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Er reist auch quer durch die Republik,um andere Frauenkliniken mit seinem ideologischen Irrsinn zu indoktrinieren.
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Frankfurter Uniklinik
Der plötzliche Tod des kleinen Emil
Ein Frankfurter Ehepaar verklagt Uniklinik und Leiter der Geburtshilfe wegen Fehler diensthabender Ärzte - ihr Kind starb nach der Geburt. Von Anita Strecker
uten nach seiner Geburt ist der kleine Emil tot.
Fast neun Stunden zwischen Wehensturm und wehenhemmenden Mitteln haben Mutter und Sohn durchgestanden, gut sechs bange Stunden unter Rückenmarks-Betäubung mit offenem Muttermund doch ohne jeden Geburtsfortschritt gewartet, bis die Entscheidung zum Kaiserschnitt fällt. Zu spät, sagen Petra und ihr Mann Thomas Gutmann heute, zumal die Ergebnisse des Wehen- und Herztonschreibers über Stunden pathologisch gewesen seien, die Blutwerte des Kindes schlecht. Warum haben die Ärzte so lange gewartet und worauf?
Die Frage lässt die Gutmanns nicht los, inzwischen sind sie überzeugt, dass die "offensive Kaiserschnitt-Vermeidungsideologie" des Leiters der Geburtshilfe am Klinikum, Frank Louwen, die Erklärung liefern könnte. Acht Tage nach Emils Tod habe Louwen einmal mehr in einer Tageszeitung dargelegt, dass eine Geburtsklinik umso besser sei, je weniger Kaiserschnitte sie aufweise.
"Wir sind nach wie vor fassungslos, dass die Uniklinik bei Deiner Geburt nicht genügend auf Dich aufgepasst hat, dass Du sterben musstest", schreiben Petra und Thomas Gutmann ein Jahr später in der Gedenkanzeige in der Frankfurter Rundschau für ihren Sohn. Für sie steht fest, dass "massive Fehler" der diensthabenden Ärzte und Hebammen für den Tod ihres Jungen verantwortlich sind: Geburtseinleitung ohne medizinischen Grund, ohne Aufklärung über Risiken - und - tödlich langes Warten, bis das vom Wehensturm geschwächte Kind per Kaiserschnitt geholt wurde, lauten kurz gefasst die Vorwürfe.
Kein leichtfertiger Schluss, kein schneller Ruf nach Schuldigen: Seit einem Jahr rekapitulieren die Gutmanns Abläufe, fragen nach, hinterfragen Entscheidungen, suchen Antworten, warum ihr nachgewiesen gesundes, ausgereiftes Kind, nach einer Schwangerschaft ohne Komplikationen am Ende todkrank zur Welt kommen und sterben musste.
Je konkreter die Fragen, je reservierter die Antworten
Zwei Aktenordner, gefüllt mit Briefwechseln, Fragekatalogen an die Uniklinik, Unterlagen, Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe haben sie zusammengetragen, zig Gespräche geführt, Fachliteratur gewälzt, haben aus ihrer Sicht Ungereimtheiten, nachträgliche Vermerke und Lücken in der Geburtsdokumentation und Patientenakte ausgemacht, die Fragen aufwerfen. Doch je konkreter sie nachfragten und um Gespräche baten, desto reservierter kamen die Antworten, schlug die anfangs zugesagte Offenheit in Schweigen um, sagen die beiden. Ärzte verweigern Gespräche.
Auf FR-Anfragen lehnen die Kliniksprecherin Ricarda Wessinghage und der Justitiar Steffen Thiel eine Stellungnahme und inhaltliche Erörterungen ab. Beide Seiten hätten Rechtsanwälte mandatiert, lassen sie wissen. Und: "Eine fehlerhafte Behandlung von Moritz Emil Gutmann oder Frau Gutmann in unserem Hause können wir nach wie vor nicht erkennen. Auch weisen wir die Behauptung zurück, dass durch uns eine nachträgliche Änderung der Patientenakte vorgenommen wurde." Der Säugling sei "bedauerlicherweise schicksalshaft verstorben".
Am Morgen des 3. November hätte niemand mit diesem Ausgang gerechnet. Seit dem errechneten Entbindungstag, dem 30. Oktober, kommen die Gutmanns alle zwei Tage zur Kontrolle in die Uniklinik. Mutter und Kind geht es gut, stellt Professor Louwen, Leiter des Schwerpunkts Geburtshilfe und Pränatalmedizin am Uniklinikum fest. Am 1. November attestiert seine Vertreterin, Oberärztin R., das Gleiche und rät dringend ab, vor Ablauf von zehn Tagen die Geburt einzuleiten. Trotz des verbindlichen Entbindungstages - das Kind war nach künstlicher Befruchtung entstanden.
Zwei Tage später jedoch weist die Ärztin die Hebamme an, das Einleitungs-Gel zu legen. "Wir waren total überrascht und wollten nicht", sagt Petra Gutmann. Als Erklärung habe die Ärztin nur gesagt, "Professor Louwen hat es angeordnet, er will es so." Erst als die Hebamme gesagt habe, ohne das Gel werde das Köpfchen nie ins Becken rutschen, hätten sie sich "geschlagen gegeben", sagen die Gutmanns. Sie werden heimgeschickt. Erst später lesen sie in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie, dass eine Einleitung vor Ablauf von zehn Tagen nach dem Stichtag nur erfolgen soll, wenn Mutter und Kind gefährdet sind. Und: dass nach Einleitung die stationäre Aufnahme üblich ist. "Wir führen Geburtseinleitungen in der Regel stationär durch", steht auch in der Homepage der Uniklinik. Aber erst seit Neuem weiß Thomas Gutmann, die Seite über Geburtshilfe sei nach seiner Beobachtung neu gestaltet worden. Ihnen habe eine Hebamme nach Emils Tod noch erklärt, Louwen teste ambulante Einleitungen.
Zu Hause, kurz nach 15 Uhr, setzt bei Petra Gutmann unvermutet ein Wehensturm ein, dazu heftiger Durchfall. Erst zwei Stunden später ist die heute 42-Jährige in der Lage, in die Klinik zu kommen. Der Muttermund ist fast vollständig offen. Sie erhält wehenhemmende Mittel, doch sobald sie nachlassen, setzt der Wehensturm wieder ein. Der diensthabende Oberarzt K. legt eine Periduralnarkose, das Kind ist noch nicht im Becken, Geburtsfortschritt inicht erkennbar. Um 23.50 Uhr, gut sechs Stunden später, wird das Kind per Kaiserschnitt geholt.
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Frankfurter Uniklinik
Der plötzliche Tod des kleinen Emil
Emil war weiß, leblos, erinnert sich Thomas Gutmann, der Apgar-Wert, der den Zustand eines Neugeborenen im Zehn-Punkte-System misst, lag bei einem Punkt: "Sie konnten nur noch schwache Herztöne feststellen."
Durch den stundenlangen Stress unter unkontrollierten Wehen und Sauerstoffmangel hat der Säugling Mekonium, das sogenannte Kindspech ausgeschieden und durch hektische Schnappbewegungen mit dem Fruchtwasser geschluckt, erfahren die Gutmanns später auf der Kinderintensivstation. Der kleine Körper ist voll Mekonium, die Lungen sind davon verklebt. Der erste Intubationsversuch scheitert, letztlich stirbt Emil an einem Pneumothorax. In einem Gespräch vorigen April habe Professor Louwen im Beisein des Justitiars Thiel eingeräumt, der behandelnde Oberarzt habe zu lange mit dem Kaiserschnitt gewartet.
Louwen habe aber vehement bestritten, die Geburtseinleitung angeordnet zu haben. "Die Verantwortung dafür hat letztlich niemand übernommen", sagt Petra Gutmann. Mehr: In der Patientenakte fehle jeder Hinweis auf die Einleitung. Ebenso die Ultraschalluntersuchung vom Morgen des 3. November, die ergab, dass das Kind noch nicht im Becken war. Nicht zuletzt fehle auch ein Gedächtnisprotokoll der Hebamme und der Ärzte, das es anfangs gegeben habe, sagt Petra Gutmann.
Ein Eintrag ist an zwei Stellen durchgestrichen
Nach Meinung der Gutmanns nicht die einzige Ungereimtheit in der Patientendokumentation. Der Eintrag, dass die Schwangerschaft mit Hilfe der Reproduktionsmedizin am 3. Februar 2007 entstand, ist an zwei Stellen durchgestrichen, eingeklammert und durch den Eintrag "Diese Schwangerschaft ist spontan entstanden" ersetzt. Des Weiteren sind 20 Minuten Presswehen am Ende der Geburt vermerkt, die es nie gegeben hat, sagt Petra Gutmann.
28 Fragen hat das Paar zum Geburtsablauf an die Klinik und Professor Louwen geschickt. Bis heute haben sie darauf keine Antworten erhalten, sagen die Gutmanns. Statt dessen habe die Klinik geraten, sich an die Gutachter- und Schlichtungsstelle der Landesärztekammer zu wenden. Inzwischen seien sie zudem von Louwens Anwalt zur Unterlassungserklärung aufgefordert worden, den Arzt nicht für den Tod ihres Sohnes verantwortlich zu machen. Louwen sei "nicht mit der Geburt befasst" gewesen.
Die Fragen nach Verantwortung und Fehlern werden nun Gerichte klären müssen. Via 140-seitiger Klageschrift fordern die Gutmanns, die Patientenakte zu korrigieren. Und sie haben beim Landgericht eine Schadenersatz- und Schmerzensgeldklage gegen die Uniklinik und Frank Louwen eingereicht. "Wir wollen endlich Antworten und Verantwortlichkeiten klären lassen. Das sind wir Emil schuldig."
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Autor: ANITA STRECKER