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Donnerstag, 1. Juli 2004, 19:01


Darwin-Award für deutsche Ärzte?

Ich kann nachvollziehen, daß Sie ihre gegenwärtige Situation als Vernichtungsfeldzug erleben, denke aber, daß Sie in die falsche Richtung schießen. Ich denke, daß deutsche Ärzte selbst den größten Anteil an diesem Feldzug haben.

Ich kann da schlecht eine Reihenfolge aufstellen, aber da handelt es sich in den Kliniken nach meiner Meinung um die Vorwegärzte-Chefärzte, die ihre Assistenten mit Zeugnissen und behinderter Ausbildung erpressen, unbezahlte Überstunden einfordern und damit die ärztliche Arbeit zu einem Dumpingpreis anbieten.

Haben Sie schon einmal von einem Chefarzt gehört, der seinen Verwaltungsleiter wegen des Vorenthaltens von Arbeitsentgelt wegen unbezahlter Überstunden von Assistenten angezeigt hat?

http://dejure.org/gesetze/StGB/266a.html

Der Betrieb muß ja laufen, damit genügend Privatpatienten durchgeschleust werden können und damit der Chef sein eigenes Einkommen sichern kann.

Haben Sie schon mal einen Arzt als Eigentümer einer Klinik erlebt und wie der mit den Kollegen umgeht? Ich bin mir sicher, daß diese Erfahrung selten ein Abbild ärztlicher Kollegialität zeigt.

Das setzt sich fort mit einigen (vielen?) KV-Vorsitzenden, die sich auf Kosten ihrer Kollegen den Hintern auf KV-Vorstandsposten warmgesessen haben und das Hamsterrad angeworfen haben.

Ich hatte 1998 die Zulassung für meine Heimatstadt Berlin in der Hand. U.a. fand ich die Regelung, daß mein Einkommen im Wesentlichen durch die Menge der Arbeit meiner Kollegen beeinflußt wird und nicht durch die Qualität meiner Arbeit, unglaublich blöd. Ein Einlassen auf dieses System und die damit einhergehende geistige Selbstverstümmelung habe ich als derart selbstvernichtend erlebt, daß ich auf dieses System verzichtet habe.

Welche KV hat denn als KV das Leistungsangebot drastisch reduziert, Mieten von Kollegen übernommen, die technischen Leistungen vom eigentlichen Honorar getrennt um eine größtmögliche Honorartransparenz zu schaffen und "Schuldknechtschaft" von Kollegen zu verhindern? Das wäre die korrekte Reaktion auf die Budgetierung gewesen. Ich habe davon noch nichts gehört.

Irgendwann bin ich in's Ausland geflüchtet. Wenn ich jetzt meine Arbeitsbedingungen und die meiner Freunde in Berlin miteinander vergleiche, traue ich mich in Berlin nicht mehr zu erzählen, wie es mir geht. Ich selbst habe es als einen regelrechten Kulturschock erlebt. Auch hatte ich erst im letzten Jahr ausreichend emotionale Energie, um das System in D einigermaßen zu durchschauen.

Ich habe direkt Angst um einige Freunde in Berlin. Z.B. wenn ich ihre Augenringe sehe und höre: Weißt du Henrik, am liebsten würde ich jetzt nur noch schlafen, schlafen, schlafen.

"Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht."

Ich war mir erst nicht sicher, ob meine Wahrnehmung korrekt war. Ich habe Bestätigung bei Kollegen gefunden, die direkt an der Quelle sitzen und formulieren, daß schließlich deutsche Ärzte selbst einen Vernichtungsfeldzug gegen sich führen:

"Ein Herzinfarkt gilt unter Ärzten als Ritterschlag des Tüchtigen, eine Abhängigkeit aber wird verschwiegen."

http://www.zeit.de/2003/32/M-Sucht_8arzte

Was Sie als "Vernichtungsfeldzug" erleben, ist der verzweifelte Versuch der deutschen Politik, im Sozialbereich Geld zu sparen, weil die deutsche Vereinigung zu teuer war und dafür nie ein wirtschaftliches Konzept existierte. Natürlich wird dort zuerst geschnitten, wo der Widerstand am geringsten ist. Angeboten haben sich dafür die Ärzte, die mit der Kreation des Hamsterrades die tödlichste Variante gewählt haben. Man sollte sie für den Darwin-Award vorschlagen.

Wenn Sie jetzt die Versäumnisse aller politischen Parteien in der deutschen Wirtschafts- und Sozialpolitik der letzten 30 Jahre als persönlichen Vernichtungsfeldzug erleben, dann kann ich das zwar in gewissem Maße nachvollziehen. Ich denke aber, daß dies eine Sackgasse ist, die weder Sie noch unsere Kollegen weiter bringt.

Wenn ich Ihnen eine Empfehlung geben darf: Setzen Sie sich mit Ihren Kollegen zusammen und realisieren Sie RADIKALWANZ(Anmerkung WANZ ist das Knebelinstrument "Wirtschaftlichkeitsgebot": wirtschaftlich,austeichend,nützlich und zweckmäßig,was noch lange nicht sinnvoll,patientenorientiert und optimal heißt).

Die effektivsten Arztvernichter in Deutschland sind die deutschen Ärzte selbst. Ich habe zuviele süchtige Kollegen erlebt, ich habe diese Kultur tatsächlich nicht mehr ausgehalten. Ich habe einige Erkenntnisse sammeln können und möchte sie meinen Kollegen nicht vorenthalten. Vielleicht kann ich damit etwas bewirken.

Mit freundlichen Grüßen

Henrik Jordan

KOMMENTAR:

Nicht zu vergessen die ethisch-moralische und fachliche Selbstvernichtung durch Umschwenken auf reichlich geldbringende Scharlatanerie-Abzocker-Methoden und überflüssige Privat-"Leistungen"(IGEL)bei völliger Unfähigkeit,berechtigte Interessen überhaupt nur effektiv vorzubringen oder gar durchzusetzen.

Dazu:

Was die die Ärztekammern alles an Scharlatanerie-Patientenabzockerei dulden und fördern:

http://kidmed.info/forum/index.php?page=Thread&threadID=2945 1060276387

Die Bundesärztekammer,ihr Präsident und die Scharlatanerie:

http://kidmed.info/forum/index.php?page=Thread&threadID=5417 1086794830

Warum aus Ärzten Scharlatane werden:

http://kidmed.info/forum/index.php?page=Thread&threadID=442 1027790507

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