Bei dem folgenden Fall hat es sich möglicherweise um solch eine gefährliche hypertone Dehydratation nach Durchfall und Erbrechen gehandelt:
Abgewiesenes Kind starb: Gutachter wirft Klinikarzt mangelnde Sorgfalt vor
Von Klaus W e n k
Offenbach - Der Fall hatte für Schlagzeilen gesorgt: In der Nacht zum 10. April 1999 starb der damals 21 Monate alte Sergio L., nachdem der Dienst habende Arzt in der Offenbacher Kinderklinik die Aufnahme des Kleinen abgelehnt und eine eingehendere Untersuchung unterlassen hatte. Das Kind war auf Anraten des niedergelassenen Kinderarztes von der Mutter in die Klinik gebracht worden, nachdem es einen Tag lang gebrochen und nichts zu sich genommen hatte.
Jetzt muss sich der 35 Jahre alte Kinderarzt Alexander B. wegen fahrlässiger Tötung vor dem Offenbacher Strafrichter Karsten Koch verantworten. Der erste Prozesstag war nach der Anklageverlesung durch Oberamtsanwalt Leonhard Gallei bestimmt von medizinischen Diskussionen zwischen dem Angeklagten, den beiden Gutachtern und dem Kinderarzt, der als Zeuge geladen war. Deutlich wurde, dass Alexander B. sich keiner Schuld bewusst ist. Er beharrt darauf, dass die Entscheidung, den Kleinen mit der Mutter weg zu schicken, korrekt war. Als erfahrener Kinderarzt stehe er auch heute zu der Entscheidung in dieser Situation, sagte er. Diese Ansicht indes teilte der kinderärztliche Gutachter, Professor Dr. Thomas Voit, ärztlicher Direktor der Kinderklinik an der Universitätsklinik Essen, keineswegs. Er warf dem Offenbacher Arzt mangelnde Sorgfalt vor - er hätte unbedingt eine Blutuntersuchung machen müssen. Die Ergebnisse hätten ihn dazu bewegen können, den Kleinen aufzunehmen und zu behandeln. Voit fragte sich, wie der Angeklagte zu der Auffassung gelangt sein könnte, der Allgemeinzustand des Kindes sei recht gut - das Kind sei schwer krank gewesen. Dies hätte ein erfahrener Arzt erkennen müssen. Voit rügte weiter, dass der Klinikarzt eine Empfehlung des Kinderarztes beiseite geschoben habe, ohne sich zuvor Rat von einem Facharzt aus der Klinik einzuholen. Und er kritisierte die Praxis an der Kinderklinik, dass Krankenschwestern vor dem Kontakt mit dem Arzt die Krankengeschichte abfragten (Anamnese) - diese hätten keine Ausbildung dafür, dies müsse der Arzt tun.
Nachdem die Mutter Nicole L. (28) in bewegenden Worten den Todeskampf des Kindes geschildert hatte, berichtete der Gerichtsmediziner Professor Dr. Hans-Jürgen Pratzke über die Ergebnisse der Obduktion. Danach könne man nur davon ausgehen, dass das Kind an einer Entgleisung des Stoffwechsels und des Elektrolyth-Haushaltes gestorben sei. Dies sei zwar nicht zu beweisen, gelte aber als einzige plausible Erklärung. Dies hätte durch eine eingehendere Untersuchung erkannt und vermieden werden können. Für den zweiten Verhandlungstag forderte Verteidiger Markus Menzendorff weitere Zeugen.
Offenbach-Post 2001