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Montag, 22. April 2002, 23:11

Gewalterfahrung in der Kindheit – Risiken und gesundheitliche Folgen
Gesundheitswesen
ISSN 0941-37902000; 62: 311–319 (für Abbildungen und Tabellen volständige pdf-Datei vorhanden!)

U. Thyen1, F. Kirchhofer2, C. Wattam3
1 Klinik für Pädiatrie, Medizinische Universität zu Lübeck, 2 Kinderschutz-Zentrum Kiel, 3 Applied Social Sciences, University of Lancaster, Großbritannien Gesundheitswesen

Zusammenfassung:

Fragestellung: Darstellung der Überschneidungen verschiedener Formen von Gewalterfahrung in der Kindheit, Abschätzung des Schweregrads der körperlichen, sexuellen oder seelischen Misshandlung oder Vernachlässigung, der gesundheitlichen Folgen, der Komorbidität und bedeutsamer Risikofaktoren, die zu Kindesmisshandlung und Vernachlässigung führen.

Methoden: Zwischen Januar und Juni 1997 wurden prospektiv alle neu gemeldeten Fälle in elf deutschen Kinderschutz-Zentren mit Hilfe eines standardisierten Erhebungsbogens durch die Mitarbeiter/innen dokumentiert und anonymisiert zentral ausgewertet.

Ergebnisse: Berichtet wurden 263 Kinder aus 251 Familien. Die Mehrzahl der betroffenen Kinder war unter zehn Jahre alt, 63% waren Mädchen, 37% Jungen. Von den gemeldeten Kindern und Jugendlichen hatten 134 sexuelle Misshandlung mit Körperkontakt, 20 sexuelle Misshandlung ohne Kontakt, 77 körperliche Misshandlung, 62 emotionale Misshandlung und 99 Vernachlässigung erlitten (Mehrfachnennungen möglich). Die Überschneidungen der verschiedenen Misshandlungsformen war erheblich, zahlreiche Kinder hatten mehr als eine, über ein Zehntel mehr als zwei Misshandlungsformen erlitten. Die Mehrzahl der Fälle wurde als schwer und/oder chronisch eingeschätzt. Die überwiegende Zahl der Kinder und Jugendlichen
litten unter einer emotionalen Belastung oder posttraumatischem Stress, während langfristige körperliche Folgen seltener berichtet wurden. Intrafamiliäre Beziehungsprobleme und emotionale Störungen der Bezugspersonen wurden als für die Misshandlung oder Vernachlässigung in der Regel als bedeutsamer angesehen als sozioökonomische Faktoren. Bei 55% der Kinder und Jugendlichen wurde eine Störung der sozialen und emotionalen Entwicklung festgestellt, bei über einem Viertel eine Entwicklungsretardierung.

Schlussfolgerung:Die derzeit gebräuchliche Klassifikation verschiedener Misshandlungsformen kann nicht die Komplexität der Gewalterfahrungen in der Kindheit abbilden; zukünftige Forschungsstrategien sollten sich an den körperlichen, seelischen und sozialen Folgen der Misshandlungen oder Vernachlässigungen orientieren und die Ursachen und verantwortlichen
Handlungen und Unterlassungen in einem multifaktoriellen Design berücksichtigen. Prospektive Studien sind notwendig, um spezifische Effekte verschiedener Gewalterfahrungen
zu erfassen.

Einführung
Die Lebenszeitprävalenz von Gewalterfahrungen in der Kindheit liegt in Deutschland für körperliche Gewalt bei 11,8% bei Männern und bei 9,9% bei Frauen. Sexuelle Misshandlungen mit Körperkontakt während der Kindheit werden von 2,8%der befragten Männer und 8,6% der Frauen zwischen 16 und 69 Jahren berichtet. Die Rate der gleichzeitigen körperlichen
Misshandlung bei Opfern sexueller Misshandlungen steigt gegenüber der zu erwartenden Rate von durchschnittlich 10,7% auf 37,6% an [1]. Kindesmisshandlung und Vernachlässigung können schwerwiegende gesundheitliche, körperliche wie seelische Auswirkungen auf die betroffenen Kinder und Jugendlichen haben, Gewalterfahrung in der Kindheit wird zunehmend
als wesentliche Ursache für psychiatrische Erkrankungen, psychosomatische Beschwerden und Störungen des Sozialverhaltens im Erwachsenenalter angesehen [2, 3, 4, 5, 6, 7]. Langzeitfolgen sind insbesondere für körperliche und sexuelle Misshandlungen beschrieben, in geringem Umfang für Vernachlässigung. Beispielsweise lagen in einer amerikanischen Studie die Rate von posttraumatischem Stress bei jungen Erwachsenen, die in der Kindheit vernachlässigt, körperlich misshandelt oder sexuell missbraucht worden waren, bei einem Drittel, allerdings schienen neben dem erlebten Trauma nicht die Art der Misshandlung, sondern persönliche und familiäre Charakteristika sowie Lebensstil eine wesentliche Rolle zu spielen [8]. Eine Metaanalyse von Studien zu den Langzeitfolgen von körperlicher Gewalterfahrung in der Kindheit wies ausdrücklich auf die Bedeutung von Mediatoren wie Art und Zeitpunkt der Misshandlung, Geschlecht des Kindes, Persönlichkeitsmerkmale, familiäre und soziale Faktoren für die Ausprägung von späterer psychiatrischer Erkrankung, sozial auffälliger oder krimineller Entwicklung, Suchtverhalten, Aggressivität oder Potenzial für misshandelndes Verhalten Kindern oder Partnern gegenüber hin [4]. Bei Opfern sexueller Misshandlungen schien die Entwicklung von psychischen Störungen auch davon abzuhängen, wie schwerwiegend der Missbrauch war und wie lange er bestand [9] und ob die verantwortliche Person der Familie angehörte oder ein Fremder war [10]. Weitere Studien konnten den additiven Effekt von sexueller und körperlicher Gewalterfahrung auf die Ausbildung von posttraumatischem Stress im jungen Erwachsenenalter zeigen [11,12]. Dies bedeutet, dass das Ausmaß und der Schweregrad der Folge- und Langzeitschäden von vielen Faktoren abhängen: Schwere und Chronizität der Gewalterfahrung, Alter und Entwicklungsstand des Kindes, körperliche und seelische Konstitution (resilience), familiäre und soziale Unterstützungsmöglichkeiten, gesellschaftlicher Kontext und Bewertung der Erfahrungen [13,14]. Es hat sich daher insbesondere in der englischen Literatur durchgesetzt, zwischen Handlungen und Unterlassungen einerseits und Verletzungen und Schädigung des Kindes andererseits zu unterscheiden, die aus den Handlungen und Unterlassungen resultieren[15]. Es erscheint zunehmend unsicher, ob die Misshandlungsformen klar voneinander abgegrenzt werden können und ob die Folgen von bestimmten Gewalterfahrungen spezifische Effekte auf die Entwicklung des Kindes haben. Erst in jüngster Zeit wird auf den Aspekt multimodaler Viktimisierung in der Kindheit hingewiesen [16,17,18,19,20]. Es sind bislang kaum Versuche unternommen worden, den Schweregrad des Traumas und gleichzeitig bestehende Komorbidität einzuschätzen. Weiterhin ist die Bedeutung der einzelnen Risikofaktoren unklar – insbesondere wie sozioökonomische Risikofaktoren mit psychologischen Faktoren interagieren [4,21]. Von besonderem Interesse ist die Frage, inwiefern bestimmte Erfahrungen Kinder und Jugendliche prädisponieren, Opfer anderer Gewalterfahrungen zu werden, d.h., wie viele Kinder mehrere Gewaltformen erleben [17].
Folgende Fragestellungen sollten in dieser Studie beantwortet werden:
1. Wie groß ist die Überschneidung zwischen verschiedenen Misshandlungserfahrungen bei Kindern und Jugendlichen?
2. Wie wird der Schweregrad der einzelnen Misshandlungsformen von Kinderschutzexperten beurteilt?
3. Welche Risikofaktoren werden als besonders bedeutsam für die Misshandlungen angesehen?
4. Wie hoch ist die Prävalenz gleichzeitig bestehender Entwicklungsstörungen
bei Kindern und Jugendlichen mit dokumentierter Gewalterfahrung?
Design der Studie
Da in Deutschland im Gegensatz zu den angloamerikanischen Ländern kein Melde- oder Dokumentationssystem für Kindesmisshandlung existiert, mussten wir für diese Studie auf eine klinische Population zurückgreifen. Eine Auswertung der bei den sozialen Diensten (Sozial- und Jugenddienst, Erziehungsberatungsstellen oder Jugendämtern) bekannt gewordenen
Fälle konnte aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht realisiert werden; wir entschlossen uns deshalb, eine repräsentative Stichprobe der in den deutschen Kinderschutz-Zentren vorgestellten Kinder oder Jugendlichen und ihrer Familien zu untersuchen. Durch eine hohe Inanspruchnahme der in freier Trägerschaft tätigen Kinderschutz-Zentren durch die
Bevölkerung selbst wird zum Teil eine Verzerrung vermieden, die durch Bearbeitung von Fällen, die nur dem Jugendamt oder strafverfolgenden Behörden bekannt werden, entsteht [vgl.22]. Andererseits entsteht eine Verzerrung insofern, als es sich um Fälle handelt, die erfolgreich einer Beratungseinrichtung zugewiesen werden konnten oder in denen die Familien selbst ausreichendes Problembewusstsein besaßen, sich wegen intrafamiliärer Gewaltprobleme an eine solche Einrichtung zu wenden. Kinderschutz-Zentren arbeiten als Beratungsstellen in freier Trägerschaft und verstehen sich als zusätzliches Angebot zu den sozialen Diensten der Kinder- und Jugendhilfe. Der Ansatz folgt Konzepten des modernen Kinderschutzes, der hilfestatt straforientiert, familiensystemisch und therapeutisch arbeitet [23]. Etwa die Hälfte der Meldungen erfolgt durch die betroffenen Familien selbst, die anderer Hälfte durch Zuweisung durch andere soziale Dienste oder Einrichtungen [24]. Die in den Kinderschutz-Zentren arbeitenden Mitarbeiter/innen sind in der Regel Sozialpädagogen oder Psychologen, in geringem Umfang auch Diplompädagogen und Soziologen oder Ärzte. In jedem Fall verfügen jedoch alle itarbeiter/innen
über eine familien- und/oder psychotherapeutische Zusatzausbildung und besondere zusätzliche Qualifikationen im Bereich der Entwicklungspsychologie, der Psycho-Traumatologie, der Abhängigkeits- und Suchtproblematik und der systemischen Familientheorie. Die Kinder und Jugendlichen werden in der Regel nicht im Zentrum körperlich untersucht, zumal akute Ereignisse häufig bereits Tage, Wochen oder Monate zurückliegen. Sollten sich Hinweise für akute Verletzungen ergeben oder eine körperliche Untersuchung wünschenswert erscheinen, erfolgt dies in Zusammenarbeit mit dem/der betreuenden Kinderarzt/-ärztin oder einer Kinderklinik. Die in dieser Studie berichteten Verletzungen ergeben sich daher ausschließlich aus anamnestischen Angaben. Bei den psychischen Befunden wurden im Rahmen der Evaluation im Kinderschutz-Zentrum eigene Befunde erhoben, gestützt durch eine sorgfältige psychosoziale Anamnese der Familie, eine Beobachtung oder Befragung des Kindes und Fremdberichte durch Personen des sozialen Umfelds (Sozialarbeit, Kindergarten, Schule etc.). Diese psychischen Befunde oder Diagnosen beruhen im Wesentlichen auf den erwähnten Qualifikationen der Mitarbeiterinnen, die Entscheidung, welche diagnostischen Schritte erforderlich sein würden, wurde den Zentren überlassen und nicht dokumentiert. Vor Beginn der Studie wurden durch eine Konsensuskonferenz die Definitionen der verschiedenen Formen der Gewalterfahrung
(vgl. Methoden) und zentraler Variablen festgelegt und in einem Glossar zeitgleich mit Ausgabe der Dokumentationsbögen an die teilnehmenden Zentren ausgegeben. In die Studie gingen ausschließlich Informationen ein, die in der Routinedokumentation der Zentren ohnehin erhoben wurden und somit keine zusätzlichen Befragungen oder Untersuchungen für die betroffenen Familien bedeuteten; die Familien wurden nicht über die Studie aufgeklärt. Zwischen Januar und Juni 1997 wurden prospektiv alle neuen Fälle in den beteiligten Zentren aufgenommen, wenn der/die aufnehmende Mitarbeiter/in des Zentrums die von der Bundesarbeitsgemeinschaft erarbeiteten Definitionen für Vernachlässigung, seelische, körperliche oder sexuelle Misshandlung als erfüllt oder als sehr wahrscheinlich ansah. Die Dokumentationsbogen wurden in den teilnehmenden Zentren verschlüsselt und anonymisiert. Die Datensätze enthalten keine soziodemografischen Daten wie Wohnort, Beruf oder Alter der Eltern, die eine Aufdeckung der Daten aus den anonymisierten Daten ermöglichen würden. Rückfragen über diagnostische oder
therapeutische Maßnahmen waren nicht möglich. Es erfolgte keine ortsspezifische Auswertung, sondern alle Datensätze wurden zentral (in Lübeck) eingegeben. Die Studie erfolgte im Rahmen der durch die Europäische Kommission geförderten Concerted Action on the Prevention of Child Abuse in Europe (CAPCAE), in Zusammenarbeit mit der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren und der Klinik für Pädiatrie der Medizinschen Universität zu Lübeck. Zwölf der 20 Kinderschutz-Zentren in Deutschland beteiligten sich an der Studie (Berlin, Gütersloh, Hamburg, Hannover, Lübeck, Kiel, Köln, Leipzig, Mainz, München, Saarbrücken, Stuttgart). Die acht nicht teilnehmenden Zentren schieden in der Regel wegen mangelnder personeller oder organisatorischer Ressourcen aus.
Methoden
Eingangskriterien: Es sollten nur Kinder und Jugendliche und ihre Familien in die Studie aufgenommen werden, die a) persönlich im Kinderschutz-Zentrum betreut wurden und b) eine der folgenden Falldefinitionen erfüllten:
1. Vernachlässigung: Kinder werden vernachlässigt, wenn sie von Eltern oder Betreuungspersonen unzureichend ernährt, gepflegt, gefördert, gesundheitlich versorgt, beaufsichtigt und/oder vor Gefahren geschützt werden. 2. Seelische Misshandlung: Unter seelischer Misshandlung versteht man alle Handlungen oder Unterlassungen von Eltern oder Betreuungspersonen, die Kinder ängstigen, überfordern, ihnen das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit vermitteln und sie in ihrer seelischen Entwicklung beeinträchtigen können.
3. Körperliche Misshandlung: Mit körperlichen Misshandlungen sind gewaltsame Handlungen (Schläge, Stöße, Schütteln, Verbrennungen, Stiche usw.) gemeint, die beim Kind zu körperlichen Verletzungen oder Schäden führen können.
4. Sexuelle Misshandlung: Unter sexueller Misshandlung versteht man die (aktive oder passive) Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an sexuellen Aktivitäten, denen sie aufgrund ihres Entwicklungsstandes oder anderer Gründe (z.B. Gewaltandrohung) nicht frei oder verantwortlich zustimmen können. Dabei wird die Unwissenheit/Unterlegenheit/ Abhängigkeit/Bindung der Kinder und Jugendlichen zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse ausgenutzt. Der Fall wurde bis zum Ende der Betreuung, aber maximal über 6 Monate dokumentiert.
Der Dokumentationsbogen enthielt 44 Fragen zu: Umständen der Meldung; Art der Verletzung oder Schädigung; Handlungen und Unterlassungen, die zur Verletzung oder Schädigung geführt haben; der vermutlich verantwortlichen Person; dem sozialen Kontext des Kindes; der Familienstruktur; Erfahrungen der Eltern mit Gewalterfahrung; gesundheitlichen Problemen
des Kindes und der Eltern. Zu jeder dieser Kategorien wurde eine Liste möglicher Antworten vorgegeben, in jedem Fall waren Mehrfachnennungen möglich, um Überlappungen oder komplexe Muster zu erkennen. Während die möglichen Handlungen und Unterlassungen (z.B. exzessives Prügeln, Fallenlassen des Kindes, unzureichende oder gefährliche Wohnumgebung, sexuelle Misshandlung mit oder ohne Körperkontakt etc.) und die körperlichen Verletzungen (z.B. blaue Flecke, Frakturen, Gedeihstörungen) relativ gut operationalisiert werden konnten, wurden die nicht-körperlichen Schädigungen in nur zwei Kategorien festgehalten: Mit „psychischem Stress“ wurde jede Art von seelischer Belastungsreaktion (z.B. Depressivität, im Kontext der Gewalterfahrung entstandene Wesensänderung oder Verhaltensstörung, sozialer oder emotionaler
Rückzug, Leistungsversagen etc.) klassifiziert; mit der Kategorie „emotionales Trauma“ sollten seelische Veränderungen erfasst werden, die als Reaktion auf ein akutes Trauma zu verstehen sind im Sinne von posttraumatischem Stress. Weiterhin wurde die Kategorie „Risiko drohender Misshandlung“ vorgegeben, um eine aktuelle oder fortgesetzte Gefährdung des Kindes oder Jugendlichen angeben zu können, unabhängig von den bisherigen Gewalterfahrungen.
Der Schweregrad der Misshandlung wurde von den Mitarbeiter/ inne/n in folgenden Kategorien eingeschätzt: tödlich, schwer, chronisch, ziemlich schwer oder heftig, einmaliger Vorfall, moderat, nicht ernsthaft, unbekannt. Da sich einige Kategorien auf die Heftigkeit, andere auf die Häufigkeit beziehen, waren auch hier Mehrfachnennungen möglich. Später wurden die Kategorien wie folgt zusammengefasst:
1. schwer und/oder chronisch,
2. einmaliger Vorfall und/oder heftig,
3. .moderat und
4. nicht ernsthaft. Bei der Frage nach Risikofaktoren war ebenfalls eine Liste von
aus der Literatur bekannten Risiken vorgegeben, die einerseits intrafamiliäre Beziehungsaspekte betreffen (Beziehungsprobleme zwischen Erwachsenem und Kind; mangelnde Reife der Bezugsperson; Gewalt in der Ehe; Entfremdung von der erweiterten Familie; soziale Isolation; erneute Schwangerschaft der Mutter), andererseits allgemeinen Belastungsfaktoren entsprechen (Arbeitslosigkeit; Schulden; unzulängliche Wohnung). Weiterhin wurden die Mitarbeiter/
innen gebeten anzugeben, ob sie den entsprechenden Faktor, falls vorhanden, als für die Misshandlung oder Vernachlässigung als bedeutsam oder weniger bedeutsam ansahen.
Dauerhafte oder globale Entwicklungsprobleme des Kindes oder Jugendlichen wurden zusätzlich als Komorbidität erfasst, folgende Kategorien wurden vorgegeben: sozioemotionale Entwicklungsstörung; mentale Retardierung oder Lernbehinderung; Sprachentwicklungsstörung oder -verzögerung; körperliche Behinderung; sonstige.
Statistische Auswertung
Alle Daten wurden direkt in das computergestütze Programm Open Insight eingegeben, das sowohl eine Datenmaske zur Eingabe bereitstellt als auch beschreibende Statistiken ermöglicht [25]. In diesem System können Mehrfachnennungen (so genannte „multi values“) eingegeben werden, d.h., es können mehr als eine Kategorie für ein Individuum dokumentiert werden, z.B. mehrere verschiedene Verletzungsmuster. Da es sich um eine Beschreibung der komplexen Phänomenologie von Gewalterfahrung in der Kindheit handelte, sind neben der Darstellung von Häufigkeitsverteilungen und Überschneidungen zwischen Gruppen keine weiteren statistischen Verfahren zur Anwendung gekommen.
Da die Anweisung gegeben wurde, bei nicht zutreffenden Kategorien keine Eintragung zu machen, blieb bei der Auswertung unklar, ob die Information nicht vorhanden war oder ob die Antwort „nicht zutreffend“ gemeint war. Sicherheitshalber haben wir alle Prozentzahlen auf die Gesamtstichprobe bezogen (n = 263), d.h., es handelt sich immer um eine konservative
Schätzung der Häufigkeit eines Charakteristikums.

Ergebnisse

Soziodemografische Daten:
Berichtet wurden 263 Kinder aus 251 Familien. Die Mehrzahl der betroffenen Kinder war unter zehn Jahre alt: 8% unter 2 Jahren, 18% 3 bis 5 Jahre, 34% 6 bis 10 Jahre, die übrigen 40% älter als 10 Jahre. 63% der Kinder und Jugendlichen waren Mädchen, 37% Jungen. Nur ein Drittel der Kinder lebte mit beiden biologischen Eltern zusammen, ein weiteres Drittel mit einer allein erziehenden Mutter, ein Viertel in einer neu zusammengesetzten Familie; wenige Kinder lebten bei einem allein erziehenden Vater, in der erweiterten Familie oder Großfamilie oder in Pflege- oder Adoptivfamilien und außerfamiliären Einrichtungen (Abb. 1).
Meldungen
Die Meldungen an das Zentrum erfolgten überwiegend durch die Eltern selbst (60%), in 11% durch die sozialen Dienste, in nur 4% durch das Kind selbst. Aus dem Schulbereich kamen lediglich 4% der Meldungen, von niedergelassenen Ärzten und Einrichtungen des Gesundheitswesens knapp 5%. Die Information über die Misshandlung kam in 38% der Fälle von dem Kind selbst, in 35% von den Eltern selbst, in den übrigen Fällen von einer Vielzahl anderer Personen und Einrichtungen, die die Misshandlung entweder beobachtet oder vermutet hatten. Die mutmaßlich verantwortliche Person war in 39% die Mutter und in 33% der Vater. Während andere weibliche Personen weniger als 2% der verantwortlichen Personen ausmachten,
traf dies häufiger für männliche Personen zu: 17% der Kinder und Jugendlichen erlebten Misshandlung oder Vernachlässigung durch eine Vater-Ersatzperson, 24% durch einen männlichen Verwandten und 10% durch einen männlichen Bekannten. (Mehrfachnennungen, z.B. bei Misshandlung durch mehr als eine Person, waren möglich, daher ergibt die Summe der
Prozentzahlen mehr als 100%.)
Schädigungen und Verletzungen und ihre Ursachen
Die bei dem Kind nach der Misshandlung oder Vernachlässigung festgestellten Schädigungen beziehen sich überwiegend auf psychischen Stress und/oder emotionales Trauma (85% aller Fälle). Blutergüsse und Prellungen kamen bei 12,9% der Kinder vor, Schnittwunden, Striemen, Knochenbrüche, Verbrennungen oder Verbrühungen, Vergiftungen, Schädel-Hirn-Traumen oder andere Verletzungen wurden für jeweils 0,5 bis 2% der Kinder beschrieben. Anale oder vaginale Verletzungen kamen bei 8,7% der Kinder und Jugendlichen vor, sexuell übertragbare Krankheiten bei 2,3% (Tab. 1). Diese Verletzungen und Schädigungen wurden durch verschiedene Handlungen
und Unterlassungen hervorgerufen, wobei sexuelle Miss handlungen , meist mit Körperkontakt,

-Abb. 1 Familienstruktur zum Zeitpunkt der Vorstellung im Kinderschutz-Zentrum.
Tab. 1 Schädigungen und Verletzungen des Kindes zum Zeitpunkt der Vorstellung im Kinderschutz-Zentrum*
n %
n 263 100
psychischer Stress 215 81,7
Risiko drohender Misshandlung 54 20,5
emotionales Trauma 10 3,8
Blutergüsse/Prellungen 24 12,9
Schnittwunden/Striemen 3 1,1
Knochenbrüche 5 1,9
Verbrennung/Verbrühungen 3 1,1
Vergiftungen 1 0,3
Gedeihstörungen 8 2,3
Hirnschäden 3 1,1
innere Verletzungen 1 0,3
anale/vaginale Verletzung 23 8,7
sex. übertragbare Krankheit 6 2,3
sonstige 27 1,3
keine Angabe 8 3,0
* Es sind mehrere Schädigungen/Verletzungen möglich, daher ist die Summe der Prozente größer 100.

exzessive Prügelstrafe, Ablehnung durch die Bezugsperson und emotionale Vernachlässigung im Vordergrund standen (Tab. 2).
Wir kategorisierten die Misshandlungsformen (d.h. die Handlungen und Unterlassungen) in „sexuelle Misshandlung mit Kontakt“ (134 Kinder), „sexuelle Misshandlung ohne Kontakt“ (20), „körperliche Misshandlung“ (77), „emotionale Misshandlung“ (62) und „Vernachlässigung“ (99). Die Überschneidungen der verschiedenen Misshandlungsformen waren erheblich: Von den 134 Kindern, die sexuelle Misshandlungen mit Körperkontakt erlitten hatten, waren 32 auch vernachlässigt und 17 auch körperlich misshandelt (Abb. 2). 12 Kinder hatten alle drei Misshandlungsformen erlitten (Abb. 3). Von den 77 körperlich misshandelten Kindern waren 45 auch vernachlässigt und 31 auch emotional misshandelt. Von den 62 emotional misshandelten Kindern waren 37 auch vernachlässigt. 19 Kinder hatten alle drei Misshandlungsformen erlitten (Abb. 3).
Es wurden auch frühere, d.h. von der jetzigen Meldung unabhängige Misshandlungen erfragt, die durch die Arbeit mit der Familie aufgedeckt wurden: 11% aller Kinder hatten in der Vergangenheit bereits körperliche Misshandlung, 20% Vernachlässigung und 11% sexuelle Misshandlungen erlebt.
Schweregrad und komplexe Misshandlungsmuster
Die Misshandlungen wurden von den Mitarbeiter/inne/n als in der Regel ernsthaft eingeschätzt. Nur in 6% der Fälle wurde die Beurteilung „nicht ernsthaft“ angegeben, in 7% war eine Beurteilung nicht möglich. In Abb. 4 wird der Schweregrad für die einzelnen Kategorien dargestellt mit dem Ergebnis, dass der Schweregrad bei Vernachlässigung, emotionaler und körperlicher Misshandlung bei der Hälfte der Fälle als schwer und/oder chronisch eingeschätzt wird, während dies bei sexuellen Misshandlungen mit Körperkontakt in einem Drittel der Fälle galt. Hier waren einmalige und oder moderat verlaufende Fälle etwas häufiger. In Fällen von sexuellen Misshandlungen ohne Körperkontakt wurde die Misshandlung als eher
moderat oder sogar nicht ernsthaft eingestuft.
Risikofaktoren und familiärer Kontext
Der am häufigsten genannte Faktor (51% der Fälle) bezieht sich auf Beziehungsprobleme zwischen Bezugsperson und Kind, gefolgt von mangelnder Reife der Bezugsperson. In einem Viertel aller Fälle spielte Gewalt in der Partnerschaft, Entfremdung von der erweiterten Familie und soziale Isolation eine bedeutsame Rolle. Es zeigt sich, dass interpersonelle Probleme als wesentlich bedeutsamer angesehen wurden als sozioökonomische Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Schulden oder unzureichende Wohnverhältnisse (Abb. 5). In einem weiteren Schritt beurteilten die Mitarbeiter/innen der Kinderschutz- Zentren die Eltern-Kind-Beziehung, die sehr häufig als problematisch eingestuft wurde: 46% der primären Bezugspersonen sind unfähig, auf die Bedürfnisse ihres Kindes zu reagieren, 33% haben unrealistische Erwartungen an ihre Kinder,
28% äußern negative Gefühle gegenüber dem Kind.

Tab. 2 Ursachen der Schädigungen und Verletzungen*
n %
n 263 100
sex.Mißhandlung mit Körperkontakt 129 49,0
sex.Mißhandlung ohne Kontakt 21 8,0
sexuelle Belästigung 36 13,7
Vergewaltigung 18 6,8
exzessive Prügelstrafe 70 26,6
Werfen/Fallenlassen 13 4,9
Würgen 3 1,1
schwere Körperverletzung 6 2,2
Ablehung durch Bezugsperson 62 23,6
emotionale Vernachlässigung 81 30,8
Vernachlässigung d. Aufsichtspflicht 32 12,1
verwahrloste Wohnung 11 4,2
Vernachlässigung der Gesundheit 15 5,7
Vernachlässigung der Kleidung 10 3,8
Vernachlässigung der Ernährung 9 3,4
Vernachlässigung der Erziehung 45 17,1
Verlassen/Aussetzen des Kindes 5 1,9
gefährdende Umgebung 12 4,6
Handlung unter Drogen/Alkoholeinfluss 17 6,5
sonstige 19 7,2
* Es sind mehrere Schädigungen/Verletzungen möglich, daher ist die Summe der Prozente größer 100.
Abb. 2 Überschneidungen zwischen verschiedenen Mißhandlungsformen.
Sexuelle Misshandlungen mit Körperkontakt (SM+)
Körperliche Misshandlungen (KM)
Emotionale Misshandlungen (EM)
Vernachlässigung (V)
Abb. 3 Überschneidungen zwischen verschiedenen Mißhandlungsformen.
Sexuelle Mißhandlungen mit Körperkontakt (SM+)
Körperliche Misshandlungen (KM)
Emotionale Mißhandlungen (EM)
Vernachlässigung (V)

Entwicklungsstö rungen des Kindes oder Jugendlichen
Aus der Anamnese ergab sich, dass knapp ein Drittel der Kinder (31%) bereits früher durch Verhaltensstörungen aufgefallen war, 6 (2,3%) hatten kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung in Anspruch genommen; 15 (5,7%) litten an chronischen Erkrankungen oder körperlichen Behinderungen, 5 (1,9%) an einer geistigen Behinderung und 18 (6,8%) an einer
Gedeihstörung. 5 (1,9%) der Jugendlichen hatten Jugendstraftaten begangen und sechs (2,3%) der Kinder und Jugendlichen hatten einen Suizidversuch unternommen, dies entspricht 5,7% der über 10-Jährigen. Im Kinderschutz-Zentrum selbst wurde bei 55% der Kinder und Jugendlichen eine Störung der sozialen und emotionalen Entwicklung festgestellt, bei 21% eine Entwicklungsretardierung oder Lernbehinderung, Sprachentwicklungsstörungen in 9% und andere Entwicklungsstörungen in 10% (Abb. 6).
Diskussion
Die Dokumentation von 263 von Vernachlässigung und Misshandlung betroffenen Kindern und Jugendlichen zeigt große Überschneidungen zwischen verschiedenen Gewalterfahrungen.
Die Hälfte aller körperlich und seelisch misshandelten Kinder werden auch vernachlässigt, ein Viertel aller sexuell misshandelten Kinder wurde auch vernachlässigt, mehr als ein Zehntel der Gesamtstichprobe erlebte drei Misshandlungsformen. Es fällt auf, dass der Anteil der Fälle mit sexuellen Misshandlungen an der Gesamtstichprobe (n = 150, 57% des Kollektivs) deutlich höher liegt als in epidemiologischen Studien [1] und
Abb. 4 Art der Kindermißhandlung und Schweregrad.
SM-: Sexuelle Mißhandlungen ohne Kontakt
SM+: Sexuelle Mißhandlungen mit Körperkontakt
KM: Körperliche Mißhandlungen
EM: Emotionale Mißhandlungen
V: Vernachlässigung
Abb. 5 Bedeutung möglicher Stressfaktoren für die Mißhandlung.
Abb. 6 Besondere Entwicklungsprobleme des Kindes zum Zeitpunkt der Vorstellung im Kinderschutzzentrum.

damit überrepräsentiert ist. Wir möchten spekulieren, dass die öffentliche Diskussion über verschiedene Sexualstraftaten an Kindern im Jahr der Erhebung (z.B. Dutroux-Affäre) zu einer stark vermehrten Aufmerksamkeit dem Problem gegenüber und vermehrten Meldungen und Hilfegesuchen geführt hat. Darunter finden sich 20 Fälle (8% des Kollektivs) von sexuellen
Misshandlungen ohne Körperkontakt, die im Wesentlichen als moderat oder nicht ernsthaft eingeschätzt wurden. Von besonderem Interesse ist die große Überschneidung zwischen sexuellen Misshandlungen und gleichzeitig bestehender Vernachlässigung. Beziehungsverluste, Trennungen, Nicht-Verfügbarkeit der leiblichen Mutter, Beziehungsstörungen zwischen Kind und Mutter, Partnergewalt in der Familie, Stiefväter oder wechselnde Partner der Mutter gelten als wesentliche Risikofaktoren für sexuelle Misshandlung [18,19, 20,26]. Unsichere Beziehungen und intrafamiliäre emotionale Vernachlässigung mögen ein Kind vulnerabler machen, den „Verführungsangeboten“ und Versprechungen Erwachsener nachzugeben, bzw. erschweren, eine vertrauenswürdige Person anzusprechen, die dem Kind glaubt und es nicht zurückweist.
Kinder allein erziehender Eltern oder Kinder in Stieffamilien waren in dieser Studie mit 60,3% gegenüber der allgemeinen Bevölkerung überrepräsentiert.1 Die Mechanismen, die zu einem erhöhten Misshandlungsrisiko in 1-Eltern-Familien führen, sind noch nicht gesichert. Neben ökonomischen Belastungen spielen unsicheres Bindungsverhalten und wechselnde Beziehungen sowie fehlende emotionale Entlastung im Alltag eine Rolle [27]. Bei der raschen Zunahme solcher Familienstrukturen in der modernen Gesellschaft deutet sich ein dringendes soziales- und gesundheitliches Problem an [28]. Trotz der Tatsache, dass zahlenmäßig die große Mehrzahl der Kinder in Familien mit allein erziehenden Eltern oder Stieffamilien keine intrafamiliäre Gewalt erleben, rechtfertigt das erhöhte Risiko besondere Anstrengungen, diese Gruppe mit präventiven Angeboten zu erreichen. Wenngleich nicht im Zentrum der Fragestellungen, fiel bei der Abfrage der die Misshandlung oder Vernachlässigung verursachenden Handlungen und Unterlassungen der häufige Gebrauch von körperlichen Strafen auf. In unserer Untersuchung war in 27% die Prügelstrafe als Ursache der körperlichen oder seelischen Misshandlung angesehen worden. Die bereits zitierte Studie von Wetzels [1] weist ebenfalls auf diesen Zusammenhang hin. Eltern, die regelmäßig körperliche Strafen anwenden, benutzten auch häufiger andere negative Erziehungsmuster (z.B. emotionale Misshandlung). Aus diesem Grund hat die Sachverständigenkommission für den Zehnten Kinder- und Jugendbericht ausdrücklich die Streichung des § 1631 Abs. 2 (so genanntes Züchtigungsrecht) aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch und die Entwicklung eines Leitbildes einer gewaltfreien Erziehung gefordert, nachdem dies von Kinderschutz-Experten, Kinderärzten und Kinderund Jugendpsychiatern bereits seit über 20 Jahren gefordert wird [29,30, 31,32].
Die Ergebnisse dieser Studie bezüglich der Komorbidität und Folgen von Gewalterfahrung zeigen, dass Kindesmisshandlung und Vernachlässigung überwiegend in der frühen Kindheit beginnen, meist chronisch verlaufen und zu schweren gesundheitlichen Folgen und Entwicklungsstörungen führen können. Kinder mit Gewalterfahrung und Vernachlässigung zeigen fast ohne Ausnahme seelische Leiden und Symptome von posttraumatischem Stress sowie zahlreiche Entwicklungsprobleme. In dieser Untersuchung litten mehr als die Hälfte der Kinder an dauerhaften Störungen der sozialen und emotionalen Entwicklung, ein Fünftel zeigte eine Entwicklungsretardierung oder Lernbehinderung. In einer Querschnittsbefragung wie der vorliegenden Untersuchung können keine kausalen Zusammenhänge beschrieben werden, d.h., es kann nicht sicher gesagt werden, ob die Störungen der Vernachlässigung oder Misshandlung vorausgingen oder ihnen folgten. Angesichts der Chronizität der Gewalterfahrungen und der hohen Prävalenz von negativer Eltern-Kind-Beziehung muss jedoch eher von Folgeerscheinungen ausgegangen werden. Darauf weisen auch die wenigen vorliegenden deutschen prospektiven Studien hin: Die Studie von Engfer und Schneewind [33] zeigte, dass möglicherweise ein komplexes Interaktionsmuster bzw. ein sich selbst eskalierender Zusammenhang von Ursache und Wirkung besteht. In der Mannheimer Langzeitstudie über Risikokinder fand sich, dass die Interaktion von Kindern und Müttern, die eine ablehnende oder vernachlässigende Einstellung dem Kind gegenüber hatten, im Alter von drei Monaten durch mangelnde Reaktivität und Variabilität, geringe Stimulation des Kindes und sprachliche Interaktion mit dem Kind, geringe Emotionalität und Zärtlichkeit gekennzeichnet ist. Diese Kinder zeigen im Kleinkindesalter einen signifikanten Entwicklungsrückstand in der geistigen Entwicklung sowie deutlich häufiger sozioemotionale Entwicklungsstörungen [21]. Eine Langzeitstudie am von-Haunerschen Kinderspital in München konnte zeigen, dass misshandelte und vernachlässigte Kinder dreieinhalb Jahre nach dem Klinikaufenthalt wesentlich häufiger Störungen der emotionalen und sozialen Entwicklung zeigten als Kinder in einer Kontrollgruppe [34].
Nach sexuellen Misshandlungen sind bleibende oder schwere körperliche Beeinträchtigungen eher selten, hierzu zählen sexuell übertragbare Krankheiten, Verletzungen im Genitalbereich oder Schwangerschaften nach Vergewaltigung. Im Vordergrund der Schädigungen stehen die schweren seelischen Folgen und psychiatrischen Erkrankungen. Auch in deutschen
Studien konnten bei retrospektiven Befragungen von Studenten und Studentinnen hohe Raten an psychosomatischen Beschwerden, psychiatrischen Auffälligkeiten, selbst verletzendem Verhalten und Suizidversuchen aufgezeigt werden [5,35]. Silverman u. Mitarb. [17] weisen auf außerordentlich hohe Raten an versuchten Suiziden bei jugendlichen Mädchen und jungen Frauen nach körperlichen und sexuellen Misshandlungen in der Kindheit hin. In dieser Studie wurde bei sechs Kindern und Jugendlichen ein bekannt gewordener Suizidversuch berichtet, dies entspricht 5,7% der Kinder über 10 Jahre in dieser Population und liegt weit über der erwarteten Rate.2 Die Spezifität von bestimmten Gewalterfahrungen und Misshandlungsmustern für die Entwicklung emotionaler Störungen bleibt nach der Literatur unklar [3, 36], hier bedarf es insbesondere longitudinaler Studien [37]. Zukünftige Studien 1 1996 waren 19,4% aller Familien mit Kindern unter 18 Jahren 1- Eltern-Familien, davon 16,7% mit allein erziehenden Vätern, 83,3% mit allein erziehenden Müttern (Quelle: Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland, 1996) sollten verstärkt entwicklungspsychologische Aspekte, Coping-
Mechanismen und die Wirkung von schützenden Faktoren berücksichtigen [38]. Die Spätfolgen führen zu einer hohen Inanspruchnahme kinder- und jugendpsychiatrischer Einrichtungen und sind sicher von hoher gesundheitspolitischer Relevanz [39]. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die eine geistige oder körperliche Behinderung in der Folge von Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung erworben haben, ist nicht bekannt und lässt sich schwer abschätzen. Eine epidemiologische Studie in England berechnete eine Inzidenz von subduralen Hämatomen bei Kindern unter 2 Jahren von 12,8/100000, wobei die große Mehrzahl der Fälle (82%) auf körperliche Kindesmisshandlung zurückzuführen war [40]. In einer klinischen Population von 140 Kindern in Heimen für geistig Behinderte waren 3% sicher, 11% wahrscheinlich aufgrund einer Misshandlung behindert, in 24% der Kinder wurde ernachlässigung zumindest als Kofaktor für die geistige Retardierung eingeschätzt [41]. Bei der Seltenheit dieser schweren Form der körperlichen Misshandlung überrascht nicht, dass in dem Klientel der Kinderschutz-Zentren nur 3 Fälle von Hirnschäden dokumentiert wurden. Allerdings kann auch spekuliert werden, dass eine geringe Inanspruchnahme der Kinderschutz-Zentren durch Einrichtungen des Gesundheitswesens eine Rolle gespielt haben mag: 6 (2,2%) der Meldungen erfolgten durch niedergelassene Ärzte, 5 (1,9%) durch Krankenhäuser und zwei (0,7%) durch andere Einrichtungen des Gesundheitswesens. Möglicherweise wird bei einer schweren körperlichen Misshandlung eine Strafanzeige erstattet, ohne der Familie ein Angebot zur gleichzeitigen Beratung zu machen. Wir spekulieren, dass bewusste oder unbewusste Strafbedürfnisse eine Überweisung zu Hilfs- und Beratungsangeboten, die immer auch eine sekundäre Prävention für andere oder kommende Kinder in der Familie sowie die nächste Generation darstellen, verhindern. Präventive und therapeutische Strategien sollten mehrdimensional angelegt sein und sowohl die betroffenen Kinder und Jugendlichen als auch die verantwortlichen Personen einschließen. Die erhebliche gesundheitspolitische Relevanz für die heranwachsende Generation verlangt nach Intensivierung und besserer Vernetzung der bisherigen Bemühungen [42,43].

Schlussfolgerungen: Child abuse can justifiable be viewedas a public health problem with immediate and long-term health consequences. Currrent methods of collecting statistics on child health and mortality are not adequate measures of the burden of disease and ill-health resulting from child maltreatment and abuse. The emotional impact and develop-mental effects, although initially unrecognized and unacknowledged, have become areas of major concern [44]. Diese aktuelle Stellungnahme des Violence and Injury Prevention Teams der WHO anerkennt die große Bedeutung des Problems, fordert aber bessere Daten zur Erfassung der gesundheitlichen Folgen und der Belastungen der Gesellschaft durch Kindesmisshandlung. Die derzeit gebräuchliche Klassifikation verschiedener Misshandlungsformen kann nicht die Komplexität der Gewalterfahrungen in der Kindheit abbilden; zukünftige Forschungsstrategien sollten sich an den körperlichen, seelischen und sozialen Folgen der Misshandlungen oder Vernachlässigungen orientieren und die Ursachen und verantwortlichen Handlungen und Unterlassungen in einem multifaktoriellen Design berücksichtigen. Prospektive Studien sind notwendig, um spezifische Effekte verschiedener Gewalterfahrungen zu erfassen [45].

Danksagung
Dieses Projekt wurde im Rahmen des Biomed-2-Programms der EU als Concerted Action gefördert. Die deutschen Partner (Klinik für Pädiatrie, Lübeck und Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren, Köln) sind der Projektleiterin C.Wattam von der University of Lancaster für die Organisation des Projektes und Koordination zu Dank verpflichtet.
Literatur
1 Wetzels P. Gewalterfahrung in der Kindheit. Interdisziplinäre Beiträge zur kriminologischen Forschung. Baden-Baden: Nomos- Verlagsgesellschaft, 1997
2 Browne A, Finkelhor D. Initial and long-term effects: a review of the research. In: Finkelhor D (Hrsg). A Sourcebook on Child Sexual Abuse, Newbury Park: Sage Publications, 1986: 143–179
3 Kendall-Tackett KA, Williams LM, Finkelhor D. Impact of child sexual abuse on children: a review and synthesis of recent empirical studies Psychol Bull 1993; 113: 164–180. Deutsche Übersetzung in: Amann G, Wipplinger R (Hrsg). Sexueller Mißbrauch. Überblick zu Forschung, Beratung und Therapie. Ein Handbuch, Tübingen: Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie Verlag, 1997: 151–186
4 Malinosky-Rummell R, Hansen DJ. Long-term consequences of childhood physical abuse. Psychol Bull 1993; 114: 68–79 5 Richter-Appelt H. Sexuelle Traumatisierung und körperliche Mißhandlung. Eine Befragung von Studentinnen und Studenten. In: Rutschky K, Wolff R (Hrsg). Handbuch Sexueller Mißbrauch, Hamburg: Klein Verlag, 1994: 116–142
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7 Walker EA, Gelfand A, Katon WJ et al. Adult health status of women with histories of childhood abuse and neglect. Am J Med 99; 107: 332–339
8 Widom CS. Posttraumatic stress disorder in abused and neglected children grown up. Am J Psychiatry 1999; 156: 1223–1229
9 Briggs L, Joyce PR. What determines post-traumatic stress disorder symptomatology for survivors of childhood sexual abuse? Child Abuse Negl 1997; 21: 575–582
10 McLeer SV, Deblinger E, Henry D et al. Sexually abused children at high risk for post-traumatic stress disorder. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 1992; 31: 875–879 11 Schaaf KK, McCanne TR. Relationship of childhood sexual, physical, and combined sexual and physical abuse to adult victimization and posttraumatic stress disorder. Child Abuse Negl 1998; 22: 1119–1133
12 Roth S, Newman E, Pelcovitz D et al. Complex PTSD in victims exposed to sexual and physical abuse: results from the DSM-IV Field Trial for Posttraumatic Stress Disorder. J Trauma Stress 1997; 1: 539–555 2 In der Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes für das
Jahr 1996 werden in der Gruppe der 10- bis 15-Jährigen 38 Suizide (0,84/100000), in der Gruppe der 15- bis 20-Jährigen 220 Suizide (5,02/100000) berichtet, wobei Jungen sehr viel häufiger betroffen sind als Mädchen. Statistiken über versuchte Suizide bei Kindern und Jugendlichen liegen nicht vor, epidemiologische Schätzungen gehen in der Gruppe der 15- bis 20-Jährigen von einer Häufigkeit von 1–2/1000 aus, wobei hier Mädchen häufiger betroffen sind als Jungen [46].
13 Brown GW, Harris TO, Eales MJ. Social factors and comorbidity of depressive and anxiety disorders. Br J Psychiatry Suppl 1996; 3: 50–57
14 Ackerman PT, Newton JE, McPherson WB et al. Prevalence of post traumatic stress disorder and other psychiatric diagnoses in three groups of abused children (sexual, physical, and both). Child Abuse Negl 1998; 22: 759–774
15 Wattam C (Hrsg). An overview of child maltreatment prevention strategies in Europe: Volume I. Report of existing prevention strategies and methods used to evaluate their effectivness in countries participating in the Concerted Action on the Prevention of Child Abuse in Europe (CAPCAE). Bruxelles: European Commission, Science Research Development, April1997
16 Briere J, Runtz M. Differential adult symptomatology associated with three types of child abuse histories. Child Abuse Negl 1990; 14: 357–364
17 Silverman AB, Reinherz HZ, Giacona RM. The long-term sequelae of child and adolescent abuse: a longitudinal community study. Child Abuse Negl 1996; 2: 709–723
18 Mullen PE, Martin JL, Anderson JC et al. The long-term impact of the physical, emotional and sexual abuse of children: a community study. Child Abuse Negl 1996; 2: 7–21
19 Richter-Appelt H, Tiefensee J. Soziale und familiäre Gegebenheiten bei körperlichen Mißhandlungen und sexuellen Missbrauchserfahrungen in der Kindheit aus der Sicht junger Erwachsener. Ausgewählte Ergebnisse der Hamburger Studie (Teil I). Psychother Psychosom med Psychol 1996; 46: 367–378
20 Richter-Appelt H, Tiefensee J. Die Partnerbeziehung der Eltern und die Eltern-Kind-Beziehung bei körperlichen Misshandlungen und sexuellen Mißbrauchserfahrungen in der Kindheit aus
der Sicht junger Erwachsener. Weitere Ergebnisse der Hamburger Studie (Teil II). Psychother Psychosom Med Psychol 1996; 46: 405–418
21 Esser G, Dinter R, Jörg M et al. Bedeutung und Determinanten der frühen Mutter-Kind-Beziehung. Zsch Psychosom Med 1993; 39: 246–264
22 Kinard EM. Methodological issues and practical problems in conducting research on maltreated children. Child Abuse Negl 1994; 18: 645–656
23 Thyen U, Thiessen R, Heinsohn-Krug M. Secondary prevention –serving families at risk. Child Abuse Negl 1995; 19: 1337–1347 24 Heinsohn-Krug M, Thyen U. Konzept und Praxis moderner Kinderschutzarbeit im Kinderschutz-Zentrum Lübeck. Theorie und Praxis der sozialen Arbeit 1993; 44: 172–179 25 Open Insight Software. Social Solutions, 36 Church Rd, Wick, Bristol BS15 5QL, England, UK. 26 Finkelhor D, Baron L. High risk children. In: Finkelhor D (Hrsg). A Sourcebook on Child Sexual Abuse, Newbury Park: Sage Publications, 1986: 60–88 27 Thyen U, Leventhal JM, Yazdegerdi S et al. Concerns about child
maltreatment in hospitalized children. Child Abuse Negl 1997;21: 187–198
28 Ruxton S. Children in Europe. London: NCH Action for Children, 1996
29 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Zehnter Kinder- und Jugendbericht- Bericht der Sachverständigenkommission. Bonn: Deutscher Bundestag, 1998: Drucksache 13: 11368
30 Gostomzyk JG. Kindesmißhandlung. Gesundheitswesen 1977; 39: 279–288
31 Petri H. Mehr Kindesmißhandlungen – auch ein ärztliches Problem. Deutsches Ärzteblatt 1978; 75: 509–513
32 Bussmann KD. Changes in family sanctionung in Kindheit und Jugend für die Entstehung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen – Versuch einer Bilanz. In:
Egle UT, Hoffmann SO, Joraschky P (Hrsg). Sexueller Mißbrauch,Mißhandlung, Vernachlässigung. Erkennung und Behandlung psychischer und psychosomatischer Folgen früher Traumatisierungen, Stuttgart: Schattauer, 1997: 417–422
46 Schmidtke A, Bille-Brahe U, DeLeo D et al. Attempted suicide in Europe: rates, trends and sociodemographic characteristics of suicide attempters during the period 1989–1992. Results of the WHO/EURO Multicentre Study on Parasuicide. Acta Psychiatr Scand 1996; 93: 327–338

PD Dr. med. Ute Thyen
Medizinische Universität zu Lübeck
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck
E-mail: thyen@paedia-mu.luebeck.de

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2

Dienstag, 23. November 2010, 23:27

Von "Eltern",die ihr kleines Kind QUALVOLL verhungern und verdursten ließen,wurden der "Vater" von einem infam debilen "Richter" wegen Mordes zu mal gerade 13 Jahren Knast verurteilt.

Begründung des kriminellen Vollidioten :

Es war "nur" Mord durch Unterlassung.

Die hauptsächlich schuldige "Mutter" hat wohl ein finales Krebsleiden.

3

Donnerstag, 2. Dezember 2010, 21:48

Bitte äußern Sie sich zu diesem Thema.

Sollen wir denn immer Alles allein machen ?

5

Donnerstag, 9. Dezember 2010, 19:31

Und das :

Diese dreckige schwerstkriminelle,sadistisch psychopathische und bruchdumme primitive Prekop :
http://www.naturheilpraxis-am-wald.de/pr…ach-prekop.html

Auf dieser infamen Seite ist sie konsequenterweise rechts und links von kriminellem Scharlatanerie-Dreck eingerahmt.

GRAUENHAFT ! ! !

Die hat schon die Fresse und die Attitude einer KZ-Aufseherin !


Es lohnt sich den kriminellen Dreck da rechts und links mal durchzugehen und bitte was bei www.kidmed.info dazu zu schreiben.

Da zeigt sich MAL WIEDER,wie eng die infamen Kriminellen alle zusammenhängen.

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