b) die Konditionierung und das Gewöhnen
Das also müssen wir Erwachsenen bedenken, wenn wir auf das lautstarke
Begehren eines Säuglings eingehen oder aus "erzieherischen" Gründen
einmal nicht eingehen wollen. Es hat dem Gesagten zufolge aber keinen
Sinn, bei einem kleinen Säugling Bedürfnisaufschub erreichen zu wollen,
in dem man ihn in kleinen Dosen immer länger schreien lässt, bis man ihm
endlich Befriedigung gewährt. Dieses auf Konditionierung fußende
Erziehungsprinzip ist wahrscheinlich einer der größten Fehler, den
Menschen an ihren jüngsten Nachkommen begehen können. Selbst wenn durch
Konditionierung ein Erfolg hinsichtlich des Verhaltens beim Säugling
sichtbar wird, ist er immer auf Kosten seiner gesunden emotionalen
Entwicklung zustande gekommen, denn die Frustration und der negative
Stress, die gemeinsam den Konditionierungseffekt bewirken, haben sich,
wie wir oben gesehen haben, äußerst ungünstig auf seine weitere
Hirnentwicklung ausgewirkt.
Wenn wir hier von Konditionierung sprechen, tun wir das in dem Wissen,
dass Konditionierung alles andere als ein Lernprozess im höheren,
geistigen Sinne ist. Denn Lernen heißt verstehen, nachvollziehen und der
Vernunft hinzufügen, sofern der Lerninhalt positiv zu bewerten ist.
Kein Säugling besitzt solche Fähigkeiten. Es fehlt ihm auch vollkommen
die Möglichkeit zur moralischen Wertung des Geschehensinhalts, also ob
und dass es nun gut ist oder (doch) schlecht, sich dem Druck zu
unterwerfen und sich nach den Wünschen der Anderen zu richten. Wie man
sieht, ist es also mit dem Lernprozess bei einem Säugling und auch
Kleinkind viel komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint.
Wenn also Konditionierungsprozesse, und zu dem Schluss gelange ich hier,
sich von der Sache her verbieten, sind sie doch Gewöhnungsprozesse bei
alltäglichen Vorgängen im Säuglingsleben. Gewöhnung ist sogar ein die
Gefühle und Affekte regulierender Faktor. Aber sie ist immer nur dann
erlaubt, wenn sich ein positives Ergebnis im Erleben für den Säugling
daraus ergibt und die Gewöhnung sanft und einfühlsam ist. Z.B. basiert
jedes "Ritual" (zur Förderung des abendlichen Einschlafens oder später
des "anständigen" Essens) auf den Grundlagen der Gewöhnung. Was wir in
diesem Zusammenhang aus der emotionalen Integrationstheorie ableiten
können, ist die Tatsache, dass solche negativen
Konditionierungsprozesse, und jetzt auch jeder schlechte
Gewöhnungsprozess (z.B. als Vernachlässigung), gegen den sich ein
Säugling allerdings durch Schreien intuitiv wehren würde (die
Erwachsenen, die Eltern tragen hierfür die Verantwortung!), einen
Verlust an positiven Gefühlen anrichten und die Vermehrung von negativen
Gefühlen hervorrufen würde. Die Auswirkungen dessen erlebt man aber nur
bei extremer Negativaussetzung sofort, die subtileren Formen der
Säuglingsvernachlässigung oder -missachtung treten erst sehr viel später
in Erscheinung, wenn sich nämlich das Selbst im Kleinkind entfaltet.
Darauf kommen wir weiter unten an geeigneter Stelle zurück.
Ein allen Eltern bekanntes Argument, das häufig gegen zu frühes
Reagieren auf die Bedürfnisäußerung des Säuglings vorgebracht wird, ist
das des Verwöhnens. Aber wie bei der Konditionierung ist auch diese
Behauptung einer Verwöhnung schnell mit den selben, oben genannten
Gegenargumenten zu entkräften. Die im Verwöhnen behauptete Ausnutzung
elterlicher Güte zur Befriedigung eigener Bedürfnisse, d.h. die
persönliche Vorteilsnahme durch den Säugling entgegen den legitimen
Rechten und Bedürfnissen der Eltern, verliert ihre Grundlagen in
identischer Weise in der noch unreifen geistigen Welt der kleinen
Säuglings. An anderer Stelle soll das noch einmal Thema werden. Wenn es
aber nun kein Wille ist, was den Säugling in seinen Bedürfnissen leitet
und ihn so beharrlich, ja oft dramatisch schreien und/oder sich wehren
lässt, was ist es dann? Mit der Antwort hierauf nehmen wir wieder den
Faden in der Entwicklung zu Wille und Trotz auf.
Neben der Urangst, auf die wir im ersten Kapitel ausreichend eingegangen
sind, ist es nämlich das Gefühl der Wut, das bereits beim Säugling mit
sehr starken Affekten in Erscheinung tritt. Auf die Wut hatte ich auch
schon ganz am Anfang im Kapitel über das Schreien hingewiesen und sie
als erstens, rein sozial-interaktiv geprägtes Gefühl beim kleinen
Säugling herausgestellt. D.h. Unheimlichkeit und Angst fühlt ein
Säugling aus sich heraus und auch Glücksmomente bis zu einem gewissen
Grade, wenn auch zeitbegrenzt und flüchtig. Wut jedoch empfindet er nur,
wenn seine primäre Bezugsperson ihm die Bedürfnisbefriedigung
verweigert. Diese Wut ist zunächst Affektabwehr, sie ist in der Art des
Schreiens erkennbar und kann und sollte zur emotionalen Beruhigung durch
die Bindungsperson führen. Je nach Temperament und Charakteranlage
führt sie aber bei Nichtbeachtung über kurz oder lang zur inneren Not,
Angst und schließlich zur Panik (der Missachtung unterworfen zu sein).
Jetzt entsteht schnell ein Teufelskreis, denn die immer dramatischer
werdenden, affektiven Reaktionen des in Panik geratenen Säuglings,
wieder ausgedrückt im Schreien, werden vom Erwachsenen für zunehmende
und inadäquate Wutäußerungen gehalten. Diesen meint dann der Erwachsene,
mit eigener Wut und Konsequenz im Verhalten gegensteuern zu müssen.
Misslingt ihm das aber, kann eine solche Situation leicht einen
Misshandlungswunsch in ihm hervorrufen. Das Schütteln der Babys ist eine
häufige und sehr gefährliche Reaktion. Aber auch brutale Gewalt mit
Todesfolge kommt vor.
Die damit verbundenen Anspannungen im eigenen Inneren werden auch von
dem Erwachsenen nicht als angenehm empfunden. Die meisten beschreiben
ihr Gefühl als große Hilflosigkeit und immense Wut. Aber beide Gefühle
richten gegen ein absolut abhängiges, von Angst erfülltes und gänzlich
unwillentlich reagierendes Menschenwesen. Warum sollte (aus der Sicht
des Säuglings) aber Angst nicht sofort abgewendet werden, Hunger und
Durst nicht sofort gestillt, Schmerz nicht unmittelbar beseitigt? Warum
sollte dem Urbedürfnis des Getragenwerdens oder Schaukelns nicht
Rechnung getragen und der Neugier und dem Interesse nicht
entgegengekommen werden? Warum sollte dagegen Schlaf einsetzen, wenn
keine Müdigkeit besteht oder Überreiztheit eingesetzt hat, warum
Nahrungsaufnahme geduldet, wenn kein Hunger vorhanden ist, oder
vielleicht sogar Bauchschmerzen (Kolikproblematik) bestehen?
c) von der Wut zum Widerstand
Unvermeidbar sind selbstverständlich die kleinen, alltäglichen Pannen im
interaktionären Verhältnis von Eltern und Säugling, und die führen
notwendigerweise zum "Warnruf" des schwächeren Partners, nämlich des
Säuglings, als Ausdruck der Wut. Wut erspart dem Säugling erst einmal
die Verdrängung des unliebsamen Gefühls und dient der eigenen
"Affektabwehr" (=Emotionsbewältigung), sowie der Regelung der sozialen
Bezüge. Denn so reagieren die Bezugspersonen schneller und
zuverlässiger. Auch die Wut gehört somit zum
Appropriations-Interaktionsmechanismus in der Mutter-Kind-Dyade, wie es
E. Lemche (s.o.) benennt. Wut muss dem zufolge aber richtig verstanden
und "bedient" werden, und zwar in dem die Eltern das natürliche
Verlangen nach sozialer Regulation beachten; damit kein Teufelskreis,
wie oben ausgeführt, entsteht. Aus dem Wutgefühl nun, das somit
natürlich jeder Säugling kennt, entwickelt sich im aufkommenden Willen
auch das Bedürfnis nach Widerstand gegen mütterliche Aktionen wie
Wickeln oder Füttern, vor allem im "falschen" Moment. Da sich in diesem
fortgeschrittenen Säuglingsalter inzwischen auch deutliche
Loslösungstendenzen aus der Mutter-Kind-Dyade bzw. der primären Bindung
bemerkbar machen, kommt den Eltern dieser Widerstand wie ersten
absichtsvolles Handeln vor.
Das rührt daher, dass sich in dieser Phase Neugier und Interesse beim
Säugling (als fortgeschrittene kognitive Entwicklung) mit ersten
Willensäußerungen (als fortgeschrittene emotionale Entwicklung)
verbinden, und diese Reifungsschritte über den Widerstand gegen die
mütterlichen Handlungen als notwendiges Loslösungsphänomen zutage
treten. Was wir Erwachsenen hier also im Säuglingsverhalten feststellen,
sind demzufolge tatsächlich erste intentionale (absichtsvolle)
Aktionen. Da dabei das Loslösungsbestreben beim Säugling mehr und mehr
erkennbar wird, was sich sowohl motorisch in seinen Fortkrabbeln oder
Fortlaufen äußert, als auch geistig in Form von Gegenstände eigenständig
greifen, untersuchen und wieder fortwerfen, oder Dinge auf ihre
funktionellen Möglichkeiten hin untersuchen, erscheint dieser
fundamentale Entwicklungsschritt wie ein ständiges Abwehren von irgend
etwas. Diese Wehr entspricht aber keineswegs immer einer grundsätzlichen
Verneinung der beim Säuglng durchgeführten, pflegerischen oder
"erzieherischen" Handlungen durch die Eltern, sondern überwiegend einer
Formulierung seiner ersten eigenen, willenhaften Bestrebungen und
Handlungen.
Versteht man als Eltern das nicht und fühlt sich durch sein Kind
herausgefordert, erliegt man im Grunde einem Missverständnis in der
appropriativen Interaktion (Lemche, s.o.). Dieses Missverständnis kann
ungünstige Folgen in der fortgesetzten emotionalen Entwicklung nach sich
ziehen, vor allem dann, wenn man meint, als Eltern jetzt endlich mit
erzieherischen Maßnahmen einsetzen zu müssen. Im Machtkampf, der daraus
entsteht, unterliegt über kurz oder lang selbstverständlich das Kind,
was in ihm eine Enttäuschung seines Vertrauens auf die bald als primäre
Bezugsperson scheidende Mutter hervorruft und eine Schwächung des
langsam aufkeimenden Selbst. Doch davon später.
d) der Drang und das Beharren
Wichtig an diesem Punkt der Entwicklung ist es zu vermerken, dass der
anfängliche Wille aus Gründen der bis dahin noch nicht vollständig
vollzogenen Loslösung und des dadurch noch unfertigen Ich nicht der
Kontrolle der eigenen Persönlichkeit unterliegt, sondern sich gleichsam
frei im Kleinkind entfaltet und in seinen Auswirkungen oftmals mehr
einem Zwang gleicht als einem entscheidungsmächtigen Willen. Beispiele
für diese zwanghafte Komponente im Willen gibt es zahlreich, z.B. dass
der Säugling/das Kleinkind auf einer bestimmten Abfolge beim Essen
besteht oder "ausrastet", wenn die Schuhe nicht nebeneinander an der
richtigen Stelle stehen oder das abendliche Heimkehren des Vaters nicht
dem gewünschten Wiedervereinigungs-Schema entspricht. Die Liste hierzu
ist ellenlang und alle Eltern wissen davon zu berichten. Als Eltern
versteht man häufig nicht, was da in dem eigenen Kind vor sich geht und
man hält die damit verbundenen frühkindlichen Reaktionen für
Übellaunigkeit oder bockige, resp. zickige Anwandlungen.
Diesen Erfahrungen mit dem frühen, kindlichen Willen zufolge möchte ich
den noch "unfertigen", von keinem eindeutigen Ich beherrschten Willen
gerne als Drang bezeichnen, wobei der Begriff Drang hier auf das schon
eigenmächtige Tunwollen abheben soll bei aber noch nicht klar
definierter Ich-Kontrolle. Der Drang äußert sich in dem hinlänglich
bekannten, nicht unabwendbaren "Beharren". Diese Vorstellung einer
Entwicklung des Willens aus den Drang heraus wird unterstrichen, ja
geradezu erzwungen durch die oben ausführlich genannten geistigen
Beschränkungen, denen der Säugling und das Kleinkind noch unterliegen
(unzureichende Logik, mangelhafte Planung, fehlendes Zeitkonzept,
Unfähigkeit zur Entscheidung). Die Unabwendbarkeit der einmal vom
Kleinkind initiierten und begonnenen Hnadlung beschwört so manchen
Konflikt im alltäglichen Umgang herauf, und deren autoritäre
Unterbrechung durch die Eltern führt so manches Mal zu einem
schmerzlichen Tränenausbruch beim Kind. Das kommt daher, dass es dem
Kind keineswegs immer nur um den sinnvollen Vollzug der Handlung geht,
sondern oft genug um das Handeln selbst als eigenständiges Unternehmen
und Erfahrungsvermehrung in der Frage der persönlichen Authentizität.
Insofern ist das unterbrechende Eingreifen durch die Eltern auch mehr
als nur ein Verbot einer unliebsamen, manchmal auch gefährlichen oder
schädlichen Unternehmung. Vielmehr ist es zugleich auch immer eine
Schwächung der eigenen Selbstentfaltung. Schwächung der eigenen
Selbstentfaltung wird dann später im verbalisierten
Kommunikationsaustausch das, was wir persönliche Kritik nennen und was
bei schwachem Selbstbewusstsein vom Kritisierten schnell als Kränkung
aufgefasst wird. Daher ist es in diesem frühen Stadium wichtig,
abgesehen von tatsächlich selbstgefährdenden Manövern, das Kind in
seinem Schaffensdrang nicht zu behindern; es vielmehr zu unterstützen,
zu bestätigen und allenfalls liebevoll zu korrigieren. Völlig falsch
erscheint es mir, in diesem Stadium schon davon zu sprechen, dem
Expansionstrieb des Kindes "Grenzen setzen" zu müssen, damit es früh an
solche Einschränkungen gewöhnt wird und diese später toleriert. Eher das
Gegenteil wird der Fall sein. Diesen scheinbaren Widerspruch werden wir
im Rahmen der Selbstbehauptung richtig verstehen lernen.
Ein weiteres wichtiges Element der vorübergehenden Zwanghaftigkeit soll
nicht unerwähnt bleiben. Das Kind ist in dieser Entwicklungsphase noch
vollständig überwältigt von der Menge der Dinge und Geschehnisse.
Unfähig dieses "Chaos" zu sichten und zu ordnen, versteift es sich auf
einige Vorgänge und Prinzipien, welche quasi prototypisch eine Ordnung
in seinem Kopf herstellen (repräsentieren). Natürlich will es nun, dass
diese frisch hergestellt Organisation der Umgebung auch unbedingt so
erhalten bleibt. Und dieses Bedürfnis nach Ordnung sollte Untersützung
finden. Angeboren zwanghafte Charaktere behalten diesen unabweisbaren
Drang ihr Leben lang bei, bis hin zu pathologischen Auswüchsen.
e) das "Nein" und der Beginn der Erziehung
An diese Stelle passt die Besprechung jenes wichtigen Geschehens am
Anfang des zweiten Lebensjahres, das mit dem entscheidenden Wörtchen
"nein" verbunden ist. Der begriffliche Inhalt von "nein" wird vom Kind
nicht sofort erfasst. Seine kognitiven (wissensmäßigen) Voraussetzungen
reichen noch nicht aus, in dem Wort "nein" symbolhaft das Verbot zu
erkennen. Dieses reicht von der Aufforderung zum Handlungsabbruch, über
die Handlungskorrektur (aus Gründen allgemeingesellschaftlicher
Ansichten) bis zur Schutzfunktion seiner eigenen Person. Dagegen
empfindet das Kind die verbale elterliche Reaktion auf das eigene
Handeln eher als ein neues Spiel, wie zuvor vielleicht das Geben und
Nehmen oder das Herunterwerfen und Aufheben, nur jetzt mit etwas anders
definierten Spielregeln. Die neuen Regeln des Spiels lauten jetzt
Agieren und Reaktion, Handeln und Verhinderung, was durchaus seinen
entwicklungspsychologischen Sinn hat, denn Handeln als Ausdruck
fortgeschrittener kognitiver Reife und Verhinderung als erste
Regelsetzung durch die "Gesellschaft", hier im kleinsten durch die
Eltern, ist der Ausgangspunkt der einsetzenden Selbstentfaltung im
Gesamtrahmen der Loslösung.
Also wird ein Kleinkind, sagen wir mit gut eineinhalb Jahren, z.T. auch
schon früher, das "Nein" seiner Eltern zunächst als Bestärkung
auffassen, ja auffassen müssen, sein begonnenes Tun zu Ende zu führen
und nicht als dessen Begrenzung. Da die Natur nun den anfänglichen
Willen nicht gleich mit der Selbstkontrolle verbinden kann (s.o.), und
der frühe Wille daher mehr ein Drang und ein Beharren als ein
Entscheiden ist, wird in dieser und in ähnlichen Situationen das
Kleinkind immer wieder dasselbe tun, was die Eltern gerade verboten
haben, und es wird auf diese Wiese immer mehr Selbstempfindung genießen.
Daher strahlt oder lächelt es, während es wieder und wieder das Verbot
scheinbar übertritt.
Ohne Verständnis dieser Zusammenhänge sind die Eltern natürlich genervt
und werden versuchen, durch zusätzliche Aktionen zum Wort "nein" dessen
inhaltlichen, symbolhaften Charakter, zu unterstreichen. Automatisch
setzen die Eltern zunächst die Mimik ein, die verbunden mit dem "Nein!"
bedrohlich erscheinen soll (böse), oder, wenn auch das nichts mehr
hilft, wird der Körpereinsatz benutzt, welcher das Kind vom Objekt
endgültig trennt (oder das Objekt vom Kind durch Wegnehmen). Ein solcher
Körpereinsatz wird in vielen Fällen sicher gerechtfertigt sein, wenn
das Kind oder das Gegenstandsobjekt geschützt werden müssen, er muss
aber sanft und verständnisvoll geschehen und mit beruhigenden
Erklärungen verbunden sein. Trotzdem wird das Kind im Einzelfall heftig
gegen diese "gewaltsame" Unterbrechung seines Vorhabens protestieren und
laut zeternd oder sogar um-sich-schlagend seine Verteidigung
demonstrieren. Auf diese einfache und überzeugende Weise werden zwei
Dinge erreicht: Erstens lernt das Kind den symbolhaften Inhalt des
Wortes "nein" und damit die erste Regelsetzung in der gesellschaftlichen
Kommunikation. Das ist unabdingbar wichtig für sein späteres Agieren in
der menschlichen Gesellschaft. Zweitens wird der Selbstentfaltung ein
Regulativ entgegen gesetzt, welches im Gewährenlassen ihre Expansion
(Ausdehnung) zulässt und im Unterbrechen ihre notwendige Einschränkung
durchsetzt. Dadurch wird die elterliche Reaktion nun zu einem für die
Gesamtpersönlichkeit entscheidenden Steuerungsinstrument, welches
demzufolge in großem Verantwortungsbewusstsein eingesetzt werden sollte.
An dieser Stelle muss eine Warnung ausgesprochen werden. Überstarke, gar
autoritäre oder gewalttätige Formen der Einschränkung (z.B. auch das
"Auf-die-Finger oder den Po-schlagen") sind schädlich für die
Selbstentwicklung des Kindes und schwächen das spätere
Persönlichkeitsbild im Kindergarten- und Schulkindalter. Das absolut
emotional gesteuerte Kleinkind fasst eine solche Grenzsetzung
überwiegend als Kränkung, ja als Ablehnung seiner Person auf. Jede
offenkundige Ablehnung des Kindes unterminiert aber die Bindung und
beschädigt das gerade aufkeimende Selbstgefühl. Ebenso ist ein
permanentes Gewährenlassen schädlich für die Selbstentwicklung, da das
Selbst noch in vollkommen egozentrischer Manier die Eigenschaft besitzt,
sich gleich uferlos "auszudehnen", was in der kindlichen Seele eine
zunehmend schmerzliche Orientierungslosigkeit verursacht. Solche
Persönlichkeitsentwicklungen neigen später zu krnakhaft narzisstischer
Ausprägung (überstarke Selbstbezogenheit). D.h., die frühe
Regeleinführung durch die Eltern muss die hohe Empfindsamkeit des
Kleinkinds berücksichtigen und darf nur in verantwortungsbewusster
Abwägung fördernder und hemmender Wirkungen eingesetzt werden. Dass
dabei die ein oder andere "Panne" selbst bei bemüht kindgerechter
Erziehung auftreten kann, ist eine Problematik im menschlichen
Zusammenleben, die von der Natur verziehen wird.
f) Loslösung in der Triade
Unter Triade versteht man die familiäre Grundkonstellation von Vater,
Mutter und Kind. War der Vater im ersten Lebensjahr weitgehend nur
Ersatzbindungsperson für den Fall, dass die Mutter als primäre
Bezugsperson ausfiel, bekommt er zum Ende des ersten Lebensjahres und im
zweiten Lebensjahr eine erstrangige Funktion im Rahmen der Loslösung.
Damit das Kleinkind sich aus der eng gefügten Mutter-Bindung (der
Symbiose") herauslösen kann, braucht es ein positiv besetztes Vorbild
für sein selbstständiges Agieren. Zumindest ist ihm ein solches sehr
hilfreich. Denn auch bei alleinerziehenden Müttern, ein Zustand, der aus
diesen Gründen als schwierig zu bewerten ist, muss die Loslösung
gelingen können. Hier fehlt dann aber das den Vorgang der Loslösung
tragende Vorbild, wenn nicht eine andere Person aus der Familie oder dem
näheren Lebensumfeld für für den eigentlichen Vater einspringt. Der
Begriff Loslösung ist den Ansichten der Psychoanalytikerin Margaret
Mahler entliehen, die schon vor der psychischen Abnabelung des Kindes
von der Mutter im zweiten Lebensjahr im aktiven Sich-entfernen mit gut
einem halben Jahr einen Akt echter Verselbstständigung sah. Daher ihre
mechanistische Wortgebung.
Schon zum Ende des ersten Lebensjahres erleben viele Mütter diesen Trend
ihres Kindes hin zum Vater wie einen ersten schmerzlichen Abschied.
Manche Mütter fühlen sich gar verletzt und "im Nachhinein ausgenutzt".
Das ist unsinnig. Bei aller Loslösungstendenz bleibt die Mutter-Bindung
zunächst immer noch die Grundfeste aller kindlichen Unternehmungen, wie
ich bereits im Kapitel über die Anhänglichkeit mit der ihr vebundenen
"Urambivalenz" geschrieben habe. Für die Väter sollte diese, ihre erste
eigene, wichtige Rolle in der frühkindlichen Welt unbedingt klar sein.
Es kommt darauf an, dass sie ebenso zuverlässig und einfühlsam ihre
Funktion ausüben, wie zuvor die Mutter, und ihrem Kind all die Wärme
geben, die es ihnen abverlangt. Dazu gehört es vor allen Dingen auch,
das kindliche Bedürfnis nach Körpernähe und Schmusen angemessen zu
beantworten, und in den brenzligen Situationen wie beim Füttern und beim
Übergang zum Schlaf weitgehende Aufgaben im Ritual zu übernehmen. Ich
sage bewusst angemessen zu reagieren, um damit zum Ausdruck zu bringen,
dass all die überstarken, übertriebenen und aktiv-aggressiven Elemente
im Umgang mit ihren Kindern, die Väter so gerne demonstrieren, besser
unterbleiben sollten.
Entwicklung von Ich und Selbst im emotionalen Bewusstsein
Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, aber wegen ihrer
Wichtigkeit, möchte ich folgende Zusammenhänge noch einmal
herausstellen. Die Verringerung der angeborenen negativen Daseinsgefühle
wie Unheimlichkeit und Angst und die Vermehrung der positiven Gefühle
wie Glück/Freude und Vertrauen gelingt durch deren Umwandlung von
negativ zu positiv im Zusammenspiel mit dem einfühlsamen und geduldig
nachsichtigen Handeln der primären Bezugsperson in der
Mutter-Kind-Dyade. Über diesen Weg formiert sich der kindliche Wille aus
dem Drang des Säuglings und bahnt die Entwicklung zum Ich auf rein
emotionaler Schiene (emotionale Integration, s.o.). Parallel dazu
verläuft der Weg über die kognitiven Bahnen (des Begreifens und
Verstehens) aus der totalen geistigen und körperlichen Abhängigkeit von
der Mutter in der Leih-Selbst-Position. Dieser Vorgang ist aus
natürlicher Sicht um der sozialen Vorprägung des Menschen willen
unverzichtbar, denn jedes Kind muss die Autonomie seines Selbst erringen
und die primäre Bindung soweit lösen, das es sein personales
Getrenntsein von der Mutter erkennen kann. Ich und Selbst vereinigen
sich dann gegen Ende des zweiten Lebensjahres zu einer
"geistig-emotionalen Zelle", welche fortan Grundstein für die
Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Menschen wird.
Aus dieser Darstellung wird deutlich, wie wichtig die positive
emotionale Integration für den Säugling und das Kleinkind ist, denn von
ihr hängt ab, wie stark sein Wille ausgeprägt wird und wie stabil sein
Ich im (zunehmend reflexiven, dem uns Erwachsenen bekannten) Bewusstsein
ersteht. Aber nur ein als stark empfundenes Ich kann sich nach außen
(hin zur Gesellschaft gerichtet) auch ein starkes Selbst erlauben.
Anders ausgedrückt: Die primäre Bindung kann nur dann erfolgreich
"gelöst" und neuen Strukturen unterzogen werden, wenn das Ich des
Kleinkindes stark genug ist, sich ein stabiles Selbst zu "leisten".
Kinder hingegen, die auf diese Weise geschwächt aus der Säuglingszeit
und der emotionalen Integration hervorgehen, entwickeln ein eher
schwaches Ich und demzufolge auch ein schwächeres Selbst. Das wiederum
erschwert es, dass sie sich aus der primären Bindung lösen können. Da
aber jedes Kind von Natur aus darauf angelegt ist, sich aus der primären
Bindung zu lösen und zu einem autonomen Selbst zu finden, ja beides um
seiner selbst willen sogar zu müssen, wird es diesen Loslösungsprozess
trotz allem mit aller Kraft durchzusetzen versuchen, es sei denn, es ist
inzwischen psychisch derart geschwächt, dass es diese Kräfte nicht mehr
aufbringen kann (als Störungsbild gekennzeichnet mit frühkindlicher
Deprivation und/oder anaklitischer Depression). Jedes andere Kind aber,
das noch ausreichend Kräfte in sich spürt, wird die "verschärfte
Loslösung" wird größerer Wut (jetzt als Synonym für Widerstand) und
stärkerem Trotz zu bewältigen versuchen. Das nenne ich die erschwerte
Loslösung. Die Spannung zwischen Eltern und Kind wächst dabei
verständlicherweise erheblich an. Kindliche Temperamentsfaktoren und
Charakteranlagen zu starker, impulsiver Wut können das ganze Geschehen
stark aufheizen, zumal ja im Rückschluss die Säuglingszeit auch schon
von großen Spannungen durchsetzt gewesen sein muss und wenig
ursprünglich negative Empfindungen der positiven Umwandlung unterzogen
worden sind.
Ein nicht unerhebliches Maß an schlechten Gefühle ist aber bereits der
Verdrängung unterworfen worden, weil auch die Wut des Säuglings oft ins
Leere gelaufen ist oder mit hohem Einsatz elterlicher Macht beendet
wurde. Nach tiefenpsychologischen Vorstellungen ist das Unterbewusstsein
dadurch bereits so früh stark belastet. (Nur zur Klarstellung: Diese
Interpretation des Unterbewusstseins, nämlich als Hort unterdrückter
(meist negativer) Gefühle, deckt sich nicht ganz mit dem Freud´schen
Instanzenmodell, in der das Unbewusste Ursprung aller triebhaften, im Es
versammelten Gefühle und Bedürfnisse ist, welche nicht sublimiert
werden können).
Wenn man einen ungefähren Zeitpunkt für diesen insgesamt phasenhaften
Verlauf der Selbstentstehung festlegen wollte, dann müsste man den
zeitlichen Punkt finden, an dem dem Kleinkind plötzlich klar wird, dass
es ganz allein und auf sich gestellt in der Welt existieren muss. Es
gibt einen sehr sicheren Hinweis darauf, wann das Kind diesen inneren
Prozess gerade vollzieht. Es handelt sich um sein geändertes Verhalten
vor dem Spiegel. Bis ungefähr zu einem Jahr reagiert das Kind regelmäßig
freundlich und lachend bei der Betrachtung seines Spiegelbildes, wobei
die Freude auch dem Erkennen der Mutter gilt, wenn diese es auf dem Arm
hält oder neben ihm steht. Auch die Feststellung der doppelten
Anwesenheit der Mutter (real und Spiegelbild) irritiert das Kind nicht
sonderlich. Mit eineinhalb Jahren ändert sich das Verhalten. Plötzlich
reagiert das Kind irritiert und verschämt auf die Begegnung mit seinem
Spiegelbild und seinem eigenen Antlitz. Es drückt sich in den Arm seiner
Mutter und guckt auch diese erstaunt an, weil sie auf einmal doppelt
erscheint. Tupft man dem Kind unbemerkt einen roten Puderfleck auf die
Nase, ist es bestrebt, diesen Fleck auf seiner eigenen, tatsächlichen
Nase abzureiben (Rouge-Test, Doris Bischof-Köhler). M.Dornes beschreibt
in seinem Buch "Die emotionale Welt des Kindes" (2000) diesen Vorgang
ausführlicher.
Das Kind vollzieht also jetzt den Schritt zur Erkennung seines
persönlichen Aussehens und zur selbst gefühlten Körperlichkeit als der
wahren Existenz (Individualität). Damit muss die Vorstellung einer
gemeinsamen Existenz mit der Mutter endgültig aufgegeben werden. Diese
Gedanken sind natürlich nicht sofort fertig, sondern müssen spielerisch
immer wieder neu eingeschliffen werden. Das Spiel heißt jetzt: "wo ist
deine Nase, wo ist Mamas/Papas Nase?" Auch auf verbaler Ebene wird
dieser geistige Schritt zuweilen evident, und zwar in der Form, dass die
Ansprache der Mutter mit "Mama" gemieden wird, und auf die Frage: "Wo
ist deine Mama" nur ein verlegenes Lächeln produziert wird. Solche
Kinder haben offensichtlich noch ein letztes Loslösungsproblem. Mütter
reagieren oft irritiert, wenn sie ihr Kind scheinbar nicht mehr erkennen
will.
Um die Entwicklung des menschlichen Selbst auf der Basis der klassischen
Psychoanalyse und nicht so sehr auf der Basis der "abweichlerischen"
Bindungstheorie haben sich neben vielen anderen zwei Psychoanalytiker
sehr verdient gemacht, nämlich Heinz Kohut und Otto F. Kernberg. Beide
Autoren begegnen sich in der Vorstellung, dass das Selbst eines Menschen
zwei Empfindungsstränge in Bezug auf die eigene Persönlichkeit
vereinigt, einen positiven, das Selbst stärkenden und einen negativen,
das Selbst in Frage stellenden, welcher jedoch zuzulassen und zu
integrieren ist.
Lässt man alle psychoanalytische Theorie weg, kommt man zu dem Ergebnis,
dass das Selbst eines Menschen seine eigene, auf sein Dasein bezogene
Objektvorstellung ist. Darin wird das Selbst aber zugleich auch Subjekt,
da es ja in einer Person der sich vorstellende und vorgestellte Teil
ist. Das Selbst ist also die Subjekt-Objekt-Vereinigung der eigenen
Person im Dasein. Dazu muss angefügt werden, dass in der von mir
vorgetragenen Vorstellung das Selbst ebenso wie alle wahrgenommenen
Gefühle integraler Bestandteil des menschlichen Organs Gehirn sind und
nicht eine Art Aura, welche den Menschen irgendwie umgibt oder aus nicht
menschlichen Sphäre vergeben wird (Leib-Seele-Phänomen/Monismus, s.o.).
Wir wollen hier aber die Philosophie des Selbst nicht weiter ausführen
und wieder auf die Psychologie der Säuglinge und Kleinkinder zu sprechen
kommen. H.Kohut schlägt in seiner Theorie vor, die positiven Elemente
in der Selbstentstehung aus dem positiven Elternbild herzuleiten, was er
das idealisierte Eltern-Imago (Bild) nennt. In der notwendigen Trennung
des Kindes von seiner Mutter durch Verwirklichung des eigenen Selbst
erkennt er aber auch die Ansätze zu einer negativen Gegenposition,
welche durch die trennungsbedingt unvermeidlichen, realen Beschränkungen
in der Selbstentfaltung aufkommen. Das Leben wird jetzt ohne die
scheinbare Vereinigung mit der Mutter (als primärer Bezugsperson) jetzt
zu einer großen Herausforderung. Fortan muss sich das Kleinkind
vermittels seiner idealisierten Elternrepräsentation im Inneren gegen
alle Beschränkungen und Begrenzungen durch seine Lebensumwelt in der
Loslösung und Selbstentfaltung behaupten. Auf diese Weise konkurrieren
in der inneren Welt des Kindes zwei Entwicklungsstränge im Selbst, einer
von guten Empfindungen in der Verinnerlichung und dem geistigen Erhalt
der Mutter-Eltern-Kind-Bindung und einer von schlechten, welcher sich
aus den eigenen negativen Empfindungen bei der Loslösung und Trennung
ergibt und den aus der Wirklichkeit zugefügten Beschränkungen und
Begrenzungen. Für psychoanalytische Zwecke erweist sich diese
Grundstruktur des Selbst aller Erfahrung zufolge als sehr fruchtbar.
Daher sieht auch O. Kernberg die Selbstentstehung des individuellen
Menschen an als eine Komposition aus zwei großen, grundsätzlichen
Anteilen. In seiner Vorstellung ersetzen fördernde und hemmende Impulse
aus der Lebensumwelt die Begriffe von positivem Eltern-Bild und Trennung
und Loslösung aus der Mutter-Kind-Dyade. Diese Impulse kommenden
automatisch bei der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit zustande und
rühren her sowohl aus der bisher entstandenen, inneren Welt, als auch
aus der äußeren Umwelt. Es handelt sich dabei sowohl um Selbst- als auch
um Objektrepräsentanzen (innere Abbilder), welche er in ideale und
reale aufspaltet. Die idealen stärken die Selbstbewertung und werden
vorzugsweise vermehrt, sofern es die Lebensumwelt gestattet, die realen
werden soweit als negativ unvermeidbar passiv hingenommen (Trotzanfälle
ausgenommen). In der Ausbalancierung dieser, sagen wir, zwei Kammern
entwickelt sich das gesunde Selbst, was bedeutet, dass auch die
potenziell abwertenden "Repräsentanzen" im Selbst Berücksichtigung
finden können und nicht massiv verdrängt werden (müssen).
Beide Modelle entspringen, wie gesagt, der Psychoanalyse und
Psychotherapie und leisten dort wertvolle Dienste. Für den Normalfall
der Selbstentwicklung geben sie vielmehr ein wertvolles Grundgerüst ab.
Daher sollten wir hier einmal ganz pragmatisch festhalten, welche
Eigenschaften (Attribute) des Selbst (nicht nur) vom Kind auf der
positiven Seite zu vermerken sind, und welche auf der eher negativen.
Diese Gegenüberstellung ergibt einen guten Überblick über all die
erwünschten und unerwünschten Verhaltensweisen bei kleinen Kindern.
a) positiv gewertet werden: Ausgeglichenheit, Harmonie, eigene
Wertschätzung, Lust, Motivation, Kraft und Macht aus dem Inneren heraus.
Höherer Rang, gute Wirkung auf die Anderen, Anerkennung, Erfolg, Können
und Besitz im äußeren sozialen Umfeld.
b) negativ gewertet werden: Unausgeglichenheit, Disharmonie, Entwertung,
Unlust, Demotivation, Schwäche, Ohnmacht aus dem Inneren heraus.
Unterlegenheit, Wirkungs- und Erfolglosigkeit, Unvermögen und Versagen,
sowie Besitzlosigkeit im äußeren, sozialen Umfeld.
Unmittelbar verständlich wird aus dieser Aufzählung das Bestreben eines
jeden Kindes, ja sein Ringen darum, die Positivskala ständig höher zu
erklimmen, um der Negativskala zu entkommen. Hierzu sind für die inneren
Attribute (Wertungen) lt. Kohut -und nicht nur lt. ihm- vor allem auch
jene Erfahrungen wesentlich, die das Kind im ersten Lebensjahr im Rahmen
der Mutter-Kind-Dyade gemacht hat. Aus der Erkenntnis der emotionalen
Integration (s.o.) ergibt sich hierfür die notwendige emotionale Basis
durch die Bewegung der ursprünglichen Stimmungs- und Gefühlslage von
Negativempfindungen zu positiven Erlebnissen. Unverzichtar hierfür sind
die Einfühlsamkeit und das verständnisvolle Handeln (z.B. den Säugling
"erhören", hochnehmen und trösten) der primären Bezugsperson, also der
Mutter oder vielleicht auch des Vater. Sie als Leser sehen also bereits
jetzt, wie sich die Dinge im entstehenden Selbst in Wirklichkeit
zusammenfügen. Die positiven Attribute im äußeren, sozialen Umfeld
müssen sich alle Kinder in gewisser Weise erkämpfen, wobei ihnen neben
der eigenen, bereits entstandenen inneren Wertschätzung vor allem auch
günstige Veranlagung, persönliche Stärkung durch die Eltern und eine
gelungene Loslösung zur Seite stehen.
Trotzerscheinungen und Selbstbewusstsein
Mit diesen Ausführungen wenden wir uns den potenziell negativen
Attributen im Leben des Kindes zu und befinden uns mitten im Geschehen
des Trotzes. Dabei sollten wir gleich vorweg folgendes festhalten: Der
Trotz dient auf natürliche Weise der Erstellung, Erhaltung und
Verteidigung des werdenden Selbst gegen alle Einschränkungen. Dies nahe
zu bringen und verständlich zu machen ist besonderes Anliegen dieses
Textes. Denn der Trotz oder das Trotzen (the trouble two im Englischen)
ist zusammen mit dem Schreien der Säuglinge und den Fütterungs- und
Schlafproblemen der Ein- bis Zweijährigen die größte Klippe im Aufziehen
von Kindern bis zum Kindergarten- und Schulalter. (Und der häufigste
Grund für Arztbesuche mit psychologischem Hintergrund).
Im Trotzen, das man genau genommen als endgültige Verabschiedung aus der
Mutter-Kind-Dyade verstehen muss, kommt beim Menschen jetzt ein
ursprünglicher Trieb zur Geltung, den man als Aggression bezeichnet. Es
bringt meines Erachtens Schwierigkeiten mit sich, zu einem früheren
Zeitpunkt vom Auftreten von Aggression zu sprechen, weil die in diesem
Alter verwendeten emotionale Begriffe wie Wut und Widerstand die von
ihnen verursachte Handlung besser und genauer ausdrücken als Aggression.
Aggression ist vielmehr ein Trieb im eigentlichen Sinn und dient den
Zwecken eines strategischen Schutzes der eigenen Person, also der
Unantastbarkeit der Individualität, was eine ganz andere
Aufgabenstellung in der Sozialstruktur beinhaltet. Aggression entsteht
unabhängig von einem extern auslösenden Geschehen (kann also Streit
aktiv verursachen), regeneriert sich sich immer wieder aus sich selbst
(bedarf keines erneuten Anlasses) und kommt nicht von allein zur Ruhe.
Welche Formen des Trotzes sind uns Erwachsenen und Eltern geläufig? Zwei
Formen sind eklatant, nämlich der Trotz gegen die Elternmacht und der
Trotz gegen die Allmacht der Natur. Einschließen hier wollen wir aber
noch die Rivalitätsproblematik, die nicht unbedingt dem Trotz zuzuordnen
ist, die aber ein ständiges Konfliktthema in den Kinderstuben
darstellt.
Wenden wir uns der ersten Situation zu, diejenige, die den Eltern am
meisten gegen den Strich geht. Ein Beispiel: Man hat als Eltern alles so
schön geplant, der Ausflug ist vorbereitet, das Auto gepackt und nun
sollen alle einsteigen, damit man losfahren kann. Aber plötzlich
überlegt es sich der Kleine, nennen wir ihn Tim, anders und verweigert
das Mitkommen. Man redet zunächst freundlich auf ihn ein, lockt ihn mit
Versprechungen, schiebt ihn ein wenig in Richtung Auto. Das alles hilft
nicht, der Junge bleibt stur wie ein Esel. Man versteht es nicht. Wieso
macht er das, alles ist doch so schön in die Wege geleitet, und auch er
müsste doch Lust haben. Ja, müsste! Er hat sie aber nicht. Wir werden
nicht herausfinden, warum er keine Lust hat. Wir werden bei ihm, wie
schon andere Male, auf Granit beißen. Nun tut man ihm Gewalt an, sanfte
Gewalt und versucht, ihn ins Auto zu bugsieren. Er muss sich doch fügen,
es kann doch nicht (alles?) nach seinem Kopf gehen! Er wehrt sich,
fängt an zu strampeln, zu schreien, er haut seine Eltern, er beißt.
Entsetzt lässt man ihn wieder fallen. Er stürzt, tut sich weh, rennt ins
Haus zurück. Jetzt soll der Vater ein Machtwort sprechen. Er rennt
hinterher und im Haus knallen Türen. Aus dem Kinderzimmer ertönt
martialisches Kindergeschrei. Man hört auch die lauter und lauter
werdende Stimme des Vaters.
Im besten Fall verlässt der Vater wutschnaubend das Zimmer und lässt den
kleinen Tim weiter toben. Dabei fliegen ein paar Spielsachen an die
Wand und das neue Plastikauto geht zu Bruch. Die Gebäude aus Holzklötzen
der letzten Tage, auf die Tim so stolz war, stürzen unter seinen
Fußtritten in sich zusammen. Dann wird es ruhig, eine viertel Stunde
Schweigen. Plötzlich steht Tim wieder auf der Haustürschwelle. Seine
Gesichtszüge sind entspannt. Ein paar Tränen fließen, und er kuschelt
sich bei seiner Mutter in den Arm, die Fahrt kann beginnen.
Was geht da vor? Vorerst wollen wir nicht besprechen, wie man mit
Trotzanfälle am besten umgeht, erst wollen wir versuchen, sie zu
verstehen. Dazu ist es vor allem anderen wichtig, den eigentlichen
Anlass nicht über zu bewerten, denn dieser ist im Prinzip austauschbar.
Allerdings wiederholen sich meist dieselben oder ganz ähnliche Anlässe,
und das ist auch schon der Schlüssel zum Verständnis. Es geht um
Bestimmungs- und Entscheidungsmacht und um die kindliche Demonstration
des erwachenden Selbst. Der Inhalt des Vorgangs wird genau genommen nur
Mittel zum Zweck. Da sich Machtkonflikte immer in denselben
Ereigniskonstellationen abspielen, kann man relativ relativ präzise
voraussagen, wann ein Trotzanfall auftreten wird. Allerdings spielt die
Laune des Kindes noch eine wesentliche Rolle. Ein übermüdetes, an sich
schon gereiztes Kind unterliegt viel leichter einer Trotzreaktion, als
ein gut gelauntes und ausgeschlafenes.
Bestimmungsmacht ist eine Errungenschaft des Selbstgefühls, welches die
angestrebte Autonomie aufleben lässt und fortan unterstützt. Wird diese
Macht nun durch eine größere Macht, hier die autoritäre
(Entscheidungs-)Macht der Eltern, gebrochen, entsteht für das Kind ein
Selbstwertverlust, welcher ein Wesentliches der eben aufgezählten
positiven Attribute ins Negative verkehrt. Das kann ein Kind in dieser
Phase, in der es sich noch längst nicht durch Vernunft selbst
kontrollieren kann (auch hierfür fehlen noch die geistigen
Voraussetzungen), nicht akzeptieren und muss sich wehren. Trotz ist also
zunächst einmal Verteidigung des entstehenden Selbst.
In dieser Darstellung soll klar werden, dass Trotz kein Spleen, kein
Abersinn des Kindes und schon gar keine grundsätzlich oppositionelle
Herausforderung der Eltern ist, dem jetzt unbedingt durch pauschales
"Grenzen setzen" begegnet werden muss. Vielmehr ist er ein
Durchsetzungsversuch des noch brüchigen und hochgradig verletzlichen
Selbstgefühls. Ist das elterlich erzieherische Eingreifen aus falsch
verstandener Verteidigung eigener "elterlicher Hoheit" zu autoritär,
oder sogar grob, brutal oder herablassend, bleibt es nicht mehr nur bei
der widerständigen Reaktion des Kindes, sondern kommt es auch zur
Kränkung des sich ja gerade etwas mühsam herausschälenden Selbst. Auf
Dauer wird die Selbstschwächung in der Persönlichkeit von früh an mit
anwachsen, sozusagen als permanente Selbstkritik oder ständiger
Selbstzweifel, und wird zu einer ungünstigen Ausgangsposition für das
ganze Leben. Das soll nicht heißen, dass man uneingeschränkt dem Trotz
nachzugeben hat, nur sollte man sich überlegen, wie stark man gegen ihn
vorgehen darf. Aber das wollen wir erst im nächsten Kapitel weiter
ausführen.
Was ich hier an diesem einen Beispiel, und es gibt derer zahllose,
dargestellt habe, ist der Zweimächtekonflikt. Am typischsten sind die
schweren Trotzanfälle im Supermarkt, wenn die Eltern den Kauf von
Süßigkeiten oder Kleinspielzeug verbieten wollen. Die eine Macht ist
immer der Selbstentscheidungs- und Selbstbehauptungswille des Kindes,
die andere die, sagen wir, autoritäre Macht der Eltern. Eine andere
Konstellation ist der Dreimächtekonflikt. Es könnte nämlich auch eine
natürliche Macht sein, wie z.B. der eigene Ausscheidungsdruck für Urin
und Stuhl, oder die Müdigkeit, dem oder der das Kind nicht ohne weiteres
nachgeben möchte. Unterstützen die Eltern dann den natürliche Druck
durch mahnende Worte oder durch Zwang zur Ausführung, dann siehtr sich
das Kind einer doppelten Macht gegenüber. Wie kann das sein? Auch die
natürlichen Bedürfnisse wertet das Kind zunächst einmal wie eine fremde
Macht. Es begreift noch nicht, dass diese inneren Vorgänge nicht vom
eigenen Willen steuerbar sind, sondern naturbedingte Notwendigkeiten,
denen man sich grundsätzlich unterwerfen muss (um seinen Körper und sein
eigenes Wohlergehen nicht zu schädigen). Urinausscheidung, Stuhlgang,
Müdigkeit, aber auch Hunger und Durst, die eigentlich Grundtriebe des
Menschen sind, können im frühen Kindesalter als eine Aufoktroyierung
(Aufzwingung) durch innere Mächte empfunden werden, welchen, wenn sie im
ungelegenen Moment auftreten, getrotzt werden kann. Treten sie also als
angenehm empfundener Druck auf, sind sie ein Bedürfnis. Treten sie als
unliebsame Notwendigkeit auf, sind sie eine ärgerlicher Zwang.
Insbesondere wenn die Loslösung aus der primären Bindung als erschwerter
Vorgang (s.o.) durch starken Trotz in dieser Phase unterstrichen werden
muss (oder schlecht gebundene, auf das Dasein in der Loslösung
unvorbereitete Kinder, wie auch Kinder mit geschwächtem Selbst durch
selbstschwächende Attribute, usw.), kann der Trotz in diesem
Zusammenhang dramatische Ausmaße annehmen. Z.B. wird Urin eingehalten,
bis die Blase ihn nicht mehr halten kann und ein explosives Einnässen
einsetzt (Fachbegriffe: Miktionsaufschub, Dranginkontinenz). Stuhl wird
so lange eingehalten, bis er im Enddarm eintrocknet und festsitzt
(Fachbegriff für den harten Stuhl: Skybala), so dass tagelang die
Toilette nicht aufgesucht werden kann und die Entleerung schließlich nur
unter heftigen Schmerzen zustande kommt (Fachbegriff: habituelle
Obstipation). Müdigkeit wird solange ignoriert und aufgeschoben, bis
heftige Übermüdung einsetzt, der Schlaf nicht mehr kommt und jegliche
Toleranz von irgendeinem unliebsamem Geschehen zusammenbricht. Das
Einschlafen ist in solchen Augenblicken also praktisch unmöglich, der
Kampf beim Zubettgehen unvermeidlich. Sogar Essen und Trinken kkönnen
aufgeschoben und aufgehoben werden, so dass es zu Gewichtsverlust
(Nahrungsverweigerung) und Austrocknung (Fachbegriff: Exsikkose) kommt.
Ungewollt aufgenommene Nahrung wird wieder hochgewürgt und ausgebrochen
(Rumination). Die Schwierigkeit besteht immer darin, diesen "Knoten" in
der kindlichen Vorstellungswelt wieder zu lösen, und zwar ohne den
mithelfenden Einsatz von regulierender Vernunft, derer das Kind in
diesem Alter noch nicht mächtig ist. Ohne fachkundige Hilfe ist das oft
gar nicht mehr möglich.
Aber auch ganz einfache, natürliche Phänomene wie z.B. das Wetter können
am Anfang solcher trotzigen Eskalationen stehen, wenn die Eltern dem
erforderlichen, kindlichen Anpassungsverhalten an die Witterung
nachhelfen wollen. Regnet es z.B. draußen und soll ein Kind Regenmantel,
Gummistiefel und Regenmütze anziehen, möchte aber lieber seine Sandalen
anbehalten, nasse Haare bekommen und auf den Regenmantel verzichten,
kann es zu schweren Trotzerscheinungen kommen. Schneit es und das Kind
mag weder Schal noch Handschuhe anziehen, passiert genau dasselbe. Ist
der Schnee dann aber zu kalt an den Händen und lachen jetzt die Eltern
schadenfroh, fühlt sich das Kind bloßgestellt und trotzt erneut Die
Anlässe sind so zahlreich wie die Witterungsbedingungen im Jahr.
Ich denke, es ist inzwischen klar, welche Bedeutung dem Trotzen in der
Entwicklung des Kleinkindes zukommt. Um es noch einmal auf den Punkt zu
bringen. Trotzen ist keine selbstgefällige Widerspenstigkeit des Kindes.
Es soll auch keine gezielte Herausforderung der Elternmacht sein. Trotz
ist des Weiteren keine Provokation, auch wenn es vordergründig so
wirkt. Trotz ist Selbstbehauptung, Selbstschutz und Selbstverteidigung
an scheinbar falscher Stelle, weil die Vernunft zur Regulation der
Emotionen noch nicht ausreicht. Diese Vernunft wird auch noch ein
Weilchen auf sich warten lassen. Das Selbst ist in diesem Zustand aber
noch so zerbrechlich und verletzbar, dass es dieser
Verteidigungsmaßnahmen unbedingt bedarf, sagen wir, koste, was es wolle;
notfalls auch die Zuneigung der Bezugspersonen. Dieses hohe Risiko geht
ein Kind normalerweise aber nur recht kurze Zeit ein, und über kurz
oder lang meldet sich jedes trotzende Kind bei seinen Eltern wieder
zurück, um sich neu zu vereinigen und um sich ihrer Zuneigung und Liebe
wieder zu versichern. Solche Momente sind ganz wichtig in der
Entwicklung, denn hier wird eine neue Form von Zärtlichkeit in der
Beziehung und Kommunikation aufgebaut, welche ein wesentliches
Erfahrungsmoment trägt, das der Vergebung und des Verzeihens.
Kommen wir zum dritten und letzten Punkt des Trotzens, der eigentlich
nicht genau dazugehört, aber aus methodischen Gründen hier angefügt sein
soll. Es geht um die Rivalität. Rivalität entsteht im
Leistungsvergleich der Kleinkinder (und aller Menschen) untereinander,
v.a. wenn es sich um etwa altersgleiche Gefährten handelt. Der
Wettbewerb wird geboren und begleitet fortan das ganze leben. Wiederum
steht zunächst das "neugeborene Selbst" im Zentrum des Geschehens. Das
Selbst wird in Zukunft nicht nur kritisch in bezug auf elterliche oder
natürliche Macht beurteilt, sondern auch auf die potenzielle
Machtausübung durch hierarchisch Gleiche. Wiederum zählen positive und
negative Werte für und gegen das eigene Selbst, und zwar in der oben
aufgezählten Form.
Ganz prägnant sind die Verhaltensformen etwa Zweijähriger in Gruppen,
wenn man sie in Kinderzimmern unbeaufsichtigt spielen lässt. Ein solches
Miteinanderspielen geht in der Regel nicht lange gut. Über kurz oder
lang entbrandet ein Streit über die "Besitzverhältnisse". Nahezu alle
Kinder versuchen, sich Selbstwertvorteile durch eigenes Spielzeug zu
verschaffen. Aber ebenso auch über das Beherrschen von Spielzeug
anderer, das im Moment gerade irgendwie attraktiv erscheint (z.B. weil
sich das andere Kind intensiv damit befasst), auch wenn es nicht zum
eigenen Spielzeug gehört. Da ein Kleinkind dieses Alters keinen Begriff
von der Rechtmäßigkeit eines Besitzes hat, wird es, so es die
körperliche oder verbale Kraft dazu besitzt, sich dieses Spielzeugs
bemächtigen wollen. Verteidigt das um sein Spielzeug angegangene Kind
aber hartnäckig seinen Besitz, kommt es zur Auseinandersetzung. Kraft
der altersgemäß einsetzenden Aggression (s.o.) fallen die Angriffs- und
Verteidigungsmaßnahmen schon recht drastisch aus. Da wird geschlagen,
getreten, gebissen und an den Haaren gezogen, was die eigene Kraft
hergibt. Kleinere Kinder, die noch nicht so sicher auf ihren Beinen
stehen, werden in solchen Momenten auch gerne durch Schubsen zu Fall
gebracht. Das Spielzeug wird den Händen entrissen. Schlimmstenfalls wird
das Spielzeug, um das es geht, oder bei älteren Kindern ein anderer
entsprechender Gegenstand dazu missbraucht, auf den Kontrahenten
einzuschlagen. Zwar kommt es fast nie zu schwereren Verletzungen, jedoch
ist die Wirkung solcher "Prügeleien" von nicht zu unterschätzendem
Ausmaß. Als Eltern kann man die Dinge nicht einfach so laufen lassen.
Rivalität kann sich auch viel versteckter abspielen, was besonders bei
Geschwistern zum Tragen kommt, oder Kindern, die oft und eng in Gruppen
zusammenkommen. Vor allem bei Mädchen ist diese Form häufiger
anzutreffen. Immer wieder beobachtet man, dass sich manche Kleinkinder
durch Geschicklichkeit im sozialen Auftreten oder einfach nur bedingt
durch ihr besonders ansprechendes Aussehen Vorteile bei größeren Kindern
oder Erwachsenen verschaffen. Das ruft den Argwohn der oder des
Geschwister(s) hervor oder der anderen Gruppenmitglieder. Der
Selbstgewinn beim erfolgreichen Kind ist groß, der befürchtete
Selbstverlust bei den Unterlegenen jedoch ebenso. Wahrscheinlich sind
solche Gefühle die Anfänge von Argwohn, Eifersucht und Neid, welche
frühe negativ komplex soziale Gefühle sind.
Die Wut auf eine solches "anbiederisches" Kind wird mit der Zeit groß.
Es handelt sich auch bei dieser Wut jetzt um das komplexere Gefühl der
Wut, das wir als Zorn bezeichnen. Zorn ist im Gegensatz zur Wut ein sich
selbst erhaltendes, andauerndes Gefühl mit einem zielgerichteten
(Einzel-)Objekt. Zorn kann sich demzufolge auch ansammeln und wird oft
erst bei überschrittener Toleranzschwelle entladen. Die Wut dagegen ist
immer situationsbezogen, im Moment reaktiv und entlädt sich sofort. Nur
der Vollständigkeit halber sei noch der Hass erwähnt: Hass wäre eine
noch weiter gehende negative, komplex-soziale Gefühlsform, welche dem
Zorn folgt (wie auch der Eifersucht und dem Neid) und kognitiv, d.h.
durch Erkenntnis und Wissen, stark überformt wird.
Es gibt ganz unterschiedliche, individuell oder durch die soziale
Konstellation geprägte Formen von Rivalität. Auch unterscheiden sich
hierin schon Jungen und Mädchen. Jungen zeigen mehr körperliche
Auseinandersetzungen und vergleichen ihre Kraft und Stärke, Mädchen
bauen mehr soziale Ränge auf und unterscheiden ihr Aussehen und ihre
Beliebtheit. Rivalität ist in jeder sozialen Gesellschaftsform
unvermeidlich und wird später positiv ausgebaut und in das Sozialleben
mit einbezogen. Auf dieser ausgeformten Stufe bekommt der Begriff mit
Konkurrenz einen positiv gewendeten Sinn. Im Kleinkindesalter ist die
Rivalität jedoch noch gleichsam roh und ungezügelt und ständiger Grund
für Auseinandersetzungen. Kaum ein Elternpaar kennt nicht solche Szenen,
wie die oben skizzierten, und falsches Reagieren auf diese
kindstypischen Verhaltensformen kann das Selbst eines Kindes mindestens
in ungünstiger Weise auf Dauer beeinflussen.
Kurz eine Bemerkung noch zur Aggression, auf die wir hier nur am Rande
eingehen können. Aggression will ich verstehen als einen natürlichen
Trieb, der alle in Gemeinschaft lebenden Wesen zur Regulation ihrer
Gruppenformen erfasst und beim Menschen aus natürlichen Gründen mit der
frühen, psychosexuellen Differenzierung in der frühen Kindheit auftritt.
Grundsätzlich dient die Aggression meiner Auffassung nach zur
Verteidigung der individuellen Person und Persönlichkeit in der Gruppe
sowie ihrer Stellung und Bedeutung in der Gemeinschaft. Der
Selbsterhaltungstrieb ist beredter Ausdruck dieses Zweckes. Der
Wettbewerb unter den zu gleichen Individuuen ist die Austragungsart auf
gemeinschaftverträglicher Ebenen. Bei begrenzten Ressourcen z.B. von
Nahrung und Lebensraum geht der Wettbewerb schnell in den
Verteilungskampf über. Aber auch das an sich positive Bindungsprinzip
kann durch gezielten Ausschluss fremder "Subjekte" v.a. im Rahmen der
Gruppenbildung aggressiven Charakter annehmen.
Nimmt die Aggressivität aus einer speziellen, die eigene Art erhaltenden
Entwicklung zu, kann sie die Existenz in Gruppen unmöglich machen und
zum Einzelgängertum führen (bestimmte Tierarten). Der Mensch zählt
normalerweise nicht zu einer solch aggressiven Spezies. Im Gegenteil,
seine natürliche Ausstattung zwingt ihn zu einem Leben in der Gruppe und
damit zu einem maßvollen Umgang mit der Aggression und zur
Herabregulation seiner aggressiven Impulse. Dazu dienen ihm der
Sexualtrieb und die Beständigkeit in der Bindung. Sexualtrieb und
Aggressionstrieb stehen in einer gewissen Ausbalancierung und sind in
ihrer Impulsstärke zu einem gewissen Teil untereinander austauschbar
(psych.: Sublimation).
All das ist wichtig zu wissen, will man verstehen, warum das eigene Kind
auch bei völlig friedlicher Gesinnung seiner Eltern und seiner Familie
in manchen Momenten plötzlich aggressive Impulse an den Tag legt. Was an
ähnlichem Verhalten bei älteren Säuglingen und vielleicht
Eineinhalbjährigen noch spielerisch zärtlich gemeint ist und nur etwas
grob vorgetragen wird, kann bei Zweijährigen durchaus schon "bewusst
aggressiv" zur eigenen Abgrenzung und Verteidigung eingesetzt werden.
Ist der Impuls von Natur aus stark ausgeprägt, was in erster Linie in
den Temperamentsfaktoren und Charakteranlagen zu suchen ist, kann das
aggressive Verhalten im Bedarfsfall auch heftiger umgesetzt werden.
Sogar "Vorwärtsverteidigung" bis hin zur Herausforderung des
Kontrahenten ist möglich, insbesondere dann wenn
a) das Kind gelernt hat, erfolgreich damit zu sein (selbststärkende Wirkung) und
b) die Eltern solche aggressiven Elemente in die Erziehung als
verstecktes Vorbild selbst eingebracht haben (Selbststärkung durch
aggressive Vorwärtsverteidigung).
Kann der aggressive Impuls bei hoher innerer Spannung nicht gegen den
Verursacher von Wut und Zorn ausgelebt werden, wird er auch im
Einzelfall ersatzweise auch gegen sich selbst ausgelebt. Solche Kinder
schlagen dann ihren Kopf mehrfach auf den Boden oder gegen die Wand,
oder kneifen, "pitschen", beißen sich selbst. Schon ältere Säuglinge
sieht man im Einzelfall ihren Kopf gegen die Gitterstäbe ihres Bettchens
schlagen.
Umgang mit dem trotzenden Kind
Man darf nicht müde werden, immer wieder darauf hinzuweisen, dass der
Trotz ein entwicklungsbedingtes, unvermeidliches Phänomen in der
Persönlichkeitsbildung des Menschen ist. So schwer er den Eltern
zuweilen das Leben mit ihrem Kleinkind in dieser Phase macht, so schwer
sind die widerstrebenden Gefühle auch vom trotzenden Kind selbst zu
ertragen. Ist der Gewinn an Selbstwert ein überaus lustvolles und
befriedigendes Gefühl, wobei im Gehirn das sogenannte Belohnungszentrum
aktiviert wird, so ist der Verlust an Selbstwert ein überaus
schmerzliches, stark irritierendes Gefühl, wogegen das Kind sich
(verständlicherweise) auflehnt. Dabei tritt das neurophysiologische
Pendant zum Belohnungszentrum, das Bestrafungszentrum, in Aktion. Diese
beiden "Zentren" aktivieren Botenstoffe im Gehirn, die aus
Hirnnervenkerngebieten im Stammhirn bzw. Mittelhirn stammen und in der
Hirnrinde, sowie in der grauen Substanz unterhalb der Hirnrinde, den
Basalganglien und dem Limbischen System sektorförmig verteilt werden.
V.a. wird eben auch das limbische System mit diesen Botenstoffen
beschickt und da insbesondere wieder die Mandelkerne (Amygdala), welche
u.a. für die Regulation von negativen Gefühlen wie Angst und Panik
zuständig sind (s.o.). Dies entspräche neurophysiologisch dann jener
Angst verursachenden Reaktionen beim Kind, die durch eine echte oder
auch nur vermeintliche Gefährdung des aufkommenden Selbst bei einem zu
machtvollen Eingriff durch Erwachsene oder die Natur entsteht.
Die positiven Gefühle im Belohnungssystem hemmen ihrerseits dieses
"Angstzentrum" und fördern die Aktivierung bestimmter
Hirnrindenabschnitte im Frontalhirn, sowie in den bereits genannten
Anteilen der tiefer gelegenen, grauen Hirnsubstanz. Dabei sind neben den
Neurotransmittern Serotonin und Dopamin auch die Endorphine beteiligt,
welche geradezu als Glückshormone gelten. Das alles erwähne ich deshalb,
weil einiges von diesen Zusammenhängen auch schon in der Laienpresse
publik gemacht wird und derartige neurophysiologischen Zusammenhänge in
absehbarer Zeit auch konkret nachweisbar sein werden.
Die Empfehlungen zum Umgang mit dem trotzenden Kind, die hier folgen
sollen, beziehen also ihre Grundposition aus den gemachten
(tiefen-)psychologischen, wie auch neurophysiologischen Zusammenhängen.
Sie hängen also weder einem kulturellen Trend, noch einer
gesellschaftspolitischen Anschauung an.
Trotz wird schnell mit oppositionellem Verhalten und Aggression in
Zusammenhang gebracht, aber bei diesen drei Reaktionsformen handelt es
sich nicht um dieselbe Gefühlsebene oder Gefühlsstufe. Aggression ist
ein Trieb und kommt eigentlich nur als verstärkendes Element dem
Gefühlsspektrum des trotzenden Kindes zu Hilfe. Sie initiiert eigentlich
erst einmal nur Verteidigungsbereitschaft. Diese Verteidigung gilt dem
eigenen noch unvollkommenen und unsicheren Selbstgefühl. Verteidigung
hat zwar etwas mit Opposition zu tun, ein oppositionelles Verhalten im
eigentlichen Sinn ist Trotz dennoch nicht. Dies vor allem auch deswegen,
weil sich das Kind ja keinen Gegner für seine Position sucht, sondern
ganz im Gegenteil einen Verbündeten. Das macht die gewisse Tragik aus,
die sich im Trotz verbirgt.
Man kann ohne Probleme folgende Skala der -sagen wir-
widerständlerischen Gefühle des Menschen, hier erst einmal des Kindes,
aufstellen, wobei zu Anfang die allgemeinste und unmittelbarste, beinahe
rein reflektorische Form steht, nämlich die Wut. Sie bildet gleichsam
die emotionale Basis aller auf ihr aufbauenden, sich weiter
differenzierenden Gefühle und Reaktionen und gehört für sich genommen zu
den komplex-sozialen Basisgefühlen, die schon im Säuglingsalter
auftreten. Der Wut folgt mit zunehmender Willkürmotorik der eigentliche
Widerstand, welcher dann im Trotz aufgeht. Erst danach stehen das
oppositionelle Verhalten und die eigentliche (provokative) Aggression.
Alle diese Gefühlsqualitäten, welche in der Aggression vom Trieb als
solchem dann gänzlich überlagert werden, haben etwas mit der Entstehung
und dem Erhalt des Selbst zu tun. Das Selbst als Form der
Individualisierung und Abgrenzung des einzelnen Menschen gegen seine
Vereinahmung durch die "Masse" bedarf einer im Gefühl verankerten
Verteidigungsstrategie, welche lebenslang aufrecht erhalten werden muss.
Zwar kommt schon im Stadium der Opposition die Aggression als Trieb dem
Gefühlserleben Widerstand zu Hilfe, aber diese bleibt dabei noch reine
Strategie der Verteidigung. Das Stadium der Opposition kann sich
tatsächlich bis weit in die Schulzeit hinein verlängern, ohne in
offenkundige und provokative Aggression (mit Angriffsstrategie)
umzuschlagen. Das ist vor allem immer dann der Fall, wenn einerseits das
Selbst in seiner positiven Bewertung wohl keine Fortschritte machen
kann, aber andererseits der aggressive Impuls anlagemäßig nicht stark
genug ausgeprägt ist.
Generell kann man sagen, je positiver sich das Selbst bewertet (erlebt),
desto geringer muss der aggressive Impuls bemüht werden, irgendwelche
sich behauptenden Verhaltensstrategien in der sozialen Gemeinschaft zu
entwickeln. Ist zugleich auch die Triebveranlagung nicht so hoch, wobei
das männliche Hormon Testosteron eine große Bedeutung spielt, dann
erscheint ein solches Kind sozial gut ausgerichtet und fügt sich leicht
und unkompliziert in die Gemeinschaft ein Es gilt als anpassungsfähig
und tolerant.
Je negativer sich das Selbst bewertet (erlebt), desto stärker muss nun
der aggressive Impuls bemüht werden, dieses schwache Selbst vor dem
befürchteten Untergang zu bewahren. Solche Kinder fühlen sich viel
leichter gekränkt und stärker bedroht als andere. Sie fangen an, um den
Erhalt ihres Selbst zu kämpfen. Fühlen sie sich dazu aber zu schwach,
sind noch zu jung oder reicht ihr aggressiver Impuls dafür einfach nicht
aus, verharren sie in der Oppositionshaltung und trotzen gleichzeitig
heftig weiter. Ist ihr aggressiver Impuls aber gut ausgerüstet, klettern
sie mitunter die ganze Skala des Widerstandes (s.o.) aufwärts, um im
schlimmsten Fall die –angriffslustige- Aggression jetzt nicht mehr
allein gegen Sachen zu richten, sondern auch gegen Menschen. Dadurch
drohen sie auf der letzten Stufe der Aggressionsskala sogar in die
Delinquenz abzugleiten.
Psycho- und soziopathologische Abweichungen sind hier allerdings nicht
das Thema. Es geht vielmehr darum, eine geeignete Umgangsweise mit dem
normalen kindlichen Trotz zu finden, denn bis zu einem gewissen Grade
trotzt jedes Kind, auch das, welches ein gutes emotionales Polster aus
der Säuglingszeit mitbringt und eigentlich schon ein recht starkes
Selbstgefühl verspürt. Beim Trotz ist es wie mit allen frühkindlichen,
sozialen Verhaltensformen, sprich also Fremdeln und Anhänglichkeit und
Loslösung, sie treten auf, ganz gleich wie das Kind veranlagt ist und
ganz gleich wie die Eltern darauf reagieren oder reagiert haben. Es
handelt sich also um natürliche, psychodynamisch unentbehrliche
Verhaltensmuster.
Ein stark trotzendes Kind befindet sich in einem psychischen
Ausnahmezustand! Es muss dann mit aller Vorsicht und allem Respekt vor
seiner inneren Not behandelt werden. Ist der soziale Druck der
zufälligen Zeugen eines solchen Anfalls zu groß, bei umher stehenden
Fremden ist das fast immer der Fall, ist es geboten, das außer Kontrolle
geratene Kind abseits zu bringen und sich dort auskämpfen zu lassen.
Die ungeheure Wut, die im Kind aufgekommen ist, braucht einige Minuten,
oft auch wesentlich länger, bis sie wieder zur Ruhe gelangt und
versöhnlichen Gefühlen Platz macht. Diese kommen dann aber regelmäßig,
wenn prinzipiell die Mutter-Vater-Kind-Bindung, dem Alter gemäß, noch
intakt ist. Ein solches Verhalten entspräche einer "sicheren Bindung".
Das bedeutet, dass es sinnlos und schädlich ist, in das Trotzgeschehen
emotional steuernd eingreifen zu wollen. Vielleicht ganz am Anfang eines
solchen Anfalls, wenn man ihn aufkommen sieht, gelingt es manchmal,
präventiv die Affekte des Kindes in den Griff zu bekommen. Aber sehr
schnell ist ein Punkt im Geschehensablauf erreicht, welcher keine Umkehr
mehr zulässt.
Ganz konkret heißt das alles: was zu verhindern ist, sollte verhindert
werden, ohne dass man deswegen dem Betreiben des Kindes, irgend etwas zu
erreichen, ständig nachgibt. Vielmehr sollte grundsätzlich vorab oder
aktuell in der Situation entschieden werden, ob es wichtig und
lohnenswert ist, dieses oder jenes durchzusetzen und dafür einen
Trotzanfall in Kauf zu nehmen, oder eben nicht. Die meistens Trotz
auslösenden Situationen sind ja in der Regel schnell bekannt und
vorauszusehen.
Hat der Trotz eingesetzt und erscheint die Situation so richtig schön
verfahren, ist es zuweilen besser, den Fortgang des Geschehens einer
anderen Vertrauensperson zu überlassen, um nicht selbst durch Schlagen
übergriffig gegen das Kind zu werden. Eigenes Schlagen lehrt das Kind
oder ermuntert es, selbst zu schlagen, was man dann aber nicht will und
doch erneut durch angreifend aggressives Verhalten (stärkeres Schlagen)
zu unterbinden versucht. Der Widerspruch im eigenen Verhalten wird
eklatant und vom Kind sofort erkannt. Dieser Widerspruch führt dazu,
dass im Sinne eines Modellernens (Imitation, implizites Lernen) der
aggressive Angriff blitzschnell ins eigene Verhaltensrepertoire
übernommen wird. Schließlich besitzt das Kind im Rahmen der eigenen
Aggression ja eine genetische Voraussetzung für aggressive
Verhaltensweisen wie Schlagen, Beißen, Kneifen, Treten, an den Haaren
ziehen, Umstoßen Kleinerer und Schwächerer (s.o.) und vieles mehr.
Aggressives Übergriffigwerden verbietet sich also aus pädagogischen wie
humanitären Gründen, wobei es dem Kind selbst bis zu einem gewissen
Grade zugestanden werden muss, da es bei ihm als genetische Vorgabe
erscheint und als "Rauferei" zum Verhaltensrepertoire des kleinen
Menschen gehört. Von diesem Verhalten aus sollte sich dann aber der Weg
zur Gewissensbildung herausbilden, was aber ein ganz neues Thema wäre
und an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt wird.
Nicht zur aggressiven Übergriffigkeit, sondern zum üblichen
Verhaltensrepertoire gehören drei Erziehungsweisen, welche menschtypisch
sind und zur sozialen Regulation unbedingt Anwendung finden sollten. Es
handelt sich um das Drohen, das Schimpfen und das "soziale Trennen".
a) Drohen: Auch im Tierreich gibt es das Drohen als regulierende
Verhaltensweise für die sozialen Beziehungen. Das Drohen wird
überwiegend mit der Mimik ausgeführt, z.T. aber auch mit der Gestik.
Schon im Rahmen des Referenzierungs-Interaktionsmodus (E.Lemche, s.o.)
bei der Loslösung des Kindes (und auch noch früher in der Säuglingszeit)
spielte die Mimik eine entscheidende Rolle. Das fortlaufende Kind
versicherte sich durch Zurückblicken zur Mutter von deren Unbesorgtheit,
die es ihrem aufmunternden Gesichtsausdruck zu entnehmen lernte (auch
"sichere Basis", F.Renggli, s.o.). Umgekehrt führte ängstlich besorgte
Mimik bei der Mutter ganz ohne Worte zum Abbruch der begonnenen
Handlung. Diese Prinzip findet hier und jetzt seine Fortsetzung,
allerdings muss die Mimik den Situationen angemessen nur etwas
"erschreckender" werden. Hierbei spielt gerade der Blick eine ganz
besondere Rolle. Der böse Blick, der schon im Säuglingsalter das Kind
beeindruckt und zuweilen Weinen ausgelöst hat, zumindest aber ein
Wegblicken und Sichabwenden, bekommt jetzt eine klar formulierte
Aufgabe, die Verhinderung einer vom Kind beabsichtigten Tat. Nicht
gemeint ist ein verbale Äußerung mit der Androhung einer Strafe.
b) Schimpfen: Auch das Schimpfen gibt es schon im Tierreich als Warnruf
oder Gebrüll bzw. Gezeter bei Primaten. Beim Menschen ist Schimpfen
zweierlei. Einmal klare Änderung der Stimmführung und
Lautstärkenänderung. Zum anderen besonderer verbaler Inhalt. Den
verbalen Inhalt der ärgerlichen "Botschaft" oder Mitteilung mag das Kind
nicht immer verstehen, den Tonfall, mit dem diese vorgetragen wird,
aber regelmäßig. Das Kind wirkt unmittelbar beeindruckt. Je nach bereits
erworbener Selbstsicherheit hält das Kind bei seinem Tun inne und
richtet sich nach der verbalen Aufforderung, entweder als Ver- oder
Gebot, oder es erschrickt und fängt sogar an zu weinen. Auf jeden Fall
erreicht die Mutter oder eine andere erziehende Person, dass das Kind
sich nicht mehr gemäß seinem eigenen Wunsch und Willen, sondern
demjenigen der in die Situation eingreifenden Person verhält. Schimpfen
verbraucht sich relativ leicht, was zu beachten ist. Man sollte es nicht
inflatorisch anwenden. Übrigens kann auch ein kurzer und energischer
"Anruf" die ganze Wirkung des Schimpfens entfalten.
c) Sozial Trennen: die Maßnahme des Fortschickens oder auch selbsttätig
Forttragens, um das widerspenstige Kind wenigstens eine Zeitlang
außerhalb der sozialen Gemeinschaft zu stellen, ist im wesentlichen eine
menschliche Eigenschaft. Sie basiert im Grunde auf der Einschränkung
des Kindlichen, emotionalen Bedürfnisses, möglichst immer "dabei zu
sein" und im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Das Kind versucht ja
grundsätzlich, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, eine Aufmerksamkeit,
die ihm Bedeutung und Wichtigkeit suggeriert. Beide sozialen
Bezugsformen stärken nämlich sein Selbst. Entgehende Aufmerksamkeit
wirkt auf das Kind beinahe wie eine seelische Verletzung. Bestes
Beispiel hierfür ist die lange Zeit mit einer anderen Person
telefonierende Mutter, die nun permanent von ihrem Kind bedrängt wird.
Das soziale Trennen ist für das Kind eine harte Maßnahme, und sie sollte
nur im äußersten Notfall eingesetzt werden Das Einsperren des Kindes
ist verboten und Teil der sogenannten schwarzen Pädagogik. Das Kind muss
die Möglichkeit haben, sobald es sich beruhigt hat, zur Mutter oder
einer anderen, erziehenden Person zurückzukehren und um Trost und
Verzeihung zu ersuchen. Diese Reaktion tritt auch über kurz oder lang
regelmäßig ein, sofern die sozialen Grundbeziehungen noch intakt sind,
und muss gebührend beachtet werden.
Ohne auf die jeweils spezifischen Abläufe und die mit diesen Reaktionen
verbundenen Schwierigkeiten im Einzelnen eingehen zu können, muss gesagt
werden, dass diese Trias in aller Regel genügt, ein nicht gewünschtes
Handeln des Kindes zu stoppen, oder auch eine drohende Trotzreaktion
oder oppositionelle Haltung zu verhindern. Ist der Trotzanfall aber
vollständig zum Ausbruch gekommen, hilft gewöhnlich nur die letzte
Maßnahme, das soziale Trennen, denn jedes Schimpfen oder jeder
Beschwichtigungsversuch lässt das Kind sich allzu häufig weiter in die
Wut hineinsteigern. So ist es meines Erachtens auch ganz falsch, durch
plötzliche und zusammenhangslose Zuwendung zu ihm das Kind zur Aufgabe
zu bewegen. Diese Nachgiebigkeit käme geradezu einer Regelverletzung
seitens der Eltern oder Erzieher gleich, denn auch das Kind schafft sich
Regeln und möchte, dass sie von den Anderen eingehalten werden.
Lässt sich das Trennen nicht durchführen, weil das Kind dabei sich
gleichsam in Raserei steigert, kann man nur den Spieß umdrehen und sich
selbst vom Kind entfernen, wohlgemerkt immer mit dem Signal, die
Wiederannäherung zuzulassen. Auf diese Weise entwickelt das Kind jenen
wichtigen Sozialmechanismus der Reue und des Wunsches nach Verzeihung,
beides wichtige Funktionen in der Regulation jeglicher aggressiver
Konfliktauseinandersetzung. Also hierbei schon und so früh werden
soziale Verhaltensweise ins Leben gerufen und erprobt, welche das Leben
lang von entscheidender Bedeutung sind. Grundsätzlich muss jede
erzieherische Maßnahme so gestaltet sein, dass das Kind letztlich einen
Vorteil für sich selbst darin erkennen kann (wenn auch vielleicht nicht
sofort) und nicht einen Nachteil, mit dem die simple Abstrafung
aufwarten würde. Wir, die erziehenden Erwachsenen und Eltern, haben die
–bislang nirgendwo deklarierte- Pflicht, die Kinder so zu erziehen, dass
sie in deutlichem Vorteil für ihr eigenes Selbst aus der
Erziehungsmaßnahme hervorgehen. Aus der Sicht des Kindes ist dies ein
Menschenrecht.
Ein letztes Wort noch zum Umgang mit den Rivalitätskonflikten in den
Kinderzimmern oder auf den Spielplätzen. Aber auch hier kann keineswegs
jede Konfliktkonstellation im Detail besprochen werden. Vielmehr sollen
allgemeine, situative Verläufe und sinnvolle, elterliche
Eingriffsmöglichkeiten zur Sprache kommen.
Zunächst ist es vielleicht wichtig noch einmal zu sagen, dass die
Rivalität unter Kleinkindern um so größer wird, je näher sich die Kinder
familiär stehen und je geringer ihr Altersabstand ist. Das Geschlecht
spielt einstweilen noch keine so große Rolle, was sich später ändert.
Demzufolge wäre der größte Rivale das Zwillingsgeschwister, was sich
aber nicht immer betätigen lässt. Offenbar gibt es unter Zwillingen so
etwas wie einen Rivalitätsschutz. Hingegen sind Geschwister in geringem
Altersabstand in der Regel große Rivalen. Die meisten Eltern erleben die
Auswirkungen dieser Rivalität, wenn ein Geschwisterkind geboren wird.
Spätestens, wenn der kleine Bruder oder die Schwester sich ihren Platz
im Kinderzimmer oder auf dem elterlichen Schoß erobert, beginnt der
"Kampf".
Rivalität entsteht durch Sorge vor Verlust an Selbstanteilen. Die
Entwicklung des Selbst ist im Kleinkindalter das absolut vorrangige,
psychosoziale Geschehen. Alles, was der Selbstaufwertung dient, ist
willkommen und wird mit den positiven Erscheinungen der äußeren Umwelt
in die innere Welt integriert. Alles, was das Selbst abwertet, ist
bedrohlich und wird zu externalisieren versucht oder ganz gemieden. Auf
dieses Vermeidungsbedürfnis des Kindes greifen übrigens viele
Erziehungsprinzipien zurück, die gerade in diesem Alter mit Vorliebe
schon angewandt werden, weil sie sich als so wirksam erweisen.
Ein solches Ausnutzen der kindlichen Schwäche ist natürlich sehr
schädlich, weil in diesem Licht betrachtet es sich bei dem
Erziehungsvorgang nicht nur um eine simple Beeinflussung des kindlichen
Verhaltens zum Zweck der Korrektur handelt, sondern sogleich um eine
schwerwiegende Seelenverletzung, bzw. Kränkung. Konkret gemeint sind
direkte demütigende Kommentare, Verächtlichmachung des Tuns,
Erniedrigung durch Vergleich mit anderen, angeblich besseren Kindern,
Hervorhebung der kindlichen Schwäche, simple autoritäre Übermächtigung,
körperliche Züchtigung, dabei auch Klapse auf die Finger und den Po,
Anschreien, Einsperren und noch schlimmere Dinge, die Liste ist lang.
Aber auch die Kinder sind nicht gerade zimperlich, was das Erlangen von
Selbstvorteilen angeht oder die Methodik Ihrer Selbstaufwertung. Vor
allem dann, wenn ein Kind aus dem Zwei- oder Dreimächtekonflikt ziemlich
regelmäßig als Unterlegener hervorgeht und sein Selbst bereits in der
Entstehung erschüttert sieht, greift es verstärkt zu Mitteln in seinem
Verhalten (ja muss es geradezu), die eine höhere Selbstbewertung nach
außen tragen. Jede Form von Macht und Stärke ist ihm hierfür willkommen.
Im Einzelfall kommen in diesem Zusammenhang auch schon einmal
provokative Handlungen vor.
Da Sachwerte, insbesondere Spielzeug als selbstaufwertende Attribute
angesehen werden, wie grundsätzlich jeder "Besitz", aber auch Kleidung,
nettes Aussehen, guter Sozialkontakt, Anführerschaft, gute verbale
Ausdrucksfähigkeit, Gelenkigkeit und geschickte Motorik, Musikalität und
zeichnerisches Talent, sowie alle Fähigkeiten auf die die Eltern als
Bezugspersonen besonderen Wert legen, werden auch diese persönlichen
Eigenschaften und Ausstattungen (also gerade nicht das, was das Kind
innerlich über seine gesellschaftliche Bedeutung fühlt) -sagen wir-
gnadenlos eingesetzt. Auf die Interessen anderer Kinder wird dabei wenig
Rücksicht genommen, wenn überhaupt. Auf Grund der eigenen Willensstärke
und körperlichen Überlegenheit werden dann z.B. Spielsachen anderen,
schwächeren Kindern einfach aus der Hand gerissen. Oder unbeholfene,
unsichere Kinder werden schlicht übervorteilt, in dem das
selbstsicherere Kind sich in den Vordergrund schiebt oder sich ohne jede
Rücksicht vordrängelt. Wir hatten über die Methoden der
Auseinandersetzung in den Kinderzimmern bereits gesprochen.
Man könnte boshaft meinen, unter den Kindern herrsche ein
erbarmungsloser, sozialdarwinistischer Kampf. Bis zu einem gewissen
Grade ist das tatsächlich so, nur darf man die hierzu angewandten
Verhaltensweisen nicht überbewerten und z.B. mit dem antisozialen
Verhalten älterer Kinder und Jugendlicher gleichsetzen. Zwar spielt auch
bei den Kleinkindern mehr und mehr ein aggressiver Impuls mit hinein
(s.o.) und unterstützt sowohl die Verteidigungshaltung als auch die noch
schwache Angriffsposition, jedoch handelt es sich im Gegensatz zu
Heranwachsenden noch um vergleichsweise harmlose Vorgänge, welche
eigentlich vielmehr dazu geeignet sind, letztendlich positives
Sozialverhalten zu erkennen, zu erlernen und einzuüben. Sie müssen also
nicht unbedingt gleich ausgetrieben werden. Entsprechend lauten meine
Empfehlungen für die eingreifenden Eltern.
Ich hatte mit meiner obigen Aufzählung der verbotenen Reaktionsweisen
Erwachsener ja schon zum Ausdruck gebracht, dass jegliches Eingreifen in
die frühkindlichen Auseinandersetzungen, welche dazu geeignet sind, das
gerade erstehende, kindliche Selbst nachhaltig zu schädigen, von
vornherein ausgeschlossen sind. Das möchte ich hier noch einmal als
einen entscheidenden Grundsatz aller Frühpädagogik herausstellen. Alle
erzieherischen Eingriffe, und darum geht es ja jetzt eindeutig, müssen
so gestaltet sein, dass das "erzogene" Kind einen persönlichen Vorteil
aus der Maßnahme ziehen kann und eben nicht mit einem Nachtteil für sich
selbst abgestraft wird (s.o., kindliches Menschenrecht). Das gilt
übrigens auch für jede andere erzieherische Maßnahme, wie sie z.B. bei
heftigem Trotz oder bei oppositionellem und provokantem Verhalten
angebracht ist. Ich hatte weiter oben auch hierauf schon hingewiesen und
will es nur noch einmal unterstrichen sehen.
Wie sollte man sich also nun in ganz konkreter Form im turbulenten
Kinderzimmer verhalten? Ganz einleuchtend, wenn auch etwas übertrieben,
ist vielleicht der Vergleich mit den UNO-Blauhelmsoldaten in
Krisengebieten der Welt. Im Vordergrund steht dort wie hier die
Deeskalation der Geschehnisse. Man sollte sich auch als Eltern hüten vor
allzu klarer Parteinahme. Selten ist Klärung der Situation in schuldig
und unschuldig möglich. Ein alltägliches Beispiel: Hat ein Kind im
Sandkasten einem anderen sein Schüppchen weggenommen, dann vielleicht
nur deshalb, weil dieses Schüppchen seit einiger Zeit achtlos herumlag
und das Kind dieses Instrument zum Graben dringend gebrauchen konnte. Da
den Kindern altersgemäß Eigentumsverhältnisse unbekannt sind, hat das
andere Kind auch keinen Grund gesehen, den Besitzer der Schaufel erst
einmal zu fragen. Es hat sich genommen, was es glaubte, sich nehmen zu
dürfen, und zwar aus dem einfachen Grund, weil es es brauchte. Nun
protestiert das Kind, dem das kleine Grabgerät gehört, weil es in dem
Moment merkt, eines Attributs (die schöne, vielleicht neue Schaufel)
verlustig zu gehen. Das merkt es erst, als es den jetzt ja Kontrahenten
mit seinem eigenen Schüppchen hantieren sieht. Das "bestohlene" Kind
wähnt sich im Recht, auch ohne vorheriges Verhandeln, sich sein
Schüppchen notfalls mit Gewalt wieder zurückzuholen. Dabei kommt es zur
Rangelei, weil auch der Kontrahent auf seinem Recht besteht, nämlich das
nützliche Stück zu behalten. Der Kontrahent unterliegt, bekommt auch
noch einen Schlag auf den Kopf und fängt an zu weinen. Nun stehen Sie
als Mutter oder Vater da und sollen schlichten.
Sie werden vermutlich spontan dem Besitzer des Schüppchens recht geben
und ihn in seinem Tun bestärken. Aber ist das gerecht? Der kleine
Besitzer hat im entscheidenden Moment sein Schüppchen nicht gebraucht
und es achtlos herumliegen lassen. Seines Besitzertums ist er erst in
dem Moment gewahr geworden, als ein anderes Kind sein Auge auf diesen
Gegenstand geworfen hat. Das tat dieses Kind prinzipiell mit dem
gleichen Recht, das auch der Besitzer jetzt für sich in Anspruch nimmt,
denn notwendiger Gebrauch ist ebenso ein elementares Recht wie Eigentum
(jedenfalls in der Vorstellungswelt der Kinder). Insbesondere wird der
zweckmäßige Gebrauch dann zum Recht, wenn dem willentlichen Benutzer gar
nicht bekannt sein kann, dass solche Eigentumsrechte existieren und
diese dann als vorrangige von der Benutzung ganz unabhängig sind.
Wahrhaftig ein Dilemma! Wie soll man das jetzt dem geschlagenen Kind
klarmachen? Dieses muss ja denken, wieso darf ich die Schüppe nicht
gebrauchen, wo sie doch herumliegt und wieso werde ich für meine Tat
gleich zweimal bestraft. Zum einen schlägt mich der Besitzer, zum
anderen werde ich auch noch von seiner Mutter ausgeschimpft.
Es gibt aber auch weiter denkende Eltern, die meinen, mit ihren Kindern
von Anfang an der Toleranz und dem Altruismus entgegen arbeiten zu
müssen. Diese erwarten nun von ihren Kindern, dass sie das
Utilitarismusprinzip schon verstehen könnten und ihr Schüppchen dem
anderen Kind doch für den Gebrauch überlassen sollten. Das findet das
eigene Kind aber ganz und gar nicht gerecht, und es fühlt sich schnell
von seinen eigenen Eltern verraten. Es hat das Gefühl, die eigenen
Eltern fielen ihm in den Rücken. Dadurch sieht es sich in seinem Selbst
beschnitten und abgewertet, ein Empfinden, dass ein Kleinkind dieses
Alters, ich rede von eineinhalb bis vielleicht 3 Jahren, überhaupt nicht
vertragen kann. Sein Selbst allein ist und hat in diesem Alter, sowie
auf dieser Entwicklungsstufe, R/recht. Jene mit einem solchen
Toleranzverhalten verbundene, ideelle Aufwertung des Selbst in der
menschlichen Gesellschaft kann ein zweijähriges Kind noch nicht
begreifen und erscheint ihm wertlos.
Wie könnte man sich nun am günstigsten verhalten? Eingedenk der
Tatsache, dass in der geschilderten Situation beiden Kontrahenten
juristisches Recht noch unbekannt ist, gibt es eigentlich keine gerechte
Lösung. Da bleibt einem dann nur die Wahl zwischen dem harten
Eingreifen, das darin besteht, die Kampfhähne zu trennen, und der
(weichen) Kompromisslösung, die darin besteht, dass das Kind, welches
das Nachsehen hat, anders entschädigt wird, und das Kind, das den Erfolg
davonträgt, nicht noch dafür besonders belohnt wird. Aber grundsätzlich
wird man sich damit abfinden müssen, dass es in diesem Stadium
keineswegs immer eine ganz elegante Lösung gibt, die allen Beteiligten
gerecht würde.
Weil das so ist, erwartet jedes Kind, dass seine Mutter, sein Vater ihm
zur Seite stehen wird und nicht dauernd auf die Interessenlage des
anderen Kindes hinweist. Diesem Anspruch unterwerfen sich Eltern ungern,
da sie den Anspruch haben, das fehlende Rechtsbewusstsein durch
übertriebenen Altruismus ausgleichen zu müssen. Das aber kränkt das
eigene Kind und macht den Konflikt perfekt. Der Streit erscheint gelöst,
aber zu dem Preis, dass das eigene Kind nun stundenlang schmollt.
Kommen wir an dieser Stelle auch schon einmal kurz auf die
Gewissensentwicklung zu sprechen. Gewissen ist ebenso wenig wie die
Vernunft eine angeborene Eigenschaft oder Fähigkeit des Menschen. Beide
wichtigsten sozialregulativen, geistigen Eigenschaften des Menschen
müssen im frühen Alter der Kleinkindzeit beginnend erworben werden.
Dabei spielen stilles, elterliches Vorbild ebenso eine Rolle wie gezielt
demonstrierte Konfliktlösungsstrategien in der Interaktion. Während
Gewissen die emotionale Seite der Sozialverträglichkeit formt und sich
in Einfühlsamkeit, Mitleid und Fürsorge äußert, bedingt die Vernunft
deren kognitive und zeigt sich in der Zurücknahme des Egoismus zugunsten
höherer Sinnhaftigkeit des Daseins und einer durch Gesetze geregelten,
übergeordneten Gemeinschaftsform. Hier im kleinsten in den
Auseinandersetzungen zwischen den Kindern und in dem erzieherischen
Eingreifen durch Eltern oder Pädagog(inn)en beginnt der Weg in die
großen Strategien der Konfliktlösung. Sie sollen das nächste Thema in
dieser Abhandlung sein.
Trost für die Eltern
Die große Mühe, die Sie als Eltern in diesem Stadium auf die gemeinsame
Bewältigung aller aufkommenden Probleme und Konflikte aufwenden (auch
schon im Lesen dieses Textes), sind Ihre weitgehende Garantie dafür,
dass Sie im weiteren Verlauf der Kindheit und der sich anschließenden
Pubertät und Adoleszenz (Zeit des Heranwachsens) nicht unter den in
diesem Alter auftretenden Schwierigkeiten zu leiden haben.
Vier große Problemkomplexe stehen häufig dann ins Haus, wenn alle guten
Worte, die in diesem frühen Entwicklungsstadium für ein günstiges
Eltern-Kind-Verhältnis vorgetragen werden, unbeachtet bleiben oder
beiseite geschoben werden. Diese vier großen Problemkomplexe sind:
a) die aggressiven Verhaltensauffälligkeiten, die in Form von
oppositionellem und provozierendem Verhalten noch einigermaßen zu
beheben sind, in Form von offenkundiger und angriffslustiger Aggression,
sowie darüber hinaus gehender Delinquenz aber enorme Schwierigkeiten im
sozialen Umgang hervorrufen.
b) die narzisstischen Persönlichkeitsstörungen, die sich insgesamt viel
schleichender bemerkbar machen, dann aber durch extreme
Unausgeglichenheit in der Selbstpräsentation erkennbar werden bei völlig
überhöhter Selbstbewertung, verbunden mit einem über Gebühr hohen
Anspruch an die Umwelt, was die Bestätigung des eigenen Selbst angeht.
c) die Aufmerksamkeitsstörungen und das hyperkinetische Verhalten, die
jeweils einzeln oder in Kombination durch große
Anpassungsschwierigkeiten an die sozialen und leistungsmäßigen
Anforderungen der Gesellschaft auffallen, und daraus resultierend
allgemeines Versagen oder ständige Regelverletzungen nach sich ziehen.
d) die regressiven und depressiven Persönlichkeitsentwicklungen, welche
wiederum eher schleichend und unauffällig in Erscheinung treten und im
ersten Fall Rückfälle in frühkindliche Verhaltensweisen produzieren, und
im zweiten Fall eine stille, resignative Abkehr von den
gesellschaftlichen Ereignissen und Ansprüchen.
Schließlich gibt es zu diesen vier Komplexen noch alle möglichen
Abweichungen von den einzelnen Störungsformen durch Kombinationen oder
Teilüberschneidungen. Es ist aber nicht die Aufgabe dieses Textes die
kinder- und jugendpsychiatrischen Störungs- und Krankheitsbilder zu
besprechen, sondern deren Verhinderung durch frühe und günstige
Beeinflussung der Persönlichkeitsentwicklung.
Also sollten wir unser Augenmerk darauf legen, was zu tun ist,
seelischen Fehlentwicklungen von Anfang an vorzubeugen. Das zu
erreichen, darauf sind alle hier vorgetragenen Empfehlungen an das
Erziehungsverhalten ausgerichtet. Daher sollte jetzt gesagt werden, was
an positiven Wirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung schon im
Kleinkindalter erreicht werden kann.
Absolut im Vordergrund steht die hohe positive, emotionale Integration,
welche den Grundstein für die gesamte weitere psychosoziale Entwicklung
legt. Positive Integration ist das, was in den zwei ersten Teilen dieser
Abhandlung als stille Botschaft enthalten ist. Diese soll hier noch
einmal gebündelt vorgetragen werden: Unheimlichkeit, Befremdung und
Angst am Lebensanfang müssen durch mütterliche Einfühlsamkeit und
Empathie aufgefangen und in Urvertrauen in Form innerlicher
Zufriedenheit und Glück möglichst maximal umgewandelt werden.
Der daraus sich entwickelnde Wille wird ein in sich abgefederter sein
mit einem geringeren Maß anfänglichen Drangs und Zwangs. Dieser Wille
wiederum ist die emotionale Keimzelle des Ichs mit weiteren Auswirkungen
auf die Selbstentstehung, welche sich auf parallelem Weg
bindungstechnisch durch die gelungene Loslösung aus der
Mutter-Kind-Dyade ergibt. Das Selbst auf den ersten Stufen einer
lebenslangen Leiter nach oben ist auf natürliche Weise stark verletzlich
und muss im Trotz -sagen wir- auf Biegen und Brechen verteidigt werden.
Je verständnisvoller und toleranter die Eltern dabei mit Ihrem Kind
umgehen, desto klarer formieren sich die kindlichen Willensstrukturen
mit ihrer Durchsetzungskraft einerseits, aber eben auch mit der
Fähigkeit zur eigenen Zurückhaltung andererseits. Auf diese Weise stärkt
sich das Selbst im erfolgreichen, sozialen Umgang und zementiert so das
Ich in der Persönlichkeit. Auf diese Weise müssten auch, ich wähle hier
noch bewusst den Konjunktiv, denn das alles ist neu in der
Entwicklungspsychologie, optimale Ausgangsbedingungen für die
Persönlichkeitsstruktur eines jeden Menschen entstehen. Einschränkend
muss allerdings Beachtung finden, dass dieser in sich durchaus
schlüssigen, psychosozialen Entwicklung angeborene, anlagemäßige
Faktoren zugrunde liegen, welche sich in Temperament und Charakter zu
erkennen geben. Diese werden dann in einer solchen Entwicklung eher
wenig beschliffen und bleiben persönliches Merkmal.
Die Triebe Aggression und Libido (sexuelle Lust), welche genau in der
bisher erreichten Entwicklungsphase sich in einem jeden Kind zu Wort
melden, und das nicht ohne natürlichen Grund, wirken mit an der
Ausgestaltung der Persönlichkeitsstrukturen. Dabei muss die Aggression,
als Motor von der Selbstverteidigung bis hin zur Angriffshaltung
sozialverträglich eingebunden werden, denn wir Menschen sind
Gruppenwesen und keine typischen Einzelgänger (s.o.). Ebenso muss die
Sexualität eine einwandfreie und allgemeinverträgliche Einbettung in die
Persönlichkeit bekommen, denn von ihr hängen im späteren Leben, d.h. in
der Pubertät und Adoleszenz (Zeit des Heranwachsens), nämlich dann wenn
die Persönlichkeit geschlechtlich expandiert, entscheidende
Verhaltensweisen in der Gruppe und der Gemeinschaft ab. Sexualität und
Aggression stehen in der Persönlichkeit dabei in einem ausbalancierten
Verhältnis. Auf diese Fragen werden wir dann im nächsten Kapitel zu
sprechen kommen, in dem es hauptsächlich um Gewissen und Ansätze zur
Vernunft gehen wird. Ein wesentliches Thema wird auch die
Sauberkeitsentwicklung sein, die sich als erster wichtiger,
sozialkompetenter Schritt nahtlos an die Willensfragen und den Trotz
anschließt.
Rüdiger Posth
Lesen Sie hier weiter:
Teil 1:
Die Erlebniswelt des Säuglings
Teil 2:
Fremdeln und Anhänglichkeit
Teil 3:
Loslösung, Trotz und Selbstbewusstsein
Teil 4:
Selbstentstehung und die Entwicklung von Moral und Vernunft
Teil 5:
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf
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