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Freitag, 8. Juli 2005, 14:10

Aus einer Mail einer befreundeten Augenärztin (mit der Erlaubnis, das zu veröffentlichen:

Zusammenfassung: Ein Neunjähriger wird seit Geburt durchgereicht und als lernbehindert und Legastheniker abgestempelt, weil sich anscheinend kaum keiner die Zeit für eine umfangreichere Diagnose nehmen konnte oder wollte.

Text:
"Junge, 9 Jahre alt, Geburtstrauma (Gehirnblutung), Gangataxie, schlaffe
Lähmung links (Hemiplegie), congenitaler Nystagmus (Augenzittern), seit
Geburt in augenärztlicher Behandlung, stellt sich vor gut einem Monat bei
mir vor wegen Legasthenie. Er wird ab September die Körperbehindertenschule
besuchen, da er in der Regelschule nicht mitkommt.

Die Sehschärfe beträgt rechts cc 0,3 p L 0,4 p Zahlen. Die Brille bekam er
von meinem Kollegen vor gut 3 Monaten ordiniert. Der andere Kollege, der den
Jungen bisher betreute, hielt das für völlig unnötig. "Ob er eine Brille
trägt oder nicht, ist absolut egal. Das ändert nichts am schlechten Sehen."
Die Sehschärfe in der Nähe war nur 0,2 Landolt. Ein klarer Fall für die
Sehschwachenschule. Die Vorschuluntersuchung verlief angeblich problemlos,
was ich absolut nicht verstehe. Wie kann sowas sein? Es unterblieb die
Einweisung in die Sehschwachenschule, es unterblieb eine Förderung der
visuellen Wahrnehmung, es unterblieb die Versorgung mit vergrößernden
Sehhilfen, es unterblieb ein Mobilitätstraining.

Ich habe erneut eine subjektive Refraktion vorgenommen. Rechts jetzt cc 0,4,
L 0,4p. Wegen seines Nystagmus und einem kleinen Schielfehler legte ich die
Gesichtsfelder mit prismatischen Gläsern übereinander. Der Nystagmus
beruhigte sich deutlich. Das Sehvermögen ist von binokular 0,4 damit auf 0,6
angestiegen. Das ist sehr viel für das Kind. Weiterhin gab ich einen
Nahzusatz von 3,00 sph für die Nähe dazu. Damit sieht er 0,8p vereinzelt
Worte. Er wird weiterhin einen Kantenfilter erhalten der das Sehvermögen
noch mal um 10% für die Ferne erhöhen wird und eventuell ein Monokular für
die Tafel zum Abschreiben. Es besteht keine Legasthenie, eventuell eine
Lese-Rechtschreibschwäche, weil zu keinem Zeitpunkt bisher eine
Lesefähigkeit bestand aus rein visueller Problematik heraus.

Der Bub wird einen Sprung in seiner schulischen Entwicklung nehmen, die ihm
bisher versagt war, weil Kollegen keine Zeit für eine entsprechende
Diagnostik, Abklärung und Therapie fanden. Neun Jahre lang nicht. Was ist
dem Kind da vorenthalten worden.

Ich bekomme ja nur einmal im Quartal für nur 6 Minuten meine 405 Punkte,
muss einen Brief an den Kinderarzt schreiben, damit ich überhaupt abrechnen
darf und habe keine Zeit für mal 2-3 Stunden intensivster Betreuung die aber
nötig wären. Wer bezahlt mir das? Die Kasse nicht. Niemand. Sowas sprengt ja
den Rahmen jeder normalen Sprechstunde. Und deswegen passiert eben...nichts.
Oder man hat das Glück durch Zufall an eine Praxis zu geraten, die sich den
Luxus gelegentlich leistet Problemfälle zu betreuen. Es dürfen nur nicht zu
viele werden. Sonst bekommt man eventuelle wirtschaftliche Schwierigkeiten.

Das ist bedauerlicherweise kein Einzellfall. Ich habe mehrere im Laufe der
Jahre erlebt. Es lebe das gute soziale System in Deutschland."

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