage und Abende die Zeit des Schreiens
sind, weil nämlich um diese Zeit die Wachheit und Aufmerksamkeit des
Säuglings am größten ist. Warum aber sollten dagegen am Nachmittag die
Koliken im Bauchraum stärker sein als am Morgen, wo doch rund um die Uhr
gefüttert wird, und warum sollte am Nachmittag die Selbstregulation
zusammenbrechen, wenn sie ohnehin nicht ausreichend stattfindet?



Ist also die Angst die Erklärung des Schreiens im frühen Säuglingsalter,
dürfte die Empfehlung zum elterlichen Verhalten eindeutig sein. Wie
könnte man es denn verantworten, sein aus Angst und Unsicherheit
weinendes (was wäre, wenn wir nur noch von lautem Weinen redeten?),
schreiendes Kind sich selbst zu überlassen? Wie könnte ein in Panik
geratener Säugling durch Selbstregulation wieder zur Ruhe kommen, wo er
doch weder emotionale noch kognitive Strategien besitzt, sich in dieser
gefühlsmäßigen Talfahrt zu stoppen? Entsprechend lehrt die Erfahrung,
dass je länger ein Säugling bereits geschrien hat, desto schwerer es
ist, ihn wieder zu beruhigen. Gehen wir nun davon aus, dass die Gefühle,
die beim Schreien erlebt werden und die aus Angst und Panik bestehen,
im Gehirn schon zu so früher Zeit abgespeichert werden, (auf die
Vorstellung vom Unterbewußtsein werde ich noch zu sprechen kommen), dann
können wir uns leicht vorstellen, was der Säugling hinsichtlich seines
Vertrauens in die ihn aufziehenden Personen für Gefühle entwickelt, und
wie er bei jedem nächsten Überkommen von Unheimlichkeit und Angst
reagieren wird. Auf welche Weise das Angstschreien sich auch ungesund
auf die organische Struktur des Gehirns auswirken kann, haben wir weiter
oben im Zusammenhang mit der "Synapsenreduktion" besprochen.



Wie sollen wir also handeln? Das ist wohl die Frage, die sich nun jeder
stellt. Ich hatte meine Erklärungen in Anbetracht dieser Frage bereits
darauf zugespitzt, zu formulieren, dass ein Säugling eigentlich nur aus
Hilflosigkeit schreit, und dass man als betreuender Erwachsener gehalten
ist, alles zu tun, die im Schreien zum Ausdruck kommende Not zu
beseitigen. Ich sage ausdrücklich Not. Nicht jede Unzufriedenheit eines
kleinen oder größeren Säuglings ist Not. Meckern oder sich ähnlich
lautstark äußerndes Beschweren über ein mißliebiges Erlebnis muß nicht
zu denselben Hilfeleistungen führen wie Notschreien. Jeder Säugling muß
das Recht haben, sich emotional im "Schimpfen" und "Meckern" innere
Erleichterung zu verschaffen. Auf dieser obersten Gefühlsstufe geht das
auch, weil es die natürliche Methode der Affektabwehr ist und vom
Säugling schon vollzogen werden kann.



Insofern muß nicht jedesmal, wenn der Säugling sich etwas lauter
bemerkbar macht, das ganze Programm der Beruhigungsmaßnahmen abgespult
werden. Man wird auch abwarten könnten, um zu sehen, wie er von allein
mit seinen Gefühlen umgehen lernt. Hört man aber am Weinen/Schreien
heraus, dass das Alleinsein zur Einsamkeit wird und die Unheimlichkeit
und Angst im Inneren zu regieren beginnen, muß der eigene Hilfseinsatz
beginnen.



Immer wieder kommt die Frage, was denn im Säugling passiert, ließe man
ihn eine gewisse Zeitlang schreien, um dann festzustellen, dass er sich
doch von allein beruhigt. Selbstverständlich, so müssen wir folgerichtig
denken, hat die Natur jedem Menschen, überhaupt jedem Lebewesen einen
Toleranzspielraum für das Ertragen unangenehmer Empfindungen und Gefühle
mit auf die Welt gegeben. Sonst sähe es für den Fortbestand einer
bestimmten Art schlecht aus. Gerade der mit Psyche begabte Mensch ist
extrem auf solche Toleranzfähigkeit angewiesen. Trotzdem darf man dieses
Toleranzsystem nicht über Gebühr beanspruchen! Gerade die Säuglinge,
welche mit einer solchen Toleranz eher schlecht ausgestattet sind ("das
schwierige Temperament") darf man nicht überstrapazieren. Aber gerade
diese Säuglinge fordern ja die Toleranz der Bezugsperson(en) aufs
Äußerste heraus. Das ist die Schwierigkeit im Umgang mit
temperamentvollen Säuglingen. Die Sorge vor Verwöhnung besteht
einstweilen nicht, das sei zur Beruhigung aller Eltern gesagt, denn ein
Säugling besitzt noch nicht genug Erkenntnis der Dinge und Geschehnisse
und nicht genug Sachverstand für eine gezielte persönlichen
Vorteilsnahme. Er besitzt nur immense Bedürfnisse und ist eigentlich
sofort zufrieden, wenn ihm diese erfüllt werden. Ist es nicht so, dann
hat man das Bedürfnis nicht richtig erkannt, was manchmal schwierig ist,
oder der Säugling hat z.B. unerkannte Schmerzen. Darunter fallen
natürlich auch die berühmten Dreimonatskoliken, die es tatsächlich gibt,
die man aber recht effektiv behandeln kann.



Glaubt man, man könne einen kleinen Säugling dahingehend trainieren,
einen höheren Grad an Frustration auszuhalten und zu ertragen, d.h. man
beabsichtigt, seinen Toleranzspielraum auszuweiten und fügt ihm dazu
Unlustgefühle zu, z.B. indem man ihn erst einmal eine gewisse Zeit
schreien läßt, bis man sein Signal erhört, dann riskiert man, dass die
in dieser Art sich unkalkulierbar auftürmenden Streßempfindungen
verfestigen und als erster Erfahrungsschatz von Gefühlen in der tiefsten
Seele abspeichern. Den theoretischen Ort eines solchen Speichers nennt
man seit S.Freund das Unterbewußtsein. Es heißt deswegen so, weil es
permanent "unterhalb" des tatsächlichen, wachen Bewußtseins arbeitet und
durch normale Denkvorgänge nicht erreicht werden kann. Je stärker das
Unterbewußtsein eines Menschen mit mißliebigen Gefühlen belastet ist,
desto bedrohter von diesen Gefühlen ist sein weiteres Leben. Das
jedenfalls ist die tiefenpsychologische Vorstellung von der psychischen
Grundstruktur eines Menschen.



Ob dieses von S.Freud entwickelte, sogenannte Instanzenmodell des
menschlichen Bewußtseins (Bewußtsein, Vorbewußtes, Unterbewußtsein) so
ohne weiteres haltbar ist, das ist einstweilen noch
Forschungsgegenstand. Es gibt aber inzwischen gute Hinweise im
menschlichen Gehirn für eine tatsächliche Existenz des Unterbewußtseins
und zwar in den innersten und am tiefsten gelegenen Hirnstrukturen, die
man als Limbisches System zusammenfaßt, s.o., und die vor allem über den
Gyrus cinguli in engster Verbindung mit den mittleren und unteren
Anteilen des Frontalhirns (Stirnhirns) stehen. Schäden in diesen
Hirnanteilen, das läßt sich an Hirnverletzten oder an durch Krankheit
Hirngeschädigten feststellen (A.Damasio, Neurologe und Forscher in den
U.S.A.), verlieren große Teile ihres Gefühlslebens und ihre
Lebensfähigkeit im gesamten psychosozialen Agieren.



Es ist, und damit will ich das Kapitel Schreien beenden, also ein sehr
hohes Risiko, wenn man seinen kleinen, auf einen selbst extrem
angewiesenen Säugling schreien und leiden läßt. Ein Risiko ist es
deswegen, weil die im Säugling kulminierenden Angstgefühle durch
"Verdrängung" ins Unterbewußtsein eine Hypothek für sein späteres Leben
werden könnten. Ein Risiko ist es auch, weil die Ordnungsstrukturen im
Säuglingsgehirn durch "Synapsengestaltung" behindert und sogar dauerhaft
geschädigt werden könnten. Tröstet man den Säugling aber zügig und nach
schneller Klärung der Ursache für sein Schreien, dann vermehrt man
seine Gefühle von Vertrauen und Zuversicht, die sich im Säugling selbst
als Gefühl von Freude und Glück ausnehmen. Dies ist der Weg zu
Icherfahrung und Selbsterleben, Empfindungen, die der Säugling braucht,
um aus der primären (Mutter-)bindung zur eigenen Person und
Persönlichkeit zu finden. Dieses Glück kann man in den Augen seines
Säuglings unmittelbar ablesen und miterleben!



Trost für die Eltern




Die Phase erhöhter Anfälligkeit für Schreien ist im Leben eines Menschen
eher kurz, um nicht zu sagen unbedeutend. Normalerweise beträgt die
Schreianfälligkeit etwa drei Monate im Leben eines Menschen. Das sind
genau die drei Monate, in denen der kleine Mensch, sprich der Säugling,
noch keine gefühlsmäßige Unterscheidung von bekannt und unbekannt, von
vertraut und unvertraut vollziehen kann. Erst mit dem Einsetzen der
Fähigkeit zu fremdeln kann der Säugling seine Ängste vor Bedrohung und
Ausgeliefertsein, d.h. also das Gefühl von Umheimlichkeit, kanalisieren
und gezielt ausdrücken. Zwar ist das Schreien nicht schlagartig vorbei,
aber das Fremdegefühl erzielt im Empfinden des Säuglings eine frühe
geistige Markierung, was mit fremd= unvertraut gemeint sein könnte. Das
ist hilfreich und fortan weint und schreit der Säugling hauptsächlich
nur dann, wenn er im Fremden objektive Bedrohung erlebt. Nur in Momenten
emotionaler Instabilität, wie bei Krankheit, Verlassenheit, unter
Schmerz oder an der kritischen Grenze von Wachheit und Schlaf ereilen
ihn noch einmal die Ursprungsängste, und er schreit u.U. wieder wie am
Anfang. Je einfühlsamer man nun als Eltern mit dem Schreien umgeht und
je mehr Vertrauen der Säugling in seine Bezugsperson(en) bei diesen
emotionalen Grenzgefühlen erfährt (Urvertrauen nach E.Erikson), desto
besser sind seine Aussichten, in der Kleinkindphase mit den sozialen
Anpassungsproblemen zurecht zu kommen. Diese Aussicht sollte alle Eltern
ermutigen, mit weitestgehender Nachsicht und Zuwendungsbereitschaft auf
ihre weinenden/schreienden Säuglinge einzugehen.



Unzufriedenheit und Ärger als weitere affektive Äußerung des Säuglings




Säuglinge sind meistens recht ausgeglichene, mit sich selbst zufriedene
Wesen. Das setzt jedoch voraus, dass ihre Elementarbedürfnisse wie
Hunger, Durst, Körperpflege, Schmerzfreiheit und emotional-soziale
Zuwendung durch die primäre Bezugsperson, aber auch weiterer von ihnen
akzeptierter Personen aus der Familie und Umgebung ziemlich unmittelbar
befriedigt werden. Alle Kinder können nicht warten, aber der Säugling
kann es am allerwenigsten. Das liegt an zwei Dingen: Erstens kann der
Säugling einen Bedürfnisaufschub nicht kalkulieren. Weder von der Sache
her, noch von dem zeitlichen Ablauf besitzt der Säugling eine Chance zur
geistigen, d.h. kognitiv entwickelten Erkenntnis darüber, was in diesem
Moment des Wartens mit ihm passiert. D.h. der Säugling weiß weder, dass
ihm nichts geschieht, bzw. kein Schaden entsteht, wenn ein Bedürfnis
statt sofort erst fünf oder zehn Minuten später befriedigt wird, noch
weiß er, dass etwas, das nicht sofort geschieht, durchaus etwas später
geschehen könnte. Mit anderen Worten, der Säugling kennt nur das "hier
und jetzt". Ihn davon zu überzeugen, dass er durchaus noch warten
könnte, ohne dass ihm ein Härchen gekrümmt wäre, scheitert einstweilen
an seiner fehlenden Einsicht in zukünftige Geschehnisse mit gleichem,
ähnlichen oder mit speziell von ihm erwarteten Inhalt. Ein solches
Denken bezeichnet man als Antizipation (geistige Vorwegnahme eines
Geschehens). Solche Antizipationen als geistige Operation kann ein
Säugling aber erst dann vornehmen, wenn er a) uneingeschränkte
Authentizität (Ichbezogenheit) seines Denkens und Empfindens erlebt, b)
sich als alleinigen Verursacher von seinen Handlungen erkennt c) eine
Grundvorstellung von Dauer der Zeit entwickelt hat. Demzufolge kann man
antizipierendes Denken wahrscheinlich frühestens im zweiten Lebensjahr
erwarten.



Somit erscheinen sämtliche, auf fortgeschrittenen geistigen Fähigkeiten
basierende Erziehungsprinzipien beim Säugling zum Scheitern verurteilt.
Die Erfahrung im Umgang mit Säuglingen lehrt, dass diese Ansicht richtig
ist. Zwar kann man einen Säugling wie einen Hofhund auf gewisse
Verhaltensweisen konditionieren, aber das Ergebnis eines solchen
Vorgangs ist kein Lernprozeß im eigentlichen Sinn. Denn Lernen ist
einsichtiges Verstehen von lebenswirklichen Grundstrukturen und deren
zweckmäßiges Anwenden. Lernen wird somit zu einem unumstößlichen
Bewußtseinsanteil des menschlichen Gehirns, welcher erst durch einen
Umdenkprozeß revidiert werden kann. Konditionierung ist dagegen ein
reiner Automatismus, unverstanden vom konditionierten Individuum,
welcher ebenso leicht wieder umprogrammiert werden kann wie zunächst
implementiert (eingerichtet). Bis zu einem gewissen Grade sind solche
Konditionierungen allerdings als Gewohnheiten im Lebens des Säuglings
von der Natur auch vorgesehen. Sie ersetzen die noch bestehende
Unfähigkeit zum Lernprozeß und ermöglichen es, Lebensrhythmen in sich
aufzunehmen. Spätestens aber, wenn der Urheberimpuls im Menschen erwacht
und die Individualität des eigenen Daseins in den Denkstrukturen Raum
greift, spätestens dann beginnen die ersten wahren Lernvorgänge. Wofür
besprechen wird das? Das Thema Erziehung im ersten Lebensjahr knüpft
sich eng an die affektiven Äußerungen des Säuglings von Unzufriedenheit
und Ärger. Wir Erwachsenen alle wissen nur zu gut, was uns beim
Verhalten des Säuglings Verdruß bereitet und was uns erfreut. Allzu
gerne würden wir deren häufige Unduldsamkeit mit einem Machtwort beenden
und das um so lieber, je schwieriger der Säugling uns im Temperament
erscheint. Aber wie wir gesehen haben ist unser erzieherischer Impetus
absolut vergeblich und scheitert an der noch fehlenden
Einsichtsfähigkeit beim "Objekt". Das wäre weiter nicht schlimm, wenn
die nutzlosen Erziehungsversuche sich einfach in Luft auflösten.



Das Problem für den Säugling fängt aber damit an, dass der erwünschte
Erziehungsdruck durch eine Einschränkung der Zuwendungsintensität
unterstützt werden soll. Das bedeutet, dass das alt bekannte
Erziehungsmittel "Liebesentzug" auf dieser frühen Stufe schon eingesetzt
wird. Abgesehen davon, dass Liebesentzug in der Erziehung immer ein
ungeeignetes und letztlich schädliches Mittel ist, ist hier zu beachten,
dass er für den Säugling pures Gift ist. Der Säugling wird nämlich auf
diese Weise quasi mit Entzug eines für ihn existenziell wichtigen
Nährstoffs bestraft und das für eine Tat, die er noch gar nicht begehen
kann! Mit anderen Worten, man verhängt die Strafe für eine gar nicht zu
begehende Tat. Welch Absurdität! Natürlich stirbt der Säugling nicht
gleich an Liebesentzug, aber die Zuverlässigkeit der Bindungsstrukturen
zwischen Säugling und primärer Bezugsperson nimmt Schaden, was im
leichtesten Fall ungünstige Auswirkungen auf dessen
Autonomiebestrebungen im zweiten Lebensjahr haben kann, im schlimmsten
Fall allerdings eine frühkindliche Depression hervorrufen kann
(anaklitische Depression).



Damit es nicht soweit kommt, hat die Natur den Menschen eine
interaktionäre, d.h. ausschließlich und beständig zwischen Menschen
ausgetragenene Emotion mit auf den Lebensweg gegeben, den Ärger und die
Wut. Diese im späteren Leben ja auch auf sich selbst zu beziehende
Negativempfindung vom Selbst findet im Anfangsstadium ausschließlich
zwischen dem Gefühlsempfänger Säugling und dem Gefühlsaussender
Bezugsperson statt. Das Selbst eines Säuglings ist in seiner Wahrnehmung
einstweilen noch ganz mit der primären Bezugsperson, in der Regel der
Mutter, verwoben. So wendet sich der Ärger auch grundsätzlich an diese,
was seinen Ausdruck allerdings nicht anders erscheinen läßt. Die
Erscheinungen des Ärgers beim Säugling sind eigentlich allen Eltern
geläufig, und doch scheint nicht immer klar zu sein, was sich an
Gefühlsentladung in den Kleinsten abspielt. Vor allen Dingen ist es die
intensive Verbindung der Ichwahrnehmung des Säuglings mit der Mutter in
Form eines Leih-Selbst (wie oben angedeutet), welche die ungeheure
Ohnmachtsempfindung im schwächeren der beiden Partner auslöst, wenn
dessen Bedürfnisbefriedigung nicht zügig vonstatten geht. Das hat
überhaupt nichts damit zu tun, dass der Säugling seine Mutter oder auch
eine der nachfolgenden Bezugspersonen mit seinen Wünschen übermächtigen
oder terrorisieren wollte.



Im Gegenteil, es ist der Säugling, der sich wie terrorisiert fühlt und
zwar von der Übermacht seiner primären Bezugsperson, die mit ihm
umspringen kann wie sie will. Allein der Schutz durch die fehlende
kritische Wahrnehmung der situativen Bedingungen bewahrt den Säugling
vor dem inneren Zusammenbruch. Aber was er nicht verstehen kann, kann er
doch empfinden, empfinden als eine enorme Bedrohung seiner persönlichen
Sicherheit und Integrität. Und die Bedrohung kommt nicht als ein
Sachobjekt aus dem Raum, den er außerhalb von sich langsam wahrzunehmen
lernt, sondern sie kommt aus dem "Raum", den er quasi noch zu seinem
eigenen existenziellen Territorium, seinem Subjekt zählt, nämlich von
seiner primären Bezugsperson als seinem Leih-Selbst. Das ist es, was
seine Wut so ungemein emporschnellen läßt und dieses wütende Geschrei
verursacht.



Was also die Kinderanalytikerin Melanie Klein als aggressiven Akt des
Säuglings infolge der Triebversagung durch die Mutter interpretierte und
als den dann folgerichtig ausgeführten zornigen Biß des Säugling in die
böse, weil sich letztlich versagen könnende Mutterbrust bezeichnete,
ist in Wirklichkeit die unbändige Angst des kleinen Geschöpfes vor der
Ausstoßung seiner Person aus dem zu seinem Selbst zugehörig
wahrgenommenen Raum. Kurz gesagt, der Säugling empfindet die
Unterlassung der primären Bezugsperson wie eine nicht beeinflußbare und
nicht zu stoppende Verletzung durch sich selbst. Ich gehe davon aus,
dass jeder sich vorstellen kann, wie schrecklich eine solche Erfahrung
sein muß.



Gerade diese letzte Vorstellung erklärt noch einmal die ungeheure
Dramatik, die sich in dem kleinen Säugling wohl abspielt, wenn ihm
lebensnotwendige Bedürfnisse unerfüllt bleiben. Das oft "mörderische"
Geschrei, das seiner Kehle entfährt, ist eigentlich nur die große Wut
über seine eigene Unzulänglichkeit, die Geschicke zu beeinflussen.
Insofern müßte man eigentlich das Wutgeschrei des Säuglings begrüßen,
stößt es einen selbst doch manchmal mit der Nase auf den Fehler seines
Handelns.



Noch einmal Trost für die Eltern




Wir Erwachsenen wissen ja nur zu gut, wie wichtig wütende Entladungen
sind, um den inneren Spannungszustand abzumildern. Es kommt uns zuweilen
vor wie ein reinigendes Gewitter. Bei den Säuglingen dürfte das nicht
viel anders sein. Ein wütender Schrei, der die Mutter oder den Vater
dazu veranlaßt, die momentane Tätigkeit zu unterbrechen und sich um sein
Kind zu kümmern, muß als ein gesunder Akt frühester Kommunikation
gewertet werden. Auch wenn es einem manchmal sehr zuwider läuft, seine
eigenen Bedürfnisse denen des Kindes zu unterwerfen, man sollte immer
bedenken, dass das Kind aus der Position des Schwächeren und Abhängigen
aufbegehrt. Man sollte auch nicht übersehen, dass die
Bedürfnisbefriedigung für den Säugling nicht eine Frage der
Selbstbefriedigung ist, sondern ein Frage, etwas übertrieben gesagt, auf
Leben und Tod. Hoch ist dann auch der Lohn, den der Säugling für die
einfühlsame Behandlung und Zuwendung herausgibt. Es ist seine
bedingungslose Liebe zu den Bezugspersonen. Diese ist zwar nicht immer
ersichtlich und wird auch nicht konstant gezeigt, aber mit den Jahren
durch die Kindheit hindurch, erweist sie sich als das allergrößte Gut in
der Lebensgemeinschaft.

Rüdiger Posth




Lesen Sie hier weiter:


Teil 1: Die Erlebniswelt des Säuglings

Teil 2: Fremdeln und Anhänglichkeit

Teil 3: Loslösung, Trotz und Selbstbewusstsein

Teil 4: Selbstentstehung und die Entwicklung von Moral und Vernunft

Teil 5: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

© Copyright 2013 - Dr. med. Rüdiger Posth

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Samstag, 13. April 2013, 18:28

Das emotionale Bewusstsein

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von Rüdiger Posth

Teil 2 - Fremdeln und Anhänglichkeit



Eine neue Einleitung




Nachdem wir uns gemeinsam durch die komplizierten Zusammenhänge der
grundsätzlichen Lebensbedingungen des Menschen hindurch gearbeitet haben
(und zwar so wie diese hier verstanden sein sollen) und die ersten
emotional-affektiven Signale des Säuglings interpretieren können,
nämlich Urangstschreien, Lächeln und Lachen, sowie Ärger bzw. Wut,
wollen wir uns den ersten Erkenntnisleistungen des Säuglings zuwenden,
die mit den Gefühlen im Zusammenhang stehen.



Das ist zwar nicht minder kompliziert, aber sicherlich etwas
anschaulicher, denn erstens können wir Erwachsene Erkenntnisleistungen
leichter verstehen, da diese mit unser eigenen Denkstruktur besser
zusammenpassen. Zweitens gehören diese frühen Erkenntnisleistungen zum
beeindruckendsten, was der Säugling hervorzubringen vermag. Über die
Entstehungsweise und die Auswirkungen dieser erkenntnishaften Prozesse
im Gehirn selber wird in der Wissenschaft allerdings noch heftig
gestritten, und ich möchte einmal die ganze Zunft der
Neurowissenschaftler grob aufteilen in die großen Optimisten und die
ewigen Zweifler oder Skeptiker. Was heißt das?



In ihrem Buch mit dem programmatischen Titel „Forschergeist in Windeln“
beschreibt die Wissenschaftlergruppe um Alison Gopnik, Patricia Kuhl und
Andrew Meltzoff aus den USA in begeisterter Form die enormen
Leistungen, die schon kleinste Säuglinge in puncto Weltsicht und
Selbstverständnis hervorbringen. Dazu werden komplizierte
Untersuchungstechniken unter Nutzung des Verhaltens von Säuglinge
angewandt, um die unsichtbaren Leistungen im Gehirn dem Untersucher
erkenntlich zu machen. Z.B. wird längeres und stärkeres Saugen am Nuckel
gemessen, wenn optische oder akustische Reize variiert werden, oder
länger andauerndes Anblicken, wenn das zu betrachtende Objekt gegen ein
anderes ausgetauscht wird. Bezüglich solcher Untersuchungstechniken
gehöre ich nun eher auf die Seite der Skeptiker, weil ich mich frage, ob
nicht solche Versuchsanordnungen ihren eigenen Erfolg in versteckter
Weise, wenigstens teilweise, mit einbauen und unerlaubt vorwegnehmen. Es
ist z.B. nämlich denkbar, daß die Versuchsgestaltung einfach solange
wiederholt wird, bis das gewünschte Ergebnis statistisch nachweisbar
erscheint. Oder es werden nur Säuglinge mit einer besonders hohen
Aufmerksamkeitsfähigkeit für die Versuche ausgewählt, welche, was die
jeweiligen Zeitangaben einer bestimmten Leistung angeht, ein
beeindruckend frühes Datum an den Tag legen. Nicht zuletzt wird
vielleicht ein Verhaltensergebnis des Säuglings einfach positiver
gesehen als tatsächlich hervorgebracht. Dann aber stimmten diese
Ergebnisse gar nicht wirklich, sondern befriedigten letztlich nur das
Ego der Wissenschaftler.



Allerdings gibt es für viele Zeitangaben kognitiver Leistungen von
Säuglingen inzwischen auch überprüfende Gegenuntersuchungen, z.B. jüngst
aus der Universität Heidelberg, von S. Paulsen, die in der Zeitschrift
Gehirn und Geist, (Ausgabe 1/2003), zumindest die Fähigkeit etwas
älterer Säuglinge zur Bildung bestimmter Kategorien von Gesehenem im
Kopf bestätigen kann. Diese Untersuchungen ergeben hinsichtlich der
dinglichen Objektwahrnehmung des Säuglings, daß dieser Bauklötze für
Bauklötze hält, die sich von allein nicht bewegen werden und Hunde (aus
Holz) für Tiere, welche sich vielleicht doch bewegen könnten, zumindest,
wenn er, der Säugling, es schon einmal zuvor beim lebenden Tier gesehen
hat. Das ist nicht so trivial, wie es sich anhört. Denn hier bildet der
Säugling bereits zwei entscheidende Kategorien, die sich durch das
Merkmal belebt und unbelebt unterscheiden, eine Leistung, welche eine
wie auch immer gestaltete, innere Vorstellung von lebender und toter
Materie voraussetzt, sprich von Leben oder Wesen auf der einen Seite und
Ding oder Sache auf der anderen. Wie aber könnte ein Säugling ohne
ausreichende Empirie und ohne Logik eine solche Unterscheidung überhaupt
erspüren?



Dazu dient v.a. das „Tier-Ball-Paradigma“, das besagt, daß ein Säugling
(im Versuch 7 Monate alt) nach Betrachten eines mit einem Ball sich
umherschlängelnden Wurmes (bewußt gewählt ist ein nicht gerade typisches
Tier) nach Abbruch der Szene länger den Wurm anblickt, ob dieser sich
vielleicht wieder bewege, als den Ball (der an sich ja auch leicht
beweglich ist, aber doch nur ein Ding). Also wiederum erkennt der
Säugling, seiner Erwartungshaltung nach zu urteilen, Belebtes und
Unbelebtes, und er erkennt es anhand von Kriterien, die ihm optisch und
von Gestalt Leben verraten, nämlich ein Gesicht mit Augen und Mund, ein
Fell oder vielleicht Beine mit Füßen. Nimmt man dem besagten Wurm
nämlich diese Attribute (Auge, Mund, Fell), verliert der Säugling
schnell sein Interesse an ihm und stuft ihn „zurück“ auf das Niveau des
Balls als einem Ding.



Wie gesagt, Skepsis ist angebracht. Denn, was versteht der Säugling nun
wirklich von den Objekten der tatsächlichen Welt? Empfindet er nicht in
Wirklichkeit nur (subjektives) Leben auf der einen Seite und Gegenstand
und objektive Welt auf der anderen und zieht (noch) keinerlei kausale
Verknüpfung zwischen diesen Kategorien. Ist für ihn dieses Leben nicht
allein soviel wie Mutter und Geborgenheit oder Angst vor dem Verlust der
Mutter, als seiner primären Bezugsperson? Und bedeutet Tier nicht
einzig Aufpassen und Vorsicht, denn es könnte für ihn gefährlich sein,
die Kategorie also, die über die Jahrtausende Menschheitsgeschichte
hinweg sich in die Gehirne der Menschen eingebrannt hat? Und heißt
hingegen Ding, Gegenstand, Sache für ihn nicht nur: da ist etwas, das
ist irgendwie anders als die lebendige Mutter? Das hat nicht so richtig
Leben?



Die Gefahr der Überschätzung von kognitiven Fähigkeiten des Säuglings
liegt nicht so sehr in dem Zuwachs an deren grundsätzlicher Anerkennung
am Lebensanfang eines jeden Menschen. Es wäre schön, wenn eine solche
Hochschätzung des Säuglings endlich in der menschlichen
Zivilisationsgeschichte zustande käme. Nein, die Gefahr liegt vielmehr
in der mit einer solchen Anerkennung automatisch verbundenen Zuweisung
von Verantwortung für das eigene Handeln. Da aber das „Handeln“ eines
Säuglings vordergründig betrachtet egoistisch und anmaßend erscheint,
was es natürlich nicht ist, denn es entspricht ja nur dem Ausweichen
seiner Hilflosigkeit und dem Signalisieren seiner Bedürftigkeit, wäre
jede Inverantwortungnahme ein großes Unrecht an ihm. Nur mit dieser
kritischen Selbstbetrachtung konfrontiert dürfen wir uns auf weitere
Entdeckungen von Leistungen des Säuglingsgehirns freuen.



Das Phänomen des Fremdelns in der emotionalen Entwicklung




Überlegen wir uns jetzt einmal: was bemerkt eigentlich ein kleiner
Säugling von der Welt, in die er hineingeboren ist, genau? Er bemerkt
ohne Verständnis dessen, worauf er in dieser Welt trifft, daß es
offenbar zwei unterschiedliche Objekte in seiner Umgebung gibt, nämlich
Wesen, wie seine Mutter (oder primäre Bezugsperson) und Dinge, die
irgendwie ganz anders sind, nämlich Gegenstände. Erst einige Zeit später
erfährt er, daß es auch andere Wesen gibt, die nicht Mensch sind,
nämlich Tiere (s.o.) und daß es auch andere Dinge gibt, die nicht
greifbar sind und die noch nicht einmal einen Gegenstand darstellen,
sondern eher einem Geschehen gleichen, wie Licht oder Luft. Dabei stellt
er des weiteren fest, daß es in ihm so etwas wie eine zentrale
Wahrnehmungsstelle gibt, welche alle diese Dinge bemerkt und erlebt;
oder sagen wir besser (passiv) zu erleben hat. Er entwickelt dadurch ein
Subjektgefühl, das sich einstweilen auf seine Empfindungen und Gefühle,
wie auch auf seine Erlebnisse stützt, die er mit seinem
Körper(empfinden) verbindet. Wir sollten dieses Existenzgefühl als
Körper-Ich bezeichnen. Es ist wichtig, diese Empfindungsformen des
Säugling zu verstehen, um nachempfinden zu können, was Fremdeln
tatsächlich bedeutet.



An dieser Stelle wäre eigentlich ein längere Abhandlung angebracht, die
Bezug nimmt auf das unterschiedliche Objektverständnis in der
Psychoanalyse und der Philosophie. Denn in der Psychoanalyse wird der
Objektbegriff auf den Menschen angewandt, mit dem ein anderer Mensch,
der Analysant, oder der Patient eine Beziehung eingegangen ist. In der
Philosophie wird mit Objekt grundsätzlich das außerhalb des
-betrachtenden- Subjekts/Mensch sich befindende Ding bezeichnet, welches
erkenntnishaft wahrgenommen und verinnerlicht wird. Dieser Diskurs läßt
sich hier aber nicht vertiefen).



Der Säugling merkt auch bald, daß Wesen und Dinge untereinander
Beziehungen eingehen und auch unabhängig von ihm miteinander etwas
anstellen. Das sind für ihn Geschehnisse. Wenn er wach wird, wird er
z.B. von einem Wesen, meistens seine Mutter, auf dem Bettchen
hochgehoben und auf ein Ding, einen deutlich härteren Untergrund als das
Bett gelegt (Wickeltisch). Dann wird er von Dingen entkleidet (er spürt
nur, daß ihm etwas über die Haut gezogen wird, das vielleicht klemmt
oder kratzt), und danach wird er zwischen den Beinen mit einem kühlen
oder warmen, fließenden Ding (nämlich Wasser, o.ä.) berührt und
abgerieben. So geht es stetig fort. Das Wesen, die Mutter, flüstert,
raunt, lächelt, liebkost, streichelt, spricht, die Dinge fühlen sich
irgendwie an, fließen wie Wasser, blenden hell wie die Lampe, oder tun
von sich aus überhaupt nichts wie der Schrank oder das Bild an der Wand.
Mutter, Flüssigkeit, Licht und Dinge wie Kleidung und Bild kommen zu
bestimmten Zeiten zusammen vor und verursachen an ihm, dem erwachenden
Subjekt ein Geschehen. Das Wichtigste dabei ist: es gibt angenehme
Geschehnisse und unangenehme. Einem bestimmten Geschehen folgt ein
anderes und diesem wiederum ein anderes. Sind alle diese Geschehnisse
angenehm, verspürt nun das Subjekt im Säugling ein freudiges Gefühl, dem
er, sobald ihm seine Gesichtsmuskel einigermaßen gehorchen, durch ein
Lächeln Ausdruck verleiht.



Ein völlig anderes Gefühl verspürt er jedoch, wenn diese Geschehnisse
unangenehm oder vielleicht sogar schmerzend sind. Dann befällt ihn ein
schwer erträglicher innerer Krampf, der sich in lauten Geräuschen aus
seinem Kopf heraus äußert, jener Affekt, den wir Beobachter als Schreien
vernehmen. Dieses Gefühl strengt an und tut weh, und je länger es
dauert, desto anstrengender und schmerzlicher wird es. Fortan verbinden
sich bei mißliebigen Vorgängen und Geschehen im Säugling drei
Komponenten, nämlich ein unangenehmes Gefühl, das Zusammenkrampfen des
Inneren mit schreienden Lautäußerungen, Anstrengung und ein zunehmender
Schmerz. In analoger Weise aber mit völlig umgekehrten Vorzeichen der
inneren Gefühlshaftigkeit baut sich dagegen auch das Glücksgefühl auf.



Der Säugling nimmt in ziemlich kurzer Zeit auch noch folgendes wahr: Es
gibt ein Wesen, eine Person, welche ständig mit dem Körper, den er in
sich spürt, etwas tut, etwas unternimmt, und es gibt eben diesen Körper,
der immer bei ihm ist, der er offenbar selbst ist (hier muß das Wort
„selbst“ aus methodischen Gründen schon benutzt werden). Somit ergänzt
sich zu der inneren Wahrnehmung von Erlebnissen mit ihm die ständige
Präsenz einer zweiten Person als der Schlüssel zum Körper-Ich. Dieses
„Erleben vom Ich“ ist aber völlig unreflektiert und unhinterfragt, denn
der Säugling kennt noch keine Logik, die ihm das Beweisen von sich oder
irgend etwas durch dessen potenzielles Abstreiten einsichtig macht, am
allerwenigsten bezüglich seines eigenen Körpers. Es ist doch so, daß wir
Menschen alle uns die Wahrheit unseres Daseins und der Welt, in der wir
leben, letztlich nur dadurch klarmachen und als Wirklichkeit ins
Bewußtsein heben können, daß wir uns auch das Gegenteil dieser
Wirklichkeit, nämlich deren Nichtexistenz theoretisch vor Augen führen
können. Reflexion bedeutet also, Wirklichkeit und Nichtvorhandensein von
etwas sauber auseinander halten zu können. Dazu aber ist der Säugling
noch lange nicht imstande. Er kennt nur das Wirkliche als das, was er im
Verbund mit seiner primären Bezugsperson, der Mutter, erlebt und bis zu
einem bestimmten Zeitpunkt erlebt hat. Insofern empfindet er sich
wirklich/real allein mit ihr im Verbund, und es befällt ihn
Unheimlichkeit und Angst, wenn diese existenzielle Rückversicherung in
Form der Mutter in bedürftigen Momenten versagt bleibt. Genau davon aber
wird beim Fremdeln immer die Rede sein.



Die eben beschriebene, existenzielle Position des Säuglings ist auch der
Dreh- und Angelpunkt des Leih-Selbst, bzw. der Mutter-Kind-Dyade, wie
sie v.a. die Österreicherin Margarete Mahler in den Siebzigern des
vergangenen Jahrhunderts in „Die psychische Geburt des Menschen.
Symbiose und Individuation“ beschrieben hat. Gerade die Vorstellung vom
Leih-Selbst macht deutlich, wie dramatisch der Säugling den Verlust
seiner primären Bezugsperson erleben muß, nachdem er sich einmal an sie
gebunden hat. Vor dieser Bindung mag ein Austausch dieser bestimmten
Person noch einigermaßen zu verkraften sein, obwohl ja außer dem
Erkennen und Erleben schon andere Sinnesfähigkeiten des Säuglings die
Identifikation einer bestimmten Person zulassen, nämlich Geruch und
Geschmack (Brust). Aber nach dem eingehenden Erkennen der primären
Bezugsperson ist ein solcher Austausch einstweilen wenigstens vom
Prinzip her unmöglich. Damit wären wir nun beim Phänomen des Fremdelns
angekommen, wie es sich in der Realität bei jedem Säugling äußert.



Das Fremdeln ist allem Gesagten zufolge das Gefühl von großer
Unheimlichkeit und Angst, wenn die Mutter oder primäre Bezugsperson in
einer bedrohlich empfundenen Situation nicht greifbar ist, oder den
Anschein erweckt, den Säugling nicht ausreichend schützen zu können. Die
Betonung liegt dabei auf einer „bedrohlich erscheinenden Situation“.
Diese muß nicht wirklich bedrohlich sein. Allein das Gefühl des
Säuglings genügt, daß es so sein könnte. Da genügt es empfindsamen
Säuglingen schon, wenn eine fremde Person sich plötzlich und unerwartet
ihm nähert. Die potenzielle Gefahr, die von diesem Fremden ausgeht, und
dabei ist es einerlei, ob diese Person eigentlich noch zur Familie
gehört, veranlaßt den Säugling dazu, anfangs durch Schreien, später auch
durch Fluchtbewegungen hin zur Mutter, diese von seiner Angst in
Kenntnis zu setzen. Seine Erwartungshaltung ist die, daß die Mutter ihn
vorbehaltlos schützt und mit Ihrer Körpernähe vor jeder Gefahr bewahrt.
Um das noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Es spielt keine
Rolle, ob dem Säugling tatsächlich eine Gefahr droht, d.h. es handelt
sich beim Fremdeln nicht um eine Furcht vor etwas oder jemandem, sondern
es handelt sich um reine Angst als ursprüngliches Gefühl, das ganz
allein im Säugling entsteht und unmittelbar der Unheimlichkeit
entspringt. Man kann es vergleichen mit der Angst Erwachsener vor
Dunkelheit oder dem Eingeschlossensein, Empfindungen, die selbst dann
aufkommen, wenn der Betroffene genau weiß, daß ihm in diesem Moment und
in dieser Situation nichts wirklich passieren kann.



Die Art und Stärke des Fremdeln ist nach Anlage und Temperament sehr
unterschiedlich und reicht von wenigen eindringlichen oder skeptischen
Blicken zum Fremden und dem optischen Rückversichern bei der Mutter über
das „Schüppchenziehen mit der Unterlippe“ und der motorischen Unruhe
bis hin zu einem explosiv auftretenden, panischen Schreien. Bei einem
Fremdelereignis können alle Stadien auch ineinander übergehend auftreten
in der Art einer schnellen Steigerung, insbesondere dann, wenn die
angefremdelte Person sich nicht wieder zurückzieht und die Gefühle des
Säuglings mit dem Wunsch nach Einhaltung von Distanz mißachtet.



Drei Stufen des Fremdelns sind im Prinzip ganz gut zu unterscheiden:



1. das lange, ernst erscheinende und ausforschende Betrachten des Fremden



2. das Herabziehen der Mundwinkel und Stirnrunzeln bei allgemeiner Unruhe



3. das erste Weinen und sich Steigern in das panische Schreien mit Fluchtimpulsen



Man kann sagen, daß jeder emotional gesunde Säugling fremdelt, manchmal
jedoch so versteckt, daß in der speziellen Beobachtung ungeübte Eltern
das Verhalten ihres Kindes nicht als Fremdeln identifizieren. Die Zeit
des Fremdelns beginnt ganz vereinzelt noch vor dem 4. Lebensmonat, geht
dann mit etwa einem halben Jahr ihrem zahlenmäßigen Höhepunkt entgegen
und läßt danach wieder langsam nach, um wiederum in Einzelfällen beinahe
nahtlos in ein der Trennungsangst ähnliches Verhalten im Rahmen der
Anhänglichkeit (s.u.) überzugehen. Das hat frühere Interpretatoren dazu
veranlaßt, von einer Achtmonatsangst zu sprechen, um ängstliches
Verhaltens bei Säuglingen in einem Begriff zu erfassen.



Die Fremdeldauer ebenso wie die Fremdelstärke sagen etwas über die
Charakteranlagen eines Kindes aus. Eher neugierige und auf Fremde
allgemein tolerant reagierende Säuglinge, ebenso aber auch in ihrer
Mutterbindung sich sicher fühlende, fremdeln eher sporadisch und ohne
viel Schreien, hingegen ängstlich veranlagte, aber auch in ihrer Bindung
verunsicherte Säuglinge fremdeln häufig und heftig. Solche Säuglinge
können zeitweilig auch weitgehend vertraute Personen anfremdeln, wie den
Vater oder mitbetreuende Großeltern. Dies geschieht insbesondere in
Streßmomenten, z.B. bei der Übergabe der Betreuungsaufgabe. Ein solches
Verhalten führt bei den Mitbetreuern oft zu falsch verstandenen Gefühlen
von persönlicher Ablehnung. Der Säugling verbindet aber mit Fremdeln
keine persönliche Aversion gegen jemand, sondern er erlebt nur seine
eigenen Gefühle von (grundsätzlichem) Bedrohtsein, allenfalls kennt er
noch so etwas wie Antipathie gegen das Aussehen oder Auftreten
bestimmter Menschen. Niemand darf sich aber verletzt und abgelehnt
fühlen, wenn er von einem Säugling mit Fremdeln bedacht wird.



Selbstverständlich kann sich Fremdeln spezifizieren, wenn man dem
Säugling wiederholt unliebsame Gefühle oder Schmerz zufügt. Dann gibt
man dem Gefühl der generellen Bedrohtsein Nahrung aus der unmittelbaren
Realität und konzentriert es auf ein bestimmtes Geschehen.. Kommt ein
solches Geschehen häufiger vor, „konditioniert“ man den Säugling auf
eine spezielle Angst, welche jetzt schon die spätere Furcht vorwegnimmt.
In einem solchen Fall kann auch schon der etwas größere Säugling vor
einer bestimmten Person Angst empfinden oder vor einer festgelegten
Situation.



Neben dem Fremdeln bei Personen gibt es auch das Fremdeln an
unvertrauten Orten und in unbekannten Situationen. Vor allem wieder der
etwas ältere Säugling, also der jenseits dar Halbjahresgrenze erlebt
seine Umgebung schon relativ detailliert und spürt genau, ob er sich an
einem vertrauten oder unvertrauten Ort befindet. Gerüche, Geräusche,
Lichtverhältnisse und räumliche Ausgestaltung zu Hause besitzen
inzwischen Repräsentationen in seinem Gehirn und können so mit anderen
Räumen verglichen werden. Da der Säugling zur Orientierung und
Absicherung seiner Position die gewohnten Umgebungsmerkmale immer wieder
„aufsucht“, wird deren gänzliche Umgestaltung wieder jene
Unheimlichkeit in ihm hervorrufen, die er gerade in seiner vertrauten
Umgebung überwunden hat.



Ganz ähnlich ergeht es ihm, wenn die Erlebnisweise seines
eingeschlagenen Lebensrhythmus plötzlich variiert wird oder „auf den
Kopf gestellt“ erscheint, vielleicht auch seine Bezugsperson(en)
unerwartet anders reagieren, dann geraten alle in ihm ruhenden Muster
seiner Existenz in Unordnung und die Angst macht sich wieder breit.



Der Umgang mit dem fremdelnden Säugling




Nun muß man nicht denken, ein Säugling sei wie ein rohes Ei zu
behandeln. Die Fähigkeit der Menschen zur Anpassung an veränderte
Umgebungsbedingungen und Lebensverhältnisse ist sehr groß. Ursprünglich
waren die Menschen Nomaden und wechselten häufig, wenn nicht ständig
ihren Standort und Lebensraum. Allerdings blieben bestimmte
Umgebungsbedingungen dabei auch gleich und genau das ist es, worauf auch
heute noch der Säugling angewiesen ist. Wenn man also etwas verändern
will im unmittelbaren Lebensumfeld des Säuglings, muß man gleichzeitig
einige Eckkonditionen beibehalten. Will man z.B. eine weitere
Betreuungsperson einführen, so sollte das im eigenen häuslichen Umfeld
geschehen und mit enger Begleitung durch die Mutter oder eine andere
primäre Bezugsperson. Muß man mit seinem Säugling irgendwo übernachten,
nimmt man am besten sein vertrautes Reisebett mit oder wenigstens die
bekannte Bettumrandung und die Decke, usw..



Jede größere Veränderung in der Betreuung des Säugling muß lange genug
vorbereitet sein. D.h. ein Babysitter oder auch die abends bestreuende
Großmutter sollten sich schon mehrmals im Beisein der Mutter mit dem
Säugling beschäftigt haben und an dem avisierten Abend rechtzeitig, d.h.
mit zeitlicher Pufferzone bereits im Hause sein. Ganz und gar verbietet
es sich, den Säugling in Rahmen einer hektischen Übergabe einem fremden
Babysitter zu überlassen. Das panische Schreien ist dann
vorprogrammiert. Die Katastrophen, die solche Übergaben oft nach sich
ziehen, werden von den Babysittern im Nachhinein gerne kleingeredet oder
ganz verschwiegen, da das Mißlingen der Betreuungsaufgabe letztlich
auch auf deren Babysitter-Fähigkeiten zurückfallen könnte. Außerdem muß
der Säugling seinen Babysitter grundsätzlich sympathisch finden.



Der Verhaltensbiologe Irenäus Eibl-Eibesfeld führt ganz allgemein zum
Thema Fremdeln und Mutter-Kind-Dyade/s.o. in seinem Buch „Die Biologie
des menschlichen Verhaltens“ auf S.259 folgendes aus: „In der Essenz
besagt sie (und damit meint er die Bindungstheorie von J.Bowlby und
M.Ainsworth), daß Mutter und Kind von vornherein durch
stammesgeschichtliche Anpassung aufeinander abgestimmt seien und für die
weitere Entwicklung einer Beziehung individualisiert vorbereitet
handeln. Beide sind dabei aktive Partner. Das Kind ist keineswegs nur
passiver Empfänger sozialisierender Reize. Unter anderem zeigt das Kind
eine deutliche Monotropie (J.Bowlby 1958), den Drang, mit einer
bestimmten Bezugsperson - normalerweise handelt es sich um die Mutter -
eine persönliche Beziehung einzugehen. Entscheidend für die Auswahl der
Bezugspersonen sind dabei nicht das Ausmaß an physischer Betreuung,
sondern Verhaltensmuster liebevoller Zuwendung, wie Herzen, Küssen,
ansprechen, zum Dialog Ermuntern und schließlich das gemeinsame Spielen.
Jedes Kind braucht eine in dieser Weise interagierende und immer wieder
verläßlich auftretende Bezugsperson.“



Die Anhänglichkeit




Mit dem kurzen Zitat von eben will ich das Thema Fremdeln hier erst
einmal beenden und mich im Folgenden der Anhänglichkeit zuwenden. Ein
Verweis auf ein anderes Buch soll dazu gleichsam als Einleitung dienen.
Es handelt sich um den Psychoanalytiker und Verhaltensforscher Franz
Renggli mit seinem Buch „Angst und Geborgenheit, Soziokulturelle Folgen
der Mutter-Kind-Beziehung im ersten Lebensjahr“. Darin benennt er das
Verhältnis, das die Mutter zum sich von ihr durch Krabbeln oder
Davonlaufen entfernenden Kind besitzt, als das einer secure base bzw.
sicheren Basis (S.74). Ich meine, dieser Begriff trifft ziemlich genau
das, um was es in dieser Entwicklungsphase geht.



Der Säugling vollzieht in dem Stadium, in dem er statomotorisch in der
Lage ist, sich aktiv bzw. selbständig von der Mutter fortzubewegen, auch
zugleich einen gewaltigen, geistigen (kognitiven) Schritt. Diese
Errungenschaft seiner Welterkundung, nämlich zu erfahren und zu
verstehen, daß es neben dem unmittelbaren räumlichen Geschehen um ihn
und seine Mutter herum weitere, im Moment unsichtbare Räume gibt, in
denen ein begonnenes Geschehen auch ohne ihn selbst seinen Fortgang
genommen hat oder weiterhin nimmt, und aus dem im Augenblick
verschwundene Personen unversehrt wieder auftauchen, diese fundamentale
Errungenschaft nennt der schweizer Entwicklungs- und Kinderpsychologe
J.Piaget „ Objektpermanenz“. Diese neu errungene Denkfähigkeit läßt sich
schnell nachweisen.



Läßt man z.B. ein kleines Stofftier hinter einer schwarzen Leinwand von
der einen Seite verschwinden, blickt der Säugling von etwa 10-12 Monaten
automatisch zur anderen Seite, weil er wartet, daß dort das Tier wieder
auftaucht. Ein kleinerer Säugling kann diesen geistigen Schritt noch
nicht vollziehen. Oder versteckt man einen interessanten Gegenstand
unter einem Tuch im Beisein des Säuglings, zieht er nach kurzem
Überlegen das Tuch beiseite, um an den Gegenstand heranzukommen.



Der Säugling vollzieht inzwischen auch von sich aus kleine Experimente,
in dem er (selbst) Spielsachen vom Wickeltisch oder aus dem
Hochstühlchen herunterfallen läßt und diesen nachschaut, um deren
unverändertes Erhaltenbleiben in der Bewegung zu erkennen und um durch
den Fall Schwerkraft und Raummaß zu entdecken (ab etwa 9 Monat).
Schließlich wirft er die Gegenstände regelrecht um sich, um die Wirkung
seiner Tat zu erfahren. Auch beginnt er an allen Schnüren zu ziehen, um
zu sehen, daß er mit dem Werkzeug Schnur und mit Einsatz seiner
Körperkraft Gegenstände selbständig bewegen und räumlich verändern kann.
Bei all diesem Treiben wird ihm zum erstenmal die Urheberschaft seines
Tuns bewußt.



Wofür muß man solche Dinge wissen? Was hat das mit Anhänglichkeit und
der „sicheren Basis Mutter“ zu tun? Die Neugier und das Interesse am
Erforschen seiner Umwelt drängen den Säugling fort von seiner
(normalerweise) sich ständig um ihn herum bewegenden Mutter oder
primären Bezugsperson. Er muß seinen Aktions- und Erkundungsradius
erweitern. Er muß das Gefühl von Eigenständigkeit erleben und die
Erfahrung von Räumlichkeit machen, Raum der ihn überall umgibt und den
er allein durchmißt. Aber die dabei vollzogene Entfernung von der Mutter
ist auch mit ängstlichen Gefühlen verbunden und läßt in ihm wieder das
alte Empfinden der prinzipiellen Bedrohtheit wach werden. Man kann diese
Angstgefühle demzufolge auch als die Ursprünge der Trennungsangst
bewerten. Es mischt sich also in seinen Unternehmungsgeist auch eine
gehörige Portion Unsicherheit und Vorsicht.



Der Drang nun, etwas zu unternehmen, wird in diesem Moment, was ein
äußerst wichtiger Entwicklungsschritt ist, zum in sich empfundenen
„Wollen“ des Säuglings, aber dieses Wollen ist angebunden an einer
anderes, nahezu gleich starkes Wollen, nämlich dasjenige, in Sicherheit
bei der Mutter zu bleiben. Somit ist denn aber der erste Wille eines
Menschen von vorn herein mit widerstrebenden Gefühlen gepaart, der Wille
ist ursprünglich also ambivalent. Erst mit der zunehmenden
Selbstsicherheit im zweiten Lebensjahr gewinnt der Wille seine Klarheit
in der Absicht und damit die uneingeschränkte Authentizität, d.h. erst
jetzt wird er langsam zu dem selbstaktivierenden Empfinden, das wir
Erwachsenen an ihm kennen. Allerdings kann die Ambivalenz im Willen im
weiteren Leben immer wieder auftauchen und Entscheidungsschwierigkeiten
hervorrufen.



Dem Säugling kann in diesen Anfangsmomenten der Unsicherheit nichts
besseres passieren, als daß seine Mutter immer und unmittelbar wieder
greifbar ist, damit er sich zu ihr zurück flüchten kann, wenn es ihm in
seinem Forscherdrang zu brenzlig wird. Damit wird die Mutter zu seiner
-besagten- sicheren Basis. Passiert es aber, daß die Mutter plötzlich
dort verschwunden ist, wo er sie verlassen hat, oder schließt sich eine
Tür zwischen ihr und ihm, befällt ihn schnell eine große Angst, denn
sein rein abstraktes Räumlichkeitsdenken ist einstweilen noch weit
überfordert. Eine Theorie von Räumlichkeit überall und an jedem anderen
Ort, auch außerhalb seines bekannten Lebensraumes und zwar auch hinter
Türen und Wänden besitzt er noch lange nicht. Aus dieser Angst
entwickelt sich oft und unmittelbar Panik, vor allem dann, wenn die
Mutter auf seine Hilferufe nicht bald reagiert.



Diese Panik kann sich je nach Temperament und Charakteranlagen, aber
auch durch im ersten Lebensjahr die Urangst fördernde Erfahrungen, zu
extremen „Klammern“ an die Mutter steigern, so daß schon das Zuschlagen
einer Tür oder das Verschwinden der Mutter hinter dem Duschvorhang ein
lautstarkes Schreien auslöst. Solche Kinder zeigen häufig auch
fortgesetzte Fremdenangst im Sinne eines anhaltenden Fremdelns und
können vorübergehend sogar Personen wieder ablehnen, die sie vorher
schon freudig akzeptiert hatten. Vermutlich spielt hier die
grundsätzliche Angst mit, daß andere Personen sie der Mutter „wegnehmen“
könnten und damit eine unerträgliche Trennung hervorriefen (Beginn
einer Trennungsangst). In diesem Zusammenhang steht auch ein Phänomen,
das eigentlich erst etwas später im zweiten Lebensjahr auftritt. Das
Kind erlebt es als unerträglich, wenn Mutter und Vater sich „zu nahe
kommen“ und Zärtlichkeiten austauschen. Unter Umständen wirft es sich
wütend dazwischen und attackiert (bei aggressivem Temperament) auch
zuweilen seine Eltern durch Schlagen. Auch hier wird eine Ambivalenz
(Widerstreit der Gefühle) im Kind deutlich. Einerseits fühlt es sich
noch zu der Mutter hingezogen als der „sicheren Basis“, andererseits
nimmt es sich den Vater zum Vorbild als Identifikationsperson für die
Loslösung von der Mutter. Zwischen diesen zwei gefühlsmäßigen Positionen
muß sich das Kind ja entscheiden. Beide Positionen sind aber durch
geliebte Elternteile vertreten. Nur in ihren festgefügten
(Alternativ-)Rollen kann das Kind die Eltern als Person widerspruchsfrei
tolerieren. Gehen diese augenscheinlich nun eine zu starke Allianz ein,
zerbricht die klare Ablösungsstruktur, und das Kind erlebt sich in
einem gefühlsmäßigen Hinundhergerissensein. Ärgerlich oder sogar wütend
will es den „alten“ und eindeutig klaren Zustand wiederherstellen. Auf
dieser zwiespältigen Grundposition könnten sich später, so mag man
spekulieren, Teile des Eifersuchts-geschehens aufbauen.



Der an der Verhaltensbiologie des Menschen interessierte
Psychoanalytiker J.Bowlby und seine Schülerin M.Ainsworth begründeten
zwischen 1950 und 1970 auf ähnlichen Beobachtungen eine neue
tiefenpsychologische Sichtweise des frühkindlichen Verhaltens, die
sogenannte Bindungstheorie. Erkenntnisse zu diesen Verhaltensweisen
gewann J.Bowlby vor allem aber auch aus der Interpretation der
Verhaltensweisen von jungen Tieren, insbesondere der Menschenaffen, bzw.
Primaten. Die Übertragung solcher Verhaltensmerkmale auf menschliche
Kinder setzt natürlich die Anerkennung darwinistischer Prinzipien der
menschlichen Evolution (Abstammungslehre) voraus. Bowlby bekannte sich
zu C.Darwin. M.Ainsworth entwickelte in den 1970er Jahren einen
Verhaltenstest von einjährigen Kindern, der als
"Strange-Situation-Test"“ oder deutsch die „Fremde-Reaktion“ in die
Psychologie-Geschichte, insb. die der frühkindlichen
Entwicklungspsychologie eingegangen ist.



Der Vorgang dieses Tests ist schnell erklärt. In drei einander
nachfolgenden (und standardisierten) Beobachtungssequenzen wird das
frühkindliche Verhalten (etwa ein Jahr alte Kinder) studiert und
eingeordnet. Das Kleinkind spielt in Anwesenheit der Mutter. Danach
verläßt die Mutter den Raum. Eine weibliche Betreuerin kommt anstelle
der Mutter herein und versucht, spielerischen Kontakt zu Kind zu
erlangen. Die Mutter kehrt zum Kind zurück und die Betreuerin verläßt
wieder den Raum.



Dieser Test dient dazu, die Bindungsgestaltung und Bindungssicherheit
des Kindes zu beurteilen. Folgende Reaktion werden klassisch
unterschieden:



1. Das Kleinkind registriert den Fortgang der Mutter durch unterbrechen
seines Spiels, reagiert aber nicht stark ängstlich. Es läßt sich auch
bis zu einem gewissen Grad auf die Spielangebote der hereingekommenen
Betreuerin ein, ist aber erst wieder richtig erleichtert, nachdem die
Mutter zurückgekehrt ist. Die Mutter wird vom Kind freudig begrüßt.
Solche Kinder bezeichnet man als sicher gebunden, bzw. „integriert“.



2. Das Kleinkind reagiert sehr ängstlich und weint oder schreit, wenn
die Mutter den Raum verläßt. Die Spielangebote der Betreuerin werden
nicht akzeptiert und das Kind kann sich nicht beruhigen. Im Gegenteil,
es steigert seine Angst und schreit fortgesetzt. Wenn die Mutter
zurückkehrt, reagiert das Kind aber weiter mit großer Unsicherheit und
Angst und kann sich auch auf dem Arm der Mutter zunächst nicht
beruhigen. Solcher Kinder werden als unsicher-ambivalent gebunden
bezeichnet, bzw. als hochgradig affektiv.



3. Das Kleinkind macht den Eindruck, als registrierte es den Fortgang
der Mutter kaum oder gar nicht. Es spielt auch ohne ersichtliche Skepsis
oder Reserviertheit mit der hereinkommenden Betreuerin, als wäre diese
die eigene Mutter. Kehrt dann die Mutter selbst zurück, nimmt das Kind
von dieser scheinbar keine Notiz und widmet sich weiter seinem Spiel.
Dieser „Typ“ gilt als unsicher-vermeidend gebunden, bzw. als
desintegrativ. Neurophysiologische Untersuchungen an diesen Kindern
konnten feststellen, daß ihr Tun von einem enorm großen Streßpegel
begleitet ist.



4. Das Kleinkind ist in seiner seelischen und geistigen Entwicklung von
Grund auf auffällig und stellt keine feste Bindung zu seiner primären
Bezugsperson her. Es erscheint in allen drei Beobachtungssequenzen
hochgradig auffällig und scheint keinen sicheren Wahrnehmungsbezug zum
Geschehen aufnehmen zu können. Solche Kinder gelten als dissoziiert,
wobei zunächst nichts darüber gesagt ist, ob diese Bezugslosigkeit zur
Realität organischer Natur ist als eine Hirnerkrankung oder psychischer
als Deprivation.



Was hier zunächst nur in einer „Laborsituation“ beobachtet worden ist,
stellte sich recht bald auch in der tatsächlichen Kinderstube als eine
aussagekräftige Untersuchungsmethodik heraus. Denn was hier unter dem
Siegel „Bindungsfestigkeit: Darstellung und Wirkung als biologisch
geprägte Verhaltensstatistik“ in Fachkreisen veröffentlicht und
diskutiert wurde (v.a. unter den verschiedenen Vertretern der
Psychoanalyse), entpuppte sich als erste wahre Analyse der im ersten
Lebensjahr entstandenen Mutter-Kind-Bindung. Insbesondere der
österreichischen Psychoanalytikerin M.Mahler ist es zu verdanken, daß
dieses verhaltensbiologisch anmutende (Bindungs-)Konzept eine
tiefenpsychologische Untermauerung und Erklärung erhielt.



Tiefenpsychologische Erklärung der Bindungstheorie




M. Mahler ging davon aus, daß die körperliche und psychische Geburt des
Menschen zeitlich nicht zusammenfallen. Das heißt, die Psyche bzw. die
Seele eines Menschen entwickelt sich in mehreren Stufen erst im Laufe
der Säuglings- und Kleinkindzeit. Diese Anschauung wirft grundsätzliche
Meinungsunterschiede auf, die wir heutzutage im Kern als das
Leib-Seele-Problem bezeichnen. Es gilt ja bis heute als eine ungelöste
Frage, ob sich die Seele im Gehirn des Menschen sagen wir gänzlich frei
entfaltet und nicht wirklich an das Organ Gehirn gebunden ist, oder ob
sie wachsender Bestandteil des für sie zuständigen Organs Gehirn ist, in
welchem sie als Repräsentanzerscheinung aller erlebten Gefühle fest
verankert im Netzwerk der miteinander verbundenen Hirnzellen existiert.
In den Ansichten von M.Mahler wäre die zweite Erklärung zugrunde zu
legen, welche besagt, daß der neugeborene Mensch gleichsam psychisch
neutral zur Welt kommt und erst im Laufe der ersten Lebensmonate und
-jahre sich die Gestalt seiner Seele erwirbt. Die Grundeinstellung hat
sich eigentlich auch bei allen weiteren Analytikern der
Entwicklungspsychologie durchgesetzt und war letztendlich auch die
grundsätzliche Anschauung von S. Freud.



Daraus ergibt sich die Auffassung, daß, ganz gleich wie man es
ursächlich und zeitlich definiert, die seelische Entwicklung des
Menschen ein Vorgang in Stufen oder Phasen ist, welche sich unter
Einfluß der Lebenssituation und Lebensbedingungen so oder so gestalten.
Man darf im Grunde drei Faktoren festlegen, welche die seelischen
Entwicklung eines Menschen beeinflussen, erstens die (ererbten)
Charakteranlagen, zweitens die frühkindlichen Lebensbedingungen und
drittens die jeweilige aktuelle (individuelle) Lebenssituation.



Um nun auf M. Mahler zurückzukommen: M.Mahler erkannte in zwei gepaarten
Elementargeschehen im Leben eines Menschen den Motor für die
seelisch-geistige Entwicklung. Nämlich das Eingehen einer festen Bindung
an eine bestimmte Person einerseits und die Notwendigkeit zur Loslösung
aus dieser Bindung andererseits. Die Spannung, die hierdurch im
Menschen entsteht, löst sich schließlich auf in einem Entwicklungssprung
hin zur individuellen Gestaltung seines Lebens. Mahler bezeichnete die
erste, extrem feste Bindung, die der noch kleine Säugling eingeht,
nämlich die zu seiner Mutter (oder zu einer anderen primären
Bezugsperson) als Symbiose, wobei sie weniger auf das biologische
Geschehen in der Symbiose abhob (gegenseitige Förderung und Ernährung
von Organismen) als auf deren metaphorische (übertragene) Bedeutung
einer starken Abhängigkeit. Sie erkannte also die enorme Abhängigkeit
des Säuglings von der Mutter und meinte dabei nicht nur die ernährungs-
und pflegemäßige Abhängigkeit, sondern v.a. auch die psychische, d.h.
die seines Gefühlslebens und seiner Selbstwahrnehmung.



Von M. Mahler stammt denn auch der Begriff der Mutter-Kind-Dyade,
welcher inzwischen zum gebräuchlichen Vokabular in der
Entwicklungspsychologie gehört. Mutter-Kind-Dyade bedeutet in Bezug auf
die Eigenwahrnehmung des Säuglings, daß dieser von sich selbst, also von
seinem persönlichen Existieren keine klare, eindeutige Vorstellung hat,
sondern nur diejenige, die ihm in der Beziehung zu seiner Mutter
präsent wird. Es macht Sinn, daraus die Anschauung abzuleiten, daß der
kleine Säugling sich zunächst nur in einer „Leih-Selbst-Wahrnehmung“
erlebt, weil er sein Selbst noch leihweise dem seiner Mutter entnimmt.
Wie man sich als Erwachsener eine solche Empfindung vorzustellen hat,
kann man eigentlich nur noch aus einer ins geradezu Krankhafte
verkehrten Abhängigkeitsempfindung ableiten. Im Falle des Säuglings
handelt es sich aber um einen völlig gesunden, seelischen Zustand,
welcher unabweislich ist, da sich aus ihm die gesamte soziale
Verhaltensstruktur im späteren Leben ableitet. Darauf wird an geeigneter
Stelle noch zu sprechen zu kommen sein.



Erst wenn wir diese Zusammenhänge richtig verstehen können, können wir
begreifen, was sich im Säugling abspielt, wenn ihn die Urangst überkommt
und er hemmungslos weint, um nicht zu sagen schreit, und wenn ihn das
beängstigende Gefühle der Unheimlichkeit im Fremdeln und in der Trennung
von der Mutter oder einer anderen wesentlichen Bezugsperson ereilt.



Ein wenig anders stellt sich die Sicht zum Selbstempfinden des Säuglings
bei dem amerikanischen Psychiater Daniel Stern dar, was allerdings im
Endergebnis, nämlich in dem Mutter-Säugling-Verhältnis keinen
wesentlichen Unterschied macht. Er stellt ein in sich zusammenhängendes
(kohärentes), aber noch rudimentäres Selbstempfinden (Kern-Selbst) in
den Vordergrund und betont demzufolge ganz besonders die primäre
Übereinstimmung der Gefühle von Mutter und Kind, das „attunement“.
Daraus soll sich schließlich das Band der primären Beziehung oder
Bindung entwickeln. Gegen die Ansicht ist nichts einzuwenden. Im
Gegenteil, von dem Begriff „attunement“ sollte man grundsätzlich auch in
der Vorstellung von der Mutter-Kind-Dyade Gebrauch machen, denn gerade
diese als Repräsentantin der Leih-Selbst-Situation ist auf das gute
gefühlshafte Aufeinanderabgestimmtsein von Mutter und Säugling
angewiesen. M. Mahler und D. Stern sind sich also bei gewissen
theoretischen Unterschieden in der Forderung nach einer soliden und
zuverlässigen Mutter-Säugling-Beziehung absolut einig.



Bindungstheorie und Neurowissenschaften




Nach der Entwicklungspsychologie scheinen jetzt auch die
Neurowissenschaften und Verhaltensbiologen das enge und
hundertprozentige gefühlsmäßige Aufeinanderabgestimmtsein von Mutter und
Säugling erkannt und auch in ihr Forschungsprogramm aufgenommen zu
haben. Da man aber an kleinen Säuglingen aus ethischen Gründen nicht
forschen kann, bleibt den Wissenschaftlern nicht anderes übrig als mit
dem Menschen einigermaßen vergleichbare Tierjunge zu nehmen. Da werden
z.B. Junge von Primaten gewählt, also kleine Äffchen, aber aus
bestimmten Gründen auch niedere Säugetieren wie Mäuse und Ratten. Ziel
dieser Forschungen ist, die ganz frühe Bindung der Tierjungen an ihre
Eltern zu beobachten und die Auswirkungen einer gezielten Störungen
derer zu untersuchen. Im Tierreich nennt man diesen Vorgang der ganz
frühen Bindung Filialprägung, d.h. Festlegung der Jungen auf ein ganz
bestimmtes Elternpaar. Weltweit bekannt sind die Beobachtungen von
Konrad Lorenz hierzu mit der Prägung gerade geschlüpfter Graugänse auf
ihn selbst. Was passiert nun aber, wenn man diese Filialprägung
behindert oder ganz unterbindet?



Sowohl die Untersuchungen an Affenjungen als auch an kleinen Ratten und
Mäusen, oder z.B. auch an Haushuhnküken (Universität Magdeburg) ergaben
regelmäßig massive Störungen in der späteren Sozialstruktur der
heranwachsenden Tiere bis hin zu ihrem Ausschluß aus der Gruppe. Gerade
an jungen Ratten ging man noch einen Schritt weiter und untersuchte die
Auswirkungen einer gezielten Störung der Prägungsvorgänge mittels eines
definierten Angstreizes, den man durch mehrfache und längere Trennung
von Jungtieren und Elterntieren setzte. Die Folgen waren gravierend. Die
heranwachsenden Jungratten zeigten in fremder Umgebung starke
motorische Unruhe und völlige Desorientiertheit. Anders als ihre
gesunden Geschwister fanden sie sich in neuen Umgebungen nicht zurecht
und reagierten auf diese Herausforderung mit großer Angst. Bei der
Untersuchung ihrer Gehirne zeigten sich Störungen in der Verteilung der
Synapsen, jener Verschaltungsorgane also, mit denen Nervenzellen
untereinander in Netzwerk-Kontakt treten und Informationen austauschen.
Betroffen im Gehirn waren besonders Strukturen, die mit der Steuerung
der Emotionen in Verbindung zu bringen sind (Teile des Limbischen
System, v.a. Mandelkerne/Amygdala, Teile des cingulären und frontalen
Cortex/Hirnrinde). Neurotransmitter, Botenstoffe im Gehirn, welche an
den synaptischen Verbindungen operieren, erschienen gleichfalls gestört,
v.a. die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin. Beide Neurotransmitter
beeinflussen auch beim Menschen sehr stark die psychischen
Empfindungen.



Kehren wir von dem kurzen Ausflug in die Neurowissenschaften zu den
Säuglingen zurück. Natürlich kann man die viel komplexeren menschlichen
Verhaltensformen nicht unmittelbar aus dem Instinktverhalten der Tiere
ableiten. In Grundzügen gibt es aber doch verblüffende Analogien.



Auch die Säuglinge reagieren ganz eindeutig mit Angst auf die Trennung
von ihrer primären Bezugsperson, die meistens die Mutter ist. Wenn man
will, kann man auch das Fremdeln schon dazu zählen. Zwar werden hierbei
Mutter und Säugling nicht wirklich getrennt, aber der Säugling empfindet
im Erkennen des Fremden offenbar eine Art Trennungsmacht, die übrigens
hauptsächlich von dessen Augen ausgeht. Es ist faszinierend
festzustellen, daß man durch nicht mehr Anschauen, resp. Fixieren eines
aus Gründen des Fremdelns weinenden Säuglings bei diesem ziemlich
unmittelbar eine Beruhigung erzeugen kann. Umgekehrt fängt der Säugling
sofort wieder an zu weinen, wenn man seine Augen erneut auf ihn richtet.
Der Blick des Menschen besitzt also eine ungeheuer große Macht.
(J.P.Sartre hat sich in seiner phänomenologischen Ontologie „Das Sein
und das Nichts“ eingehend über die daseinshaften Auswirkungen des
menschlichen Blicks ausgelassen).



Fremdeln ist eigentlich der erste und sicherste Beweis für das
Entstandensein der primären Bindung oder für die noch in Entstehung
begriffene. Insofern sichert Fremdeln auch die früheste kognitive, resp.
geistige Fähigkeit des Säuglingsgehirns. Parallel mit den ersten
gezielten motorischen Bewegungen im Greifen ist also die Fähigkeit zur
Gesichtererkennung und -unterscheidung entwickelt. Dabei muß sich die
Natur etwas gedacht haben. Dieses Etwas kann nur die Notwendigkeit zum
ganz frühen Eingehen der primären Bindung sein. Denn diese ist die
Grundvoraussetzung im menschlichen Leben für eine gesunde emotionale und
fortan funktionierende soziale Entwicklung. Daran dürfte heutzutage
eigentlich kein Zweifel mehr bestehen.



Der Umgang mit der Anhänglichkeit




Wie beim Fremdeln steht auch jetzt der Säugling mit seinen basalen
Bedürfnissen im Vordergrund, denn diese sind ihm von der Natur zur
Herstellung und Aufrechterhaltung der primären Bindung vorgegeben. Es
ist ganz und gar nicht so, als käme in diesen Bedürfnissen des Säuglings
dessen übertriebener Wille zum Ausdruck, oder versuche er, seine Eltern
zu gängeln oder gar zu erpressen. Solche gezielt steuernden Eingriffe
in die Interaktionsformen (Austausch von Verhalten und Affekten)
zwischen Mutter, resp. Vater und Kind kann ein Säugling noch nicht
leisten. Dazu fehlen ihm einstweilen noch wesentliche Anteile des
begrifflich-logischen Denkens. Um solche Gedanken zu entwickeln, bedarf
es nämlich erstens einer großen Erfahrung (Empirie) von -sagen wir-
typisch menschlichen Reaktionsweisen, zweitens einer Fähigkeit zur
Antizipation von Reaktionsformen des anderen (hier die Eltern) auf
eigene Verhaltensstrategien und drittens eines erkenntnishaften
Verständnisses von Zeitabläufen des Geschehens, alles dies, damit der
Säugling selbst versteht, was er da tut und warum er es tut. Denn
Verstehen seines Tuns ist Voraussetzung für jede willentliche
Inszenierung.



Solche geistigen Fähigkeiten besitzt der Säugling aber lange noch nicht,
und diese Fähigkeiten sind auch keineswegs Teil eines genetisch
vorgegebenen Programms. Zu festgelegt wäre nämlich sonst die
Verhaltensstruktur des Säuglings, d.h. zu wenig flexibel wäre sie für
eine Anpassung an die jeweiligen Umweltbedingungen. So gesehen ist der
Säugling also unschuldig an dem, was er verlangt und wie er dieses
Verlangen äußert.



In der noch bestehenden Leih-Selbst-Situation ist wohlgemerkt noch nicht
einmal ein auf das eigene Ich bezogenes, von der im Verhalten
adressierten Person (Mutter/Vater) vollkommen gelöstes,
Selbstverständnis vorhanden. Demzufolge wäre ein derart strategisches,
auf den eigenen Vorteil bedachtes Denken einstweilen gar nicht möglich,
ja beinahe selbstschädigend. Ebensowenig ist aber auch ein auf die
Bezugsperson gerichtetes empathisches und dabei sich selbst zügelndes
Denken möglich. Gerade aber das erwartet man instinktiv als Eltern von
seinem Kind. Auf diese Weise ist das Mißverständnis hinsichtlich des
frühkindlichen Verhaltens geradezu vorprogrammiert. Die Mutter fühlt
sich von dem ihr ständig nachfolgenden Säugling eingeschränkt und
belagert, der Säugling kann von diesem Verhalten aber nicht ablassen, da
es ihm noch existenziell erscheint. Insofern muß die Mutter oder
primäre Bezugsperson noch einmal über ihren Schatten springen und das
freimütig zulassen, was unvermeidbar ist.



Das klettenhafte Nachfolgen des Säuglings läßt sich allerdings doch
zumindest zeitweise unterbrechen dadurch, daß man eine andere Mutter in
ähnlicher Situation zu sich nach Hause bittet oder eine Vertrauensperson
aus der Familie mit dem Kind spazierengehen schickt. Auch alle
kindgerechten Ablenkungsmanöver sind geeignet, den kindlichen Zwang zum
Bindungserhalt ein wenig zu lockern. Zuletzt sind auch Krabbelgruppen
durchaus in der Lage, die isolierte Situation der Mutter zu Hause zu
entschärfen und den Übergang aus der engen häuslichen Bindung hin zur
gelösteren Bindung in der sozialen Gemeinschaft zu vollziehen.
Allerdings muß man sich zwei Dinge dabei klar machen. Das erste:
Kleinkinder in dieser Altersklasse können noch nicht wirklich sozial
miteinander spielen. Das zweite: Manche Säugling und Kleinkinder
reagieren in größeren sozialen Gemeinschaften derart empfindlich auf die
Gruppe, daß man entweder sich vorläufig wieder zurückziehen muß oder
wenigstens ganz behutsame Gewöhnungsprozesse einleiten.



Entwicklungsbeziehung zwischen Fremdeln und Anhänglichkeit




Zum Abschluß dieses Kapitels soll noch einmal auf die
Entwicklungsbeziehung von Fremdeln und Anhänglichkeit eingegangen
werden. Fremdeln tritt immer vor der Anhänglichkeit auf. In gewisser
Weise ist Fremdeln die Voraussetzung für sie. Denn erst muß die Bindung
in der Vorstellungswelt des Säuglings fest gefügt sein, dann kann der
Säugling so etwas wie ein Sich-hingezogen-fühlen zum Bindungspartner
erleben. Damit aber diese Bindung, resp. dieser innige Bezug zu der
Mutter entstehen kann, muß diese sich dem Säugling gegenüber als absolut
sicher, zuverlässig und vertrauenswürdig erwiesen haben. Solche
Attribute entstehen auf der Basis von Bedürfnisbefriedigung,
menschlicher Nähe und Körperpflege. E.H.Erikson spricht in seinem
berühmten Buch „Kindheit und Gesellschaft“ in diesem Zusammenhang von
Urvertrauen. Also in dem sozialen Angebot der Mutter liegt die
entscheidende Note, die den Säugling sich für die Mutter „entscheiden“
läßt. Da der Säugling jedoch gar keine Wahl besitzt und eine
Entscheidung ihm von den kognitiven (geistigen) Voraussetzungen noch gar
nicht möglich ist, geht die Natur von der Situation aus, daß die Mutter
immer die geeignete Bindungsperson ist. Die Natur läßt es höchstens zu,
daß eine andere Person mit derselben mütterlichen Qualität an ihrer
statt gleich nach der Geburt die Rolle übernimmt. So betrachtet hat
nicht nur der Säugling keine Wahl, sondern auch die Mutter. Da aber auch
die unmittelbaren nachgeburtlichen Umstände ein wichtige mit
gestaltende Rolle bei der primären Bindung spielen, müßte die
Ersatzmutter schon sehr schnell nach der Geburt in das Leben des Kindes
treten. Das ist allein deswegen schon notwendig, weil das Neugeborene
schon Geruchs- und Geschmacksreize von seiner Mutter empfängt, die auf
direktem Weg das Gehirn erreichen.



Die Bindungssicherheit ist an das Vertrauen gekoppelt, das der Säugling
seiner primären Bezugsperson entgegenbringt. Erikson (s.o.) nannte es
also das Urvertrauen, das der Säugling aufbauen muß, um sein angeborenes
Mißtrauen in die tatsächlichen Lebensverhältnisse aufzulösen. Dabei
handelt es sich um die ersten Lebensmonate des Säuglings.
Bindungssicherheit entsteht aber in der Phase der Loslösung (um den
ersten Geburtstag herum) noch einmal verstärkt, wenn die Mutter dann als
primäre Bezugsperson bei der Loslösung die reaktivierten
Bindungstendenzen ihres Kindes vorbehaltlos akzeptiert und ihm gegenüber
sich als immer wiederauffindbare sicher Bezugsperson erweist (secure
base, s.o.).



Wir wollen an dieser Stelle eine vorsichtigen Versuch wagen, das
Fremdeln und die Anhänglichkeit in eine kausale Beziehung zu bringen.
Wir können einmal annehmen, das Temperament, die Charakteranlagen eines
Säuglings seien so ungünstig, daß alle Zuverlässigkeit und
Vertrauenswürdigkeit einer Mutter nicht ausreichen, um in ihm das nötige
Vertrauen in die primäre Bindung aufzubauen. Ein solcher Säugling
schrie weiter, obwohl die Mutter alles für ihn tut, ihn herumträgt und
ihn vor allem auch des nachts immer tröstet. Setzen wir dabei voraus,
daß dieser Säugling keinerlei körperliche Beschwerden hat. Was können
wir nun über seine spätere Anhänglichkeit vermuten? Vermutlich wäre
dieser Säugling trotz aller Bemühungen seiner Eltern auch ein ängstlich
anhängliches Kleinkind, welches man im „Fremde-Test“ (s.o.) als
ambivalent unsicher gebunden einzustufen hätte. Vermutlich haben wir mit
dieser Einschätzung recht und die Mutter, die Eltern wären völlig
schuldlos an dieser Entwicklung. Im Einzelfall wird es ein solches Kind
tatsächlich geben und es wäre bestimmt eben ein solcher kleiner Säugling
gewesen, der praktisch von Anfang extrem viel und kaum tröstbar
geschrien hätte. Wir können vermuten, daß die Angstprägung dieses Kindes
auch im weiteren Leben erhalten bleibt.



Anders ist nun aber die Situation bei kleinen Säuglingen, die aus
ähnlichen oder ganz anderen Gründen viel geschrien haben, bei denen das
Trösten jedoch gut gewirkt hat. Ihre natürliche Angst und ihr Mißtrauen
wurden im Ganzen gut aufgefangen und in Vertrauen umgewandelt. Es liegt
nahe anzunehmen, daß unter der Voraussetzung, daß die entstandene
Bindung nicht im weiteren Verlauf noch erschüttert wird, der größere
Säugling eher weniger stark fremdelt oder zumindest im Arm seiner Mutter
schnell zu seiner Ruhe findet und dadurch sich sein Interesse am
Fremden auch schnell zurückmeldet. Im Alter der Loslösung fänden wir
einen sicher gebundenen Säugling/Kleinkind vor, welcher zur Freude
seiner Eltern auch einen Fremdbetreuer unter optimaler Voraussetzung des
miteinander Bekanntwerdens schnell akzeptiert. So oder so ähnlich
verliefe auch die Entwicklung des von Anfang an -sagen wir- bequemen,
charakterlich ausgewogenen Säuglings, der eher wenig Ansprüche an seine
Bezugsperson(en) stellt und der vielleicht früh durchschläft und wenig
nächtliche Präsenz seiner Eltern fordert.. Ein solcher charakterlich
günstig erscheinender „Typ“ fordert natürlich die Toleranzgrenzen seiner
Eltern auch wenig heraus.



Da gibt es noch einen weiteren „prototypischen“ Fall, nämlich den
Säugling, der erst im Fremdelalter richtig schwierig erscheint (obwohl
Fremdeln eigentlich ja einen Teil der Ursprungsangst abmildert) und zwar
mit jetzt manifester Angst vor allem Unbekannten, und der gerade in
dieser schwierigen Situationen nicht richtig aufgefangen wird. Im
Stadium der Loslösung wird er von wenig Vertrauen in seine Bezugsperson
gekennzeichnet eher dem vermeidend unsicher gebundenen Typ angehören und
unter heftigster innerer Anspannung leiden. Dabei wird er versuchen,
sich seiner Situation adäquat anzupassen. Bei diesen Kindern findet man
sicher auch solche, die als Säuglinge sich immer wieder selbst
überlassen waren und „stundenlang“ schreien mußten, ob aus familiärer
Not oder falsch angewandten Erziehungsprinzipien. Die innere emotionale
Erschöpfung hat sie früh aufgeben und verstummen und im weiteren
Geschehen zu den „stillen Erduldern“ werden lassen.



Wohlgemerkt bei diesen „Typisierungen“, bei denen es natürlich alle
möglichen Übergangsformen gibt, was die Sache so unendlich kompliziert
und unüberschaubar erscheinen läßt, handelt es sich noch um ganz normale
Entwicklungen, d.h. Entwicklungen, welche zunächst kein eindeutiges
Potenzial zu einer pathologischen Persönlichkeitsform in sich bergen. Es
handelt sich also nicht um deprivierte (schwer entwicklungsgestörte)
Säuglinge, welche in Heimen bei unzureichender Betreuung zu beobachten
sind und die alle miteinander schwere Hospitalisierungserscheinungen
aufweisen. Solche Säuglinge müßte man in der Phase der Loslösung schon
als dissoziiert bezeichnen. Zu diesen Typisierungen hat sich auch M.
Dornes in seinem Buch "Die emotionale Welt des Kindes" ursächlich und
entwicklungsbezogen ausführlich geäußert.



Trost für die Eltern




Wie gesagt, die eben aufgestellt „Prototypen“ sind weitgehende
Kunstprodukte, die nur zur Veranschaulichung des Sachverhalts hier ins
Leben gerufen wurden. Die meisten Säuglinge sind „Mischtypen“ und weisen
in verschiedenen Phasen zuweilen auch widersprüchlich erscheinende
Eigenschaften auf. Dennoch, die Erfahrung lehrt, daß bei Einhalten der
für die sichere Bindung zwischen Säugling und primärer Bezugsperson
notwendigen Regeln sich die Wahrscheinlichkeit auf ein sicher gebundenes
Kleinkind deutlich erhöht und die überstarke, manchmal ja sehr
strapaziöse Anhänglichkeit sich auf ein Normalmaß reduzieren läßt. Wenn
man also den fremdelnden Säugling vor den ihm angstbereitenden Menschen
oder Orten schützt und ihm die absolute Sicherheit im elterlichen Arm
zubilligt, wird er sich mit der Zeit zu einem weniger ängstlich
gebärdenden, zuversichtlicher aufs Neue blickenden, älteren Säugling und
Kleinkind entwickeln.



Das bedeutet aber im Einzelfall, daß man es einer fremden Person, u.U.
auch den Großeltern nicht gestattet, den Säugling schnell einmal eben
auf den Arm zu nehmen und zu schmusen, wenn er es mit Schreien
quittiert. Auch ein Säugling hat ein Recht auf Distanz, ja wie wir
gesehen haben, gerade ein Säugling. Er kann sich ja Distanz nicht selbst
schaffen. Aber im Schützen durch die Mutter, u.U. den Vater, steckt
jetzt soviel wie im Trösten des kleinen, schreienden Säuglings. Das
Urvertrauen in seine Bezugspersonen wächst und der Säugling schafft sich
auf diese Weise eine tragfähige emotionale Basis. Mißachtet man diese
Grundsätze, dann strapaziert man die emotionale Toleranzschwelle des
Säugling, die je nach Temperament schneller oder weniger schnell
überschritten ist.



In der Tiefenpsychologie geht man davon aus, daß jetzt schon das
Unterbewußtsein mit negativen Gefühlsmustern belastet wird, den
Verdrängungen, aus dem sich bei weiterem Anschwellen der
Verdrängungsprodukte ein ganzer Hort unliebsamer Gefühle entwickelt.
Dieser kann in zunehmendem Maße die weitere Entwicklung ungünstig
beeinflussen und die Toleranzgrenzen für frustrierende Gefühle immer
höher, d.h. unerreichbar, werden lassen. Die Folgen kann man sich jetzt
schon ausmalen. Umgekehrt, und das sollte man nicht aus dem Auge
verlieren, ist aber ein wenig belastetes Unterbewußtsein (ganz zu
vermeiden sind belastende Gefühle sicherlich nie) eine gute
Voraussetzung für eine stetig anwachsende Toleranzfähigkeit. Das wird
sich sicher schon bald, nämlich im Trotzalter, erstmals günstig
auszahlen.

Rüdiger Posth


Lesen Sie hier weiter:


Teil 1: Die Erlebniswelt des Säuglings

Teil 2: Fremdeln und Anhänglichkeit

Teil 3: Loslösung, Trotz und Selbstbewusstsein

Teil 4: Selbstentstehung und die Entwicklung von Moral und Vernunft

Teil 5: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

© Copyright 2013 - Dr. med. Rüdiger Posth











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16

Samstag, 13. April 2013, 19:13

Das emotionale Bewusstsein

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von Rüdiger Posth

Teil 3 - Loslösung, Trotz und Selbstbewusstsein


Einleitung zum neuen Kapitel




Bisher hatten wir uns in der seelischen Entwicklung des Kindes
vornehmlich mit der Mutter-Kind-Bindung und den ersten Emotionen bzw.
Gefühlen auseinandergesetzt. Dabei stand im Mittelpunkt jenes Phänomen,
das wir in der Entwicklungspsychologie mit dem Begriff Mutter-Kind-Dyade
belegen. Da es sich bei der Mutter-Kind-Dyade um einen grundsätzlichen
und entscheidenden Vorgang handelt, sei zur Erinnerung noch einmal auf
seine Bedeutung hingewiesen. Mutter-Kind-Dyade bedeutet, dass sich der
Säugling ganz im gefühlsmäßigen Verbund mit seiner primären Bezugsperson
erlebt, die nur im Idealfall die leibliche Mutter ist. Insofern ist
eine Übereinstimmung mütterlicher und kindlicher Gefühle ein prägendes
Geschehen am Beginn des menschlichen Lebens, so wie instinkthafte
Vorgänge die "Filialprägung" bei den Vögeln und Säugetieren erzeugen.



Die primäre Bindung der Säuglinge an die Mutter bedeutet aber nicht,
dass der Säugling kein Empfinden davon hätte, ein eigenes, leibliches
Wesen zu sein. Seine grundsätzlichen Empfindungen überhaupt zu
existieren erwachsen ihm aus der Wahrnehmung der Reize, die von seinen
Wahrnehmungsdetektoren, den Empfindungsrezeptoren, über die
verschiedenen Körper- und Kopfsinne seinem Gehirn zugeleitet werden.
Diese bewirken das sogenannte Körper-Ich, von dem bereits die Rede war.
Neuere neuropsychologische Studien (A. Damasio, Descartes´ Irrtum, 1997)
meinen sogar schon einen Ort für diese Grund- oder
Hintergrundsempfindung, wie Damasio es nennt, im menschlichen Gehirn
ausmachen zu können, nämlich die Körperfühlsphäre bzw. die
somatosensorische Hirnrinde mit ihren benachbarten Sekundärstrukturen
und der sog. Inselregion, und zwar in der rechten Großhirnhemisphäre.
Eine spätere Schädigung dieses Hirnabschnittes führt nämlich zu
merkwürdigen Ausfällen des Selbstgefühls und des damit verbundenen
Sozialverhaltens. Außerdem entwickelt sich eine Unfähigkeit, Krankheiten
oder Schädigung des eigenen Körpers real wahrzunehmen (Anosognosie).



Zurück zum Säugling: Der Säugling empfindet also die Mutter-Kind-Einheit
aus seiner Sicht immer etwas zwiespältig wie eine widersprüchliche
Botschaft von Empfindungen, einerseits in der Mutter gleichsam
aufzugehen, andererseits ganz eigene Gefühle aushalten zu müssen und zu
können. Dieser Zwiespalt entsteht v.a. in jenen Momenten, in denen die
Mutter per Physiognomie und Gestik etwas ganz anderes auszudrücken
scheint, als er selbst gerade empfindet (Affekt-Interferenz). Immer dann
aber, wenn der Säugling spürt, dass gerade das, was sich in ihm als
Bedürfnis bemerkbar macht, z.B. Hunger im Bauch, Nässeempfinden im
Windelbereich oder Unheimlichkeit in der Seele, auch zugleich von der
Mutter wahrgenommen und durch ihr adäquates Handeln ihm befriedigt wird,
immer dann schwindet für einen Moment der Empfindungszwiespalt, und es
stellt sich so etwas wie eine Glückseligkeit ein (Affekt-attunement nach
D.Stern, Die Lebenserfahrung des Säuglings, 1992). In solchen
Augenblicken wird vermutlich ein Schwall von Endorphinen (sog.
Glückshormonen) durch sein Gehirn fließen und werden Neurotransmitter
(Botenstoffe) wie Serotonin und Dopamin dafür sorgen, dass eine Unzahl
an synaptischen Verknüpfungen seiner Hirnnervenzellen den
Gefühlstransport in angenehmster Weise zu den entsprechenden Zentren
herstellt. Das Ergebnis wird eine Vermehrung positiver Erfahrungen in
seinem Erinnerungsspeicher sein, welcher in bestimmten
Hirnrindenabschnitten repräsentative Engramme (Einprägungen) bildet. Die
Mutter-Kind-Einheit erscheint perfekt.



Das funktioniert natürlich nicht immer so. Im Gegenteil: In vielen
Momenten des Alleingelassenseins und des erzwungenen Bedürfnisaufschubs
werden Gefühle mit ganz anderen Vorzeichen in seinem Gehirn
transportiert, und die sorgen dann dafür, dass der auf sich selbst und
sein Dasein bezogene Zwiespalt im Säugling (s.o.) wieder anwächst und
das wahre Getrenntsein von der Mutter seine Schatten voraus wirft. Für
diese Gefühle sind wahrscheinlich andere Schaltstellen und Botenstoffe
zuständig, wie z.B. Noradrenalin mit bestimmten Rezeptoren, oder auch
Adrenalin, Substanzen also, die sehr stark auf das Neuropeptid
Cortico-Releasing-Hormon (CRH) ansprechen und die Gefühlszentrale für
solche Negativempfindungen, nämlich die Amygdala (Mandelkerne) anfüllt.
Solche Augenblicke würde man landläufig als negativen Stress bezeichnen,
und gerade diese Art von Stress ist es, die sich so schädlich auf die
Ausdifferenzierung (Spezialisierung) der Hirnnervenzellen auswirkt. An
Tiermodellen konnte z.B. in der Neurobiologischen Abteilung der
Universität Magdeburg gezeigt werden, dass einem solchen Stress
ausgesetzte Säugetiere (Degusratten, wegen ihres hohen
Sozialverhaltens), erzeugt durch regelmäßige Trennung von Muttertier und
ihren Jungen eine Zeitlang nach der Geburt, sich bestimmte Hirnregionen
insgesamt schlechter entwickelten und die Tiere deutliche Probleme in
Bezug auf ihr späteres Explorationsverhalten (Erforschungsdrang) in
neuer Umgebung zeigten. Sie waren schlichtweg schlechter lebensfähig als
ihre Geschwister aus der Vergleichsgruppe. Weiter unten werde ich diese
Untersuchung noch etwas genauer besprechen.



Ein wohl dosiertes Maß dieser negativen Erfahrungen ist aus anderen
Gründen für die Entwicklung trotzdem wichtig. Allerdings genügt es
absolut, wenn seine Größenordnung auf das Unvermeidbare beschränkt
bleibt, denn das Ziel der Entwicklung ist ja ohnehin die Auflösung der
Dyade und der Aufbruch in die Selbständigkeit. Auf welche Weise das
geschieht, davon wird in diesem Kapitel die Rede sein. Es handelt sich
hierbei also nicht um einen Widerspruch der Grundvoraussetzungen,
sondern nur um die ungeheure Geschicklichkeit, mit der die Natur
fördernde und bremsende Impulse auf die Entwicklung vereint.



Also sollten wir noch einmal festhalten, dass es keinen logischen Grund
dafür gibt, die Mutter-Kind-Dyade vorzeitig aufs Spiel zu setzen oder
gar zu sprengen, sondern dass es ganz im Gegenteil zahlreiche Gründe
dafür gibt, die Mutter-Kind-Dyade nach Leibeskräften zu unterstützen.
Denn es macht sehr viel Sinn, das sich an früheste Gefühle erinnernde
menschliche Gehirn mit positiven Grundemotionen zu füttern und nicht von
vornherein einem negativen Stress zu unterziehen.



Auf einen kurzen Nenner gebracht kann man also mit einigermaßen großer
Sicherheit sagen, dass ein positiv einstimmendes, emotionales
Grundpolster im Leben eines Menschen eine solide Basis dafür abgibt, den
konflikthaften Entwicklungen in seiner weiteren Sozialität besser
gewachsen zu sein. Dass solche Konflikte unausweichlich kommen werden,
davon wird im Folgenden zu sprechen sein.



Diese zuletzt ausformulierte These begründet neben der mehrfach
genannten Bindungstheorie den zweiten Pfeiler der seelischen Reifung des
Menschen zu einem ausgewogenen Sozialwesen. Dabei geht die Vorstellung
von dem Ineinandergreifen der ersten, ganz frühen Gefühle des Menschen
(der primären Gefühle) dahin, dass deren ursprünglich negative,
schädliche Gefühlskomponenten wie Unheimlichkeit, Bedrohung und Angst
beim Säugling durch eine gute emotionale und soziale
Aufeinanderabstimmung mit der primären Bezugsperson überwiegend getilgt
werden und einer Art Gefühlskaskade von schlecht nach gut oder
unangenehm nach angenehm Platz macht. Das Ziel dieser wertsetzenden
Emotionskaskade ist die Konstitution des persönlichen Willens als der
eigentlichen Überlebenskraft in der von der primären Bezugsperson
losgelösten selbstständigen Persönlichkeit eines jeden Menschen. Die
Mutter-Kind-Dyade ist also von vornherein konzipiert als ein passageres
(vorübergehendes) Sozialprogramm im ersten Lebensjahr.



Ich möchte diese These gern als emotionale Integrationstheorie
zusammenfassen. Sie soll besagen, dass in der emotionalen Ausgestaltung
der Mutter-Kind-Dyade der Grundstein gelegt wird für die Ausformulierung
des persönlichen Selbst als Ergebnis der vom Willen gesteuerten
Überwindung jener anfänglich scheinbaren Verschmelzung mit der primären
Bezugsperson. Positive Empfindungen fördern diesen Prozess, negative
wirken hinderlich oder bremsen ihn völlig. Die Loslösung gelingt also um
so leichter und konfliktfreier, je mehr ursprüngliche negative Gefühle
in positive umgewandelt werden konnten. Sagen wir einfach, das
glücklichere Kind ist das freiere, das gelöstere im wahrsten Sinne des
Wortes. Dieses Kleinkind, das wir als sicher gebunden in der
Fremde-Situation (s.o.) erkennen, wird mehr von seinen Charakteranlagen
zeigen können, wird authentischer sein und wird stabilere Selbstanteile
entwickeln.



Wie können wir diese Vorstellungen nachweisbar machen? Zunächst soll auf
die Tatsache aufmerksam gemacht werden, dass zwischen Säugling und
Mutter in einer durchschnittlichen (Tages)Episode mit
face-to-face-Interaktion (mimisch-gestischer Gefühlstransfer) pro Minute
etwa 8,5 emotional relevante, mimische Veränderungen und Affektsignale
ausgetauscht werden (referiert. nach E.Lemche, "Emotion und frühe
Interaktion", 2002, S.20). Des Weiteren steht zur täglichen Beobachtung
an, was der Emotionswissenschaftler E.Lemche den regulierenden
Affektaustausch zwischen Mutter und Kind unter dem Aspekt des
Spannungsauf- und abbaus bezeichnet, nämlich den intradyadischen
"Appropriations-Interaktionsmodus" (übersetzbar vielleicht mit
Annäherungsverständigung) beim kleinen Säugling.



Auf dieses weitgehend unbewusste Geschehen im ersten Lebensjahr folgt
dann das mimisch, gestische Rückversichern bei der Mutter ("sichere
Basis", s.o.) aus der Distanz heraus des sich fortbewegenden einjährigen
Kleinkindes als Referenzierungs-Interaktionsmodus
(Rückversicherungsverständigung). Beide recht komplizierten Begriffe
sollen zum Ausdruck bringen, dass es einen vorverstandlichen, eng
aufeinander abgestimmten Affektaustausch zwischen Säugling und primärer
Bezugsperson gibt, welcher die Emotionen (in der aufgezeigten Kaskade),
wie die explorativen (auskundschaftenden) Entwicklungsschritte, nämlich
Neugier und Interesseverhalten stark beeinflusst. Diese Vorgänge, die
kaum je exakt messbar sind, sind die Motoren des Emotionsaustausches in
der Mutter-Kind-Dyade und darüber hinaus in der Phase der Loslösung. Den
Nachweis der emotionalen Integrationstheorie werden wir einstweilen
also nur in der jeweils sich fortsetzenden, psychosozialen Entwicklung
eines Kindes erkennen können, wenn nämlich die Auswirkungen der
appropriativen und referenziellen Interaktion (s.o.) in der Gestaltung
des Selbst langsam offensichtlich werden.



Eines Tages wird man dann wahrscheinlich in bestimmten Hirnabschnitten
(als dort gespeicherte Repräsentationen des Erlebten) durch bildgebende
Verfahren der Hirnstrukturen genauere Aussagen über die
neurobiologischen Auswirkungen all dieser frühkindlichen
interpersonellen Abläufe machen können.



Wenn wir hier von zwei Grundpfeilern der seelischen Entwicklung eines
jeden Menschen gesprochen haben, nämlich Bindungstheorie mit
Mutter-Kind-Dyade und Loslösung, sowie emotionaler Integrationstheorie
mit Gefühlskaskade von Negativ zu Positiv, unterschlagen wir heimlich
eine dritte Grundvoraussetzung. Ich meine die der Selbstentwicklung als
einem in sich geschlossenen System. Im übernächsten Unterkapitel soll
dieses Thema ausführlich besprochen werden. Der Vollständigkeit halber
soll hier aber schon gesagt werden, dass sich meiner Auffassung nach das
Selbst eines Menschen auf dem Boden eines genetischen Programms
entfaltet, und zwar ausgehend von der schlichten Grundempfindung zu
existieren hin zu einer individuellen, persönlichen Daseinswahrnehmung.
Oder anders gesagt, das Selbst fußt auf seiner Körperempfindung und
gipfelt in den "Phantasien" zur eigenen Existenz, rein persönlich wie
sozial. So betrachtet geht in die Selbstentwicklung jener sehr
persönliche Anteil eines Menschen ein, den wir seine charakterliche
Anlage nennen. Wie dessen Ausgestaltung jedoch ausfällt, das hängt
größtenteils wiederum von seinen individuellen Bindungserfahrungen und
seiner persönlichen emotionalen Integration ab.



Loslösung und erster Trotz (das Gefühl des Willens)




a) der Wille

Werden wir wieder ein wenig konkreter und damit anschaulicher. Wie
begegnet uns der knapp einjährige Säugling im alltäglichen Geschehen?
Neben seiner statomotorischen Entwicklung, die die Reifung vom
liegenden, sich drehenden, robbenden zum sitzenden und krabbelnden, dann
stehenden und laufenden menschlichen Wesen vollzieht, prägen drei
weitere Eigenschaften sein Auftreten und Benehmen. Erstens seine
auskundschaftenden und entdeckerischen Fähigkeiten im ersten Spiel,
zweitens seine Sprache und drittens seine ersten klaren, willentlichen
Bekundungen. Sprechen wir hauptsächlich von diesen letzteren, denn in
dieser Abhandlung geht es ja in erster Linie um die emotionale
Entwicklung.



Die ersten willentlichen Reaktionen beim Säugling nehmen alle Eltern bei
Ihren Säuglingen auf dem Wickeltisch oder im Hochstühlchen wahr, wenn
er sich nicht mehr wickeln lassen möchte oder beim Füttern den Mund
zusammenkneift. Die meisten Menschen glauben aber schon viel früher,
nämlich in den ersten emotionalen Äußerungen des Säuglings, so etwas wie
einen Willen zu erkennen. Nach den von mir ausgeführten Ansichten
müssen wir das für falsch halten. Daher noch einmal zur Erinnerung: die
Bedürfnisäußerungen des kleineren Säuglings darf man nicht schon als
deren Willensbekundungen interpretieren, sondern muss sie in ihrem
affektiven Ausdruck als ein dringendes Streben nach Befriedigung werten.
Insofern sind die kleinen Säuglinge auch nicht verantwortlich zu machen
für die Art dieser Bekundungen, die je nach Charakteranlage und
Temperament mal heftig und "aufschubintolerant" erscheinen, mal geduldig
und genügsam. Der eigentliche Wille beinhaltet dagegen ein
absichtsvolles, individuell ausgerichtetes, planvolles
Handlungsbedürfnis, dessen Ziel und Erfolgschance geistig vorweggenommen
werden. Alle diese, den Willen im Grundsätzlichen charakterisierenden
Eigenschaften treffen jedoch auf den kleinen Säugling nicht zu (obwohl
es vordergründig so wirkt)! Absichtsvoll hieße nämlich in ganzer
Klarheit über die Wirkung des Gewollten, was ein folgerichtiges und Zeit
bestimmtes Denken voraussetzt. Individuell ausgerichtet hieße auf sich
selbst und sein Ich bezogenes Denken, was im Rahmen der
Leih-Selbst-Situation (s.o.) in dieser Entwicklungsphase noch nicht
möglich ist. Planvoll vorgehen hieße begrifflich-logisch vorkonzipiert,
was rein geistig noch gar nicht möglich ist. Gerade dieser letzte Faktor
wird in absehbarer Zukunft sogar beweisbar sein durch die bildgebenden
Untersuchungsverfahren der menschlichen Hirnfunktionen, denn man weiß in
etwa, wo genau im Gehirn diese planerischen Vorstellungen regelmäßig
erzeugt werden. Durch geeignete Tests sind solche Zonen in der Hirnrinde
z.B. in der Positronen-Emissions-Tomographie oder der funktionellen
magnetischen Resonanz-Tomographie in Verbindung mit dem
EEG-brain-mapping (elektrophysiologische Kartierung des Gehirns) schon
heute darstellbar.



Neben die genannten Eigenschaften des Willens stellt sich mit der Zeit
ein weiteres, wesentliches konzeptionelles Element, das ebenfalls vom
Säugling und kleinen Kleinkind nicht beherrscht wird. Es muss immer
besonders herausgestellt werden, denn es erfordert noch wesentlich mehr
geistige Fähigkeiten im menschlichen Gehirn, als bisher genannt. Ich
meine das Phänomen der Entscheidung. Entscheidung ist nicht der Anfang,
sondern das Ende des Willensprozesses. Jede willentliche Vorstellung
oder Idee schließt ab mit der Entscheidungsfindung, soll das Gedachte
nun getan werden oder Vorstellung bzw. Phantasie bleiben. Um diesen
Vorgang in reifer Form vollziehen zu können, bedarf es des
Verständnisses zweier, vollständig getrennter, innerer Welten im Gehirn.
Zum einen der Sinnesspiegel der realen, äußeren Welt in Form von
inneren Bildern oder den sogenannten Repräsentationen und zum anderen
das Kaleidoskop der in den Neuronen (Hirnnervenzellen) generierten oder
erzeugten, rein inneren, nennen wir sie hier Phantasie-Welt, welche
letztlich immer irreal bleibt. Das Begreifen solcher geteilter
Geistigkeit im eigenen Gehirn ist eine Aufgabe der gesamten Kindheit und
wird erst in der Adoleszenz (Zeit des Heranwachsens) vollständig
erfahrbar (Stichworte: magische Phase, Phantasiegestalten, Rollenspiel
als Geschehen in der Phantasiewelt usw.). Es kann demzufolge noch kein
Wille sein, was der kleine Säugling in den ersten Lebensmonaten äußert.
Nennen wir es zur sicheren Unterscheidung einfach nur Bedürfnisäußerung.
Diese Bedürfnisäußerung ist hauptsächlich vegetativ und über bedingte
Reflexe gesteuert und vom Willen eben nicht beeinflussbar, d.h. auch
nicht im Sinne einer Kontrolle oder Zurücknahme. Wenn der kleine
Säugling also schreit, schreit er nicht, weil er etwas "will", sondern
weil sich in ihm "ein Bedürfnis regt", das dringend befriedigt werden
muss und nicht vom eigenen Willen kontrolliert werden kann! Allein die
Befriedigung kann Abhilfe schaffen. Ich halte das für ein Naturgesetz.
(Diese Position möchte ich auch als einen gewissen Gegensatz zu der seit
einigen Jahren propagierten Regulationsstörungstheorie verstanden
wissen).


17

Samstag, 13. April 2013, 19:13

b) die Konditionierung und das Gewöhnen

Das also müssen wir Erwachsenen bedenken, wenn wir auf das lautstarke
Begehren eines Säuglings eingehen oder aus "erzieherischen" Gründen
einmal nicht eingehen wollen. Es hat dem Gesagten zufolge aber keinen
Sinn, bei einem kleinen Säugling Bedürfnisaufschub erreichen zu wollen,
in dem man ihn in kleinen Dosen immer länger schreien lässt, bis man ihm
endlich Befriedigung gewährt. Dieses auf Konditionierung fußende
Erziehungsprinzip ist wahrscheinlich einer der größten Fehler, den
Menschen an ihren jüngsten Nachkommen begehen können. Selbst wenn durch
Konditionierung ein Erfolg hinsichtlich des Verhaltens beim Säugling
sichtbar wird, ist er immer auf Kosten seiner gesunden emotionalen
Entwicklung zustande gekommen, denn die Frustration und der negative
Stress, die gemeinsam den Konditionierungseffekt bewirken, haben sich,
wie wir oben gesehen haben, äußerst ungünstig auf seine weitere
Hirnentwicklung ausgewirkt.



Wenn wir hier von Konditionierung sprechen, tun wir das in dem Wissen,
dass Konditionierung alles andere als ein Lernprozess im höheren,
geistigen Sinne ist. Denn Lernen heißt verstehen, nachvollziehen und der
Vernunft hinzufügen, sofern der Lerninhalt positiv zu bewerten ist.
Kein Säugling besitzt solche Fähigkeiten. Es fehlt ihm auch vollkommen
die Möglichkeit zur moralischen Wertung des Geschehensinhalts, also ob
und dass es nun gut ist oder (doch) schlecht, sich dem Druck zu
unterwerfen und sich nach den Wünschen der Anderen zu richten. Wie man
sieht, ist es also mit dem Lernprozess bei einem Säugling und auch
Kleinkind viel komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint.



Wenn also Konditionierungsprozesse, und zu dem Schluss gelange ich hier,
sich von der Sache her verbieten, sind sie doch Gewöhnungsprozesse bei
alltäglichen Vorgängen im Säuglingsleben. Gewöhnung ist sogar ein die
Gefühle und Affekte regulierender Faktor. Aber sie ist immer nur dann
erlaubt, wenn sich ein positives Ergebnis im Erleben für den Säugling
daraus ergibt und die Gewöhnung sanft und einfühlsam ist. Z.B. basiert
jedes "Ritual" (zur Förderung des abendlichen Einschlafens oder später
des "anständigen" Essens) auf den Grundlagen der Gewöhnung. Was wir in
diesem Zusammenhang aus der emotionalen Integrationstheorie ableiten
können, ist die Tatsache, dass solche negativen
Konditionierungsprozesse, und jetzt auch jeder schlechte
Gewöhnungsprozess (z.B. als Vernachlässigung), gegen den sich ein
Säugling allerdings durch Schreien intuitiv wehren würde (die
Erwachsenen, die Eltern tragen hierfür die Verantwortung!), einen
Verlust an positiven Gefühlen anrichten und die Vermehrung von negativen
Gefühlen hervorrufen würde. Die Auswirkungen dessen erlebt man aber nur
bei extremer Negativaussetzung sofort, die subtileren Formen der
Säuglingsvernachlässigung oder -missachtung treten erst sehr viel später
in Erscheinung, wenn sich nämlich das Selbst im Kleinkind entfaltet.
Darauf kommen wir weiter unten an geeigneter Stelle zurück.



Ein allen Eltern bekanntes Argument, das häufig gegen zu frühes
Reagieren auf die Bedürfnisäußerung des Säuglings vorgebracht wird, ist
das des Verwöhnens. Aber wie bei der Konditionierung ist auch diese
Behauptung einer Verwöhnung schnell mit den selben, oben genannten
Gegenargumenten zu entkräften. Die im Verwöhnen behauptete Ausnutzung
elterlicher Güte zur Befriedigung eigener Bedürfnisse, d.h. die
persönliche Vorteilsnahme durch den Säugling entgegen den legitimen
Rechten und Bedürfnissen der Eltern, verliert ihre Grundlagen in
identischer Weise in der noch unreifen geistigen Welt der kleinen
Säuglings. An anderer Stelle soll das noch einmal Thema werden. Wenn es
aber nun kein Wille ist, was den Säugling in seinen Bedürfnissen leitet
und ihn so beharrlich, ja oft dramatisch schreien und/oder sich wehren
lässt, was ist es dann? Mit der Antwort hierauf nehmen wir wieder den
Faden in der Entwicklung zu Wille und Trotz auf.



Neben der Urangst, auf die wir im ersten Kapitel ausreichend eingegangen
sind, ist es nämlich das Gefühl der Wut, das bereits beim Säugling mit
sehr starken Affekten in Erscheinung tritt. Auf die Wut hatte ich auch
schon ganz am Anfang im Kapitel über das Schreien hingewiesen und sie
als erstens, rein sozial-interaktiv geprägtes Gefühl beim kleinen
Säugling herausgestellt. D.h. Unheimlichkeit und Angst fühlt ein
Säugling aus sich heraus und auch Glücksmomente bis zu einem gewissen
Grade, wenn auch zeitbegrenzt und flüchtig. Wut jedoch empfindet er nur,
wenn seine primäre Bezugsperson ihm die Bedürfnisbefriedigung
verweigert. Diese Wut ist zunächst Affektabwehr, sie ist in der Art des
Schreiens erkennbar und kann und sollte zur emotionalen Beruhigung durch
die Bindungsperson führen. Je nach Temperament und Charakteranlage
führt sie aber bei Nichtbeachtung über kurz oder lang zur inneren Not,
Angst und schließlich zur Panik (der Missachtung unterworfen zu sein).
Jetzt entsteht schnell ein Teufelskreis, denn die immer dramatischer
werdenden, affektiven Reaktionen des in Panik geratenen Säuglings,
wieder ausgedrückt im Schreien, werden vom Erwachsenen für zunehmende
und inadäquate Wutäußerungen gehalten. Diesen meint dann der Erwachsene,
mit eigener Wut und Konsequenz im Verhalten gegensteuern zu müssen.
Misslingt ihm das aber, kann eine solche Situation leicht einen
Misshandlungswunsch in ihm hervorrufen. Das Schütteln der Babys ist eine
häufige und sehr gefährliche Reaktion. Aber auch brutale Gewalt mit
Todesfolge kommt vor.



Die damit verbundenen Anspannungen im eigenen Inneren werden auch von
dem Erwachsenen nicht als angenehm empfunden. Die meisten beschreiben
ihr Gefühl als große Hilflosigkeit und immense Wut. Aber beide Gefühle
richten gegen ein absolut abhängiges, von Angst erfülltes und gänzlich
unwillentlich reagierendes Menschenwesen. Warum sollte (aus der Sicht
des Säuglings) aber Angst nicht sofort abgewendet werden, Hunger und
Durst nicht sofort gestillt, Schmerz nicht unmittelbar beseitigt? Warum
sollte dem Urbedürfnis des Getragenwerdens oder Schaukelns nicht
Rechnung getragen und der Neugier und dem Interesse nicht
entgegengekommen werden? Warum sollte dagegen Schlaf einsetzen, wenn
keine Müdigkeit besteht oder Überreiztheit eingesetzt hat, warum
Nahrungsaufnahme geduldet, wenn kein Hunger vorhanden ist, oder
vielleicht sogar Bauchschmerzen (Kolikproblematik) bestehen?



c) von der Wut zum Widerstand

Unvermeidbar sind selbstverständlich die kleinen, alltäglichen Pannen im
interaktionären Verhältnis von Eltern und Säugling, und die führen
notwendigerweise zum "Warnruf" des schwächeren Partners, nämlich des
Säuglings, als Ausdruck der Wut. Wut erspart dem Säugling erst einmal
die Verdrängung des unliebsamen Gefühls und dient der eigenen
"Affektabwehr" (=Emotionsbewältigung), sowie der Regelung der sozialen
Bezüge. Denn so reagieren die Bezugspersonen schneller und
zuverlässiger. Auch die Wut gehört somit zum
Appropriations-Interaktionsmechanismus in der Mutter-Kind-Dyade, wie es
E. Lemche (s.o.) benennt. Wut muss dem zufolge aber richtig verstanden
und "bedient" werden, und zwar in dem die Eltern das natürliche
Verlangen nach sozialer Regulation beachten; damit kein Teufelskreis,
wie oben ausgeführt, entsteht. Aus dem Wutgefühl nun, das somit
natürlich jeder Säugling kennt, entwickelt sich im aufkommenden Willen
auch das Bedürfnis nach Widerstand gegen mütterliche Aktionen wie
Wickeln oder Füttern, vor allem im "falschen" Moment. Da sich in diesem
fortgeschrittenen Säuglingsalter inzwischen auch deutliche
Loslösungstendenzen aus der Mutter-Kind-Dyade bzw. der primären Bindung
bemerkbar machen, kommt den Eltern dieser Widerstand wie ersten
absichtsvolles Handeln vor.

Das rührt daher, dass sich in dieser Phase Neugier und Interesse beim
Säugling (als fortgeschrittene kognitive Entwicklung) mit ersten
Willensäußerungen (als fortgeschrittene emotionale Entwicklung)
verbinden, und diese Reifungsschritte über den Widerstand gegen die
mütterlichen Handlungen als notwendiges Loslösungsphänomen zutage
treten. Was wir Erwachsenen hier also im Säuglingsverhalten feststellen,
sind demzufolge tatsächlich erste intentionale (absichtsvolle)
Aktionen. Da dabei das Loslösungsbestreben beim Säugling mehr und mehr
erkennbar wird, was sich sowohl motorisch in seinen Fortkrabbeln oder
Fortlaufen äußert, als auch geistig in Form von Gegenstände eigenständig
greifen, untersuchen und wieder fortwerfen, oder Dinge auf ihre
funktionellen Möglichkeiten hin untersuchen, erscheint dieser
fundamentale Entwicklungsschritt wie ein ständiges Abwehren von irgend
etwas. Diese Wehr entspricht aber keineswegs immer einer grundsätzlichen
Verneinung der beim Säuglng durchgeführten, pflegerischen oder
"erzieherischen" Handlungen durch die Eltern, sondern überwiegend einer
Formulierung seiner ersten eigenen, willenhaften Bestrebungen und
Handlungen.

Versteht man als Eltern das nicht und fühlt sich durch sein Kind
herausgefordert, erliegt man im Grunde einem Missverständnis in der
appropriativen Interaktion (Lemche, s.o.). Dieses Missverständnis kann
ungünstige Folgen in der fortgesetzten emotionalen Entwicklung nach sich
ziehen, vor allem dann, wenn man meint, als Eltern jetzt endlich mit
erzieherischen Maßnahmen einsetzen zu müssen. Im Machtkampf, der daraus
entsteht, unterliegt über kurz oder lang selbstverständlich das Kind,
was in ihm eine Enttäuschung seines Vertrauens auf die bald als primäre
Bezugsperson scheidende Mutter hervorruft und eine Schwächung des
langsam aufkeimenden Selbst. Doch davon später.



d) der Drang und das Beharren

Wichtig an diesem Punkt der Entwicklung ist es zu vermerken, dass der
anfängliche Wille aus Gründen der bis dahin noch nicht vollständig
vollzogenen Loslösung und des dadurch noch unfertigen Ich nicht der
Kontrolle der eigenen Persönlichkeit unterliegt, sondern sich gleichsam
frei im Kleinkind entfaltet und in seinen Auswirkungen oftmals mehr
einem Zwang gleicht als einem entscheidungsmächtigen Willen. Beispiele
für diese zwanghafte Komponente im Willen gibt es zahlreich, z.B. dass
der Säugling/das Kleinkind auf einer bestimmten Abfolge beim Essen
besteht oder "ausrastet", wenn die Schuhe nicht nebeneinander an der
richtigen Stelle stehen oder das abendliche Heimkehren des Vaters nicht
dem gewünschten Wiedervereinigungs-Schema entspricht. Die Liste hierzu
ist ellenlang und alle Eltern wissen davon zu berichten. Als Eltern
versteht man häufig nicht, was da in dem eigenen Kind vor sich geht und
man hält die damit verbundenen frühkindlichen Reaktionen für
Übellaunigkeit oder bockige, resp. zickige Anwandlungen.

Diesen Erfahrungen mit dem frühen, kindlichen Willen zufolge möchte ich
den noch "unfertigen", von keinem eindeutigen Ich beherrschten Willen
gerne als Drang bezeichnen, wobei der Begriff Drang hier auf das schon
eigenmächtige Tunwollen abheben soll bei aber noch nicht klar
definierter Ich-Kontrolle. Der Drang äußert sich in dem hinlänglich
bekannten, nicht unabwendbaren "Beharren". Diese Vorstellung einer
Entwicklung des Willens aus den Drang heraus wird unterstrichen, ja
geradezu erzwungen durch die oben ausführlich genannten geistigen
Beschränkungen, denen der Säugling und das Kleinkind noch unterliegen
(unzureichende Logik, mangelhafte Planung, fehlendes Zeitkonzept,
Unfähigkeit zur Entscheidung). Die Unabwendbarkeit der einmal vom
Kleinkind initiierten und begonnenen Hnadlung beschwört so manchen
Konflikt im alltäglichen Umgang herauf, und deren autoritäre
Unterbrechung durch die Eltern führt so manches Mal zu einem
schmerzlichen Tränenausbruch beim Kind. Das kommt daher, dass es dem
Kind keineswegs immer nur um den sinnvollen Vollzug der Handlung geht,
sondern oft genug um das Handeln selbst als eigenständiges Unternehmen
und Erfahrungsvermehrung in der Frage der persönlichen Authentizität.

Insofern ist das unterbrechende Eingreifen durch die Eltern auch mehr
als nur ein Verbot einer unliebsamen, manchmal auch gefährlichen oder
schädlichen Unternehmung. Vielmehr ist es zugleich auch immer eine
Schwächung der eigenen Selbstentfaltung. Schwächung der eigenen
Selbstentfaltung wird dann später im verbalisierten
Kommunikationsaustausch das, was wir persönliche Kritik nennen und was
bei schwachem Selbstbewusstsein vom Kritisierten schnell als Kränkung
aufgefasst wird. Daher ist es in diesem frühen Stadium wichtig,
abgesehen von tatsächlich selbstgefährdenden Manövern, das Kind in
seinem Schaffensdrang nicht zu behindern; es vielmehr zu unterstützen,
zu bestätigen und allenfalls liebevoll zu korrigieren. Völlig falsch
erscheint es mir, in diesem Stadium schon davon zu sprechen, dem
Expansionstrieb des Kindes "Grenzen setzen" zu müssen, damit es früh an
solche Einschränkungen gewöhnt wird und diese später toleriert. Eher das
Gegenteil wird der Fall sein. Diesen scheinbaren Widerspruch werden wir
im Rahmen der Selbstbehauptung richtig verstehen lernen.

Ein weiteres wichtiges Element der vorübergehenden Zwanghaftigkeit soll
nicht unerwähnt bleiben. Das Kind ist in dieser Entwicklungsphase noch
vollständig überwältigt von der Menge der Dinge und Geschehnisse.
Unfähig dieses "Chaos" zu sichten und zu ordnen, versteift es sich auf
einige Vorgänge und Prinzipien, welche quasi prototypisch eine Ordnung
in seinem Kopf herstellen (repräsentieren). Natürlich will es nun, dass
diese frisch hergestellt Organisation der Umgebung auch unbedingt so
erhalten bleibt. Und dieses Bedürfnis nach Ordnung sollte Untersützung
finden. Angeboren zwanghafte Charaktere behalten diesen unabweisbaren
Drang ihr Leben lang bei, bis hin zu pathologischen Auswüchsen.



e) das "Nein" und der Beginn der Erziehung

An diese Stelle passt die Besprechung jenes wichtigen Geschehens am
Anfang des zweiten Lebensjahres, das mit dem entscheidenden Wörtchen
"nein" verbunden ist. Der begriffliche Inhalt von "nein" wird vom Kind
nicht sofort erfasst. Seine kognitiven (wissensmäßigen) Voraussetzungen
reichen noch nicht aus, in dem Wort "nein" symbolhaft das Verbot zu
erkennen. Dieses reicht von der Aufforderung zum Handlungsabbruch, über
die Handlungskorrektur (aus Gründen allgemeingesellschaftlicher
Ansichten) bis zur Schutzfunktion seiner eigenen Person. Dagegen
empfindet das Kind die verbale elterliche Reaktion auf das eigene
Handeln eher als ein neues Spiel, wie zuvor vielleicht das Geben und
Nehmen oder das Herunterwerfen und Aufheben, nur jetzt mit etwas anders
definierten Spielregeln. Die neuen Regeln des Spiels lauten jetzt
Agieren und Reaktion, Handeln und Verhinderung, was durchaus seinen
entwicklungspsychologischen Sinn hat, denn Handeln als Ausdruck
fortgeschrittener kognitiver Reife und Verhinderung als erste
Regelsetzung durch die "Gesellschaft", hier im kleinsten durch die
Eltern, ist der Ausgangspunkt der einsetzenden Selbstentfaltung im
Gesamtrahmen der Loslösung.



Also wird ein Kleinkind, sagen wir mit gut eineinhalb Jahren, z.T. auch
schon früher, das "Nein" seiner Eltern zunächst als Bestärkung
auffassen, ja auffassen müssen, sein begonnenes Tun zu Ende zu führen
und nicht als dessen Begrenzung. Da die Natur nun den anfänglichen
Willen nicht gleich mit der Selbstkontrolle verbinden kann (s.o.), und
der frühe Wille daher mehr ein Drang und ein Beharren als ein
Entscheiden ist, wird in dieser und in ähnlichen Situationen das
Kleinkind immer wieder dasselbe tun, was die Eltern gerade verboten
haben, und es wird auf diese Wiese immer mehr Selbstempfindung genießen.
Daher strahlt oder lächelt es, während es wieder und wieder das Verbot
scheinbar übertritt.



Ohne Verständnis dieser Zusammenhänge sind die Eltern natürlich genervt
und werden versuchen, durch zusätzliche Aktionen zum Wort "nein" dessen
inhaltlichen, symbolhaften Charakter, zu unterstreichen. Automatisch
setzen die Eltern zunächst die Mimik ein, die verbunden mit dem "Nein!"
bedrohlich erscheinen soll (böse), oder, wenn auch das nichts mehr
hilft, wird der Körpereinsatz benutzt, welcher das Kind vom Objekt
endgültig trennt (oder das Objekt vom Kind durch Wegnehmen). Ein solcher
Körpereinsatz wird in vielen Fällen sicher gerechtfertigt sein, wenn
das Kind oder das Gegenstandsobjekt geschützt werden müssen, er muss
aber sanft und verständnisvoll geschehen und mit beruhigenden
Erklärungen verbunden sein. Trotzdem wird das Kind im Einzelfall heftig
gegen diese "gewaltsame" Unterbrechung seines Vorhabens protestieren und
laut zeternd oder sogar um-sich-schlagend seine Verteidigung
demonstrieren. Auf diese einfache und überzeugende Weise werden zwei
Dinge erreicht: Erstens lernt das Kind den symbolhaften Inhalt des
Wortes "nein" und damit die erste Regelsetzung in der gesellschaftlichen
Kommunikation. Das ist unabdingbar wichtig für sein späteres Agieren in
der menschlichen Gesellschaft. Zweitens wird der Selbstentfaltung ein
Regulativ entgegen gesetzt, welches im Gewährenlassen ihre Expansion
(Ausdehnung) zulässt und im Unterbrechen ihre notwendige Einschränkung
durchsetzt. Dadurch wird die elterliche Reaktion nun zu einem für die
Gesamtpersönlichkeit entscheidenden Steuerungsinstrument, welches
demzufolge in großem Verantwortungsbewusstsein eingesetzt werden sollte.



An dieser Stelle muss eine Warnung ausgesprochen werden. Überstarke, gar
autoritäre oder gewalttätige Formen der Einschränkung (z.B. auch das
"Auf-die-Finger oder den Po-schlagen") sind schädlich für die
Selbstentwicklung des Kindes und schwächen das spätere
Persönlichkeitsbild im Kindergarten- und Schulkindalter. Das absolut
emotional gesteuerte Kleinkind fasst eine solche Grenzsetzung
überwiegend als Kränkung, ja als Ablehnung seiner Person auf. Jede
offenkundige Ablehnung des Kindes unterminiert aber die Bindung und
beschädigt das gerade aufkeimende Selbstgefühl. Ebenso ist ein
permanentes Gewährenlassen schädlich für die Selbstentwicklung, da das
Selbst noch in vollkommen egozentrischer Manier die Eigenschaft besitzt,
sich gleich uferlos "auszudehnen", was in der kindlichen Seele eine
zunehmend schmerzliche Orientierungslosigkeit verursacht. Solche
Persönlichkeitsentwicklungen neigen später zu krnakhaft narzisstischer
Ausprägung (überstarke Selbstbezogenheit). D.h., die frühe
Regeleinführung durch die Eltern muss die hohe Empfindsamkeit des
Kleinkinds berücksichtigen und darf nur in verantwortungsbewusster
Abwägung fördernder und hemmender Wirkungen eingesetzt werden. Dass
dabei die ein oder andere "Panne" selbst bei bemüht kindgerechter
Erziehung auftreten kann, ist eine Problematik im menschlichen
Zusammenleben, die von der Natur verziehen wird.



f) Loslösung in der Triade

Unter Triade versteht man die familiäre Grundkonstellation von Vater,
Mutter und Kind. War der Vater im ersten Lebensjahr weitgehend nur
Ersatzbindungsperson für den Fall, dass die Mutter als primäre
Bezugsperson ausfiel, bekommt er zum Ende des ersten Lebensjahres und im
zweiten Lebensjahr eine erstrangige Funktion im Rahmen der Loslösung.
Damit das Kleinkind sich aus der eng gefügten Mutter-Bindung (der
Symbiose") herauslösen kann, braucht es ein positiv besetztes Vorbild
für sein selbstständiges Agieren. Zumindest ist ihm ein solches sehr
hilfreich. Denn auch bei alleinerziehenden Müttern, ein Zustand, der aus
diesen Gründen als schwierig zu bewerten ist, muss die Loslösung
gelingen können. Hier fehlt dann aber das den Vorgang der Loslösung
tragende Vorbild, wenn nicht eine andere Person aus der Familie oder dem
näheren Lebensumfeld für für den eigentlichen Vater einspringt. Der
Begriff Loslösung ist den Ansichten der Psychoanalytikerin Margaret
Mahler entliehen, die schon vor der psychischen Abnabelung des Kindes
von der Mutter im zweiten Lebensjahr im aktiven Sich-entfernen mit gut
einem halben Jahr einen Akt echter Verselbstständigung sah. Daher ihre
mechanistische Wortgebung.



Schon zum Ende des ersten Lebensjahres erleben viele Mütter diesen Trend
ihres Kindes hin zum Vater wie einen ersten schmerzlichen Abschied.
Manche Mütter fühlen sich gar verletzt und "im Nachhinein ausgenutzt".
Das ist unsinnig. Bei aller Loslösungstendenz bleibt die Mutter-Bindung
zunächst immer noch die Grundfeste aller kindlichen Unternehmungen, wie
ich bereits im Kapitel über die Anhänglichkeit mit der ihr vebundenen
"Urambivalenz" geschrieben habe. Für die Väter sollte diese, ihre erste
eigene, wichtige Rolle in der frühkindlichen Welt unbedingt klar sein.
Es kommt darauf an, dass sie ebenso zuverlässig und einfühlsam ihre
Funktion ausüben, wie zuvor die Mutter, und ihrem Kind all die Wärme
geben, die es ihnen abverlangt. Dazu gehört es vor allen Dingen auch,
das kindliche Bedürfnis nach Körpernähe und Schmusen angemessen zu
beantworten, und in den brenzligen Situationen wie beim Füttern und beim
Übergang zum Schlaf weitgehende Aufgaben im Ritual zu übernehmen. Ich
sage bewusst angemessen zu reagieren, um damit zum Ausdruck zu bringen,
dass all die überstarken, übertriebenen und aktiv-aggressiven Elemente
im Umgang mit ihren Kindern, die Väter so gerne demonstrieren, besser
unterbleiben sollten.



Entwicklung von Ich und Selbst im emotionalen Bewusstsein




Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, aber wegen ihrer
Wichtigkeit, möchte ich folgende Zusammenhänge noch einmal
herausstellen. Die Verringerung der angeborenen negativen Daseinsgefühle
wie Unheimlichkeit und Angst und die Vermehrung der positiven Gefühle
wie Glück/Freude und Vertrauen gelingt durch deren Umwandlung von
negativ zu positiv im Zusammenspiel mit dem einfühlsamen und geduldig
nachsichtigen Handeln der primären Bezugsperson in der
Mutter-Kind-Dyade. Über diesen Weg formiert sich der kindliche Wille aus
dem Drang des Säuglings und bahnt die Entwicklung zum Ich auf rein
emotionaler Schiene (emotionale Integration, s.o.). Parallel dazu
verläuft der Weg über die kognitiven Bahnen (des Begreifens und
Verstehens) aus der totalen geistigen und körperlichen Abhängigkeit von
der Mutter in der Leih-Selbst-Position. Dieser Vorgang ist aus
natürlicher Sicht um der sozialen Vorprägung des Menschen willen
unverzichtbar, denn jedes Kind muss die Autonomie seines Selbst erringen
und die primäre Bindung soweit lösen, das es sein personales
Getrenntsein von der Mutter erkennen kann. Ich und Selbst vereinigen
sich dann gegen Ende des zweiten Lebensjahres zu einer
"geistig-emotionalen Zelle", welche fortan Grundstein für die
Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Menschen wird.



Aus dieser Darstellung wird deutlich, wie wichtig die positive
emotionale Integration für den Säugling und das Kleinkind ist, denn von
ihr hängt ab, wie stark sein Wille ausgeprägt wird und wie stabil sein
Ich im (zunehmend reflexiven, dem uns Erwachsenen bekannten) Bewusstsein
ersteht. Aber nur ein als stark empfundenes Ich kann sich nach außen
(hin zur Gesellschaft gerichtet) auch ein starkes Selbst erlauben.
Anders ausgedrückt: Die primäre Bindung kann nur dann erfolgreich
"gelöst" und neuen Strukturen unterzogen werden, wenn das Ich des
Kleinkindes stark genug ist, sich ein stabiles Selbst zu "leisten".



Kinder hingegen, die auf diese Weise geschwächt aus der Säuglingszeit
und der emotionalen Integration hervorgehen, entwickeln ein eher
schwaches Ich und demzufolge auch ein schwächeres Selbst. Das wiederum
erschwert es, dass sie sich aus der primären Bindung lösen können. Da
aber jedes Kind von Natur aus darauf angelegt ist, sich aus der primären
Bindung zu lösen und zu einem autonomen Selbst zu finden, ja beides um
seiner selbst willen sogar zu müssen, wird es diesen Loslösungsprozess
trotz allem mit aller Kraft durchzusetzen versuchen, es sei denn, es ist
inzwischen psychisch derart geschwächt, dass es diese Kräfte nicht mehr
aufbringen kann (als Störungsbild gekennzeichnet mit frühkindlicher
Deprivation und/oder anaklitischer Depression). Jedes andere Kind aber,
das noch ausreichend Kräfte in sich spürt, wird die "verschärfte
Loslösung" wird größerer Wut (jetzt als Synonym für Widerstand) und
stärkerem Trotz zu bewältigen versuchen. Das nenne ich die erschwerte
Loslösung. Die Spannung zwischen Eltern und Kind wächst dabei
verständlicherweise erheblich an. Kindliche Temperamentsfaktoren und
Charakteranlagen zu starker, impulsiver Wut können das ganze Geschehen
stark aufheizen, zumal ja im Rückschluss die Säuglingszeit auch schon
von großen Spannungen durchsetzt gewesen sein muss und wenig
ursprünglich negative Empfindungen der positiven Umwandlung unterzogen
worden sind.



Ein nicht unerhebliches Maß an schlechten Gefühle ist aber bereits der
Verdrängung unterworfen worden, weil auch die Wut des Säuglings oft ins
Leere gelaufen ist oder mit hohem Einsatz elterlicher Macht beendet
wurde. Nach tiefenpsychologischen Vorstellungen ist das Unterbewusstsein
dadurch bereits so früh stark belastet. (Nur zur Klarstellung: Diese
Interpretation des Unterbewusstseins, nämlich als Hort unterdrückter
(meist negativer) Gefühle, deckt sich nicht ganz mit dem Freud´schen
Instanzenmodell, in der das Unbewusste Ursprung aller triebhaften, im Es
versammelten Gefühle und Bedürfnisse ist, welche nicht sublimiert
werden können).



Wenn man einen ungefähren Zeitpunkt für diesen insgesamt phasenhaften
Verlauf der Selbstentstehung festlegen wollte, dann müsste man den
zeitlichen Punkt finden, an dem dem Kleinkind plötzlich klar wird, dass
es ganz allein und auf sich gestellt in der Welt existieren muss. Es
gibt einen sehr sicheren Hinweis darauf, wann das Kind diesen inneren
Prozess gerade vollzieht. Es handelt sich um sein geändertes Verhalten
vor dem Spiegel. Bis ungefähr zu einem Jahr reagiert das Kind regelmäßig
freundlich und lachend bei der Betrachtung seines Spiegelbildes, wobei
die Freude auch dem Erkennen der Mutter gilt, wenn diese es auf dem Arm
hält oder neben ihm steht. Auch die Feststellung der doppelten
Anwesenheit der Mutter (real und Spiegelbild) irritiert das Kind nicht
sonderlich. Mit eineinhalb Jahren ändert sich das Verhalten. Plötzlich
reagiert das Kind irritiert und verschämt auf die Begegnung mit seinem
Spiegelbild und seinem eigenen Antlitz. Es drückt sich in den Arm seiner
Mutter und guckt auch diese erstaunt an, weil sie auf einmal doppelt
erscheint. Tupft man dem Kind unbemerkt einen roten Puderfleck auf die
Nase, ist es bestrebt, diesen Fleck auf seiner eigenen, tatsächlichen
Nase abzureiben (Rouge-Test, Doris Bischof-Köhler). M.Dornes beschreibt
in seinem Buch "Die emotionale Welt des Kindes" (2000) diesen Vorgang
ausführlicher.



Das Kind vollzieht also jetzt den Schritt zur Erkennung seines
persönlichen Aussehens und zur selbst gefühlten Körperlichkeit als der
wahren Existenz (Individualität). Damit muss die Vorstellung einer
gemeinsamen Existenz mit der Mutter endgültig aufgegeben werden. Diese
Gedanken sind natürlich nicht sofort fertig, sondern müssen spielerisch
immer wieder neu eingeschliffen werden. Das Spiel heißt jetzt: "wo ist
deine Nase, wo ist Mamas/Papas Nase?" Auch auf verbaler Ebene wird
dieser geistige Schritt zuweilen evident, und zwar in der Form, dass die
Ansprache der Mutter mit "Mama" gemieden wird, und auf die Frage: "Wo
ist deine Mama" nur ein verlegenes Lächeln produziert wird. Solche
Kinder haben offensichtlich noch ein letztes Loslösungsproblem. Mütter
reagieren oft irritiert, wenn sie ihr Kind scheinbar nicht mehr erkennen
will.



Um die Entwicklung des menschlichen Selbst auf der Basis der klassischen
Psychoanalyse und nicht so sehr auf der Basis der "abweichlerischen"
Bindungstheorie haben sich neben vielen anderen zwei Psychoanalytiker
sehr verdient gemacht, nämlich Heinz Kohut und Otto F. Kernberg. Beide
Autoren begegnen sich in der Vorstellung, dass das Selbst eines Menschen
zwei Empfindungsstränge in Bezug auf die eigene Persönlichkeit
vereinigt, einen positiven, das Selbst stärkenden und einen negativen,
das Selbst in Frage stellenden, welcher jedoch zuzulassen und zu
integrieren ist.



Lässt man alle psychoanalytische Theorie weg, kommt man zu dem Ergebnis,
dass das Selbst eines Menschen seine eigene, auf sein Dasein bezogene
Objektvorstellung ist. Darin wird das Selbst aber zugleich auch Subjekt,
da es ja in einer Person der sich vorstellende und vorgestellte Teil
ist. Das Selbst ist also die Subjekt-Objekt-Vereinigung der eigenen
Person im Dasein. Dazu muss angefügt werden, dass in der von mir
vorgetragenen Vorstellung das Selbst ebenso wie alle wahrgenommenen
Gefühle integraler Bestandteil des menschlichen Organs Gehirn sind und
nicht eine Art Aura, welche den Menschen irgendwie umgibt oder aus nicht
menschlichen Sphäre vergeben wird (Leib-Seele-Phänomen/Monismus, s.o.).




Wir wollen hier aber die Philosophie des Selbst nicht weiter ausführen
und wieder auf die Psychologie der Säuglinge und Kleinkinder zu sprechen
kommen. H.Kohut schlägt in seiner Theorie vor, die positiven Elemente
in der Selbstentstehung aus dem positiven Elternbild herzuleiten, was er
das idealisierte Eltern-Imago (Bild) nennt. In der notwendigen Trennung
des Kindes von seiner Mutter durch Verwirklichung des eigenen Selbst
erkennt er aber auch die Ansätze zu einer negativen Gegenposition,
welche durch die trennungsbedingt unvermeidlichen, realen Beschränkungen
in der Selbstentfaltung aufkommen. Das Leben wird jetzt ohne die
scheinbare Vereinigung mit der Mutter (als primärer Bezugsperson) jetzt
zu einer großen Herausforderung. Fortan muss sich das Kleinkind
vermittels seiner idealisierten Elternrepräsentation im Inneren gegen
alle Beschränkungen und Begrenzungen durch seine Lebensumwelt in der
Loslösung und Selbstentfaltung behaupten. Auf diese Weise konkurrieren
in der inneren Welt des Kindes zwei Entwicklungsstränge im Selbst, einer
von guten Empfindungen in der Verinnerlichung und dem geistigen Erhalt
der Mutter-Eltern-Kind-Bindung und einer von schlechten, welcher sich
aus den eigenen negativen Empfindungen bei der Loslösung und Trennung
ergibt und den aus der Wirklichkeit zugefügten Beschränkungen und
Begrenzungen. Für psychoanalytische Zwecke erweist sich diese
Grundstruktur des Selbst aller Erfahrung zufolge als sehr fruchtbar.



Daher sieht auch O. Kernberg die Selbstentstehung des individuellen
Menschen an als eine Komposition aus zwei großen, grundsätzlichen
Anteilen. In seiner Vorstellung ersetzen fördernde und hemmende Impulse
aus der Lebensumwelt die Begriffe von positivem Eltern-Bild und Trennung
und Loslösung aus der Mutter-Kind-Dyade. Diese Impulse kommenden
automatisch bei der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit zustande und
rühren her sowohl aus der bisher entstandenen, inneren Welt, als auch
aus der äußeren Umwelt. Es handelt sich dabei sowohl um Selbst- als auch
um Objektrepräsentanzen (innere Abbilder), welche er in ideale und
reale aufspaltet. Die idealen stärken die Selbstbewertung und werden
vorzugsweise vermehrt, sofern es die Lebensumwelt gestattet, die realen
werden soweit als negativ unvermeidbar passiv hingenommen (Trotzanfälle
ausgenommen). In der Ausbalancierung dieser, sagen wir, zwei Kammern
entwickelt sich das gesunde Selbst, was bedeutet, dass auch die
potenziell abwertenden "Repräsentanzen" im Selbst Berücksichtigung
finden können und nicht massiv verdrängt werden (müssen).



Beide Modelle entspringen, wie gesagt, der Psychoanalyse und
Psychotherapie und leisten dort wertvolle Dienste. Für den Normalfall
der Selbstentwicklung geben sie vielmehr ein wertvolles Grundgerüst ab.
Daher sollten wir hier einmal ganz pragmatisch festhalten, welche
Eigenschaften (Attribute) des Selbst (nicht nur) vom Kind auf der
positiven Seite zu vermerken sind, und welche auf der eher negativen.
Diese Gegenüberstellung ergibt einen guten Überblick über all die
erwünschten und unerwünschten Verhaltensweisen bei kleinen Kindern.



a) positiv gewertet werden: Ausgeglichenheit, Harmonie, eigene
Wertschätzung, Lust, Motivation, Kraft und Macht aus dem Inneren heraus.
Höherer Rang, gute Wirkung auf die Anderen, Anerkennung, Erfolg, Können
und Besitz im äußeren sozialen Umfeld.



b) negativ gewertet werden: Unausgeglichenheit, Disharmonie, Entwertung,
Unlust, Demotivation, Schwäche, Ohnmacht aus dem Inneren heraus.
Unterlegenheit, Wirkungs- und Erfolglosigkeit, Unvermögen und Versagen,
sowie Besitzlosigkeit im äußeren, sozialen Umfeld.



Unmittelbar verständlich wird aus dieser Aufzählung das Bestreben eines
jeden Kindes, ja sein Ringen darum, die Positivskala ständig höher zu
erklimmen, um der Negativskala zu entkommen. Hierzu sind für die inneren
Attribute (Wertungen) lt. Kohut -und nicht nur lt. ihm- vor allem auch
jene Erfahrungen wesentlich, die das Kind im ersten Lebensjahr im Rahmen
der Mutter-Kind-Dyade gemacht hat. Aus der Erkenntnis der emotionalen
Integration (s.o.) ergibt sich hierfür die notwendige emotionale Basis
durch die Bewegung der ursprünglichen Stimmungs- und Gefühlslage von
Negativempfindungen zu positiven Erlebnissen. Unverzichtar hierfür sind
die Einfühlsamkeit und das verständnisvolle Handeln (z.B. den Säugling
"erhören", hochnehmen und trösten) der primären Bezugsperson, also der
Mutter oder vielleicht auch des Vater. Sie als Leser sehen also bereits
jetzt, wie sich die Dinge im entstehenden Selbst in Wirklichkeit
zusammenfügen. Die positiven Attribute im äußeren, sozialen Umfeld
müssen sich alle Kinder in gewisser Weise erkämpfen, wobei ihnen neben
der eigenen, bereits entstandenen inneren Wertschätzung vor allem auch
günstige Veranlagung, persönliche Stärkung durch die Eltern und eine
gelungene Loslösung zur Seite stehen.



Trotzerscheinungen und Selbstbewusstsein




Mit diesen Ausführungen wenden wir uns den potenziell negativen
Attributen im Leben des Kindes zu und befinden uns mitten im Geschehen
des Trotzes. Dabei sollten wir gleich vorweg folgendes festhalten: Der
Trotz dient auf natürliche Weise der Erstellung, Erhaltung und
Verteidigung des werdenden Selbst gegen alle Einschränkungen. Dies nahe
zu bringen und verständlich zu machen ist besonderes Anliegen dieses
Textes. Denn der Trotz oder das Trotzen (the trouble two im Englischen)
ist zusammen mit dem Schreien der Säuglinge und den Fütterungs- und
Schlafproblemen der Ein- bis Zweijährigen die größte Klippe im Aufziehen
von Kindern bis zum Kindergarten- und Schulalter. (Und der häufigste
Grund für Arztbesuche mit psychologischem Hintergrund).



Im Trotzen, das man genau genommen als endgültige Verabschiedung aus der
Mutter-Kind-Dyade verstehen muss, kommt beim Menschen jetzt ein
ursprünglicher Trieb zur Geltung, den man als Aggression bezeichnet. Es
bringt meines Erachtens Schwierigkeiten mit sich, zu einem früheren
Zeitpunkt vom Auftreten von Aggression zu sprechen, weil die in diesem
Alter verwendeten emotionale Begriffe wie Wut und Widerstand die von
ihnen verursachte Handlung besser und genauer ausdrücken als Aggression.
Aggression ist vielmehr ein Trieb im eigentlichen Sinn und dient den
Zwecken eines strategischen Schutzes der eigenen Person, also der
Unantastbarkeit der Individualität, was eine ganz andere
Aufgabenstellung in der Sozialstruktur beinhaltet. Aggression entsteht
unabhängig von einem extern auslösenden Geschehen (kann also Streit
aktiv verursachen), regeneriert sich sich immer wieder aus sich selbst
(bedarf keines erneuten Anlasses) und kommt nicht von allein zur Ruhe.




Welche Formen des Trotzes sind uns Erwachsenen und Eltern geläufig? Zwei
Formen sind eklatant, nämlich der Trotz gegen die Elternmacht und der
Trotz gegen die Allmacht der Natur. Einschließen hier wollen wir aber
noch die Rivalitätsproblematik, die nicht unbedingt dem Trotz zuzuordnen
ist, die aber ein ständiges Konfliktthema in den Kinderstuben
darstellt.



Wenden wir uns der ersten Situation zu, diejenige, die den Eltern am
meisten gegen den Strich geht. Ein Beispiel: Man hat als Eltern alles so
schön geplant, der Ausflug ist vorbereitet, das Auto gepackt und nun
sollen alle einsteigen, damit man losfahren kann. Aber plötzlich
überlegt es sich der Kleine, nennen wir ihn Tim, anders und verweigert
das Mitkommen. Man redet zunächst freundlich auf ihn ein, lockt ihn mit
Versprechungen, schiebt ihn ein wenig in Richtung Auto. Das alles hilft
nicht, der Junge bleibt stur wie ein Esel. Man versteht es nicht. Wieso
macht er das, alles ist doch so schön in die Wege geleitet, und auch er
müsste doch Lust haben. Ja, müsste! Er hat sie aber nicht. Wir werden
nicht herausfinden, warum er keine Lust hat. Wir werden bei ihm, wie
schon andere Male, auf Granit beißen. Nun tut man ihm Gewalt an, sanfte
Gewalt und versucht, ihn ins Auto zu bugsieren. Er muss sich doch fügen,
es kann doch nicht (alles?) nach seinem Kopf gehen! Er wehrt sich,
fängt an zu strampeln, zu schreien, er haut seine Eltern, er beißt.
Entsetzt lässt man ihn wieder fallen. Er stürzt, tut sich weh, rennt ins
Haus zurück. Jetzt soll der Vater ein Machtwort sprechen. Er rennt
hinterher und im Haus knallen Türen. Aus dem Kinderzimmer ertönt
martialisches Kindergeschrei. Man hört auch die lauter und lauter
werdende Stimme des Vaters.



Im besten Fall verlässt der Vater wutschnaubend das Zimmer und lässt den
kleinen Tim weiter toben. Dabei fliegen ein paar Spielsachen an die
Wand und das neue Plastikauto geht zu Bruch. Die Gebäude aus Holzklötzen
der letzten Tage, auf die Tim so stolz war, stürzen unter seinen
Fußtritten in sich zusammen. Dann wird es ruhig, eine viertel Stunde
Schweigen. Plötzlich steht Tim wieder auf der Haustürschwelle. Seine
Gesichtszüge sind entspannt. Ein paar Tränen fließen, und er kuschelt
sich bei seiner Mutter in den Arm, die Fahrt kann beginnen.



Was geht da vor? Vorerst wollen wir nicht besprechen, wie man mit
Trotzanfälle am besten umgeht, erst wollen wir versuchen, sie zu
verstehen. Dazu ist es vor allem anderen wichtig, den eigentlichen
Anlass nicht über zu bewerten, denn dieser ist im Prinzip austauschbar.
Allerdings wiederholen sich meist dieselben oder ganz ähnliche Anlässe,
und das ist auch schon der Schlüssel zum Verständnis. Es geht um
Bestimmungs- und Entscheidungsmacht und um die kindliche Demonstration
des erwachenden Selbst. Der Inhalt des Vorgangs wird genau genommen nur
Mittel zum Zweck. Da sich Machtkonflikte immer in denselben
Ereigniskonstellationen abspielen, kann man relativ relativ präzise
voraussagen, wann ein Trotzanfall auftreten wird. Allerdings spielt die
Laune des Kindes noch eine wesentliche Rolle. Ein übermüdetes, an sich
schon gereiztes Kind unterliegt viel leichter einer Trotzreaktion, als
ein gut gelauntes und ausgeschlafenes.



Bestimmungsmacht ist eine Errungenschaft des Selbstgefühls, welches die
angestrebte Autonomie aufleben lässt und fortan unterstützt. Wird diese
Macht nun durch eine größere Macht, hier die autoritäre
(Entscheidungs-)Macht der Eltern, gebrochen, entsteht für das Kind ein
Selbstwertverlust, welcher ein Wesentliches der eben aufgezählten
positiven Attribute ins Negative verkehrt. Das kann ein Kind in dieser
Phase, in der es sich noch längst nicht durch Vernunft selbst
kontrollieren kann (auch hierfür fehlen noch die geistigen
Voraussetzungen), nicht akzeptieren und muss sich wehren. Trotz ist also
zunächst einmal Verteidigung des entstehenden Selbst.



In dieser Darstellung soll klar werden, dass Trotz kein Spleen, kein
Abersinn des Kindes und schon gar keine grundsätzlich oppositionelle
Herausforderung der Eltern ist, dem jetzt unbedingt durch pauschales
"Grenzen setzen" begegnet werden muss. Vielmehr ist er ein
Durchsetzungsversuch des noch brüchigen und hochgradig verletzlichen
Selbstgefühls. Ist das elterlich erzieherische Eingreifen aus falsch
verstandener Verteidigung eigener "elterlicher Hoheit" zu autoritär,
oder sogar grob, brutal oder herablassend, bleibt es nicht mehr nur bei
der widerständigen Reaktion des Kindes, sondern kommt es auch zur
Kränkung des sich ja gerade etwas mühsam herausschälenden Selbst. Auf
Dauer wird die Selbstschwächung in der Persönlichkeit von früh an mit
anwachsen, sozusagen als permanente Selbstkritik oder ständiger
Selbstzweifel, und wird zu einer ungünstigen Ausgangsposition für das
ganze Leben. Das soll nicht heißen, dass man uneingeschränkt dem Trotz
nachzugeben hat, nur sollte man sich überlegen, wie stark man gegen ihn
vorgehen darf. Aber das wollen wir erst im nächsten Kapitel weiter
ausführen.



Was ich hier an diesem einen Beispiel, und es gibt derer zahllose,
dargestellt habe, ist der Zweimächtekonflikt. Am typischsten sind die
schweren Trotzanfälle im Supermarkt, wenn die Eltern den Kauf von
Süßigkeiten oder Kleinspielzeug verbieten wollen. Die eine Macht ist
immer der Selbstentscheidungs- und Selbstbehauptungswille des Kindes,
die andere die, sagen wir, autoritäre Macht der Eltern. Eine andere
Konstellation ist der Dreimächtekonflikt. Es könnte nämlich auch eine
natürliche Macht sein, wie z.B. der eigene Ausscheidungsdruck für Urin
und Stuhl, oder die Müdigkeit, dem oder der das Kind nicht ohne weiteres
nachgeben möchte. Unterstützen die Eltern dann den natürliche Druck
durch mahnende Worte oder durch Zwang zur Ausführung, dann siehtr sich
das Kind einer doppelten Macht gegenüber. Wie kann das sein? Auch die
natürlichen Bedürfnisse wertet das Kind zunächst einmal wie eine fremde
Macht. Es begreift noch nicht, dass diese inneren Vorgänge nicht vom
eigenen Willen steuerbar sind, sondern naturbedingte Notwendigkeiten,
denen man sich grundsätzlich unterwerfen muss (um seinen Körper und sein
eigenes Wohlergehen nicht zu schädigen). Urinausscheidung, Stuhlgang,
Müdigkeit, aber auch Hunger und Durst, die eigentlich Grundtriebe des
Menschen sind, können im frühen Kindesalter als eine Aufoktroyierung
(Aufzwingung) durch innere Mächte empfunden werden, welchen, wenn sie im
ungelegenen Moment auftreten, getrotzt werden kann. Treten sie also als
angenehm empfundener Druck auf, sind sie ein Bedürfnis. Treten sie als
unliebsame Notwendigkeit auf, sind sie eine ärgerlicher Zwang.



Insbesondere wenn die Loslösung aus der primären Bindung als erschwerter
Vorgang (s.o.) durch starken Trotz in dieser Phase unterstrichen werden
muss (oder schlecht gebundene, auf das Dasein in der Loslösung
unvorbereitete Kinder, wie auch Kinder mit geschwächtem Selbst durch
selbstschwächende Attribute, usw.), kann der Trotz in diesem
Zusammenhang dramatische Ausmaße annehmen. Z.B. wird Urin eingehalten,
bis die Blase ihn nicht mehr halten kann und ein explosives Einnässen
einsetzt (Fachbegriffe: Miktionsaufschub, Dranginkontinenz). Stuhl wird
so lange eingehalten, bis er im Enddarm eintrocknet und festsitzt
(Fachbegriff für den harten Stuhl: Skybala), so dass tagelang die
Toilette nicht aufgesucht werden kann und die Entleerung schließlich nur
unter heftigen Schmerzen zustande kommt (Fachbegriff: habituelle
Obstipation). Müdigkeit wird solange ignoriert und aufgeschoben, bis
heftige Übermüdung einsetzt, der Schlaf nicht mehr kommt und jegliche
Toleranz von irgendeinem unliebsamem Geschehen zusammenbricht. Das
Einschlafen ist in solchen Augenblicken also praktisch unmöglich, der
Kampf beim Zubettgehen unvermeidlich. Sogar Essen und Trinken kkönnen
aufgeschoben und aufgehoben werden, so dass es zu Gewichtsverlust
(Nahrungsverweigerung) und Austrocknung (Fachbegriff: Exsikkose) kommt.
Ungewollt aufgenommene Nahrung wird wieder hochgewürgt und ausgebrochen
(Rumination). Die Schwierigkeit besteht immer darin, diesen "Knoten" in
der kindlichen Vorstellungswelt wieder zu lösen, und zwar ohne den
mithelfenden Einsatz von regulierender Vernunft, derer das Kind in
diesem Alter noch nicht mächtig ist. Ohne fachkundige Hilfe ist das oft
gar nicht mehr möglich.



Aber auch ganz einfache, natürliche Phänomene wie z.B. das Wetter können
am Anfang solcher trotzigen Eskalationen stehen, wenn die Eltern dem
erforderlichen, kindlichen Anpassungsverhalten an die Witterung
nachhelfen wollen. Regnet es z.B. draußen und soll ein Kind Regenmantel,
Gummistiefel und Regenmütze anziehen, möchte aber lieber seine Sandalen
anbehalten, nasse Haare bekommen und auf den Regenmantel verzichten,
kann es zu schweren Trotzerscheinungen kommen. Schneit es und das Kind
mag weder Schal noch Handschuhe anziehen, passiert genau dasselbe. Ist
der Schnee dann aber zu kalt an den Händen und lachen jetzt die Eltern
schadenfroh, fühlt sich das Kind bloßgestellt und trotzt erneut Die
Anlässe sind so zahlreich wie die Witterungsbedingungen im Jahr.



Ich denke, es ist inzwischen klar, welche Bedeutung dem Trotzen in der
Entwicklung des Kleinkindes zukommt. Um es noch einmal auf den Punkt zu
bringen. Trotzen ist keine selbstgefällige Widerspenstigkeit des Kindes.
Es soll auch keine gezielte Herausforderung der Elternmacht sein. Trotz
ist des Weiteren keine Provokation, auch wenn es vordergründig so
wirkt. Trotz ist Selbstbehauptung, Selbstschutz und Selbstverteidigung
an scheinbar falscher Stelle, weil die Vernunft zur Regulation der
Emotionen noch nicht ausreicht. Diese Vernunft wird auch noch ein
Weilchen auf sich warten lassen. Das Selbst ist in diesem Zustand aber
noch so zerbrechlich und verletzbar, dass es dieser
Verteidigungsmaßnahmen unbedingt bedarf, sagen wir, koste, was es wolle;
notfalls auch die Zuneigung der Bezugspersonen. Dieses hohe Risiko geht
ein Kind normalerweise aber nur recht kurze Zeit ein, und über kurz
oder lang meldet sich jedes trotzende Kind bei seinen Eltern wieder
zurück, um sich neu zu vereinigen und um sich ihrer Zuneigung und Liebe
wieder zu versichern. Solche Momente sind ganz wichtig in der
Entwicklung, denn hier wird eine neue Form von Zärtlichkeit in der
Beziehung und Kommunikation aufgebaut, welche ein wesentliches
Erfahrungsmoment trägt, das der Vergebung und des Verzeihens.



Kommen wir zum dritten und letzten Punkt des Trotzens, der eigentlich
nicht genau dazugehört, aber aus methodischen Gründen hier angefügt sein
soll. Es geht um die Rivalität. Rivalität entsteht im
Leistungsvergleich der Kleinkinder (und aller Menschen) untereinander,
v.a. wenn es sich um etwa altersgleiche Gefährten handelt. Der
Wettbewerb wird geboren und begleitet fortan das ganze leben. Wiederum
steht zunächst das "neugeborene Selbst" im Zentrum des Geschehens. Das
Selbst wird in Zukunft nicht nur kritisch in bezug auf elterliche oder
natürliche Macht beurteilt, sondern auch auf die potenzielle
Machtausübung durch hierarchisch Gleiche. Wiederum zählen positive und
negative Werte für und gegen das eigene Selbst, und zwar in der oben
aufgezählten Form.



Ganz prägnant sind die Verhaltensformen etwa Zweijähriger in Gruppen,
wenn man sie in Kinderzimmern unbeaufsichtigt spielen lässt. Ein solches
Miteinanderspielen geht in der Regel nicht lange gut. Über kurz oder
lang entbrandet ein Streit über die "Besitzverhältnisse". Nahezu alle
Kinder versuchen, sich Selbstwertvorteile durch eigenes Spielzeug zu
verschaffen. Aber ebenso auch über das Beherrschen von Spielzeug
anderer, das im Moment gerade irgendwie attraktiv erscheint (z.B. weil
sich das andere Kind intensiv damit befasst), auch wenn es nicht zum
eigenen Spielzeug gehört. Da ein Kleinkind dieses Alters keinen Begriff
von der Rechtmäßigkeit eines Besitzes hat, wird es, so es die
körperliche oder verbale Kraft dazu besitzt, sich dieses Spielzeugs
bemächtigen wollen. Verteidigt das um sein Spielzeug angegangene Kind
aber hartnäckig seinen Besitz, kommt es zur Auseinandersetzung. Kraft
der altersgemäß einsetzenden Aggression (s.o.) fallen die Angriffs- und
Verteidigungsmaßnahmen schon recht drastisch aus. Da wird geschlagen,
getreten, gebissen und an den Haaren gezogen, was die eigene Kraft
hergibt. Kleinere Kinder, die noch nicht so sicher auf ihren Beinen
stehen, werden in solchen Momenten auch gerne durch Schubsen zu Fall
gebracht. Das Spielzeug wird den Händen entrissen. Schlimmstenfalls wird
das Spielzeug, um das es geht, oder bei älteren Kindern ein anderer
entsprechender Gegenstand dazu missbraucht, auf den Kontrahenten
einzuschlagen. Zwar kommt es fast nie zu schwereren Verletzungen, jedoch
ist die Wirkung solcher "Prügeleien" von nicht zu unterschätzendem
Ausmaß. Als Eltern kann man die Dinge nicht einfach so laufen lassen.



Rivalität kann sich auch viel versteckter abspielen, was besonders bei
Geschwistern zum Tragen kommt, oder Kindern, die oft und eng in Gruppen
zusammenkommen. Vor allem bei Mädchen ist diese Form häufiger
anzutreffen. Immer wieder beobachtet man, dass sich manche Kleinkinder
durch Geschicklichkeit im sozialen Auftreten oder einfach nur bedingt
durch ihr besonders ansprechendes Aussehen Vorteile bei größeren Kindern
oder Erwachsenen verschaffen. Das ruft den Argwohn der oder des
Geschwister(s) hervor oder der anderen Gruppenmitglieder. Der
Selbstgewinn beim erfolgreichen Kind ist groß, der befürchtete
Selbstverlust bei den Unterlegenen jedoch ebenso. Wahrscheinlich sind
solche Gefühle die Anfänge von Argwohn, Eifersucht und Neid, welche
frühe negativ komplex soziale Gefühle sind.



Die Wut auf eine solches "anbiederisches" Kind wird mit der Zeit groß.
Es handelt sich auch bei dieser Wut jetzt um das komplexere Gefühl der
Wut, das wir als Zorn bezeichnen. Zorn ist im Gegensatz zur Wut ein sich
selbst erhaltendes, andauerndes Gefühl mit einem zielgerichteten
(Einzel-)Objekt. Zorn kann sich demzufolge auch ansammeln und wird oft
erst bei überschrittener Toleranzschwelle entladen. Die Wut dagegen ist
immer situationsbezogen, im Moment reaktiv und entlädt sich sofort. Nur
der Vollständigkeit halber sei noch der Hass erwähnt: Hass wäre eine
noch weiter gehende negative, komplex-soziale Gefühlsform, welche dem
Zorn folgt (wie auch der Eifersucht und dem Neid) und kognitiv, d.h.
durch Erkenntnis und Wissen, stark überformt wird.



Es gibt ganz unterschiedliche, individuell oder durch die soziale
Konstellation geprägte Formen von Rivalität. Auch unterscheiden sich
hierin schon Jungen und Mädchen. Jungen zeigen mehr körperliche
Auseinandersetzungen und vergleichen ihre Kraft und Stärke, Mädchen
bauen mehr soziale Ränge auf und unterscheiden ihr Aussehen und ihre
Beliebtheit. Rivalität ist in jeder sozialen Gesellschaftsform
unvermeidlich und wird später positiv ausgebaut und in das Sozialleben
mit einbezogen. Auf dieser ausgeformten Stufe bekommt der Begriff mit
Konkurrenz einen positiv gewendeten Sinn. Im Kleinkindesalter ist die
Rivalität jedoch noch gleichsam roh und ungezügelt und ständiger Grund
für Auseinandersetzungen. Kaum ein Elternpaar kennt nicht solche Szenen,
wie die oben skizzierten, und falsches Reagieren auf diese
kindstypischen Verhaltensformen kann das Selbst eines Kindes mindestens
in ungünstiger Weise auf Dauer beeinflussen.



Kurz eine Bemerkung noch zur Aggression, auf die wir hier nur am Rande
eingehen können. Aggression will ich verstehen als einen natürlichen
Trieb, der alle in Gemeinschaft lebenden Wesen zur Regulation ihrer
Gruppenformen erfasst und beim Menschen aus natürlichen Gründen mit der
frühen, psychosexuellen Differenzierung in der frühen Kindheit auftritt.
Grundsätzlich dient die Aggression meiner Auffassung nach zur
Verteidigung der individuellen Person und Persönlichkeit in der Gruppe
sowie ihrer Stellung und Bedeutung in der Gemeinschaft. Der
Selbsterhaltungstrieb ist beredter Ausdruck dieses Zweckes. Der
Wettbewerb unter den zu gleichen Individuuen ist die Austragungsart auf
gemeinschaftverträglicher Ebenen. Bei begrenzten Ressourcen z.B. von
Nahrung und Lebensraum geht der Wettbewerb schnell in den
Verteilungskampf über. Aber auch das an sich positive Bindungsprinzip
kann durch gezielten Ausschluss fremder "Subjekte" v.a. im Rahmen der
Gruppenbildung aggressiven Charakter annehmen.

Nimmt die Aggressivität aus einer speziellen, die eigene Art erhaltenden
Entwicklung zu, kann sie die Existenz in Gruppen unmöglich machen und
zum Einzelgängertum führen (bestimmte Tierarten). Der Mensch zählt
normalerweise nicht zu einer solch aggressiven Spezies. Im Gegenteil,
seine natürliche Ausstattung zwingt ihn zu einem Leben in der Gruppe und
damit zu einem maßvollen Umgang mit der Aggression und zur
Herabregulation seiner aggressiven Impulse. Dazu dienen ihm der
Sexualtrieb und die Beständigkeit in der Bindung. Sexualtrieb und
Aggressionstrieb stehen in einer gewissen Ausbalancierung und sind in
ihrer Impulsstärke zu einem gewissen Teil untereinander austauschbar
(psych.: Sublimation).



All das ist wichtig zu wissen, will man verstehen, warum das eigene Kind
auch bei völlig friedlicher Gesinnung seiner Eltern und seiner Familie
in manchen Momenten plötzlich aggressive Impulse an den Tag legt. Was an
ähnlichem Verhalten bei älteren Säuglingen und vielleicht
Eineinhalbjährigen noch spielerisch zärtlich gemeint ist und nur etwas
grob vorgetragen wird, kann bei Zweijährigen durchaus schon "bewusst
aggressiv" zur eigenen Abgrenzung und Verteidigung eingesetzt werden.
Ist der Impuls von Natur aus stark ausgeprägt, was in erster Linie in
den Temperamentsfaktoren und Charakteranlagen zu suchen ist, kann das
aggressive Verhalten im Bedarfsfall auch heftiger umgesetzt werden.
Sogar "Vorwärtsverteidigung" bis hin zur Herausforderung des
Kontrahenten ist möglich, insbesondere dann wenn



a) das Kind gelernt hat, erfolgreich damit zu sein (selbststärkende Wirkung) und



b) die Eltern solche aggressiven Elemente in die Erziehung als
verstecktes Vorbild selbst eingebracht haben (Selbststärkung durch
aggressive Vorwärtsverteidigung).



Kann der aggressive Impuls bei hoher innerer Spannung nicht gegen den
Verursacher von Wut und Zorn ausgelebt werden, wird er auch im
Einzelfall ersatzweise auch gegen sich selbst ausgelebt. Solche Kinder
schlagen dann ihren Kopf mehrfach auf den Boden oder gegen die Wand,
oder kneifen, "pitschen", beißen sich selbst. Schon ältere Säuglinge
sieht man im Einzelfall ihren Kopf gegen die Gitterstäbe ihres Bettchens
schlagen.



Umgang mit dem trotzenden Kind




Man darf nicht müde werden, immer wieder darauf hinzuweisen, dass der
Trotz ein entwicklungsbedingtes, unvermeidliches Phänomen in der
Persönlichkeitsbildung des Menschen ist. So schwer er den Eltern
zuweilen das Leben mit ihrem Kleinkind in dieser Phase macht, so schwer
sind die widerstrebenden Gefühle auch vom trotzenden Kind selbst zu
ertragen. Ist der Gewinn an Selbstwert ein überaus lustvolles und
befriedigendes Gefühl, wobei im Gehirn das sogenannte Belohnungszentrum
aktiviert wird, so ist der Verlust an Selbstwert ein überaus
schmerzliches, stark irritierendes Gefühl, wogegen das Kind sich
(verständlicherweise) auflehnt. Dabei tritt das neurophysiologische
Pendant zum Belohnungszentrum, das Bestrafungszentrum, in Aktion. Diese
beiden "Zentren" aktivieren Botenstoffe im Gehirn, die aus
Hirnnervenkerngebieten im Stammhirn bzw. Mittelhirn stammen und in der
Hirnrinde, sowie in der grauen Substanz unterhalb der Hirnrinde, den
Basalganglien und dem Limbischen System sektorförmig verteilt werden.
V.a. wird eben auch das limbische System mit diesen Botenstoffen
beschickt und da insbesondere wieder die Mandelkerne (Amygdala), welche
u.a. für die Regulation von negativen Gefühlen wie Angst und Panik
zuständig sind (s.o.). Dies entspräche neurophysiologisch dann jener
Angst verursachenden Reaktionen beim Kind, die durch eine echte oder
auch nur vermeintliche Gefährdung des aufkommenden Selbst bei einem zu
machtvollen Eingriff durch Erwachsene oder die Natur entsteht.



Die positiven Gefühle im Belohnungssystem hemmen ihrerseits dieses
"Angstzentrum" und fördern die Aktivierung bestimmter
Hirnrindenabschnitte im Frontalhirn, sowie in den bereits genannten
Anteilen der tiefer gelegenen, grauen Hirnsubstanz. Dabei sind neben den
Neurotransmittern Serotonin und Dopamin auch die Endorphine beteiligt,
welche geradezu als Glückshormone gelten. Das alles erwähne ich deshalb,
weil einiges von diesen Zusammenhängen auch schon in der Laienpresse
publik gemacht wird und derartige neurophysiologischen Zusammenhänge in
absehbarer Zeit auch konkret nachweisbar sein werden.



Die Empfehlungen zum Umgang mit dem trotzenden Kind, die hier folgen
sollen, beziehen also ihre Grundposition aus den gemachten
(tiefen-)psychologischen, wie auch neurophysiologischen Zusammenhängen.
Sie hängen also weder einem kulturellen Trend, noch einer
gesellschaftspolitischen Anschauung an.



Trotz wird schnell mit oppositionellem Verhalten und Aggression in
Zusammenhang gebracht, aber bei diesen drei Reaktionsformen handelt es
sich nicht um dieselbe Gefühlsebene oder Gefühlsstufe. Aggression ist
ein Trieb und kommt eigentlich nur als verstärkendes Element dem
Gefühlsspektrum des trotzenden Kindes zu Hilfe. Sie initiiert eigentlich
erst einmal nur Verteidigungsbereitschaft. Diese Verteidigung gilt dem
eigenen noch unvollkommenen und unsicheren Selbstgefühl. Verteidigung
hat zwar etwas mit Opposition zu tun, ein oppositionelles Verhalten im
eigentlichen Sinn ist Trotz dennoch nicht. Dies vor allem auch deswegen,
weil sich das Kind ja keinen Gegner für seine Position sucht, sondern
ganz im Gegenteil einen Verbündeten. Das macht die gewisse Tragik aus,
die sich im Trotz verbirgt.



Man kann ohne Probleme folgende Skala der -sagen wir-
widerständlerischen Gefühle des Menschen, hier erst einmal des Kindes,
aufstellen, wobei zu Anfang die allgemeinste und unmittelbarste, beinahe
rein reflektorische Form steht, nämlich die Wut. Sie bildet gleichsam
die emotionale Basis aller auf ihr aufbauenden, sich weiter
differenzierenden Gefühle und Reaktionen und gehört für sich genommen zu
den komplex-sozialen Basisgefühlen, die schon im Säuglingsalter
auftreten. Der Wut folgt mit zunehmender Willkürmotorik der eigentliche
Widerstand, welcher dann im Trotz aufgeht. Erst danach stehen das
oppositionelle Verhalten und die eigentliche (provokative) Aggression.
Alle diese Gefühlsqualitäten, welche in der Aggression vom Trieb als
solchem dann gänzlich überlagert werden, haben etwas mit der Entstehung
und dem Erhalt des Selbst zu tun. Das Selbst als Form der
Individualisierung und Abgrenzung des einzelnen Menschen gegen seine
Vereinahmung durch die "Masse" bedarf einer im Gefühl verankerten
Verteidigungsstrategie, welche lebenslang aufrecht erhalten werden muss.




Zwar kommt schon im Stadium der Opposition die Aggression als Trieb dem
Gefühlserleben Widerstand zu Hilfe, aber diese bleibt dabei noch reine
Strategie der Verteidigung. Das Stadium der Opposition kann sich
tatsächlich bis weit in die Schulzeit hinein verlängern, ohne in
offenkundige und provokative Aggression (mit Angriffsstrategie)
umzuschlagen. Das ist vor allem immer dann der Fall, wenn einerseits das
Selbst in seiner positiven Bewertung wohl keine Fortschritte machen
kann, aber andererseits der aggressive Impuls anlagemäßig nicht stark
genug ausgeprägt ist.



Generell kann man sagen, je positiver sich das Selbst bewertet (erlebt),
desto geringer muss der aggressive Impuls bemüht werden, irgendwelche
sich behauptenden Verhaltensstrategien in der sozialen Gemeinschaft zu
entwickeln. Ist zugleich auch die Triebveranlagung nicht so hoch, wobei
das männliche Hormon Testosteron eine große Bedeutung spielt, dann
erscheint ein solches Kind sozial gut ausgerichtet und fügt sich leicht
und unkompliziert in die Gemeinschaft ein Es gilt als anpassungsfähig
und tolerant.



Je negativer sich das Selbst bewertet (erlebt), desto stärker muss nun
der aggressive Impuls bemüht werden, dieses schwache Selbst vor dem
befürchteten Untergang zu bewahren. Solche Kinder fühlen sich viel
leichter gekränkt und stärker bedroht als andere. Sie fangen an, um den
Erhalt ihres Selbst zu kämpfen. Fühlen sie sich dazu aber zu schwach,
sind noch zu jung oder reicht ihr aggressiver Impuls dafür einfach nicht
aus, verharren sie in der Oppositionshaltung und trotzen gleichzeitig
heftig weiter. Ist ihr aggressiver Impuls aber gut ausgerüstet, klettern
sie mitunter die ganze Skala des Widerstandes (s.o.) aufwärts, um im
schlimmsten Fall die –angriffslustige- Aggression jetzt nicht mehr
allein gegen Sachen zu richten, sondern auch gegen Menschen. Dadurch
drohen sie auf der letzten Stufe der Aggressionsskala sogar in die
Delinquenz abzugleiten.



Psycho- und soziopathologische Abweichungen sind hier allerdings nicht
das Thema. Es geht vielmehr darum, eine geeignete Umgangsweise mit dem
normalen kindlichen Trotz zu finden, denn bis zu einem gewissen Grade
trotzt jedes Kind, auch das, welches ein gutes emotionales Polster aus
der Säuglingszeit mitbringt und eigentlich schon ein recht starkes
Selbstgefühl verspürt. Beim Trotz ist es wie mit allen frühkindlichen,
sozialen Verhaltensformen, sprich also Fremdeln und Anhänglichkeit und
Loslösung, sie treten auf, ganz gleich wie das Kind veranlagt ist und
ganz gleich wie die Eltern darauf reagieren oder reagiert haben. Es
handelt sich also um natürliche, psychodynamisch unentbehrliche
Verhaltensmuster.



Ein stark trotzendes Kind befindet sich in einem psychischen
Ausnahmezustand! Es muss dann mit aller Vorsicht und allem Respekt vor
seiner inneren Not behandelt werden. Ist der soziale Druck der
zufälligen Zeugen eines solchen Anfalls zu groß, bei umher stehenden
Fremden ist das fast immer der Fall, ist es geboten, das außer Kontrolle
geratene Kind abseits zu bringen und sich dort auskämpfen zu lassen.
Die ungeheure Wut, die im Kind aufgekommen ist, braucht einige Minuten,
oft auch wesentlich länger, bis sie wieder zur Ruhe gelangt und
versöhnlichen Gefühlen Platz macht. Diese kommen dann aber regelmäßig,
wenn prinzipiell die Mutter-Vater-Kind-Bindung, dem Alter gemäß, noch
intakt ist. Ein solches Verhalten entspräche einer "sicheren Bindung".



Das bedeutet, dass es sinnlos und schädlich ist, in das Trotzgeschehen
emotional steuernd eingreifen zu wollen. Vielleicht ganz am Anfang eines
solchen Anfalls, wenn man ihn aufkommen sieht, gelingt es manchmal,
präventiv die Affekte des Kindes in den Griff zu bekommen. Aber sehr
schnell ist ein Punkt im Geschehensablauf erreicht, welcher keine Umkehr
mehr zulässt.



Ganz konkret heißt das alles: was zu verhindern ist, sollte verhindert
werden, ohne dass man deswegen dem Betreiben des Kindes, irgend etwas zu
erreichen, ständig nachgibt. Vielmehr sollte grundsätzlich vorab oder
aktuell in der Situation entschieden werden, ob es wichtig und
lohnenswert ist, dieses oder jenes durchzusetzen und dafür einen
Trotzanfall in Kauf zu nehmen, oder eben nicht. Die meistens Trotz
auslösenden Situationen sind ja in der Regel schnell bekannt und
vorauszusehen.



Hat der Trotz eingesetzt und erscheint die Situation so richtig schön
verfahren, ist es zuweilen besser, den Fortgang des Geschehens einer
anderen Vertrauensperson zu überlassen, um nicht selbst durch Schlagen
übergriffig gegen das Kind zu werden. Eigenes Schlagen lehrt das Kind
oder ermuntert es, selbst zu schlagen, was man dann aber nicht will und
doch erneut durch angreifend aggressives Verhalten (stärkeres Schlagen)
zu unterbinden versucht. Der Widerspruch im eigenen Verhalten wird
eklatant und vom Kind sofort erkannt. Dieser Widerspruch führt dazu,
dass im Sinne eines Modellernens (Imitation, implizites Lernen) der
aggressive Angriff blitzschnell ins eigene Verhaltensrepertoire
übernommen wird. Schließlich besitzt das Kind im Rahmen der eigenen
Aggression ja eine genetische Voraussetzung für aggressive
Verhaltensweisen wie Schlagen, Beißen, Kneifen, Treten, an den Haaren
ziehen, Umstoßen Kleinerer und Schwächerer (s.o.) und vieles mehr.



Aggressives Übergriffigwerden verbietet sich also aus pädagogischen wie
humanitären Gründen, wobei es dem Kind selbst bis zu einem gewissen
Grade zugestanden werden muss, da es bei ihm als genetische Vorgabe
erscheint und als "Rauferei" zum Verhaltensrepertoire des kleinen
Menschen gehört. Von diesem Verhalten aus sollte sich dann aber der Weg
zur Gewissensbildung herausbilden, was aber ein ganz neues Thema wäre
und an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt wird.



Nicht zur aggressiven Übergriffigkeit, sondern zum üblichen
Verhaltensrepertoire gehören drei Erziehungsweisen, welche menschtypisch
sind und zur sozialen Regulation unbedingt Anwendung finden sollten. Es
handelt sich um das Drohen, das Schimpfen und das "soziale Trennen".



a) Drohen: Auch im Tierreich gibt es das Drohen als regulierende
Verhaltensweise für die sozialen Beziehungen. Das Drohen wird
überwiegend mit der Mimik ausgeführt, z.T. aber auch mit der Gestik.
Schon im Rahmen des Referenzierungs-Interaktionsmodus (E.Lemche, s.o.)
bei der Loslösung des Kindes (und auch noch früher in der Säuglingszeit)
spielte die Mimik eine entscheidende Rolle. Das fortlaufende Kind
versicherte sich durch Zurückblicken zur Mutter von deren Unbesorgtheit,
die es ihrem aufmunternden Gesichtsausdruck zu entnehmen lernte (auch
"sichere Basis", F.Renggli, s.o.). Umgekehrt führte ängstlich besorgte
Mimik bei der Mutter ganz ohne Worte zum Abbruch der begonnenen
Handlung. Diese Prinzip findet hier und jetzt seine Fortsetzung,
allerdings muss die Mimik den Situationen angemessen nur etwas
"erschreckender" werden. Hierbei spielt gerade der Blick eine ganz
besondere Rolle. Der böse Blick, der schon im Säuglingsalter das Kind
beeindruckt und zuweilen Weinen ausgelöst hat, zumindest aber ein
Wegblicken und Sichabwenden, bekommt jetzt eine klar formulierte
Aufgabe, die Verhinderung einer vom Kind beabsichtigten Tat. Nicht
gemeint ist ein verbale Äußerung mit der Androhung einer Strafe.



b) Schimpfen: Auch das Schimpfen gibt es schon im Tierreich als Warnruf
oder Gebrüll bzw. Gezeter bei Primaten. Beim Menschen ist Schimpfen
zweierlei. Einmal klare Änderung der Stimmführung und
Lautstärkenänderung. Zum anderen besonderer verbaler Inhalt. Den
verbalen Inhalt der ärgerlichen "Botschaft" oder Mitteilung mag das Kind
nicht immer verstehen, den Tonfall, mit dem diese vorgetragen wird,
aber regelmäßig. Das Kind wirkt unmittelbar beeindruckt. Je nach bereits
erworbener Selbstsicherheit hält das Kind bei seinem Tun inne und
richtet sich nach der verbalen Aufforderung, entweder als Ver- oder
Gebot, oder es erschrickt und fängt sogar an zu weinen. Auf jeden Fall
erreicht die Mutter oder eine andere erziehende Person, dass das Kind
sich nicht mehr gemäß seinem eigenen Wunsch und Willen, sondern
demjenigen der in die Situation eingreifenden Person verhält. Schimpfen
verbraucht sich relativ leicht, was zu beachten ist. Man sollte es nicht
inflatorisch anwenden. Übrigens kann auch ein kurzer und energischer
"Anruf" die ganze Wirkung des Schimpfens entfalten.



c) Sozial Trennen: die Maßnahme des Fortschickens oder auch selbsttätig
Forttragens, um das widerspenstige Kind wenigstens eine Zeitlang
außerhalb der sozialen Gemeinschaft zu stellen, ist im wesentlichen eine
menschliche Eigenschaft. Sie basiert im Grunde auf der Einschränkung
des Kindlichen, emotionalen Bedürfnisses, möglichst immer "dabei zu
sein" und im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Das Kind versucht ja
grundsätzlich, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, eine Aufmerksamkeit,
die ihm Bedeutung und Wichtigkeit suggeriert. Beide sozialen
Bezugsformen stärken nämlich sein Selbst. Entgehende Aufmerksamkeit
wirkt auf das Kind beinahe wie eine seelische Verletzung. Bestes
Beispiel hierfür ist die lange Zeit mit einer anderen Person
telefonierende Mutter, die nun permanent von ihrem Kind bedrängt wird.
Das soziale Trennen ist für das Kind eine harte Maßnahme, und sie sollte
nur im äußersten Notfall eingesetzt werden Das Einsperren des Kindes
ist verboten und Teil der sogenannten schwarzen Pädagogik. Das Kind muss
die Möglichkeit haben, sobald es sich beruhigt hat, zur Mutter oder
einer anderen, erziehenden Person zurückzukehren und um Trost und
Verzeihung zu ersuchen. Diese Reaktion tritt auch über kurz oder lang
regelmäßig ein, sofern die sozialen Grundbeziehungen noch intakt sind,
und muss gebührend beachtet werden.



Ohne auf die jeweils spezifischen Abläufe und die mit diesen Reaktionen
verbundenen Schwierigkeiten im Einzelnen eingehen zu können, muss gesagt
werden, dass diese Trias in aller Regel genügt, ein nicht gewünschtes
Handeln des Kindes zu stoppen, oder auch eine drohende Trotzreaktion
oder oppositionelle Haltung zu verhindern. Ist der Trotzanfall aber
vollständig zum Ausbruch gekommen, hilft gewöhnlich nur die letzte
Maßnahme, das soziale Trennen, denn jedes Schimpfen oder jeder
Beschwichtigungsversuch lässt das Kind sich allzu häufig weiter in die
Wut hineinsteigern. So ist es meines Erachtens auch ganz falsch, durch
plötzliche und zusammenhangslose Zuwendung zu ihm das Kind zur Aufgabe
zu bewegen. Diese Nachgiebigkeit käme geradezu einer Regelverletzung
seitens der Eltern oder Erzieher gleich, denn auch das Kind schafft sich
Regeln und möchte, dass sie von den Anderen eingehalten werden.



Lässt sich das Trennen nicht durchführen, weil das Kind dabei sich
gleichsam in Raserei steigert, kann man nur den Spieß umdrehen und sich
selbst vom Kind entfernen, wohlgemerkt immer mit dem Signal, die
Wiederannäherung zuzulassen. Auf diese Weise entwickelt das Kind jenen
wichtigen Sozialmechanismus der Reue und des Wunsches nach Verzeihung,
beides wichtige Funktionen in der Regulation jeglicher aggressiver
Konfliktauseinandersetzung. Also hierbei schon und so früh werden
soziale Verhaltensweise ins Leben gerufen und erprobt, welche das Leben
lang von entscheidender Bedeutung sind. Grundsätzlich muss jede
erzieherische Maßnahme so gestaltet sein, dass das Kind letztlich einen
Vorteil für sich selbst darin erkennen kann (wenn auch vielleicht nicht
sofort) und nicht einen Nachteil, mit dem die simple Abstrafung
aufwarten würde. Wir, die erziehenden Erwachsenen und Eltern, haben die
–bislang nirgendwo deklarierte- Pflicht, die Kinder so zu erziehen, dass
sie in deutlichem Vorteil für ihr eigenes Selbst aus der
Erziehungsmaßnahme hervorgehen. Aus der Sicht des Kindes ist dies ein
Menschenrecht.



Ein letztes Wort noch zum Umgang mit den Rivalitätskonflikten in den
Kinderzimmern oder auf den Spielplätzen. Aber auch hier kann keineswegs
jede Konfliktkonstellation im Detail besprochen werden. Vielmehr sollen
allgemeine, situative Verläufe und sinnvolle, elterliche
Eingriffsmöglichkeiten zur Sprache kommen.



Zunächst ist es vielleicht wichtig noch einmal zu sagen, dass die
Rivalität unter Kleinkindern um so größer wird, je näher sich die Kinder
familiär stehen und je geringer ihr Altersabstand ist. Das Geschlecht
spielt einstweilen noch keine so große Rolle, was sich später ändert.
Demzufolge wäre der größte Rivale das Zwillingsgeschwister, was sich
aber nicht immer betätigen lässt. Offenbar gibt es unter Zwillingen so
etwas wie einen Rivalitätsschutz. Hingegen sind Geschwister in geringem
Altersabstand in der Regel große Rivalen. Die meisten Eltern erleben die
Auswirkungen dieser Rivalität, wenn ein Geschwisterkind geboren wird.
Spätestens, wenn der kleine Bruder oder die Schwester sich ihren Platz
im Kinderzimmer oder auf dem elterlichen Schoß erobert, beginnt der
"Kampf".



Rivalität entsteht durch Sorge vor Verlust an Selbstanteilen. Die
Entwicklung des Selbst ist im Kleinkindalter das absolut vorrangige,
psychosoziale Geschehen. Alles, was der Selbstaufwertung dient, ist
willkommen und wird mit den positiven Erscheinungen der äußeren Umwelt
in die innere Welt integriert. Alles, was das Selbst abwertet, ist
bedrohlich und wird zu externalisieren versucht oder ganz gemieden. Auf
dieses Vermeidungsbedürfnis des Kindes greifen übrigens viele
Erziehungsprinzipien zurück, die gerade in diesem Alter mit Vorliebe
schon angewandt werden, weil sie sich als so wirksam erweisen.



Ein solches Ausnutzen der kindlichen Schwäche ist natürlich sehr
schädlich, weil in diesem Licht betrachtet es sich bei dem
Erziehungsvorgang nicht nur um eine simple Beeinflussung des kindlichen
Verhaltens zum Zweck der Korrektur handelt, sondern sogleich um eine
schwerwiegende Seelenverletzung, bzw. Kränkung. Konkret gemeint sind
direkte demütigende Kommentare, Verächtlichmachung des Tuns,
Erniedrigung durch Vergleich mit anderen, angeblich besseren Kindern,
Hervorhebung der kindlichen Schwäche, simple autoritäre Übermächtigung,
körperliche Züchtigung, dabei auch Klapse auf die Finger und den Po,
Anschreien, Einsperren und noch schlimmere Dinge, die Liste ist lang.



Aber auch die Kinder sind nicht gerade zimperlich, was das Erlangen von
Selbstvorteilen angeht oder die Methodik Ihrer Selbstaufwertung. Vor
allem dann, wenn ein Kind aus dem Zwei- oder Dreimächtekonflikt ziemlich
regelmäßig als Unterlegener hervorgeht und sein Selbst bereits in der
Entstehung erschüttert sieht, greift es verstärkt zu Mitteln in seinem
Verhalten (ja muss es geradezu), die eine höhere Selbstbewertung nach
außen tragen. Jede Form von Macht und Stärke ist ihm hierfür willkommen.
Im Einzelfall kommen in diesem Zusammenhang auch schon einmal
provokative Handlungen vor.



Da Sachwerte, insbesondere Spielzeug als selbstaufwertende Attribute
angesehen werden, wie grundsätzlich jeder "Besitz", aber auch Kleidung,
nettes Aussehen, guter Sozialkontakt, Anführerschaft, gute verbale
Ausdrucksfähigkeit, Gelenkigkeit und geschickte Motorik, Musikalität und
zeichnerisches Talent, sowie alle Fähigkeiten auf die die Eltern als
Bezugspersonen besonderen Wert legen, werden auch diese persönlichen
Eigenschaften und Ausstattungen (also gerade nicht das, was das Kind
innerlich über seine gesellschaftliche Bedeutung fühlt) -sagen wir-
gnadenlos eingesetzt. Auf die Interessen anderer Kinder wird dabei wenig
Rücksicht genommen, wenn überhaupt. Auf Grund der eigenen Willensstärke
und körperlichen Überlegenheit werden dann z.B. Spielsachen anderen,
schwächeren Kindern einfach aus der Hand gerissen. Oder unbeholfene,
unsichere Kinder werden schlicht übervorteilt, in dem das
selbstsicherere Kind sich in den Vordergrund schiebt oder sich ohne jede
Rücksicht vordrängelt. Wir hatten über die Methoden der
Auseinandersetzung in den Kinderzimmern bereits gesprochen.



Man könnte boshaft meinen, unter den Kindern herrsche ein
erbarmungsloser, sozialdarwinistischer Kampf. Bis zu einem gewissen
Grade ist das tatsächlich so, nur darf man die hierzu angewandten
Verhaltensweisen nicht überbewerten und z.B. mit dem antisozialen
Verhalten älterer Kinder und Jugendlicher gleichsetzen. Zwar spielt auch
bei den Kleinkindern mehr und mehr ein aggressiver Impuls mit hinein
(s.o.) und unterstützt sowohl die Verteidigungshaltung als auch die noch
schwache Angriffsposition, jedoch handelt es sich im Gegensatz zu
Heranwachsenden noch um vergleichsweise harmlose Vorgänge, welche
eigentlich vielmehr dazu geeignet sind, letztendlich positives
Sozialverhalten zu erkennen, zu erlernen und einzuüben. Sie müssen also
nicht unbedingt gleich ausgetrieben werden. Entsprechend lauten meine
Empfehlungen für die eingreifenden Eltern.



Ich hatte mit meiner obigen Aufzählung der verbotenen Reaktionsweisen
Erwachsener ja schon zum Ausdruck gebracht, dass jegliches Eingreifen in
die frühkindlichen Auseinandersetzungen, welche dazu geeignet sind, das
gerade erstehende, kindliche Selbst nachhaltig zu schädigen, von
vornherein ausgeschlossen sind. Das möchte ich hier noch einmal als
einen entscheidenden Grundsatz aller Frühpädagogik herausstellen. Alle
erzieherischen Eingriffe, und darum geht es ja jetzt eindeutig, müssen
so gestaltet sein, dass das "erzogene" Kind einen persönlichen Vorteil
aus der Maßnahme ziehen kann und eben nicht mit einem Nachtteil für sich
selbst abgestraft wird (s.o., kindliches Menschenrecht). Das gilt
übrigens auch für jede andere erzieherische Maßnahme, wie sie z.B. bei
heftigem Trotz oder bei oppositionellem und provokantem Verhalten
angebracht ist. Ich hatte weiter oben auch hierauf schon hingewiesen und
will es nur noch einmal unterstrichen sehen.



Wie sollte man sich also nun in ganz konkreter Form im turbulenten
Kinderzimmer verhalten? Ganz einleuchtend, wenn auch etwas übertrieben,
ist vielleicht der Vergleich mit den UNO-Blauhelmsoldaten in
Krisengebieten der Welt. Im Vordergrund steht dort wie hier die
Deeskalation der Geschehnisse. Man sollte sich auch als Eltern hüten vor
allzu klarer Parteinahme. Selten ist Klärung der Situation in schuldig
und unschuldig möglich. Ein alltägliches Beispiel: Hat ein Kind im
Sandkasten einem anderen sein Schüppchen weggenommen, dann vielleicht
nur deshalb, weil dieses Schüppchen seit einiger Zeit achtlos herumlag
und das Kind dieses Instrument zum Graben dringend gebrauchen konnte. Da
den Kindern altersgemäß Eigentumsverhältnisse unbekannt sind, hat das
andere Kind auch keinen Grund gesehen, den Besitzer der Schaufel erst
einmal zu fragen. Es hat sich genommen, was es glaubte, sich nehmen zu
dürfen, und zwar aus dem einfachen Grund, weil es es brauchte. Nun
protestiert das Kind, dem das kleine Grabgerät gehört, weil es in dem
Moment merkt, eines Attributs (die schöne, vielleicht neue Schaufel)
verlustig zu gehen. Das merkt es erst, als es den jetzt ja Kontrahenten
mit seinem eigenen Schüppchen hantieren sieht. Das "bestohlene" Kind
wähnt sich im Recht, auch ohne vorheriges Verhandeln, sich sein
Schüppchen notfalls mit Gewalt wieder zurückzuholen. Dabei kommt es zur
Rangelei, weil auch der Kontrahent auf seinem Recht besteht, nämlich das
nützliche Stück zu behalten. Der Kontrahent unterliegt, bekommt auch
noch einen Schlag auf den Kopf und fängt an zu weinen. Nun stehen Sie
als Mutter oder Vater da und sollen schlichten.



Sie werden vermutlich spontan dem Besitzer des Schüppchens recht geben
und ihn in seinem Tun bestärken. Aber ist das gerecht? Der kleine
Besitzer hat im entscheidenden Moment sein Schüppchen nicht gebraucht
und es achtlos herumliegen lassen. Seines Besitzertums ist er erst in
dem Moment gewahr geworden, als ein anderes Kind sein Auge auf diesen
Gegenstand geworfen hat. Das tat dieses Kind prinzipiell mit dem
gleichen Recht, das auch der Besitzer jetzt für sich in Anspruch nimmt,
denn notwendiger Gebrauch ist ebenso ein elementares Recht wie Eigentum
(jedenfalls in der Vorstellungswelt der Kinder). Insbesondere wird der
zweckmäßige Gebrauch dann zum Recht, wenn dem willentlichen Benutzer gar
nicht bekannt sein kann, dass solche Eigentumsrechte existieren und
diese dann als vorrangige von der Benutzung ganz unabhängig sind.
Wahrhaftig ein Dilemma! Wie soll man das jetzt dem geschlagenen Kind
klarmachen? Dieses muss ja denken, wieso darf ich die Schüppe nicht
gebrauchen, wo sie doch herumliegt und wieso werde ich für meine Tat
gleich zweimal bestraft. Zum einen schlägt mich der Besitzer, zum
anderen werde ich auch noch von seiner Mutter ausgeschimpft.



Es gibt aber auch weiter denkende Eltern, die meinen, mit ihren Kindern
von Anfang an der Toleranz und dem Altruismus entgegen arbeiten zu
müssen. Diese erwarten nun von ihren Kindern, dass sie das
Utilitarismusprinzip schon verstehen könnten und ihr Schüppchen dem
anderen Kind doch für den Gebrauch überlassen sollten. Das findet das
eigene Kind aber ganz und gar nicht gerecht, und es fühlt sich schnell
von seinen eigenen Eltern verraten. Es hat das Gefühl, die eigenen
Eltern fielen ihm in den Rücken. Dadurch sieht es sich in seinem Selbst
beschnitten und abgewertet, ein Empfinden, dass ein Kleinkind dieses
Alters, ich rede von eineinhalb bis vielleicht 3 Jahren, überhaupt nicht
vertragen kann. Sein Selbst allein ist und hat in diesem Alter, sowie
auf dieser Entwicklungsstufe, R/recht. Jene mit einem solchen
Toleranzverhalten verbundene, ideelle Aufwertung des Selbst in der
menschlichen Gesellschaft kann ein zweijähriges Kind noch nicht
begreifen und erscheint ihm wertlos.



Wie könnte man sich nun am günstigsten verhalten? Eingedenk der
Tatsache, dass in der geschilderten Situation beiden Kontrahenten
juristisches Recht noch unbekannt ist, gibt es eigentlich keine gerechte
Lösung. Da bleibt einem dann nur die Wahl zwischen dem harten
Eingreifen, das darin besteht, die Kampfhähne zu trennen, und der
(weichen) Kompromisslösung, die darin besteht, dass das Kind, welches
das Nachsehen hat, anders entschädigt wird, und das Kind, das den Erfolg
davonträgt, nicht noch dafür besonders belohnt wird. Aber grundsätzlich
wird man sich damit abfinden müssen, dass es in diesem Stadium
keineswegs immer eine ganz elegante Lösung gibt, die allen Beteiligten
gerecht würde.



Weil das so ist, erwartet jedes Kind, dass seine Mutter, sein Vater ihm
zur Seite stehen wird und nicht dauernd auf die Interessenlage des
anderen Kindes hinweist. Diesem Anspruch unterwerfen sich Eltern ungern,
da sie den Anspruch haben, das fehlende Rechtsbewusstsein durch
übertriebenen Altruismus ausgleichen zu müssen. Das aber kränkt das
eigene Kind und macht den Konflikt perfekt. Der Streit erscheint gelöst,
aber zu dem Preis, dass das eigene Kind nun stundenlang schmollt.



Kommen wir an dieser Stelle auch schon einmal kurz auf die
Gewissensentwicklung zu sprechen. Gewissen ist ebenso wenig wie die
Vernunft eine angeborene Eigenschaft oder Fähigkeit des Menschen. Beide
wichtigsten sozialregulativen, geistigen Eigenschaften des Menschen
müssen im frühen Alter der Kleinkindzeit beginnend erworben werden.
Dabei spielen stilles, elterliches Vorbild ebenso eine Rolle wie gezielt
demonstrierte Konfliktlösungsstrategien in der Interaktion. Während
Gewissen die emotionale Seite der Sozialverträglichkeit formt und sich
in Einfühlsamkeit, Mitleid und Fürsorge äußert, bedingt die Vernunft
deren kognitive und zeigt sich in der Zurücknahme des Egoismus zugunsten
höherer Sinnhaftigkeit des Daseins und einer durch Gesetze geregelten,
übergeordneten Gemeinschaftsform. Hier im kleinsten in den
Auseinandersetzungen zwischen den Kindern und in dem erzieherischen
Eingreifen durch Eltern oder Pädagog(inn)en beginnt der Weg in die
großen Strategien der Konfliktlösung. Sie sollen das nächste Thema in
dieser Abhandlung sein.



Trost für die Eltern




Die große Mühe, die Sie als Eltern in diesem Stadium auf die gemeinsame
Bewältigung aller aufkommenden Probleme und Konflikte aufwenden (auch
schon im Lesen dieses Textes), sind Ihre weitgehende Garantie dafür,
dass Sie im weiteren Verlauf der Kindheit und der sich anschließenden
Pubertät und Adoleszenz (Zeit des Heranwachsens) nicht unter den in
diesem Alter auftretenden Schwierigkeiten zu leiden haben.



Vier große Problemkomplexe stehen häufig dann ins Haus, wenn alle guten
Worte, die in diesem frühen Entwicklungsstadium für ein günstiges
Eltern-Kind-Verhältnis vorgetragen werden, unbeachtet bleiben oder
beiseite geschoben werden. Diese vier großen Problemkomplexe sind:



a) die aggressiven Verhaltensauffälligkeiten, die in Form von
oppositionellem und provozierendem Verhalten noch einigermaßen zu
beheben sind, in Form von offenkundiger und angriffslustiger Aggression,
sowie darüber hinaus gehender Delinquenz aber enorme Schwierigkeiten im
sozialen Umgang hervorrufen.



b) die narzisstischen Persönlichkeitsstörungen, die sich insgesamt viel
schleichender bemerkbar machen, dann aber durch extreme
Unausgeglichenheit in der Selbstpräsentation erkennbar werden bei völlig
überhöhter Selbstbewertung, verbunden mit einem über Gebühr hohen
Anspruch an die Umwelt, was die Bestätigung des eigenen Selbst angeht.



c) die Aufmerksamkeitsstörungen und das hyperkinetische Verhalten, die
jeweils einzeln oder in Kombination durch große
Anpassungsschwierigkeiten an die sozialen und leistungsmäßigen
Anforderungen der Gesellschaft auffallen, und daraus resultierend
allgemeines Versagen oder ständige Regelverletzungen nach sich ziehen.



d) die regressiven und depressiven Persönlichkeitsentwicklungen, welche
wiederum eher schleichend und unauffällig in Erscheinung treten und im
ersten Fall Rückfälle in frühkindliche Verhaltensweisen produzieren, und
im zweiten Fall eine stille, resignative Abkehr von den
gesellschaftlichen Ereignissen und Ansprüchen.



Schließlich gibt es zu diesen vier Komplexen noch alle möglichen
Abweichungen von den einzelnen Störungsformen durch Kombinationen oder
Teilüberschneidungen. Es ist aber nicht die Aufgabe dieses Textes die
kinder- und jugendpsychiatrischen Störungs- und Krankheitsbilder zu
besprechen, sondern deren Verhinderung durch frühe und günstige
Beeinflussung der Persönlichkeitsentwicklung.



Also sollten wir unser Augenmerk darauf legen, was zu tun ist,
seelischen Fehlentwicklungen von Anfang an vorzubeugen. Das zu
erreichen, darauf sind alle hier vorgetragenen Empfehlungen an das
Erziehungsverhalten ausgerichtet. Daher sollte jetzt gesagt werden, was
an positiven Wirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung schon im
Kleinkindalter erreicht werden kann.



Absolut im Vordergrund steht die hohe positive, emotionale Integration,
welche den Grundstein für die gesamte weitere psychosoziale Entwicklung
legt. Positive Integration ist das, was in den zwei ersten Teilen dieser
Abhandlung als stille Botschaft enthalten ist. Diese soll hier noch
einmal gebündelt vorgetragen werden: Unheimlichkeit, Befremdung und
Angst am Lebensanfang müssen durch mütterliche Einfühlsamkeit und
Empathie aufgefangen und in Urvertrauen in Form innerlicher
Zufriedenheit und Glück möglichst maximal umgewandelt werden.



Der daraus sich entwickelnde Wille wird ein in sich abgefederter sein
mit einem geringeren Maß anfänglichen Drangs und Zwangs. Dieser Wille
wiederum ist die emotionale Keimzelle des Ichs mit weiteren Auswirkungen
auf die Selbstentstehung, welche sich auf parallelem Weg
bindungstechnisch durch die gelungene Loslösung aus der
Mutter-Kind-Dyade ergibt. Das Selbst auf den ersten Stufen einer
lebenslangen Leiter nach oben ist auf natürliche Weise stark verletzlich
und muss im Trotz -sagen wir- auf Biegen und Brechen verteidigt werden.
Je verständnisvoller und toleranter die Eltern dabei mit Ihrem Kind
umgehen, desto klarer formieren sich die kindlichen Willensstrukturen
mit ihrer Durchsetzungskraft einerseits, aber eben auch mit der
Fähigkeit zur eigenen Zurückhaltung andererseits. Auf diese Weise stärkt
sich das Selbst im erfolgreichen, sozialen Umgang und zementiert so das
Ich in der Persönlichkeit. Auf diese Weise müssten auch, ich wähle hier
noch bewusst den Konjunktiv, denn das alles ist neu in der
Entwicklungspsychologie, optimale Ausgangsbedingungen für die
Persönlichkeitsstruktur eines jeden Menschen entstehen. Einschränkend
muss allerdings Beachtung finden, dass dieser in sich durchaus
schlüssigen, psychosozialen Entwicklung angeborene, anlagemäßige
Faktoren zugrunde liegen, welche sich in Temperament und Charakter zu
erkennen geben. Diese werden dann in einer solchen Entwicklung eher
wenig beschliffen und bleiben persönliches Merkmal.



Die Triebe Aggression und Libido (sexuelle Lust), welche genau in der
bisher erreichten Entwicklungsphase sich in einem jeden Kind zu Wort
melden, und das nicht ohne natürlichen Grund, wirken mit an der
Ausgestaltung der Persönlichkeitsstrukturen. Dabei muss die Aggression,
als Motor von der Selbstverteidigung bis hin zur Angriffshaltung
sozialverträglich eingebunden werden, denn wir Menschen sind
Gruppenwesen und keine typischen Einzelgänger (s.o.). Ebenso muss die
Sexualität eine einwandfreie und allgemeinverträgliche Einbettung in die
Persönlichkeit bekommen, denn von ihr hängen im späteren Leben, d.h. in
der Pubertät und Adoleszenz (Zeit des Heranwachsens), nämlich dann wenn
die Persönlichkeit geschlechtlich expandiert, entscheidende
Verhaltensweisen in der Gruppe und der Gemeinschaft ab. Sexualität und
Aggression stehen in der Persönlichkeit dabei in einem ausbalancierten
Verhältnis. Auf diese Fragen werden wir dann im nächsten Kapitel zu
sprechen kommen, in dem es hauptsächlich um Gewissen und Ansätze zur
Vernunft gehen wird. Ein wesentliches Thema wird auch die
Sauberkeitsentwicklung sein, die sich als erster wichtiger,
sozialkompetenter Schritt nahtlos an die Willensfragen und den Trotz
anschließt.

Rüdiger Posth


Lesen Sie hier weiter:


Teil 1: Die Erlebniswelt des Säuglings

Teil 2: Fremdeln und Anhänglichkeit

Teil 3: Loslösung, Trotz und Selbstbewusstsein

Teil 4: Selbstentstehung und die Entwicklung von Moral und Vernunft

Teil 5: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

© Copyright 2013 - Dr. med. Rüdiger Posth











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Samstag, 13. April 2013, 19:15

Das emotionale Bewusstsein

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von Rüdiger Posth

Teil 4 - Selbstentstehung und die Entwicklung von Moral und Vernunft


Ein wichtiges, neues Kapitel soll die Selbstentstehung in Verbindung mit der Entwicklung zu Moral und Vernunft beschreiben.





Grundstrukturen der Selbstentstehung




Bindung und Loslösung sind die Grundpfeiler der
Persönlichkeitsentwicklung des Menschen. Mit dieser Kernaussage habe ich
das vorausgegangene Kapitel über die Willensentwicklung beim Kleinkind
und das Trotzverhalten abgeschlossen. Dabei war klar geworden, dass die
Aneignung des Willens im frühkindlichen Stadium gleichzeitig das
individuelle Selbst aus der Taufe hebt und auf diese Weise das Ich zur
Welt bringt. Der Mensch wird dadurch zu einem sich selbst erkennenden
Wesen, das heißt, er wird zu einem Subjekt. Das alles geschieht noch im
zweiten Lebensjahr und verbindet sich mit einem bestimmten
Entwicklungsschritt, der (in Anlehnung an Margaret Mahler, s.u.)
Wiederannäherungskrise genannt wird. Diese kurze Phase erweist sich bei
sensiblen Kindern kritisch in Form einer erneuten stärkeren
Anhänglichkeit an die Mutter oder eine andere Hauptbezugsperson. Die
Entdeckung des persönlichen, von allen anderen Menschen getrennten
Selbst ist naturgemäß mit einer gewissen Unsicherheit und Angst
verbunden. Diese Unsicherheit merkt man den Kindern an, wenn sie sich
auf einmal ganz bewusst im Spiegel wiedererkennen. Andere typische
Zeichen für die Selbstentdeckung sind die Verlegenheit der Kinder beim
Auftritt vor Erwachsenen, beim direkten Angesprochenwerden und ihre
gespielte Komik, wenn man sie besonders beachtet.



Der Begriff Wiederannährungskrise (oder auch Wiederannäherungsphase)
wurde von der gebürtig ungarischen Psychoanalytikerin Margret Mahler
geschaffen. Mütter erleben ihre Kinder in diesen Wochen also noch einmal
intensiv auf die Mutter bezogen und besonders schutzbedürftig, obwohl
sie sich schon dem Vater als ihrem Loslösungsvorbild zugewandt haben.
Mahler bezieht diesen Entwicklungsabschnitt als Phase auch auf das
gesamte Autonomiebestreben des Kindes. Früh sprechende Kinder können
jetzt schon das Wort „ich“ einsetzen, die meisten aber zeigen noch auf
sich selbst, wenn sie etwas für sich einfordern. Die meisten Kinder
benutzen aber erst einmal ihren Vornamen, um sich zu erklären.



Wenn das Selbst erst einmal entdeckt und begriffen ist, wird es sofort
vollständig vereinnahmt und ausgiebig - vor allem in der Familie - in
Szene gesetzt. Wo nötig, wird es auch sogleich heftig verteidigt.
Unübersehbar ist, dass das Kind auf einmal viel stärker seine
temperamentbedingten Eigenschaften zeigt, seinen Charakter ausbildet und
ein neues Sozialverhalten entwickelt, welches zwischen Koketterie,
demonstrativem Ärger und verspielter Verlegenheit hin und her schwankt.



Das Kind weiß offensichtlich noch nicht, was es mit seinem Selbst
anfangen soll und wie es dieses in der Gesellschaft den anderen Menschen
gegenüber darzustellen hat. Auf jeden Fall ist ihm bewusst, dass es
dafür Sorge zu tragen hat, nicht übersehen zu werden oder schlimmer noch
in seinem Willen missachtet zu werden. Aus dem wachsenden Bedürfnis
nach Selbstverteidigung heraus entspringt folgerichtig der Trotz, der je
nach Temperamentsveranlagung mal gemäßigt und umgänglich, mal impulsiv
aufbrausend zutage tritt. Wenn nötig, bemüht das Kind auch seine
gleichzeitig entdeckten aggressiven Impulse und verteidigt sich mit
zerstörerischen oder angriffslustigen Attacken. Je stärker Eltern jetzt
meinen, ihr Kind begrenzen zu müssen und seinen Willen einzuschränken,
desto heftiger entwickelt sich der Trotz. Nur sehr temperamentsschwache
Kinder geben in diesem Streit, in dem es neben vermeintlichen Rechten
auch um reine Macht geht, frühzeitig auf und unterwerfen sich.





Die Triebveranlagung des Menschen




Diese Aggression, das ist wichtig für die weitere Betrachtung des
aggressiven Triebes im Menschen ganz generell, ist genetischer Ausdruck
und konkrete Umsetzung eines Bedürfnisses nach Stärke und Macht, das in
der Evolution seinen Ursprung findet. Die Aggression diente den
menschlichen Vorfahren zum einen dem nackten Selbsterhaltungstrieb in
einer feindlichen Umwelt. Zum anderen wurde sie benutzt für territoriale
Auseinandersetzungen und Ressourcenverteidigung im Verteilungskampf,
die Partnersuche sowie den Geltungstrieb im Wettbewerb der Individuen.
Auch der Bindungserhalt wurde schon immer aggressiv verteidigt und
fremde Eindringlinge verdrängt. Auf diese Weise sicherte die Aggression
den Selbsterhalt und den Erhalt der eigenen Art.



Beim modernen Menschen hat sich dieser Trieb im Laufe der Evolution
hingegen weit mehr sozial abgewandelt, als es unsprünglich der Fall
gewesen ist. Daran ist vermutlich die große Zunahme der Menschheit
beteiligt verbunden mit der Notwendigkeit, gemeinschaftlich miteinander
auszukommen. So tritt die Aggression mehr und mehr in einer
gesellschaftlich verträglichen Form auf, praktisch allein um der
Selbstverteidigung zu dienen. Das gilt allerdings nur für das gesunde
seelische Großwerden und das psychosozial normal entwickelte Gehirn. Der
Aggressivität, verbunden mit dem Machttrieb, entspringen praktisch alle
Verbrechen.

Die Wandlung des Aggressionstriebes in der Evolution von einem
strategisch angriffslustigen und hoch impulsiven Handeln zum Erhalt der
eigenen Art hin zu einer überlegten, reinen Selbst-Verteidigungsmaßnahme
im individuellen Sinn, ist wichtig bei der Beurteilung des
Aggressionstriebs überhaupt. Ob die Menschen denn nun aggressiv
veranlagt sind oder nur auf Verteidigung bedacht, ist ein noch lange
nicht ausdiskutiertes Thema. Es gibt für beide Standpunkte gewichtige
Vertreter in der Argumentation (z.B. Sigmund Freund, Konrad Lorenz und
ganz aktuell Joachim Bauer).



Ich für meinen Teil möchte mich hier einer kompromissgemäßen Lösung
anschließen, die besagt, dass es zwar eine triebhafte Veranlagung des
Menschen zur Aggression gibt, aber dieser Trieb beim homo sapiens
sapiens, der wir sind, über die Jahrtausende der Evolution hinweg eine
andere Bedeutung bekommen hat, eine Bedeutung, die nicht mehr der
biologischen Funktion einer Arterhaltung unterworfen ist, sondern eine
neue Aufgabe erhalten hat. Diese neue Aufgabe beinhaltet es, das
ungemein sensible, individuelle menschliche Selbst gegen Anfeindungen
aus der Umwelt ganz gleich welcher Art zu verteidigen. Also spielt beim
Menschen die biologische Art als Lebewesen, das heißt die „Rasse“, keine
entscheidende Rolle mehr für die Aktivierung von Aggression, sondern
einzig das Ziel einer Verteidigung zur Selbsterhaltung sowie einer
Aufrechterhaltung des respektvollen und gerechten Handelns unter allen
Individuen.



Der Mensch aktiviert Aggression immer dann, wenn er sein ungetrübtes
Lebensgefühl in Gefahr sieht oder wenn seine freiheitlich geprägten
Persönlichkeitsrechte ungerechtfertig beschnitten werden. Allgemeine
Konventionen, die persönliche Lebensphilosophie und eine demokratische
Rechtsprechung der Gesellschaftsordnung legen dabei den Maßstab fest,
wie ein ungetrübtes Lebensgefühl zu verstehen und zu erhalten sei und ab
wann das Persönlichkeitsrecht in unzumutbarer Weise eingeschränkt wird.

Die Verteidigung des individuellen Selbst wird im modernen
Gemeinschafts- und Staatswesen daher gezielt theoretisiert und über die
allgemeine Gerichtsbarkeit dem persönlichen Aggressionstrieb des
Einzelnen gezielt aus der Hand genommen. Gesellschaftsrecht stellt sich
so über (archaisches) Faustrecht. Die allgemeine und demokratische
Rechtsprechung soll das noch bestehende, impulsiv aggressive Verhalten
unter Menschen sozial befrieden. Damit hat sich die menschliche
Aggression von der ursprünglichen und damit natürlichen Funktion im
Tierreich sowie in seiner eigenen Vorzeit weit entfernt und sich einer
allgemeinen Kontrollinstitution von Lebensrecht und sozialer Ordnung
unterworfen. Im Idealfall deckt sich dabei das Lebensrecht mit dem
Menschenrecht.



Aber ungeachtet dessen lebt die Aggression im Kleinen als unmittelbare
Reaktion auf alle Formen eines - wenn auch häufig nur vermeintlichen -
Angriffs auf das Selbst, einer Unterdrückung der Persönlichkeit und/oder
Beschneidung der persönlichen Freiheit weiter. Auch im Großen entfacht
die Aggression immer wieder dann ihr höchst gefährliches Potenzial, wenn
individuell und sozial krank machende Gesellschaftsstrukturen die
Gesetze der menschlichen Vernunft und der rechtmäßigen demokratischen
Grundordnung außer Kraft setzen. Das geschieht insbsondere dann, wenn
ideologische Vernebelung verständnisvolle und empathische Reaktionen für
den oder die Anderen in der Gemeinschaft zunichte macht. Auf diese
Weise bewahrheitet sich, dass die ursprünglich kämpferische und
zerstörerische Kraft der Aggression im Menschen nie ganz verschwunden
ist, und immer dann ihre ur-triebhafte Form wieder aufleben lässt, wenn
schädlicher Machttrieb, Hass und bösartige Missgunst durch eine falsche
psychosoziale Entwicklung in dem Einzelnen oder in vielen sich
vereinenden Menschen handlungsbestimmend werden.



Im frühen Kindesalter hingegen bekommt die Aggression sogar eine die
Entwicklung leitende Position zugeordnet, da das Kleinkind in seiner
Unfertigkeit noch weitgehend ohne soziale Rechte ausgestattet ist und
viel zu schwach, sich in der von den Erwachsenen dominierten Welt zu
behaupten. Diese existenzielle Bedingung eines jeden Kindes hat die
Natur offensichtlich mit einkalkuliert und Abhilfe geschaffen. Sein
frühes Selbst machtvoll durchzusetzen ist am Lebensanfang eine zentrale
Aufgabe des Kindes. Und je mehr Einschränkungen des kindlichen Willens
durch erzieherische Maßnahmen auf es zukommen, desto stärker wird es
daher seine Aggression herauskehren. Dabei spielen charakterliche
Veranlagungen und Temperamentsfaktoren sicherlich eine unterstützende
oder begrenzende Rolle. Folglich entwickeln alle Kinder in der Vorphase
zur Empathienentwicklung eine Neigung, aggressive Impulse -vorzugsweise
an ihren Bezugspersonen- spielerisch auszuleben.



All dem Gesagten zufolge hat es keinen besonderen erzieherischen Sinn,
seinem Kind frühzeitig – wie es so oft heißt – Grenzen zu setzen.
Frühzeitiges Grenzen setzen ruft nur den aggressiv unterstützten Trotz
hervor, der umso stärker in Erscheinung tritt, je höher die aggressive
Veranlagung beim Kind ausfällt und je weniger vom ersten Handlungsdrang
in entscheidungsmächtigen Willen umgewandelt worden ist (s. vorige
Kapitel). An dieser Stelle zeigt sich zuerst, wie gut denn die
emotionale Integration im ersten Lebensjahr funktioniert hat und wie
sicher die Bindung zwischen Eltern und Kind geworden ist. Sichere
Bindung erhöht den Gehalt an Urvertrauen, und ein gesichertes
Urvertrauen verstärkt das Selbstvertrauen. Dieses wiederum erzeugt im
Kind eine höhere Bereitschaft, seinen eigenen Willen auf den der
erziehenden Bezugspersonen einzurichten und begrenzt so einen Teil der
Aggression. Auf diese Weise schließt sich der Kreis zwischen intensiver
und zuverlässiger, sprich einfühlsamer Zuwendung im ersten und zweiten
Lebensjahr und Bereitwilligkeit zum ersten Gehorchen im dritten und
vierten Lebensjahr.



Bleiben wir noch einmal kurz bei den aktuellen Auffassungen zur
Aggression im Menschen. Ich teile nicht die Auffassung, dass der Mensch
nur durch den Druck seiner Lebensumstände Aggressivität entwickelt (J.
Bauer, 2011). Eine solche Annahme würde im Umkehrschluss bedeuten, dass
ein Mensch unter optimalen Lebensbedingungen keinerlei Aggression
entwickelte. Und diese Vorausgabe gälte selbstverständlich auch für das
Kind. Aber gerade im Kindesalter machen wir alltäglich eine ganz andere
Beobachtung. Selbst Kinder, die über keinerlei Mangel zu klagen haben,
die rundum emotional versorgt sind, die keinerlei Gewaltvorbilder haben
und die weder in Armut noch unter Vernachlässigungsbedingungen
aufwachsen, zeigen in Abhängigkeit ihres Temperaments und ihrer
Charakteranlagen aggressive Verhaltensweisen. Und was das Erschreckende
daran ist, ist die Beobachtung, dass häufig genug nicht einmal eine auf
der Hand liegende, sozial bedrängende Situation in der Gruppe ihr Anlass
ist.



In den Kleinkindgruppen erlebt man also unabhängig von sozialen
Schieflagen oder echten Notlagen immer wieder wütend aufgeladene oder
provozierende Aktionen einzelner Gruppenmitglieder, die sich keineswegs
jedes Mal durch ungerechtfertigte Handlungen anderer Kinder oder durch
Begrenzungen durch die ErzieherInnen erklären lassen. Da werden kleinere
Kinder, die sich noch unsicher auf ihren Beinen bewegen, mutwillig
umgeschubst, oder schwächer erscheinenden Kindern einfach Spielsachen
entrissen, nur weil diese gerade das Interesse des Stärkeren erregen.
Der Machtfaktor gesellt sich hier bereits der Aggression hinzu. Beim
Wegreißen wird es dann aber nicht belassen, sondern das unterlegene Kind
wird dann auch noch zusätzlich geboxt oder geschlagen, und sogar vor
gezieltem Kneifen, Anspucken, Treten, an den Haaren ziehen oder Bewerfen
mit Sand und Dreck wird allenthalben nicht halt gemacht. Manchmal
gewinnt man den Eindruck, als bestünde die Gruppendynamik der Kinder
unter 3 Jahren hauptsächlich aus aggressiven Auseinandersetzungen.
Würden nicht die Eltern oder ErzieherInnen lenkend und regulierend
eingreifen, würden sich die Kinder in diesem Alter allzu oft richtig
prügeln. Aber diese frühe Form der Aggression hat einen sozial
strukturierenden Sinn, der sich zwar nicht so leicht erschließt, der
aber die Grundlage für alle späteren prosozialen Fähigkeiten abgibt. Bei
der Besprechung des emotionalen Perspektivwechsels und der Empathie
weiter unten wird dieser Standpunkt klar.



Kommen hingegen bei sehr viel älteren Kindern wiederum oder immer noch
plötzliche und unvermutete aggressive Übergriffe ohne erkennbaren Anlass
vor, muss von einer Störungsentwicklung ausgegangen werden. Nur solange
bei genauer Betrachtung ein zugrunde liegender Konflikt auszumachen
ist, der verbal nicht zu lösen war, kann vorerst Entwarnung gegeben
werden (allerdings auch nur, wenn die Mittel der Aggressivität in
Grenzen geblieben sind). In den anderen Fällen ist diese spätere Form
der Aggression aber immer der Ausdruck einer fehlerhaft verlaufenen
Sozialisation in Folge einer frühen Bindungsstörung.



Um endgültig Klarheit in die Sachlage zu bekommen, darf man meines
Erachtens nicht den Fehler begehen, die Erscheinung von Aggression und
Aggressivität mit der Anwendung von Gewalt gleichzusetzen. Ganz im
Gegenteil, in diesem Punkt muss genau unterschieden werden, was gemeint
ist. Aggression und ihr konkreter Ausdruck die Aggressivität ist wie ich
eingangs schon sagte für mich immer noch ein angeborenes
Triebgeschehen, das aber auf dem Boden der Evolution vom
Territorialkampf und Fresstrieb bei Tieren und vielleicht auch noch den
ersten Menschen zum sozialen Regulationsfaktor bei den emotional und
sozial differenzierter ausgestatteten, neuzeitlichen Menschen mutiert
ist. Emotionen und soziale Regulation brauchten die Menschen
unabdingbar, da sie als geistig hochstehende Individuen körperlich zu
schwach waren, um den Überlebenskampf in der Natur für sich allein
bestehen zu können. Sie hatten nur in der Gruppe eine Chance zu
überleben. Bei kleinen Kindern ist dieses Geschehen sogar genetisches
Programm. Hier gibt es demzufolge auch noch keine - brutale - Gewalt.



Echte Gewalt ist dagegen die Eskalation der Aggression auf der Basis von
Macht bei einem höher stehenden oder stärkeren Individuum über ein ihm
unterrangiges schwächeres. Gewalt ist de facto der brutale Übergriff auf
eine andere Person aus egoistischen Motiven und/oder mangelndem Mitleid
mit dem anderen. Diese derart zur Gewalt gesteigerte Aggression hat den
Faktor der sozialen Regulation verlassen und läuft in Aneignung eines
Selbstanspruchs auf bessere Existenzbedingungen auf den reinen Eigenutz
hinaus. Es bleibt nur zu ergänzen, dass die aggressiv verstärkte Macht
in Form von Gewalt bei konflikthaftem Geschehen ohne gegensteuernde
Maßnahmen immer rücksichtsloser zum eigenen Vorteil ausgeschlachtet
wird.



Demzufolge kann der reine Trieb der Aggression als ein wertneutrales
biologisches Merkmal des Menschen angesehen werden, das im
evolutorischen Kampf der Arten einer sozialen Aufregulierung unter
psychosozial komplizierter konstruierten Individuen unterzogen worden
ist. Hingegen ist die Gewalt ein in der menschlichen Gesellschaft
entstandenes, amoralisches Handeln zur Selbsterhöhung durch Schädigung,
Schmähung und Unterdrückung anderer Mitmenschen oder Lebewesen.





Die Verankerung der Triebe im Selbst




Was haben nun Aggression, Macht und Gewalt präzise formuliert mit dem
menschlichen Selbst zu tun? Es war mir wichtig, diesen gerade
beschriebenen Bogen vom Trieb über die mit ihm verbundenen sozialen
Funktionen hin zu den negativen Erscheinungen im zwischenmenschlichen
Handeln zu ziehen. Denn alle diese Erscheinungen im menschlichen
Verhalten sind Bestandteil seines Selbst bzw. verbinden sich fast
unauflösbar mit seinem Selbst. Unbedingt dazuzuzählen, aber noch nicht
ausgiebig besprochen ist auch der Sexualtrieb. Der Sexualtrieb gehört
aber für sich genommen und ohne unheilvolle Verknüpfungen mit den
aggressiven und unterdrückerischen Attitüden des Menschen zu den guten
Ausdrucksformen seiner Selbststruktur. Den Sexualtrieb benötigt die
Natur um der Fortpflanzung willen. Denn ohne Fortpflanzung gibt es auch
keine Fortentwicklung unter den Arten.

Und weiter zählen zu den guten Selbstbestandteilen im Menschen jene
Handlungsformen und Verhaltensweisen, auf die ich in diesem Kapitel
speziell zu sprechen kommen möchte. Es sind diejenigen, die die
Prosozialität des Menschen ausmachen. Ich spreche von den Fähigkeiten
und Errungenschaften des Gewissens und der Vernunft. Prosozialität und
Sexualität könnten eine gemeinsame Wurzel im Triebleben des Menschen
haben.

Der Sexualtrieb spielt im Kindesalter meiner Auffassung zufolge nur eine
die Existenz erweiternde Funktion im Sinne einer Ahnung von etwas Gutem
und Schönen, das später kommen und dann auch wichtig sein wird.
Keinesfalls ist die kindliche Sexualität auf eine partnerschaftliche
Verbindung ausgerichtet und schon gar nicht hat sie etwas mit einem
intim-körperlichen Austausch zu tun. Lediglich im Rollenspiel wird
dieses Kapitel der Körperlichkeit nicht ausgelassen, weil auch die
Genitalregion zum Gegenstand eines neugierig erforschenden Handelns der
Kinder untereinander gemacht wird. Die alte Freudsche Hypothese, dass
der Sexualtrieb als mächtigster Triebfaktor im Es (dem Unbewussten) die
frühkindlichen Empfindungen, Erlebnisse und Handlungen in bestimmten
Phasen eingeteilt und beherrscht (oral, anal, genital) und demzufolge
das Ich zur Kontrollinstitution über seine ominöse Triebhaftigkeit
macht, dürfte heute als historisches Relikt aus der Frühzeit der
Psychologie und Psychoanalyse gelten. Zweifellos gibt es eine Form
frühkindlicher Sexualität, das soll damit nicht in Abrede gestellt
werden, aber sie ist wie gesagt vielmehr Begleiterscheinung der
verschiedenen existenziellen Regungen des Kindes, zu denen eben alle
triebhaften Erscheinungen zu zählen sind. Sie ist aber nicht das Abbild
oder die Spiegelung eines die Entwicklung bestimmenden und sich phasisch
aufbauenden Selbstentstehungsmodells.

Sexualität ist somit beim Kind immer absolut unschuldig, frei von
ödipalen oder sonstigen libidinösen Absichten, und einfach nur ein
spannendes und interessantes Erleben von Gefühlen am eigenen Körper und
im eigenen Selbst. Die Gefahr für das Kind liegt einzig darin, dass
durch manipulativen Missbrauch oder durch zweckgerichtete Verführung die
Unschuld des kindlichen Sexualtriebs ausgenutzt wird und zum
Machtinstrument für einen sehr viel älteren Jugendlichen oder
Erwachsenen umgemünzt wird (sexueller Missbrauch). Daher ist es wichtig,
dass es ein ausreichendes gesetzgeberisches Instrumentarium gibt,
solche Tendenzen psychisch entgleister Jugendlicher und Erwachsener
hinreichend unterbinden zu können. Denn das Kind erleidet durch einen
solchen Missbrauch immensen seelischen und u. U. auch körperlichen
Schaden.

Unabhängig von den Trieben Aggression und Sexualität entwickelt sich das
Selbst im Menschen auf den Grundlagen seiner Bindungserfahrungen. Wie
schon in den vorangegangenen Kapiteln besprochen, entsteht das Selbst in
der Gedankenwelt des Kindes aus einer Verbildlichung der mütterlichen
und väterlichen Umgangsweisen mit ihm. In der klassischen Abfolge der
Bindungsprozesse steht das mütterliche Bild als primäre Bindungsperson
vor dem väterlichen als Loslösungsvorbild. „Verbildlichung“ oder
elterliches Imago (H. Kohut) heißt, dass alle Erlebnisse und Erfahrungen
im frühen Lebensablauf mit diesen beiden Personen sich prägend auf das
kindliche Gehirn auswirken und damit konstruktiver Bestandteil seiner
Vernetzungsstrukturen werden. Geschwister und Ersatzbezugspersonen gehen
ebenso mit in die Gedankenkonstruktionen ein, wenn auch nicht mit
gleicher Bedeutung.

Bei diesem die Gefühle und Gedanken konstruierenden Vorgang gibt der
jedem Leser geläufige Begriff Erinnerung einen entscheidenden Teil des
tatsächlichen Geschehens wieder. Über die zwar grundsätzlich schon
abrufbare, aber in diesem Alter aus Reifegründen noch im Aufbau
befindliche Speicherfunktion des Gehirns hinaus, kann dabei nur von
einer langsamen Bewusstwerdung gesprochen werden. Das Kind lernt es in
diesem Alter erst, Selbst-bewusst zu werden, wie es später mittels
dieses Selbstbewusstseins die Weltvorgänge und –zusammenhänge verstehen
und sich selbst darin beurteilen lernt. Gerade das macht die
Anfangsprozesse so entscheidend wichtig.

Neurophysiologisch oder strikt wissenschaftlich ausgedrückt heißt das,
dass diejenige Netzwerkkonstruktion, die im Laufe des Lebens dann durch
mannigfaltige Weiter-Vernetzung Erleben, Fühlen, Wissen und Erkenntnis
hervorruft, erst einmal selbst durch Fühlen, Wahrnehmen, Erleben und
Erfahrung aufgebaut werden muss. Nervenfortsätze und Synapsen in
Milliardengröße erschaffen dieses hochkomplizierte Geflecht.

Anders gesagt, erst einmal muss die Bühne dafür aufgebaut werden, auf
der das Theater des Lebens stattfinden soll. Dieser Aufbau macht jedoch
ohne festen Boden und Bühnenbild keinen Sinn, und bei diesem komplexen
Konstruktionsgeschehen eines versinnbildlichen Bühnenbaus spielen die
frühen Bindungsstrukturen in der Familie und die Beziehungserlebnisse
mit den Eltern eine ganz entscheidende Rolle. Jede Familien ergänzende
Maßnahme und jeder alternativ-familiärer Lebenszusammenhang prägt
natürlich genauso diese Hirnwachstumsprozesse nur eben dann auf eine
andere Weise.

In das gerade von mir symbolisch herangezogene Bühnebild geht die
Tiefenpsychologie mit ihrem Unbewussten ein. Unbewusst bedeutet in
diesem Zusammenhang, dass die erlebnisbezogenen Erinnerungsspuren in der
frühen Kindheit noch nicht so klar abgebildet werden, wie die
Einprägungen der Gefühle. Aber ohne die gleichzeitige Abspeicherung der
Ereignisse mit den Gefühlen werden letztere intensiver und nachhaltiger.
So bilden eines Tages diese anfänglichen Gefühle im Leben des Menschen
den Hauptinhalt seines Unbewussten (bzw. Unterbewusstseins).

Für die Selbstkonstruktion hatten wir neben sicherer bzw. unsicherer
Bindung und gelingender bzw. erschwerter Loslösung bereits die positive
und negative Attribution als gestaltend ausgemacht. Zwei weitere
wesentliche Entwicklungsschritte arbeiten in diesen Entstehungsprozess
schon früh mit hinein. Es sind die der frühen Empathie und des geistigen
Perspektivwechsels. Ich fasse beide Prozesse gerne als den „doppelten
Perspektivwechsel“ zusammen.





Empathie und doppelter Perspektivwechsel




Beide Reifungsvorgänge im kindlichen Gehirn hatte ich bereits skizziert.
An dieser Stelle will ich sie noch einmal vertiefen und dabei betonen,
dass die Reifung nicht durch reines Anerziehen ersetzt werden kann. Um
den 2. Geburtstag herum, manchmal sogar schon früher erlebt man bei
Kleinkindern das Interesse, sich in die Gefühlslage ihrer Eltern oder
anderer Kinder hineinzuversetzen. Diese soziale Regung bezeichnet man
als Empathie.

Zunächst einmal zeigen die Kinder dieses Interesse als so genanntes
Als-ob-Spiel bei ihren Puppen oder Teddybären, resp. anderen Tieren. Die
Spielgefährten erleiden dann dasselbe Schicksal wie das Kind selbst und
werden spielerisch bemitleidet. Viele Kinder gehen auch hin und fügen
ihrer Puppe oder Ihrem Bären gezielt unangenehme Dinge zu, um sie dann
liebevoll versorgen zu können, z.B. durch Pusten auf die scheinbare
Wunde, im Arm halten des Tieres mit Liebkosung oder ganz sachlich ein
Pflaster aufkleben. Diese Als-ob-Spiele stärken die innere Position des
Kindes immens und lassen das Selbstbewusstsein wachsen. Verständige
Eltern erkennen in den Spielhandlungen ihrer Kinder eigene
Verhaltensweisen wieder.

Aus dem Spiel mit den Puppen und Stofftieren wird dann das Spiel mit den
Eltern (selten umgekehrt). Entweder findet sich eine reale Situation,
die zur empathischen Reaktion Anlass gibt, oder eine solche Situation
wird „simuliert“. Dabei sind die Kinder nicht immer zimperlich und
kneifen, kratzen oder schlagen schon mit Erzeugung von Schmerz. Richtig
bewusst ist ihnen dieses Tun nicht, da sie die Wirkung ihrer Handlungen
noch schlecht abschätzen können. Und eine negative Absicht hat das auch
nicht. Unabhängig davon gibt es natürlich ein körperliches Sich-wehren
im aggressiv verstärkten Trotzanfall beim Kind. Alle diese
beabsichtigten oder nur reaktiven Handlungen sind geeignet, dem Kind
klarzumachen, dass Gewaltausübung und Schmerzzufügung keine Methoden des
Sich-durchsetzens sind. Das geht natürlich nur dann überzeugend, wenn
auch die Eltern und Erziehungspersonen sich solcher gewalt- oder
schmerzzufügender Attacken auf ihr Kind enthalten. Ist es anders, fühlt
sich das Kind geradezu legitimiert, seinerseits so zu handeln. Also an
dieser Stelle fängt die konkrete Erziehung gegen Gewalt endgültig an.

Bis etwa zum Anfang des 3. Lebensjahres sind solche Spiele mit sagen wir
symbolischer Gewalt noch schwer steuerbar und unterliegen oft spontanen
Auseinadersetzungen im alltäglichen Trotzgeschehen. Für die Eltern ist
es wichtig zu wissen, dass sie in diesen Fällen erst einmal ein
eindringliches Ermahnen vor jede weitere spielerische Handlung setzen.
Aber bereits mit etwa 2 ½ Jahren ändert sich das Verständnis des Kindes,
und jetzt kann das Spiel „ich haue, kneife etc. dich (sanft)“, „du
weinst (theatralisch)“ und „ich tröste und versorge dich (soweit es in
meiner kindlichen Macht steht)“ gespielt werden. Die Kinder lieben es so
zu spielen und wiederholen den Vorgang zunächst immer wieder. Erstens
lernen sie dabei, was sie wissen wollen, und zweitens entledigen sie
sich auf diese Weise angestauter innerer Wut. Eltern sind gut berufen,
diesen affektiven Austausch, soweit das Kind nicht über die Stränge
schlägt, mitzumachen. Das nenne ich Induktion. Ihr Ergebnis ist die
Ausbildung einer stabilen Empathie mit der Weiterentwicklung zu Mitleid
und Moral.

Etwas schwieriger gestaltet sich der geistige oder kognitive
Perspektivwechsel. Nun spielt der affektiv-emotionale Hintergrund nicht
mehr die entscheidende Rolle. Das inzwischen 3 ½ bis 4-jährige Kind muss
jetzt kraft angewachsener Logik (Ursache-Wirkung) verstehen lernen,
dass die Dinge, so wie es selbst sie sieht und begreift, nicht von jedem
anderen genauso gesehen und verstanden werden. Genau genommen muss sich
das Kind von seinem frühen, ersten Bewusstsein verabschieden, welches
ihm eingeredet hat, die Welt sei genauso, wie es selbst diese kennen
gelernt hat und sich vorstellt (frühkindlicher Egozentrismus). Wie jede
fortschreitende Bewusstseinsentwicklung findet dieser Lern- und
Erfahrungsprozess nicht schlagartig statt. Es sind immer wieder kehrende
kleine Erkenntnisse, die das Kind sammelt, um sie dann zu einem neuen
Weltbild zusammenzusetzen.

So z.B. kommt das Kind mit einem freudigen Erlebnis aus dem Kindergarten
zurück und erwartet von der Mutter die gleiche freudige Reaktion. Ja
anfangs denkt das Kind sogar noch, die Mutter weiß schon, was da Schönes
im Kindergarten passiert ist und braucht es gar nicht erst zu erzählen.
Aber wie enttäuscht ist das Kind dann, wenn es feststellen muss, dass
die Mutter noch gar nichts darüber weiß und sich, als sie es schließlich
erfährt, noch nicht einmal freut. Das muss gar keine böse Absicht der
Mutter sein, hatte sie doch gerade erst eine ernste Auseinandersetzung
bei der Arbeitsstelle oder Streit mit dem Vater. Es kommt zum
Missverständnis. Aber aus solchen und zahllosen ähnlich gelagerten
Fällen setzt das Kind Schritt für Schritt das neue Bewusstsein zusammen,
sich mit dem eigenen Wissen nicht unbedingt in Übereinstimmung mit dem
des anderen zu befinden. Gezielte Testverfahren können die Fähigkeit zum
geistigen Perspektivwechsel erkennbar machen (D. Bischof-Köhler, B.
Sodian).

Praktisch parallel zu diesen erweiterten Bewusstseinsschritten fängt das
Kind an, sich für die Gefühlszustände seiner Bezugspersonen zu
interessieren. So fragt das 3- bis 4-jährige Kind seine Mutter, ob sie
wütend ist, wenn es sich heimlich Kekse aus der Dose herausnimmt (was es
selbst genießt) oder traurig ist, wenn es den Teller fallen lässt und
er dabei kaputt geht (was es selbst nicht schlimm findet). Oder es
fragt, ob sich die Mutter freut, wenn es ihr morgens beim Verabschieden
einen Kuss gibt (was es selbst unwichtig findet). Im Grunde verbindet
das Kind mit solchen Fragen nach der Befindlichkeit seiner
Bezugspersonen, wenn es selbst Regeln einhält oder gegen sie verstößt
oder Erwartungshaltungen erfüllt oder eben nicht erfüllt, die beiden
Perspektivwechsel in einem. Gemeint sind die unterschiedliche
Emotionalität zu ein und demselben Vorgang sowie die unterschiedliche
Meinung und Auffassung zu ein und derselben Sache.

Erst mit diesem mentalen Rüstzeug ausgestattet kann das Kind anfangen,
sich selbst im Verhalten zu regulieren und seine Emotionen zu
kontrollieren. In den 3 bis 4 Lebensjahren davor gab es höchstens vage
Ansätze dazu und ein zufälliges Übereinstimmen der Meinungen und
Empfindungen zwischen Kind und Bezugsperson. Dabei hatten die
Bezugspersonen, sprich vor allem die Eltern, den sehr viel höheren
Anteil dabei, eine solche Übereinstimmung herzustellen. Sprich, die
Eltern mussten sich zurücknehmen und aus elterlichem Verständnis sich
ihren Kindern anpassen. Nicht richtig ist es, diesen Anpassungsprozess
ausschließlich vom Kind zu erwarten oder das Kind dazu zu zwingen. Denn
das Kind hat bis zum doppelten Perspektivwechsel die unüberwindbare
Hürde, emotional wie geistig-kognitiv das von ihm erwartete Verständnis
für den oder die Anderen nicht begreifen zu können. Was es stattdessen
anbieten konnte, war eine Form von Unterwürfigkeit unter die Macht des
Erwachsenen, die es auch zu leisten bereit war, um das gute Verhältnis
zu seinen Eltern und ErzieherInnen nicht zu gefährden.





Die verschiedenen Selbsttypen und die Gefühle Stolz und Scham




Aus den möglichen Bindungs- und Loslösungsformen und deren Kombinationen
sowie aus den bis dahin erworbenen positiven und negativen
Attributionen mit den daraus entstehenden Gefühlen von Stolz und Scham
ergeben sich meiner Auffassung nach vier gut unterscheidbare
Selbsttypen. Damit ähnelt das Bild der Selbstentstehung wieder dem von
Bindung und Loslösung, die ebenfalls vier Varianten möglich machten.

Im Idealfall entsteht ein in sich starkes und emotional ausgewogenes
Selbst. Es zeichnet sich aus durch ein beständiges mehr oder weniger
überwiegendes Gefühl von stärkerem Stolz als Scham, verbunden mit einer
gelungenen Loslösung aus der zu engen primären Bindung. Bereits die
Kinder wirken selbstbewusst, emotional ausgeglichen und zeigen
Bereitschaft zu einem friedlichen sozialen Miteinander.

Vermutlich im häufigsten Fall entsteht jedoch ein mehr oder weniger
stark emotional eingeschränktes, unausgewogenes Selbst. Bei ihm
dominiert die Scham mehr oder weniger stark über den Stolz und im
Bindungsstatus rangiert die Bindung noch über der Loslösung. Hierbei
schützt aber die Bindung den Schwächecharakter im Selbst vor der
erhöhten Scham. Der Preis ist die anhaltend hohe Abhängigkeit von der
Mutter als primärer Bezugsperson.

Diese beiden Selbsttypen machen wahrscheinlich zwei Drittel aller
Selbstkonstruktionen aus. Das ist zunächst einmal nur eine reine
Schätzung, die auf Erfahrungen und Beobachtungen beruht.

Das letzte Drittel teilt sich nun auf in die minderwertigen
Selbstkonstruktionen und die überheblichen oder omnipotenten. Meinen
Beobachtungen zufolge gibt es weit mehr minderwertige
Selbstkonstruktionen als omnipotente. Das hat sicher etwas mit unserer
Erziehungspraxis zu tun, die durch autoritäre, auf Demütigung und Strafe
ausgerichtete Erziehungspraktiken die Kinder zum Gehorsam zwingt. Dabei
läuft sie Gefahr, deren seelisches Kostüm zu beschädigen. Das Kind mit
minderwertigem Selbst besitzt einen zu hohen Schamanteil und kann sich
deshalb in der Loslösung nicht sicher bewegen und verhalten. Es verliert
auf diese Weise mehr an seinem Bindungsschutz, als ihn in der Loslösung
wie bei normaler Entwicklung durch wachsende Autonomie zu verstärken.
Die Kinder wirken in der sozialen Konfrontation mit noch unvertrauten
Personen ausgesprochen ängstlich und unsicher, trauen sich nichts zu
sagen und drücken sich nahe an der Bezugsperson herum. Der Mutterschoß
ist dann ihr Lieblingsplatz. Oft flüstern sie ihrer Bezugsperson ins
Ohr, was diese dann zu Gehör bringen soll.

Omnipotente Kinder dagegen entspringen erziehungsschwachen oder extrem
unsicheren Elternpositionen, die statt ihre Kinder zu strafen, zu
vernachlässigen oder zu misshandeln nahezu permanent in den Himmel heben
und ihnen alles zu Füßen legen, was diese sich im plötzlichen Einfall
wünschen. Auch eine Rückbindung an die Mutter durch falsch verstandenes
Schutzverhalten kann eine solche Entwicklung fördern. Das
„Wunschkonzert“ wächst dann irgendwann ins Unermessliche und lässt das
Selbstwertgefühl auf gefährlich falsche Weise ausufern. Die Bindung
verbleibt mächtig und sonnt sich im zu hohen Stolz. Da aber nur eine
schwache Loslösung zustande kommt ist dieser Stolz eitel und
wohlgefällig und schützt nur dann, wenn er permanent von der Umwelt
bedient wird. Entsprechend hoch sind die Forderungen dieser Kinder an
ihre Mitmenschen. Wohlstandverwahrlosung gibt dieses Bild in gewisser
Weise wieder. Was den Kindern tatsächlich fehlt, sind eine gesunde
elterliche Führung und eine liebevolle Achtung.

Die minderwertigen Selbstkonstruktionen haben sicherlich die größten
Probleme von allen vier Selbsttypen, da ihr Selbstwert sich früher oder
später gegen Null bewegt. Die Kinder fühlen sich im weiteren Leben
ungeliebt, missachtet, verlassen und wertlos. Sie verzeichnen kaum
positive Selbstattributionen und bewegen sich zunehmend am sozialen Rand
ihrer altersgleichen Gruppe. Niemand mag sie mehr leiden, Kinder nicht
und Erwachsene schon gar nicht. Sie bringen keine Spielideen mit und
wirken freudlos und depressiv. Sie trauen sich nichts mehr zu, weil
nahezu alles, was sie einmal wie jedes andere Kind auch mit Stolz und
Selbstüberzeugung begonnen haben, ihnen in seiner Wertigkeit zerstört
worden ist.

Manche Eltern machen aus dieser Form sozialer Abqualifizierung und
persönlicher Entehrung ein Erziehungsprinzip in der Absicht, ihr Kind
auf diese Weise zu noch höherer Leistung anstacheln zu können. Aber
genau das Gegenteil ist der Fall. Die Kinder werden immer mutloser und
selbstkritischer, vernachlässigen ihre Interessen und ziehen sich aus
ihrem sozialen Umfeld und der Gruppe zurück. Sind sie sehr viel älter
und verstehen mit den Medien und dem Computer umzugehen, sind sie
Fernsehdauerkonsumenten und ständige Gäste auf diversen Internetseiten,
die der Kontaktvermittlung dienen.

Ausgewogenes Selbst und einfach unausgewogenes Selbst sind also mit
Abstand die häufigsten Selbstkonstruktionen; sie bestimmten die
Verhaltensweisen der meisten Menschen. Nun darf man sich aber diese
Selbstkonstruktionen nicht als ganz reine Typologien ansehen. Vielmehr
sind sie alle ein bisschen mehr oder weniger auch mit den anderen Formen
gemischt. So besitzt auch das ausgewogene Selbst mehr oder weniger
starke Anteile der Unausgewogenheit und unausgewogene
Selbstkonstruktionen Anteile der Ausgewogenheit. Es kommt demzufolge in
der Eingruppierung hauptsächlich darauf an, welcher Anteil der dominante
ist. Selbst minderwertige und omnipotente Züge sind im ausgewogenen und
unausgewogenen Selbst in geringem Maße enthalten und umgekehrt, aber
eben nur auf einer sehr niedrigen Stufe, so dass sie sich kaum bemerkbar
machen oder doch zumindest gut im Zaum gehalten werden können.

Die Tatsache solcher Überschneidungen erklärt, warum bei klar
definierten Selbsttypen immer wieder auch einmal Ausbrüche in einen
anderen Typenbereich stattfinden, ob rein innerlich ausgelöst durch
anhaltend starken Stress und Spannung oder durch äußerliche Umstände mit
zu hoher Belastung. Auf diese Weise lassen sich Reaktionen bei Menschen
erklären, mit denen man bei oberflächlichem Kennen keinesfalls
gerechnet hat. Im Jugendlichen- und Erwachsenalter kommen solche
unerwarteten Reaktionen immer wieder vor und füllen bei ausreichender
Medienwirksamkeit die Seiten der Presse.





Vom Selbst zum Schuldempfinden und der Moral




Das Selbst ist auch ohne jeden aggressiven Unterton zunächst immer ein
eigennütziges und Ich-schützendes Empfinden. Jede Form prosozialer
Wandlung in altruistisches Mit-Fühlen und Mit-Denken ist ein Akt der
Erziehung, ob durch belehrenden Einfluss oder durch stilles Vorbild. Das
so zu behaupten ist nicht einfach. Denn es gibt in der Vorstellung über
die Entwicklung des Menschen vom Kind zum Erwachsenen darüber sehr
geteilte Ansichten. Eine ganz gegenteilige Ansicht, nämlich die
Behauptung, dass das altruistische Denken im Menschen genetisch angelegt
sei weil über die Jahrtausende der Evolution herausselektiert, habe ich
bereits bei der Diskussion über die Aggression im Menschen
angesprochen. Ich neige nicht zu dieser Theorie.

Es gibt viele religiöse Vorstellungen zu dieser Frage, die die
Auffassung vertreten, dass jedes moralische Denken und Handeln in Form
des Altruismus von einem außerirdischen, das heißt göttlichen Wesen auf
den Menschen übergeht. Der Glaube, so heißt es, gäbe die
Inspirationsquelle dazu. Mit dieser Position möchte ich mich hier aber
noch nicht befassen, denn solche Ansichten bewegen sich außerhalb
entwicklungs- und tiefenpsychologischer Kategorien und verlangen einen
philosophischen Diskurs.

Außerdem ist für mich die Reihenfolge nicht die in der Religion
verankerte, der Mensch sei von Grund auf böse und verderbt (im
christlichen Glauben durch die Erbsünde) und müsse über seinen Glauben
und seine Treue zur Religion zum Guten gewandelt werden. Meine
Reihenfolge ist die, der Mensch ist von Grund auf unschuldig und
tendiert zum Gut-sein. Er muss so aufwachsen können, dass diese
Schuldlosigkeit und Güte ihm erhalten bleiben. Das bedeutet, dass das
Böse im Menschen durch falschen Umgang mit ihm in der Kindheit entsteht
und durch schlechte oder fehlgeleitete Erziehung, konkret gesagt durch
jede Form von Gewalt und gezielter menschlicher Abwertung. Also stehen
die Entwicklung und Erziehung vor der Verankerung sittlich moralischer
Kategorien und bestimmen so die Reihenfolge in der Sozialentwicklung des
Menschen. Diesen Entwicklungsverlauf möchte ich nun im Folgenden
genauer ausführen.

Wenn ich nun der Meinung bin, dass der Mensch tendenziell gut und vor
allem unschuldig auf die Welt kommt, dann heißt das nicht gleichzeitig,
dass er ohne Eigennutz und Aggression durch die ersten Jahre kommt.
Nein, im Gegenteil, und das mag kompliziert klingen, sind dieser
Eigennutz und diese das Selbst verteidigende Aggression als
Grunderfahrung im Leben notwendig, um die Entwicklung zum Guten,
Gerechten und Sozialen einzuleiten. Die Natur im Menschen benötigt
diesen komplizierten Weg, um aus einer - sagen wir - noch unfertigen
Rohmasse von möglichen sozialen Verhaltensweisen, diejenigen
hochsensiblen, äußerst feinen Sozialstrukturen zu ziehen, die für das
moralische und den gegenseitigen menschlichen Wert schätzende
altruistische Handeln notwendig sind. Diese noch „rohen“, unausgefeilten
Verhaltensweisen, die am Anfang des Lebens der Selbsterhaltung dienten
und der Abwehr von Bedrohung und Angst, denen der kleine Mensch
unausweichlich ausgesetzt ist, waren aber erhalten geblieben aus der
gefahrvollen Vorgeschichte des Menschen.

Warum die Natur diesen komplizierten Weg in der Spezies Mensch zu wählen
hatte, hat nun seinen Grund in der hohen Intelligenz ihres
evolutorischen Sprosses. Und diese Intelligenz sehe ich gepaart mit dem
das Selbst reflektierenden Bewusstsein. Denn ohne ein subjektives
Bewusstsein wäre diese hohe Intelligenz nicht möglich. Aber hohe
Intelligenz macht empfindsam, ängstlich und um sein Selbst besorgt, denn
sie ermöglicht den Blick in die Zukunft und sie ermöglicht die Ahnung
von dem eigenen Ende, dem Tod. Denn nur das kluge Wesen erkennt in der
Schwäche und im Sterben des Anderen die Möglichkeit, selbst darunter
leiden zu müssen und dieses Schicksal eines Tages zu teilen. Und diese
Ahnung befällt schon kleine Kinder, zum Beispiel wenn sie den Tod von
Anverwandten, von geliebten Tieren oder auch das Vergehen von Pflanzen
erleben. Drei- oder vierjährige Kinder empfinden echte Gefühle der
Trauer bei solchen Ereignissen ohne zu wissen, warum das so ist. Sie
wissen ja auch noch nicht, aber sie ahnen schon.

Diese Ahnung kommt aus der Empathie, die knapp Zwei- bis Dreijährige
bereits entwickeln, so wie ich es weiter oben beschrieben habe. Und
diese Empathie oder der emotionale Perspektivwechsel ist der Grundstein
zu aller Moralität. Das müssen wir im Gedächtnis behalten. Jedes Kind,
aber auch jedes, muss diese Empathie entwickeln können, sonst wird es zu
einer Gefahr durch die unkontrollierte, zunehmende Intelligenz. Zu
einer Gefahr würde es deswegen, weil es die ursprünglichen Gefühle von
Bedrohung und Angst unabweisbar dazu aufriefen, all seine Intelligenz
allein für die Abwendung von Gefahr und für den Einsatz zum eigenen
Vorteil und Wohl zu verwenden. Aus dem Menschen würde notgedrungen ein
unbelehrbarer, ein unheilbarer Egoist.

Sicher gebundene Kinder haben einen besseren Zugang zu ihren Gefühlen.
Sie lernen an dieser Stelle sehr viel leichter und schneller. Unsicher
gebundene Kinder haben bei dieser Aufgabe schon erste Schwierigkeiten,
denn entweder haben sie erfahren müssen, Gefühle zu vermeiden bzw. zu
verdrängen oder sie haben gelernt, um ihr Selbst ständig kämpfen zu
müssen und doch erfolglos zu bleiben. Erstere wären die vermeidend-
unsicher gebundenen Kinder, letztere die ambivalent-unsicher gebundenen.
Desorganisiert gebundene Kinder haben schon gar keine Plattform mehr,
von der aus die „operieren“ können. Sind sie ausreichend intelligent,
keimt schon in jungen Jahren ein gefährlich antisoziales Potenzial.

Annähernd Identisches gilt für die Loslösung. Gut losgelöste Kinder
haben ihr Selbst schon ein bisschen im Griff. Sie können ihre Gefühle
besser integrieren und verarbeiten. So lässt sich viel leichter in die
Gefühlswelt des Anderen vordringen. Erschwert losgelöste Kinder sind
noch völlig verstrickt im Durchsetzen ihrer ersten Selbstgefühle und
reagieren „rückgezogen“, wenn sie regressiv sind, oder ausufernd
expansiv, wenn sie aggressiv sind. So sind sie entweder „schlecht
gestimmt“ (bis hin zur Depression) und in sich gekehrt oder wütend,
aufgebracht und explosiv und arbeiten sich an der sie einschränkenden
Lebensumwelt ab. Auf die Gefühle der Anderen können sie zwangsläufig
nicht achten. Kinder, deren Loslösung völlig misslingt, bleiben gefangen
in den zerfallenden Bindungsstrukturen und verlieren schon bereits sehr
früh den Bezug zu den emotionalen Aspekten ihrer Umwelt. Damit
verbleiben sie unempathisch und ähneln autistisch veranlagten Kindern.

Die Natur hat wegen dieser elementaren Wichtigkeit den emotionalen
Perspektivwechsel vor den geistig-kognitiven gesetzt. Aber auch der
kognitive ist grundlegend wichtig für jeden Fortgang einer Entwicklung
zum moralisch denkenden und handelnden Menschen. Was dabei auffällt ist,
dass diese Grundelemente der Sozialentwicklung des Menschen schon in
die Selbstentstehung eingebettet sind. Sagen wir besser, das hat sich in
der Evolution so ergeben, denn jede andere Reihefolge hatte wohl fatale
Entwicklungen zur Folge, und die dabei entstandenen Individuen hätten
sich, sobald sie erwachsen waren, in ihrem Egoismus gegenseitig
ausgemerzt.

Der geistig-kognitive Perspektivwechsel (die Theory of Mind) ist die
Voraussetzung für das Erkennen eines schuldhaften Handelns gegenüber den
Normen und Gesetzen einer fest gefügten sozialen Gemeinschaft. Denn
ohne das Verständnis solcher Verhaltensnormen und der Verpflichtung zu
ihrer Einhaltung gibt es keine Schuldvorstellung. Aber die Schuld kennt
zwei Prinzipien, zum einen die Logik der Selbstverursachung, die
wertneutral ist, und zum anderen diejenige im Sinne einer Schädigung des
Anderen (in welcher Form auch immer). Für letztere sind die Fähigkeit
zur Empathie und Mitleid notwendig.

Nun wird langsam klar, in welcher Reihenfolge die geistige Reifung im
Menschen zu einem moralischen Wesen abzulaufen hat. Eine göttliche
Eingebung hätte hier noch gar keine Chance und auch eine religiöse
Belehrung wäre völlig verfrüht, denn erst müssen die Begriffe Schuld,
Reue und Sühne verstanden sein, bevor eine Lehre Gebote und Gesetze in
diesem Gefühls- und Gedankenkonstrukt unterbringen kann.

Das führende emotionale Gefühl der Schuld ist die Reue, vorausgesetzt,
dass der Unrechtscharakter der Tat empfunden werden kann. Die
Verursachung allein löst noch keine Reue aus. So gesehen sind
Kleinkinder bis etwa 3 Jahre nicht imstande, moralische Schuld zu
empfinden. Denn die Reue entwickelt sich aus dem emotionalen
Perspektivwechsel, also aus Empathie und Mitleid mit dem Anderen (dem
Geschädigten), und diese Fähigkeit entwickelt das Kind zuverlässig - wie
oben beschrieben - erst danach. Aus der Reue entsteht beim emotional
gesunden Menschen automatisch das Bedürfnis zur Wiedergutmachung, denn
die Möglichkeit, seinen Fehler zu tilgen, wird als Erleichterung der
inneren Scham empfunden.

Scham ist demzufolge als Gefühl die Voraussetzung für die Reue. Später
gibt es noch eine Form der rationalisierten Scham als faux-pas oder
Blamage. In diese Kategorie gehören auch alle Gefühle der Peinlichkeit.
Ein Kleinkind ist aber weitgehend frei davon, es sei denn, es stünde
diesbezüglich schon unter einer strengen Erziehung.

Die Wiedergutmachung ist also die geeignete Form einer sozialen Tilgung
der eingegangenen Schuld. Sie erfolgt am besten zeitnah und sinnvoll im
Sinne eines materiellen oder auch ideellen Ausgleichs für das, was das
Kind angerichtet hat. Der materielle Ausgleich ist der noch am besten
einzusehende für das Kind, denn ein Kind in diesem Alter denkt noch
stark in konkreten Wertmaßstäben. Ideelle Tilgung der Schuld gelingt im
frühen Kleinkindalter am besten noch durch ausdrückliches Bedauern und
Spenden von konkretem Trost. Umarmung, Streicheln, Pusten auf Wunden
oder ein Pflaster kleben sind die geeigneten Mittel. Das Wort
Entschuldigung lässt sich zwar früh einstudieren, erzeugt aber in diesem
Alter vorläufig nur eine schwache Wirkung im Kind. Das Wort als
Entschuldigung ist in seiner Symbolkraft noch zu theoretisch.

Etwas besser schon funktioniert das Geloben von Unterlassung in der
Zukunft. Auch das ist Teil des sozialen Sich-entschuldigens, aber wegen
seines auf die Zukunft gerichteten Charakters und der Voraussetzung
einer selbstbeherrschenden, inneren Regulation die schwierigere
Variante. Aber wenn es auf das Schulalter zugeht, wird die Unterlassung
immer wichtiger.

Ist das Kind durch Wiedergutmachung in der einen oder anderen Form
seelisch entlastet, kehrt der Stolz zurück in die beschämte Seele. So
lässt sich in der Beschämung das schlechte Gewissen als 1. Stufe der
Schuldanerkennung abgrenzen vom guten Gewissen als der Wiedergutmachung,
durch die dann seine 2. Stufe beschrieben ist. Jedem Kind muss die
Möglichkeit gegeben werden, diese 2. Stufe zu erreichen, damit sein
eigenes Selbst nicht beschädigt zurückbleibt. Denn nur das gute Gewissen
schafft die nötige Motivation, auch in Zukunft immer wieder nach diesem
Schema zu handeln. Verderblich für die Entwicklung des Kindes ist, es
durch Strafe und verbale Entwertung in der 1. Stufe, der der Scham zu
belassen, weil diese Scham sich im Laufe seiner Entwicklung weiter
anhäuft und das entstandene Selbst von innen zerfrisst.

Erst wenn die beschriebenen psychodynamisch konstruktiven
Voraussetzungen im Gehirn des Menschen geschaffen sind, können, das ist
meine Auffassung, moralische Kategorien, Normen und Gesetze, so wie sie
die Gesellschaft aufgestellt hat, in der das Kind lebt, vom Kind
aufgenommen und willentlich beachtet werden. Lässt sich der prosoziale
Grundstock, so wie eben beschrieben, aber nicht oder nur zu einem
gewissen Teil bereiten, wird die Einvernahme der Sitten, Normen und
Gesetz entsprechend schwächer ausfallen oder gar nicht gelingen. Der Weg
in die Dissozialität oder antisoziale Persönlichkeitsstörung ist damit
vorgezeichnet.

Wo also J. Piaget und L. Kohlberg als „Erstbeschreiber“ der moralischen
Entwicklung des Kindes und Jugendlichen mit ihrem Stadium der
Heteronomie bzw. dem präkonventionellem Stadium ansetzen, müssen meiner
Darstellung nach zuerst einmal die Grundlagen im Gewissen geschaffen
sein.

Damit stelle ich eine Theorie der Sozialentwicklung auf, die dasjenige
zur Grundlage hat, worauf die beiden genannten Vorläufer in der
Sozialentwicklung des Menschen aufgebaut haben. Sie konnten seinerzeit,
als sie gearbeitet hatten, die Grundlage in der Form, wie es heute
möglich ist, noch nicht erkennen, weil weder die Entwicklungspsychologie
noch die Hirnforschung weit genug vorangeschritten waren. Ihnen fehlten
wesentliche Bestandteile, die Grundlagen verstehen zu können. Auf der
Basis meiner Beobachtungen und Ableitungen ließe sich nun die
frühkindliche Sozialentwicklung folgendermaßen einteilen:

Die Jahre 1 bis 3 gelten als das Präempathische Stadium. Dieses ist
gekennzeichnet durch die so genannte Affektansteckung, deren neuronale
Funktionen im Wesentlichen in der Aktivität der Spiegelneuronen zu
suchen ist. Das Kind äußert diese Gefühle aber nicht nur im Affekt, den
es mit den anderen Kindern dann teilt, sondern auch in seinen
Als-ob-Spielen. Kaum ein Kind unterlässt es, seinen Teddy oder seine
Puppe zu versorgen und zu pflegen, wie es mütterliche Pflege an sich
selbst gewohnt ist. Funktionen des Übergangsobjektes gehen teilweise mit
in dieses Spiel ein.

Die Jahre 3 bis 6 gelten als das Stadium des doppelten
Perspektivwechsels. Dieses ist gekennzeichnet durch erste emotionale und
dann kognitive Erkenntnisprozesse, in denen das Kind lernt, über die
Gefühle und Gedanken der anderen Menschen selbst nachzudenken.
Gleichzeitig fängt es an, die eigenen Gefühle zu reflektieren und
situativ zu begreifen. Es baut sich eine Mitleidsempfindung auf. Das
Kind macht sich Sorgen um den Anderen. Sein Spiel ist jetzt
hauptsächlich das soziale Rollenspiel. Das Regelspiel wird noch schwer
ertragen, da das Kind die negativen Gefühle, in Nachteil zu geraten,
schlecht aushalten kann. (Ausnahmen bestätigen die Regel)

Die Jahre 6 bis „12“ sind das Prosoziale Stadium. Hier zeigt sich
erstes Verständnis komplexerer sozialer Zusammenhänge. Gewissen und
Vernunft, soweit sie herangereift sind, werden stabilisiert und als
Grundlage für soziale Verhaltensweisen genutzt. Das Kind empfindet Angst
um sich selbst und um die Anderen. Es baut Freundschaften auf von Dauer
und sucht sich Gruppen, in denen es eigene Interessen mit den Anderen
teilen kann. Das Kind führt mit den anderen Kindern Regelspiele aus, übt
sich im Wettbewerb und lernt mit Gewinnen und Verlieren umzugehen. Es
lernt sich selbst einzuschätzen und eine erste soziale Rangaufteilung
daran auszurichten.

Die Jahre „12“ bis „24“ stehen für das Interreaktive Stadium. Es umfasst
die Zeit der Pubertät und Adoleszenz. Der Gewinn an Sozialverhalten ist
in dieser Zeit derart komplex und umfassend, dass er hier nicht weiter
abgehandelt werden kann.

Die Jahresangaben im Schulalter und in der Adoleszenz sind nur grob und
an der Verdopplungsmechanik der Zahlen ausgerichtet, damit man sich die
Lebensabschnitte leichter merken kann. Daher die „Gänsefüßchen“. Ganz
willkürlich sind sie allerdings nicht.





Ausblick auf die Vernunft




Bleibt zum Abschluss noch ein Blick zu werfen auf die geistige Reife der
Vernunft, die sich im emotionalen Teil des Gehirns (anteriore
Basalganglien, Limbisches System, cingulärer Cortex und Frontalhirn) mit
dem Gewissen verbindet. Ohne weiter auf die gesamte Philosophie der
Aufklärung eingehen zu wollen, die bekanntermaßen für die Ausrichtung
des menschlichen Denkens auf Objektivität, Wissenschaftlichkeit und
Vernunft steht, möchte ich die vielleicht wichtigste geistige Größe
hierzu aus der Geschichte, Immanuel Kant, kurz erwähnen. Kant erklärte
die menschliche Vernunft aus der geistig-kognitiven Besonderheit des
Menschen als dem einzigen mit Intelligenz begabten Wesen in der Natur.
Diese Intelligenz unterscheidet er von der triebhaften, den
Leidenschaften unterworfenen Eigenschaften des Menschen und führt aus,
dass der Mensch verpflichtet sei, seine intelligente Seite in der
Vernunft zu entwickeln und seine triebhafte, von Leidenschaften geprägte
mittels der Vernunft unter Kontrolle zu bekommen. Mit dieser Forderung
erhebt er den Menschen über seine natürliche Körperhaftigkeit hinaus zu
einem „Geistwesen“ als einem Ding „an sich“, das sich vergleichbar allen
„Dingen an sich“ in der Natur in diesem Punkt nicht mehr vollständig
erkennen kann. Von dieser Seite her nimmt er den Anspruch an sittlich
gutes Verhalten, das der Mensch einzig mit der Freiheit seines Willens
(zum Besseren) und gemäß der Maxime des „kategorischen Imperativs“
umsetzen soll.

Ein solches Umsetzen sieht Kant aber nicht als eine Tugend an, sondern
als eine Pflicht des Menschen der Allgemeinheit gegenüber. Jeder Mensch,
so behauptet er, habe „Ding an sich“ den Maßstab der Sittlichkeit in
sich. Über die Intelligenz eignet er ihn sich an, und im kategorischen
Imperativ setzt er ihn um. Aus diesen theoretischen Vorgaben entwickelt
Kant seine praktische Ethik.

In der Konstruktion der Entwicklung zur Vernunft, so wie ich sie hier
auf dem Boden der Entwicklungspsychologie und der Psychodynamik der
Emotionen vornehme, sind ganz andere Vorausgaben gemacht.
Triebhaftigkeit und Emotionen (Leidenschaften) werden als unteilbar oder
untrennbar mit der geistig-kognitiven Entwicklung angesehen. Es wird
sogar gezielt eine Kausalität zwischen beiden Instanzen in den
menschlichen Ausdrucksweisen gesehen. Die Emotionen müssen dabei der
kognitiven Entwicklung vorausgehen, damit letztere sozial richtig
eingespurt wird. Nichts ist verderblicher für die soziale Entwicklung
als die kalte, von den Emotionen abgetrennte Intelligenz.

Über den beherrschbaren Willen, der sich aus den vielen durch Bindung
und Loslösung ins positive Fühlen gewendeten ansonsten aber negativen
Lebensvoraussetzungen ergibt, und über die Ausbildung von Empathie sowie
den geistigen Perspektivwechsel, daher doppelter Perspektivwechsel,
entsteht das Gewissen auf der Basis von Stolz und Scham. Gemeint ist
aber nicht das allgemein geläufige Gewissen, das der Religion oder der
Tugendhaftigkeit des Menschen entspricht. Gemeint ist vielmehr das
Gewissen, das auf dem Wege der emotionalen Verarbeitung frühkindlicher
Erlebnisse und Erfahrungen mit seinen nahen und ferneren Bezugspersonen
zustande kommt. Führend für dieses Gewissen sind wie gezeigt die
balancierten Gefühle von Stolz und Scham auf der Basis bindungsbezogener
und attributiver Vorerfahrungen. Dieses Gewissen wird dann zum
konstruktiven Bestandteil des emotional geprägten Selbst. Jedes spätere
Hinzulernen solcher auf dem Gewissen fußenden
Selbstregulationsmechanismen wird nur noch rational angelagert. Sein
Einfluss auf die Lebensgestaltung und ein, sagen wir ruhig, tugendhaftes
Verhalten sind weitaus geringer wirksam, als das im Selbst verankerte
prosoziale Denken und Handeln bereits in früher Kindheit.

Rüdiger Posth, 2012






Lesen Sie hier weiter:


Teil 1: Die Erlebniswelt des Säuglings

Teil 2: Fremdeln und Anhänglichkeit

Teil 3: Loslösung, Trotz und Selbstbewusstsein

Teil 4: Selbstentstehung und die Entwicklung von Moral und Vernunft

Teil 5: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

© Copyright 2013 - Dr. med. Rüdiger Posth











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19

Samstag, 13. April 2013, 19:16

Das emotionale Bewusstsein

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von Rüdiger Posth

Teil 5

Wie gelingt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Frühe Fremdbetreuung, Kinderkrippe und Kindertagesstätte.



Liebe Eltern,




es gibt - nicht nur hier im Forum - ein großes Missverständnis bei der
Beantwortung der Frage, ob der Anspruch, gleichzeitig einer
Erwerbsarbeit nachzugehen und eine gute Mutter zu sein, grundsätzlich zu
erfüllen ist oder nicht. Das Missverständnis besteht darin, dass einige
Mütter glauben, die Auffassung derjenigen Fachleute oder
Wissenschaftler, die eine solche Vereinbarkeit eher skeptisch betrachten
oder darin geradezu einen Widerspruch sehen, liefe auch gleich auf eine
vollständige Ablehnung hinaus. Das ist nicht der Fall.



Aber es wirft eine neue Frage auf. Wenn Vereinbarkeit angestrebt werden
soll, wie müssen dann die Lebensverhältnisse in der Gesellschaft
gestaltet sein, damit Familie und Beruf in ihrer parallelen Ausübung
nicht zum Schaden der Kinder gereichen. In den folgenden Ausführungen
will ich mich damit beschäftigen, wie dieser Anspruch verwirklicht
werden kann, und trotz einiger Entbehrungen für die Kinder etwas Gutes
für die Familie dabei herauskommen kann.



Die Unentschiedenheit der Kritiker in der Sachfrage macht die
öffentliche Diskussion eher komplizierter als klarer, weil jetzt die
Feindbildfunktion nicht mehr so einfach gelingt. Also werden diese
Kritiker willkürlich einfach zu Gegnern gestempelt. Einen größeren
Fehler kann man dabei jedoch nicht begehen. Denn die Darstellung einer
kritisch hinterfragenden Gruppierung in der Bevölkerung als Feind
behindert jede fruchtbare Diskussion.



Ich will im folgenden Text also auch versuchen, die Skepsis der
Fachleute und auch vieler engagierter Laien zu begründen, vor allem aber
gleichzeitig erklären, dass frühe Fremdbetreuung, und um die geht es
hier in der Hauptsache, auch sinnvoll sein kann und für die Kinder
unschädlich. Dabei komme ich zugleich auf den berechtigten Anspruch der
Mütter zu sprechen, ihre berufliche Tätigkeit mit einem gesunden
Familienleben zu verbinden und damit die Berufstätigkeit beider Eltern
zu ermöglichen.



a) Frühe Fremdbetreuung als Experiment mit Kindern?




Ich spreche bewusst von „den Skeptikern“, denn bei der heutigen realen
Faktenlage der mit einem weitgehenden Vollzeitjob beider Eltern
unvermeidlich verbundenen frühen Fremdbetreuung der Kinder, ist eine
Empfehlung für diese Betreuungsform nicht so einfach auszusprechen. Man
darf nicht vergessen, dass hier eigentlich eine Art Experiment gestartet
wird, eines, das durch so gut wie keine gültigen Studien abgesichert
ist und das sozialpolitisch bei problematischer Kassenlage im Moment
weitgehend nur durchgeboxt wird. Fehlende gültige oder valide Studien
heißt nun aber keinesfalls, dass es ausreicht, einen Blick in andere
Länder zu werfen und auf deren Erfahrungen zu vertrauen. Man muss sich
auch die Mühe machen, im eigenen Land unter den landesspezifischen
Bedingungen zu untersuchen, ob das Vorhaben auf Dauer unschädlich ist
für die kindliche Entwicklung oder nicht. Ähnliche Verhältnisse liegen
im Umgang mit der Ökologie vor, bei der das Vorbild Ausland auch nicht
unkritisch übernommen wird.



Zwar gibt es in einigen dieser Länder tatächlich Studien, sogenannte
Längsschnittstudien, die die Entwicklung der Kinder aus früher
Fremdbetreuung bis ins Jugendalter begleiten (z.B. die NICHD-Studie in
den USA). Und sogar in Deutschland gibt es hierzu Studien, z.B. die
Mannheimer Längsschnittstudie. Aber die Aussagekraft all dieser Studien
ist beschränkt, denn die Kriterien der Bindungstheorie sind bislang
nirgendwo eingearbeitet. Dennoch zeigen diese Studien eines
übereinstimmend; ihre Ergebnisse sind, was die Entwicklung der Kinder
angeht, nicht unbedenklich. Weiter unten komme ich darauf wieder zu
sprechen. Dieses Wissen veranlasst mich dazu zu sagen, wir machen ein
Experiment mit unseren eigenen Kindern, der nächsten Generation also.
Damit gehen wir ein hohes Wagnis ein!



Ich möchte diesen Standpunkt noch ein wenig präzisieren: Gute oder
schlechte Verhältnisse in anderen Ländern in was für Dingen auch immer
gibt es bekannterweise auf unserem Globus reichlich. Ein so hoch
zivilisiertes und demokratisiertes Land, wie das unsrige, das viel Wert
auf Kultur, Freiheit und Menschrechte legt, tut gut daran, schwer
überprüfbare Modelle anderer Länder nicht vorschnell zu übernehmen.
Ziehen wir vergleichbare Vorgänge heran: Von Land zu Land verschiedene
Ansichten oder Vorschriften gibt es für Nahrungsmittel, für die
Verwendung von Medikamenten, für den Umgang mit Energie und jeder
anderen Ressource und neuerdings sogar für die Nutzung von Atomkraft. Da
wird dann aber nicht einfach etwas von einem anderen Land übernommen,
weil es dort als gut und richtig bezeichnet wird. Alles wird hier in
unserem Land noch einmal hinterfragt und einer genauen Prüfung
unterzogen. Aber bei Kindern wird nicht weiter nachgefragt. Da heißt es
schlicht, die anderen machen es doch auch.



b) Der politische Aspekt der frühen Fremdbetreuung




Was das Heranziehen anderer Länder betrifft, gibt es Folgendes
einzuwenden: Schon allein auf unserem eigenen Territorium lehrt die
Vergangenheit, wie schwierig das mit der frühen Fremdbetreuung ist. Das
von mir angesprochene Land auf unserem eigenen Boden hieß einmal
Deutsche Demokratische! Republik. Es existiert nicht mehr. Vielleicht
deswegen, weil in diesem Land trotz des Begriffes Demokratie in der
Staatsbezeichnung das Volk wenig Rechte besaß und die Kinder am
allerwenigsten. In den kapitalistischen Ländern wird allerdings auch
enttäuschend wenig nach dem Recht und den Interessen der Kinder gefragt.
Da müssen z.T. die Kinderrechte der Menschenrechtskonvention überhaupt
erst einmal anerkannt und in nationalen Gesetzen verankert werden. Aber
selbst wenn das geschehen ist, wird einfach nicht mehr weiter darüber
nachgedacht, was eigentlich das Kind möchte und welches Recht das Kind
besitzt, eine freie und seelisch gesunde Kindheit zu erleben.



Nun ist es ja nicht so, dass Familie und Job oder Beruf definitiv
unvereinbar wären. Aber die strikte Trennung von Arbeitsplatz und
Familie und die Unterbringung der Kinder in Gruppen, die von oft
unzureichend geschultem Personal (das ist noch einmal ein Thema für
sich) während der Arbeitszeit der Eltern betreut werden, ist zunächst
einmal nicht mehr als nur die billigste Lösung. Nebenbei hat sie den
unausgesprochenen Vorteil für den Staat, die Kinder gleich von
Kindesbeinen an auf seine Ideologie, sein System einschwören zu können.
Was das bedeuten kann, dafür brauchen wir nicht bis ins ferne Nordkorea
zu schauen, wir müssen uns eben nur an unsere eigene Vergangenheit
erinnern.



Erinnern müssen wir uns also auch an die Zeit vor sechzig bis siebzig
Jahren, als der Sozialismus noch mit dem Begriff „National“ verknüpfte
wurde. Also ob Sozialismus, Nazismus oder jetzt Turbokapitalismus, die
Methode ist immer dieselbe, der Staat verbreitet die Ideologie von einer
zwingenden Notwendigkeit, alle Arbeitskräfte in den Markt zu schicken
und deren Kinder, die den Fortbestand der Gesellschaft sichern müssen,
in staatliche gelenkten Kinderbetreuungsstätten großzuziehen. Ich für
meinen Teil glaube nicht daran, dass in diesem Erziehungssystem das Wohl
der Kinder - wie behauptet - im Vordergrund stünde.



Damit nun keiner im System sich dabei gegängelt und missbraucht fühlt,
werden ideologisch aufgerüstete Parolen ausgegeben, die die gewünschte
Vollbeschäftigung als emanzipatorischen Gemeinschaftsakt der
Gesellschaft hochstilisieren und jede Form von individueller Vorstellung
über Erziehung in der Familie als rückständig brandmarken. Politische
Ökonomie geht hier über psychosoziale Ökologie. Die geschickte
Verbindung mit der angeblichen Bildung des Kindes von Anfang an, für
deren offensichtliche Instrumentalisierung die Migrationskinder als
erschreckendes Beispiel von Bildungsferne Pate stehen müssen, ist nur
eine der Methoden von Meinungsbeeinflussung des Volkes.



Wie denn, fragt sich der aufgeklärte Bürger, waren die früheren
Generationen gebildet, die alle erst mit 4 Jahren in den Kindergarten
kamen und manche von ihnen überhaupt nicht. Waren die großen Denker in
unserem Volk, die Künstler, Handwerker und alle klugen Leute in
Wirklichkeit nur bildungsferne Dummköpfe und wir haben es nicht gemerkt?
Und was ist mit unserer eigenen Generation, die jetzt die Geschicke des
Landes lenkt und deren Vertreter auch alle erst mit 4 Jahren in den
Kindergarten gegangen sind? Sind wir auch ungebildete Dummköpfe? Oder
dürfen wir nicht vielmehr auf ein Privileg zurückblicken, unsere ersten
Lebensjahre in der Familie verbracht zu haben mit allen Angeboten zur
Bildung, die ihr zur Verfügung standen?



Wer an dieser Stelle in der Politik am lautesten schreit, hat
wahrscheinlich zu wenig in seine eigene Vergangenheit geschaut. Und
dabei ist ihm dann auch entgangen, was ein Kind als allererstes braucht,
nämlich Bindungen und ein zuverlässiges Elternhaus, das ihm Vorbild ist
und seine individuelle Entwicklung fördert.



c) Eine neue Kinderpsychologie weist den Weg




Um das zuverlässige Elternhaus nun beurteilen zu können, kennt man seit
ungefähr zwanzig Jahren die Erkenntnisse der Bindungstheorie. Diese
sind, was die psychosoziale Entwicklung von Kindern angeht, so etwas wie
ein Grundsatzkatalog. Und so wie sich vor gut hundert Jahren die
Psychologie und Psychiatrie aufgemacht haben, die Gesetze der
menschlichen Seele, soweit sie zu verstehen sind, zu erkunden und in das
Leben der Gesellschaft hineinzutragen, immer in der besten Absicht, die
Grausamkeiten der seelisch weitgehend blinden Jahrhunderte davor ein
bisschen menschlicher zu gestalten, so hat sich vor gut fünfzig Jahren
die Bindungstheorie aufgemacht, die Irrtümer und Belastungen der frühen
Kindheit aufzuklären und fortan zu verhindern.



Wer also heute in den seelischen Entwicklungsprozess eines Kindes so
massiv eingreifen möchte, dass er Kinder reihenweise in Gruppen vom
ersten Lebensjahr erziehen lassen will, und westliche Industrienationen
sind gerade dabei genau das zu fordern, der muss sich erst einmal sehr
detailliert mit den Entwicklungsprozessen des Menschen in der frühen
Kindheit auseinandersetzen. Was beim Finanzgebaren und der
Energiepolitik von Staaten an Kenntnissen erwartet wird, dürfte doch in
der Behandlung von Menschen nicht zuviel verlangt sein! Bei körperlicher
Gesundheit wäre das überhaupt keine Frage, denn welche staatliche
Institution würde an seine Bürger von der Verträglichkeit her noch
kritische oder über das Haltbarkeitsdatum hinaus gelagerte Lebensmittel
in den Umlauf bringen lassen? Welcher Staat würde für den Menschen
gefährliche oder die Umwelt belastende Energieerzeuger heute noch
genehmigen? Der Staat beansprucht doch für sich die Schutzfunktion für
seine Bürger auszuüben; und was sind die Kinder?



Wie gesagt, dass frühe Fremdbetreuung in anderen Ländern seit Jahren
gang und gäbe ist, ist kein Argument für unseren Staat, sie ungeprüft
für unsere Kinder zu übernehmen. Natürlich gibt es auch in der frühen
Fremdbetreuung Bindungen, aber diese sind viel weniger stabil als in der
Familie, sind zumeist von kurzer Dauer, und vor allem entstehen sie zu
Menschen, die nicht mehr Mutter oder Vater sind. Alle Eltern, die ihre
Kinder früh und vor allem langwierig weggeben, müssen damit rechnen, auf
Dauer nicht mehr als Eltern von ihren Kindern anerkannt zu werden.
Zumindest gibt es starke Konkurrenz durch die öffentlichen
Erziehungspersonen. Das ist eine schicksalhafte Entwicklung, für die es
dann keine Umkehr mehr gibt.



Und jene schwach, viel und wechselnd gebundenen Kinder, die allesamt im
Laufe ihres Lebens mehr oder weniger starke Bindungsprobleme entwickeln,
weil sie keine ganz festen und über ihre gesamte Kindheit hinweg
zuverlässigen Bezugspersonen mehr haben, sind vermehrt anfällig für
aggressive Verhaltensweisen mit Störungen im Sozialverhalten sowie für
emotionale Störungen mit Angsterkrankungen, Depressionen, Sucht und
soziale Ängste. Dieses Ergebnis jedenfalls fördern alle bisher
durchgeführten Längsschnittstudien zutage.

Anfällig sind diese Kinder darüber hinaus für die Gruppen- und
Bandenbildung in der Jugend, wo sie dann von Verführern aller Art
leichtens aufgelesen werden. Ist die Pubertät schon für gut und sicher
gebundene Kinder eine problematische Phase im Zwiespalt zwischen noch
bestehender Bindung an zu Hause und Neuorientierung in freiwillig
ausgesuchter Gruppenbindung, um aus dem Elternhaus in die Gesellschaft
herauszutreten, ist dieser Prozess für bindungsschwache Kinder ein
reines Herausstolpern aus allen gelösten Bindungen verbunden mit hoher
Sturzgefahr.



d) Die Not der Eltern mit der frühen Fremdbetreuung




Aber auch die Eltern und nicht nur die Kinder haben bei der Forderung
des Systems nach früher Fremdbetreuung Probleme, Probleme, die ihnen oft
gar nicht oder erst zu spät bewusst werden. Das allererste ist das,
dass sie ihre Kinder weggeben müssen für eine Sache, die ihnen im Grunde
gar nicht lieb ist. Im tiefsten Grunde ihres Herzens spüren sie, dass
es ihren Kindern nicht gut tut, fort von Mutter und Vater von fremden
Personen über große Teile des Tages erzogen zu werden. Sie spüren die
Veränderungen ihrer Kinder zu Hause und sind über verschiedene
Verhaltensweisen regelrecht erschrocken. Diese Verhaltensweisen zeigen
sich zuerst in Entwicklungskrisen und Beziehungsstörungen. Das ist nicht
immer so, aber überproportional häufig. Will man die Störungen
reparieren, ist ein hoher familienpsychologischer Aufwand nötig. Also
lässt man es so laufen und hofft auf spontane Besserung. Das Zauberwort
dazu heißt: das Kind wird sich schon anpassen. Das jedenfalls propagiert
die zugehörige Pädagogik. Aber diese Anpassung hat ihren hohen Preis,
den letztendlich das Kind zahlt mit Veränderungen und Einschränkungen in
seiner emotionalen, psychosozialen und letztlich auch kognitiven
Entfaltung.



Das zweite Problem ist der Zwiespalt zwischen finanzieller Notwendigkeit
des Doppelverdienertums und dem Bedürfnis nach einer intakten Familie.
Weil das System beides gleichzeitig für unmöglich erklärt und statt
einer Sowohl-als-auch-Lösung nur eine Entweder-oder-Lösung bietet, fügen
die Menschen sich dem geforderten Trend nach Höherwertung des Berufs
verglichen mit Hausarbeit und Kindererziehung und wählen den
vorgezeichneten Weg: das Kind am Tage weggeben, damit beide Eltern
arbeiten können. Erst abends dann gibt es die Familie wieder oder
vielleicht noch am freien Wochenende. Irgendwann kommt dann das Gefühl
einer Entfremdung von den eigenen Kindern auf. Und bei den Kinder kommt
das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wer denn jetzt meine Mutter und wer
mein Vater ist.



Mit dieser Feststellung gelange ich zu dem brandheißen Thema der Familie
an sich. Es ist heutzutage inopportun, die Familie als den idealen Ort
für das Großziehen von Kindern auszurufen. Allzu leicht zieht man sich
in der Öffentlichkeit der Erwachsenen den Ruf einer Rückständigkeit zu.
Bei den Kindern ist das selbstverständlich ganz anders, aber die fragt
besser niemand. Insbesondere die aktuelle Politik ist geneigt, die
Familie als soziales Auslaufmodell zu charakterisieren, weil sie als
Hüterin ihres Systems sonst in Argumentationsschwierigkeiten geriete.
Nicht zuletzt bietet die Familie eine Unüberschaubarkeit der
individuellen Meinungsbildung, in einem demokratischen System eigentlich
unabdingbare Grundlage, aber jetzt infrage gestellt.



In Wahrheit gibt es überhaupt keine klare Polarisierung zwischen der
Familie und der Arbeit von Männern und Frauen bei gemeinschaftlicher
Erziehung der Kinder. An diesem Punkt komme ich wieder auf das große
Missverständnis zurück, von dem ich eingangs sprach. Biologisch gibt es
grundsätzlich keine Alternative zur Familie, denn nur Mann und Frau
können ein Kind zeugen, und sie haben die Aufgabe es gemeinsam
großzuziehen. Die Familie ist der Biotop des Kindes. Gemeinschaftliches
Verhalten und psychosoziale Kompetenz lernt der Mensch hauptsächlich in
der Familie. Ob der Biotop gesund ist und Früchte tragend oder schlecht
und verderblich, ist zunächst einmal eine zweite Frage. Denn an diesem
biologischen Gesetz gibt es keinen Zweifel und die Triadik in der
psychosozialen Entwicklung, erst Bindung, dann Loslösung und darauf
folgend das autonome Selbst ist so unumstürzlich wie die Tatsache, dass
sich die Erde um die Sonne dreht.



Ein Gesellschaftssystem, das in diesen biologischen und weiter gedacht
auch den biopsychosozialen Prozess von oben herab eingreifen möchte,
vorzugsweise damit es als System überleben kann, riskiert sein Scheitern
auf dem Fuße. Dafür gibt es wie gezeigt Beispiele noch in der jüngsten
Geschichte. Aber wie gut geschichtliche Beispiele korrigierend wirken
und wie klug sich nachfolgende Generationen danach richten, ist ein eher
trauriges Kapitel in der Menschheitsgeschichte. Es hat den Anschein,
als müssten alle Fehler, zugegeben auf einem höheren Niveau, immer
wieder neu gemacht werden, ausgehend von der überheblichen Haltung des
jeweils herrschenden Systems, alles besser zu machen als es je gemacht
worden ist. Diesem Irrtum erliegen nicht nur politische Gruppierungen,
sondern die Regierungen selbst und ganze Systeme, offenbar unabhängig
von ihrer gesellschaftstheoretischen Gesinnung. Es stünde uns zweifellos
besser zu Gesicht, aus alten Fehlern zu lernen und keine neuen mehr zu
begehen.



e) Das System Familie




Konkret gesprochen hat die Familie bei Säugetieren eine biologische
Funktion und erfüllt einen existenziellen Auftrag. Menschspezifisch ist
sie wegen der überhaus komplizierten emotionalen und psychosozialen
Entwicklung der menschlichen Nachkommenschaft. Die Kompliziertheit
besteht darin, dass das überaus intelligente biologische Wesen Mensch,
anders als vielleicht zu erwarten, große Schwierigkeiten im Aufgehen in
der Gemeinschaft der Individuen entwickelt. Denn die Intelligenz ist
nicht zwangsläufig geartet, Sozialität über Eingenutz zu stellen.
Vielmehr ist sie bestrebt, den eigenen Vorteil stets über die
Unterordnung in der Gruppe zu setzen und sich wenn nötig rücksichtslos
gegenüber der Gemeinschaft zu verhalten. Einzig die frühe Ausbildung
sozial verträglicher Eigenschaften wie Empathie und Mitleid,
Hineindenken in die Vorstellungswelt des Anderen und Ausbildung von
Gewissen und Vernunft sind in der Lage, den angeborenen
egozentristischen Akzent des Denkens zugunsten der Gesellschaft zu
regulieren. Für den Erwerb dieser prosozialen Funktionen benötigt der
Mensch aber unverzichtbar die Familie.



Für ein erfolgreiches und vor allem verträgliches Sozialverhalten müssen
die notwendigen Funktionen im menschlichen Frontalhirn in das
Selbstgefühl (die Vorstellung des eigenen sozialen Funktionierens) und
in den Persönlichkeitskern als das Ich konstruktiv mit eingebaut werden.
Das gelingt nur über die innerseelische Vereinnahmung
beständig-stabiler und vorbildhafter Bezugspersonen insbesondere über
die Identifikation mit anerkannten und geliebten Eltern. Mit fremden
Bezugspersonen gelingt dieser Vorgang nur dann, wenn er extrem früh und
unter Ausschluss von starken konkurrierenden Bezugspersonen stattfindet
(z.B. bei der Adoption). Wie das geschieht, das lehrt die erweiterte
Bindungstheorie. Es bedeutet, dass die intakte Familie jeder
Fremdbetreuung in Gruppen frühpädagogisch deutlich überlegen ist.
Vollständige Kollektiverziehung als alternative Erziehungsform hat in
allen bisher dazu bekannten Systemen versagt.



Die Tatsache, dass heutzutage aus verschiedenen Gründen, die gesondert
zu beleuchten wären, viele Familien vorzeitig auseinanderbrechen, ändert
nichts am Prinzip. Das Leben der modernen Familien findet in großen
Volksgemeinschaften statt, viel größer als jemals Völker gewesen sind.
So ist es zwangsläufig extremen Belastungen ausgesetzt. Der Lebensalltag
ist kompliziert geworden, das Beziehungsgefüge großen Irritationen
ausgesetzt. Dazu kommt, dass eine strickte Trennung von Wohnbereich und
Arbeitsplatz die Familien über viele Stunden am Tage auseinanderreißt.
Überdies fordern die Berufe immer mehr Arbeitszeit und immer höheren
Arbeitseinsatz. Dies sind die systemischen Voraussetzungen unserer
Volkswirtschaften, die sich untereinander auch noch in einem
hochdynamischen Konkurrenzprozess befinden. Das verschärft die
Belastungen für den einzelenen Menschen weiterhin. Die Globalisierung
des weltweit inzwischen weitgehend vereinheitlichten Wirtschaftssystems
trägt noch einmal zusätzlich dazu bei. Die Familie als kleinste soziale
Einheit wird darunter förmlich zerrieben.



Aber neben dieser weltpolitischen Bedrohung der Familie gibt es auch die
hausgemachte, individualstaatliche. Da das Grundprinzip der Familie als
entscheidender Raum des Wachstums für Kinder bekommt auf mehrfache
Weise Risse. Durch die Entfernung des Menschen von der Natur, aus der
erstammt, und auch von seiner eigenen Natur, die sein Funktionieren
ausmacht, gehen wesentliche Verankerungen im seelischen Gefüge verloren.
Für viele Menschen stellt sich die Familie nur mehr als ein das Selbst
und die Persönlichkeit eingrenzender Ort dar. Die Vorstellung der
Familie als Übertragungsort guter sozialer und kognitiver Eigenschaften
von Eltern auf Kinder existiert so gut wie nicht mehr. Da heißt es
schnell, dass ein Sich-stundenlang-beschäftigen mit dem eigenen
Nachwuchs Verschwendung eigener Ressourcen und Fähigkeiten darstelle.
Die Vorstellung einer biologischen Notwendigkeit, ja Pflicht, sein Kind
seelisch gesund in die Gesellschaft zu führen, wird grundsätzlich
infrage gestellt.



Mit der politischen Parole, alle potenziellen Arbeitskräfte auf den
Markt schicken zu müssen und ihre Fähigkeiten zu nutzen, wird die
Fähigkeit eben derselben Menschen, ihren Kindern emotional und sozial zu
nutzen, abgesprochen. Auf der anderen Seite wird dann genau diese
Fähigkeit, Kinder emotional und sozial zu versorgen, als Ausbildung an
Fach- und Hochschulen wieder angeboten, freilich weit weg von aller
praktischen Anschauung mit Kindern und quasi vom Reißbrett. Auf diese
Weise wird das Großziehen der Kinder, das in der Familie auf natürliche
Weise funktioniert, dann beruflich institutionalisiert mit einem
emotional unverbundenen, weil nicht mit gewachsenem, Personal, das die
angestammten Eltern ersetzen oder sogar verdrängen soll. Die so von der
Erziehungsaufgabe zum Teil entbundenen Eltern können daraufhin in andere
Berufe geschickt werden, wo man sie gesellschaftlich und
sozialpolitisch besser gebrauchen kann. Im gleichen Atemzug sollen also
Menschen, die zunächst einmal keinerlei Bindung zu ihren zukünftigen
Zöglingen haben, die Eltern ersetzen, denen man die natürliche Bindung
und Erziehungspflicht ausgeredet hat oder schlimmstenfalls noch durch
wirtschaftliche Zwänge auseinandergerissen hat. Wie viel Humanismus hat
eine solche Gesellschaft eigentlich noch zu bieten?



f) Ein Lösungsvorschlag für das entstandene Sozialproblem




Was wäre zu tun? Der politische Ruf lautet bekanntermaßen: baut die
Krippen aus und verpflichtet Mütter und Väter in die Berufe. Anders wird
unsere Volkswirtschaft im globalen Wettbewerb der Märkte nicht mehr
erfolgreich bleiben. Das notwenige Geld wird hierfür abgezweigt, wenn
auch viel zu wenig. Abgesehen einmal von den vermutlich völlig falschen
Anschauungen zu dieser Gegenüberstellung von globalen Märkten und
sozialen Binnenverhältnissen wird die Frage nach der Menschlichkeit
leichtfertig auf dem Altar der sozialen Marktwirtschaft geopfert. Die
Menschlichkeit einer Gesellschaft bemessen wir doch, und darin sind sich
alle Politiker einer aufgeklärten und säkularisierten Gesellschaft
einig, an ihrem Umgang mit den schwächsten Mitgliedern. Es braucht nicht
weiter begründet zu werden, dass die Kinder neben den sozialen
Randgruppen diese schwächsten Mitglieder sind. Aber ihr Anliegen findet
so gut wie kein Gehör oder wird in Anmaßung einer Beurteilungsfähigkeit
ihrer Lebenswelt aus Erwachsenensicht unter den Tisch geredet. Es gibt
noch ein Gruppe von Menschen in unserer Gesellschaft, denen ähnliches
widerfährt, ich spreche von den Alten.



Die frühe Fremdbetreuung kann, wenn sie gelingen soll, nur eine Familien
ergänzende Maßnahme sein für den Fall, dass einer der beiden Eltern
oder sogar beide ihre Erziehungsaufgabe zu Hause nicht leisten können.
Dies wäre die entscheidende Bedingung, die zu machen ist. Denn das
Funktionieren der Volkswirtschaft auf einem System von Vollbeschäftigung
der gegenwärtlichen Generation bei gleichzeitiger Fremderziehung der
zukünftigen aufzubauen, ist menschlich und vermutlich auch
wirtschaftlich ein viel zu großes Risiko. Wir dürfen ja nicht nur an die
gerade arbeitsfähigen Menschen denken, sondern müssen vor allem auch an
die nächste und übernächste Generation denken. Und was wissen wir über
deren potenzielle Schädigung? Die neuesten Forschungsergebnisse der
Epigenetik mit transgenerationalen Veränderungen des menschlichen Genoms
durch Traumatisierung der vorangegangenen sollten uns eine Warnung
sein. Fremdbetreuung kann also nur dann gelingen, wenn man
grundsätzliche Einschränkungen macht und ihre Durchführung strengen
Qualitätskriterien unterzieht. Wie diese Kriterien auszusehen haben,
davon wird gleich die Rede sein.



Vorher soll noch Folgendes besprochen werden: Es ist fraglos richtig zu
beklagen, dass die in ihrer Wohnblockwohnung isolierte Mutter mit ein
oder zwei Kindern, die den ganzen Tag auf dem Boden spielend verbringt,
Windeln wechselt und Essen zubereitet, ihre Fähigkeiten unterfordernd
eingesetzt ist. Aber diese Vorgänge in der Natur haben eine andere
Wichtigkeit als die, die man mit intellektuellen, kulturellen oder gar
finanziellen Wertmaßstäben beurteilen kann. Hier auf dem Boden des
Kinderzimmers geht es um existenzielle Werdungsprozesse. Wir Menschen
sind heute nur nicht mehr in der Lage, das eigene Existieren und was
damit grundsätzlich verbunden ist, als besondere Größe im Leben
anzuerkennen. Und so sprechen wir auch den Kindern diese
Grundbedürfnisse ab, die sich in der Tat auf einer weit einfacheren
Ebene bewegen, als wir Erwachsenen das noch gewohnt sind. Aber das Leben
eines Menschen beginnt nun mal auf dem Boden, im Spiel und in der
scheinbar eintönigen Wiederholung recht simpler Handlungsabläufe. Wir
Erwachsenen sind nicht mehr in der Lage, das für unsere Kinder
abzuleisten, weil wir das Geschehen selbst längst bis zur
Bedeutungslosigkeit abqualifiziert haben. Aber gerade das ist es nicht!



Ursprünglich wurde dieses Problem durch großfamiliäre Hilfe gelöst, und
das angestrengte existenzielle Erleben der Einfachheit von natürlichen
Vorgängen wurde gemeinschaftlich bewältigt und war überhaupt kein
öffentliches Thema. Das Großelternprinzip stand dabei ganz vorne an.
Heutzutage kann solchen Nöten und Bedrängungen der eigenen
Empfindungslage mit dem Gefühl der Vereinsamung in der isolierten
Kleinfamilie durch Vernetzung abgeholfen werden. Das ist mit dem
vielfältigen Angebot für Eltern und Kinder in der Zeit zwischen Geburt
und 3 bis 4 Jahren auch kein großes Problem. Gemeinsame Baby-Gruppen,
Kinder-Spielgruppen und organisierte Tagesmütterbetreuung auf höherem
Niveau als in den Kindertagesstätten vorhanden helfen dabei. Keine
Mutter, auch kein Vater soll derart isoliert und mit dem Kind allein
gelassen die fünf Arbeitstage zu Hause verbringen müssen. Die
Wissenschaft mit ihren Erklärungen zum frühkindlichen
Entwicklungsprozess hilft dabei nach, Verständnis für die große
Bedeutung dieses frühzeitigen Beziehungs- und Handlungsgeschehens zu
wecken.



Es ist also alles andere als verschwendete Zeit, sich mit seinem
Säugling oder Kleinkind auf dem Spielteppich zu bewegen und ihm bei
seiner Erforschung der einfachen natürlichen Vorgänge behilflich zu
sein; ganz gleich, ob bei sich zu Hause oder in einer Spielgruppe. Nur
weil die Prozesse so langwierig sind und das Verständnis aufseiten des
Kindes Hunderte von Spieldurchgängen erfordert, ist es nicht weniger
bedeutsam. Und es handelt sich hierbei auch keineswegs um bildungsfernes
Tun und unnützen Zeitvertreib, der hoch komplexe soziale und kognitive
Aufbau des menschlichen Gehirns nimmt hier seinen Anfang. Soll es denn
so viel höhere Wertigkeit haben, Schulanfängern den Umgang mit dem
Alphabet oder die ersten Rechenkünste beizubringen? Und seien wir doch
ehrlich, auch diesmal braucht es wieder Hunderte von Durchgängen, bis
das Erlernte im Gehirn seine Gedächtnisspuren hinterlassen hat. Nicht
anders ist es in der Handwerkslehre und selbst bei den angeblich so hoch
intellektuellen Prozessen in den akademischen Bildungsstätten wird am
Anfang auch immer nur mit Wasser gekocht.



Gerade wegen dieser Bedeutung des Geschehens im Kinderzimmer darf man
sich fragen, ob Muttersein oder Vatersein nicht auch eine Ausbildung
erforderlich macht, wie sie ja FachschülerInnen und HochschülerInnen der
Pädagogik angeboten wird. Wenn diese ausgebildeten SchülerInnen dann in
ihren Beruf einsteigen, ist das Spielen mit den Kindern, das Wickeln,
Füttern und alles, was mit einem Kind getan wird auch nichts anderes als
das, was eine Mutter oder ein Vater tun. Aber an dieser Stelle ist es
(mehr schlecht als recht) bezahlte Arbeit, im Kinderzimmer vorgeblich
verschwendete Zeit mit Unterforderung des Ausführenden. Wie geht das
zusammen?



Eltern sein heißt arbeiten in allen Bereichen, angefangen bei der
Versorgung und Betreuung eines Menschen, weiter beim Erziehen und der
Vermittlung von Bildung bis hin zur Garantie einer seelisch und
körperlich gesunden Lebensweise. In allen diesen Bereichen kann es
Mankos geben und regelrechtes Versagen. Die Familie ist leider nicht
immer der beste Ort für das Großwerden des Kindes. Dies ist ein
trauriges Kapitel in der menschlichen Gesellschaft über die Jahrtausende
hinweg. Soziale Hilfseinrichtungen heutzutage wissen ein Lied davon zu
singen. Aber dieses Problem trifft nicht die Familie an sich, es trifft
nur die sozial schlecht gestellte, beziehungsmäßig in Bedrängnis
geratene und emotional unzulängliche Familie. Familien mit
Minderheitsstatus und Migrationshintergrund sind häufig darunter,
grundsätzlich Familien bei drohender Armut (z.B. durch
Arbeitsplatzverlust), und häufig solche Familien mit kranken Eltern.
Auch eine zu junge Elternschaft schafft ein großes Risiko sowie das
Phänomen des Alleinerziehens. Von diesen Familien leben viele am Rande
der Gesellschaft, finanziell sowieso, aber auch sozial. Daher ist es
richtig und wichtig, zunächst einmal die Situation der Familien zu
stärken und zu verbessern und nicht allein die institutionalisierten
Erziehungseinrichtungen mit Geldmitteln zu versorgen und zu fördern.
Geldmittel benötigen auch die vielen Einrichtungen der "Frühen Hilfen",
an denen sich Sozialhilfeträger, kirchliche Einrichtungen und Ämter für
Soziales und Jugend beteiligen.



Erst in zweiter Linie ist daran zu denken, die betroffenen Kinder
frühzeitig einen Großteil des Tages aus den Familien heraus zu lösen und
in Gemeinschafteinrichtungen zu betreuen und zu bilden. Nur eines darf
dabei nicht übersehen werden: Durch die institutionalisierte
Fremdbetreuung der Kinder wird keine Familie besser.



g) Die Forderung




Familienarbeit und Hausarbeit müssen in der Zeit des Großziehens von
Kindern bis zum 3. Lebensjahr bezahlt werden, so wie alle vergleichbaren
Arbeiten auf dem freien Markt auch entlohnt werden. Die Ausbeutung von
x-Millionen Frauen und einzelnen Männern in den reichen
Industrienationen, die zu Hause veritable Arbeit leisten und
vorübergehend dem Wirtschaftsmarkt fernbleiben, darf in einem sozialen
und humanistischen Staatswesen nicht mehr vorkommen. Das ist Politik
einer längst überkommenen Zeit. Das ist Konservatismus pur. Auch wenn
dieses Programm viel Geld kostet, es ist die einzige Möglichkeit,
soziale Gerechtigkeit in der menschlichen Gesellschaft herzustellen. Ein
entsprechender Vorschlag für wirtschaftlich schwache Länder muss sicher
etwas anders aussehen.



Ich stelle mir im Idealfall vor, dass beide Eltern bei Geburt eines
Kindes wahlweise je eineinhalb Jahre einen bestimmten zu errechnenden
Betrag als Elterngeld für ihre weitgehend berufsfreie Zeit vom Staat
erhalten. Einen Teil übernimmt der Arbeitgeber, für den der
vorübergehend ausfallende Arbeitnehmer home-work ausführt. Den anderen
Teil übernimmt der Staat aus Steuermitteln. Dafür muss in anderen
Sparten des nationalen Haushalts eingespart werden. Der Arbeitsplatz
bleibt dem Arbeitnehmer garantiert, wenn die Voraussetzungen eingehalten
werden. Die berufsmäßige Kontinuität für die beiden Eltern ist damit
gewahrt. Ebenso die Sicherung der Altersrente, für die eingezahlt wird.



Eine frühe Fremdbetreuung wird in dieser Zeit nur notwendig sein, wenn
dringende wirtschaftliche oder soziale Probleme die Familie zwingen, ihr
Kind tagsüber eine Zeitlang abgeben zu müssen. Diese extrem frühe
Fremdbetreuung darf nur unter absolut optimalen Bedingungen stattfinden.
Sie muss mehr einer Tagesmutterbetreuung entsprechen als einer
Gruppenbetreuung in der Kindertagesstätte. Die Tagesmutter ist immer
eine feste Bezugspersoen für das Kind. Die strikte Begrenzung der
Kinderzahl für eine Erziehungskraft ist schon allein deswegen bindend.
So geben die OECD und mit ihr viele Fachgesellschaften (z.B. Deutsche
Liga für das Kind, Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und
Jugendmedizin, Deutsche Sektion der Gesellschaft für die seelische
Gesundheit in der Kindheit, kurz GAIMH usw.) einen genau berechneten
Erzieherin-Kind-Schlüssel vor. Bei Kindern unter 2 Jahre liegt er bei
1:2, bei Kindern unter 3 Jahren 1:3 bis 1:5 usw.



Dieses Prinzip gilt für mindestens zwei Kinder pro Familie, denn zwei
Kinder sind notwendig, um die Gesellschaft zu erhalten. Aber auch für
ein drittes oder viertens Kind usw. muss es organisatorische und
finanzielle Hilfen geben. Letztere muss im Einzelnen noch definiert und
errechnet werden. Aber der Staat ist schließlich eines Tages Nutznießer
all dieser Kinder. Und diese Kinder werden zum Wohle und Reichtum der
Gesellschaft und des Staates umso mehr beitragen können, je gesünder und
kindgerechter sie in ihren Familien oder bei einer Tagesmutter, bzw.
Erzieherin aufgewachsen sind.



Ab 3 Jahre, spätestens 4 Jahre geht jedes Kind mit sanfter Ablösung in
eine Kindertagesstätte und wird dort seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen
gerecht betreut. Die Bindung an eine Bezugserzieherin muss immer noch
gewährleistet sein. Bei Krankheiten und ErzieherInnenausfällen in der
Einrichtung werden die Eltern wechselnd wie es auch derzeit schon
möglich ist von der Arbeit freigestellt. Nur müssen die zeitlichen
Grenzen weiter angehoben werden. Die Fortsetzung der Entlohnung
übernimmt wie bisher das Gesundheitswesen. Die Kindertagesstätten müssen
zahlreich und in der Nähe der Arbeitsplätze der Eltern eingerichtet
werden. Betriebskindergärten sind erwünscht und besonders
förderungswürdig.



Auch jetzt noch muss das ErzieherInnen-Kind-Verhältnis vernünftig
definiert sein, die Umgebung in der Einrichtung kindgerecht. Die
OECD-Kriterien sind hierfür ein guter Maßstab. Einen Zwang zur
Kinderfremdbetreuung darf es in einem freien und demokratischen
Staatswesen aber generell nicht geben. Das Volk ist der Souverän. Aber
die Anreize der Kindertagesstätten müssen groß genug sein, dass kaum
jemals Eltern auf diese die Familien ergänzende Maßnahme verzichten
wollen. Die Fremdbetreuungszeit muss bei all dem so begrenzt sein, dass
das Kind in der Hierarchie seiner Bezugspersonen seine Eltern niemals
unter den FremderzieherInnen ansiedelt.



Die Familie gilt es mit Weiterbildungsangeboten zu begleiten. Die
Ansprüche an die moderne, die Bindung und Bildung fördernde Familie sind
heutzutage größer denn je. Dazu gibt es jetzt schon verschiedene
Systeme, die im Einzelnen weiter durchzuspielen und wo nötig zu
verbessern sind. So z.B. bieten der Kinderschutzbund und kirchliche
Träger gezielt Kurse in früher Elternschaft an, die allerdings die
Grundsätze der Bindungstheorie berücksichtigen sollten. Gleichwertige
Angebote bestimmter Fachgesellschaften existieren bereits (z.B. „SAFE“,
Sichere Ausbildung für Eltern). Internetforen wie das hier geöffnete
erfüllen denselben Zweck auf sehr niedrigschwelliger Ebene.
Fachliteratur, Broschüren und Zeitschriftenbeiträge müssen jedem
Interessierten zur Verfügung stehen, genauso wie es auch im allgemeinen
Gesundheitswesen der Fall ist. Die psychische Gesundheit eines Kindes
darf der der körperlichen nicht untergeordnet werden. Nur das Beste ist
für unsere Kinder gut genug!



Welche Vorgaben bei der Ablösung des Kindes in die frühe Fremdbetreuung
zu beachten sind, damit ein weitgehend von Angst und Stresssymptomen
freier Übergang gewährleistet ist, dazu gibt es in diesem Forum im
Suchlauf passende Stichworte ("Trennung wie am besten?" und
"Fremdbetreuung") oder z.B. auf der Seite www.sicherebindung.at die
nötigen Empfehlungen.

Rüdiger Posth, 2011/2013


Lesen Sie hier weiter:


Teil 1: Die Erlebniswelt des Säuglings

Teil 2: Fremdeln und Anhänglichkeit

Teil 3: Loslösung, Trotz und Selbstbewusstsein

Teil 4: Selbstentstehung und die Entwicklung von Moral und Vernunft

Teil 5: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

© Copyright 2013 - Dr. med. Rüdiger Posth











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