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1

Mittwoch, 10. November 2004, 19:27

Hallo Hr. Kinderarzt,

unser Sohn ist 6 Jahre alt und hat eigentlich schon immer einen Erguss in den Ohren. Deshalb hatte er schon 2 Mal Paukenröhrchen und in 14 Tagen bekommt er wieder welche.
Jetzt hat der Ohrenarzt zu uns gesagt, unser Sohn hätte eine bleibende Hörminderung von 10 – 20%. Auch wenn sich die Sache mit dem Erguss im Ohr irgendwann mal ausgewachsen hat.
Der Ohrenarzt hat unser erklärt, die Hörminderung käme daher, das die Organe im Ohr, z.B. Hammer und Ambos, durch den dauernden Erguss versteift wären, weil sie sich nicht bewegt haben.
....Ähhh,, gibt’s so was? Ich meine, dass Gelenke versteifen, wenn man sie nicht bewegt hab ich schon gehört, aber im Ohr ???? Hab ich da was falsch verstanden?

Gruß
MundM

2

Mittwoch, 10. November 2004, 23:52

Laaaaaaaangsam.

Solche Weissagungssprüche sind absurd.

wovapa wird sich sicher dazu äußern.

Dr.Vahle ist ein sehr kompetenter HNO-Arzt,der hier schon viel geschrieben hat.

3

Donnerstag, 11. November 2004, 12:04

Also: Wenn ein 6 Jahre altes Kind schon 2x Paukenröhrchen (PR) hatte und der Erguss ist nachgelaufen, dann muss man eben neue PR legen. Die kindlichen Köpfe sind noch klein und die Belüftungswege ("Eustachische Röhre") ist eng. Wenn die Kinder älter als 7 bis 10 Jahre alt sind, sind PR nur noch in absoluten Ausnahmefällen erforderlich.

Paukenergüsse führen - ebenso wie Ohrschmalpfröpfe, Mittelohrentzündungen oder Verletzungen der Gehörknöchelchenkette - zu sogenannten Schallleitungsschwerhörigkeiten (SLS). Die SLS zeichnen sich dadurch aus, dass die Hörminderung unabhängig von der Tonhöhe ist, also alle Töne mehr oder weniger gleichermaßen betroffen sind. Und was auch sehr wichtig ist: SLS sind im Prinzip behandel- und behebbar! Paukenergüsse wirken nur hörverschlechternd, wenn sie da sind. Wenn der Erguss wieder weg ist, ist das Hörvermögen wieder gut. Und noch etwas ist wichtig zu wissen: an einer SLS kann man aus physikalischen Gründen nicht ertauben! Selbst wenn die Gehörknöchelchenkette absolut unbeweglich sein sollte: hohe Lautstärken (ab 50 dB) lassen den Schädelknochen mitschwingen, so dass das Innenohr dann letztlich über die Knochenvibrationen seine Schallinformation bekommt (mit einer Verlust von 50 dB).

Im Prinzip ist das wenigstens so.

Natürlich - wenn Paukenergüsse unbehandelt über Jahre bestehen und über Jahre mehrfache Mittelohrentzündungen unbehandelt ablaufen, dann kann es sein, dass sich Narben im Mittelohr entwickeln, die nicht mehr vollständig zu entfernen sind. Will man eine solche Narbe operieren, dann erzeugt man leider automatisch eine neue Narbe. Und dann bleibt auch das Hörvermögen schlecht. Deshalb sind die PR-Einlagen ja erforderlich! Vielleicht hat der HNO-Kollege das gemeint.

Solche Narben sieht man heutzutage aber zunehmend seltener. Eigenlich sehe ich solche "verkrüppelten" Ohren nur bei alten Menschen, die während zweier Weltkriege keinen Zugriff auf Antibiotika oder Paukenröhrchen hatten.

Sehe ich heute junge Erwachsene, die als Kinder mit PR versorgt waren, dann sehen die Trommelfelle "jungfräulich" aus - also zart und dünn. Man sieht meistens auch mit dem Operationsmikroskop keine PR-Narbe! Solche Ohren funktionieren vollkommen normal und ohne Hörminderung.

Ihr Sohn hat im Alter von 6 Jahren bereits 2 mal PR bekommen. Man kann also keineswegs sagen, dass er nicht behandelt worden sei! Der Paukenerguss war ja nicht Jahre lang unbehandelt vorhanden, sondern immer nur kurzzeitig - eben so lange, bis wieder neue PR gelegt wurden.

Die Prognose, dass Ihr Sohn bleibende Hörminderungen behalten würde, ja dass sich dieses Schicksal nicht mal durch neue PR-Einlagen verhindern ließe, halte ich für völlig "daneben gegriffen"!

Ich kann Ihnen zwar nicht garantieren, dass Ihr Sohn nicht evtl. nach dem 10. Lebensjahr doch noch mal PR benötigt (weil er vielleicht zu den wenigen Ausnahmefällen gehört). Vielleicht hat er auch eine chronische Entzündung des Felsenbeines hinter dem Ohr ("Mastoiditis"), die behandelt werden müsste. Ohne Befunde weiß ich das nicht. Aber selbst wenn es so wäre: auch eine chronische Mastoiditis ist behandelbar!

Aber dass Ihr Sohn eine bleibende SLS davontragen wird, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Fehleinschätzung!

Um noch etwas Verwirrung zu stiften: es gibt auch Versteifungen der Gehörknöchelchenkette! Namentlich das Ringband um die Steigbügelfußplatte kann seine Elastizität gelegentlich verlieren, so dass der Steigbügel die Schwingungen nicht mehr auf die Innenohrflüssigkeit übertragen kann. Diese Krankheit heißt "Otosklerose". Sie hat mit Paukenergüssen nichts zu tun! Sie trifft normalerweise junge Erwachsene, vorwiegend junge Frauen (weil es eine hormonelle Beteiligung gibt). Und auch eine Otosklerose ist operierbar! Der Ersatz des unbeweglichen Steigbügels durch eine Prothese ("Stapedektomie") führt zu einer frappanten Hörverbesserung!

Also: ich kann mit der Aussage Ihres HNO-Arztes nicht so richtig etwas anfangen ...

Viele Grüße
W. Vahle

4

Donnerstag, 11. November 2004, 14:53

Hallo Hr. Vahle,

vielen Dank für ihre schnelle und umfassende Info. Ihre Antwort hat mich sehr beruhigt.
Wahrscheinlich hab ich den HNO-Arzt falsch verstanden. Er ist aus Russland und hat manchmal eine etwas ungewöhnliche Ausdrucksweise. Er ist aber sehr nett und schafft es, dass die Kinder selbst bei schmerzhaften Behandlungen nicht weinen und schreien.

Nochmal vielen Dank.

MundM

5

Donnerstag, 11. November 2004, 14:59

Nein;der Herr hat fachlichen Unfug von sich gegeben.

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