der Quatsch wurde bereits 2004 vom Spiegel kommentiert
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,303120-2,00.html
08. Juni 2004
WOHLFÜHL-INFLATION
Selfness löst Wellnepp ab
es dauert halt immer etwas bis der wellselfnepp in die weniger trendigen Winkel Deutschlands vorgedrungen ist...
Hat wohl nich so nen Durchblick die Katrin Bauerfeind, die sollte lieber wieder Ihren Ehrensenf verzapfen.
Wohlfühl-Inflation
Selfness löst Wellnepp ab
Von Manuel J. Hartung
Wellness-Bereich in einem Hamburger Hotel: Neuer Bund für 79 Euro
Während aber Schwimm- wie Klimmzug, organisiertes Massieren wie Grimassieren wenigstens im Grundsatz gesund ist, bezweifeln Experten die Wirkung anderer Maßnahmen. Populär sind etwa Sauerstoffbars, die Wasser verkaufen, das ein Dutzend mal mehr Sauerstoff enthält als normales Wasser - das soll die Energiebilanz der Zellen verbessern. Gunda Backes vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung: "Sauerstoffwasser schadet nichts, ist aber komplett überflüssig, denn eindeutige wissenschaftliche Beweise fehlen."
Selbst vor den Mauern vorgeblich konservativer Institutionen macht der Zeitgeist nicht Halt. Die frommen Frauen vom Dominikanerkloster in Arenberg haben ihren alten Bund mit dem Kneipp-Sanatorium gelöst und dafür einen neuen Bund mit der Wellness geschlossen, der Gäste 79 Euro pro Nacht und Nase kostet. Die Wellness-Jünger werden hinter Klostermauern von Masseuren durchgeknetet oder treiben durch das "Crystalbad", bedudelt von sanfter Musik, beleuchtet von bunten Lichtern.
Etikett des Anti-Aging-Biers: "Das ist völliger Unfug"
An der Technischen Universität in München-Weihenstephan wurde ein Bier namens "Xan" entwickelt - es ist angereichert mit Xanthohumol, das im Hopfen vorkommt und das in In-vitro-Tests krebsvorbeugend gewirkt haben soll. "Mit dem alkoholfreien Bier sind wir bestimmt in der Wellness-Szene angesiedelt", frohlockt Achim Zürcher, der das Bier mitentwickelt hat, und empfiehlt: "Wer auf seine Gesundheit achtet, sollte auf jeden Fall Bier trinken." Mittlerweile führt die Brauerei Weihenstephan ein "Xan"-Hefeweißbier und ein alkoholfreies "Xan"-Wellnessgetränk.
Reiseveranstalter jauchzen und frohlocken
Der brandenburgische Brauer "Neuzelle" will zudem zum Brau-Rebellen werden: Er stellte auf der diesjährigen Grünen Woche ein "Anti-Aging-Bier" vor, das neben Hopfen, Hefe, Malz und Wasser auch die unter Wellness-Freaks bekannte Süßwasseralge "Spirulina" enthalten soll - zum höheren Wohlbefinden von "Körper, Geist und Seele" wie es auf dem Etikett heißt (SPIEGEL ONLINE berichtete).
Wellness-Funktionär Hertel ist ob solcher Chuzpe empört: "Das ist völliger Unfug, wer Bier als Wellness verkauft, der gehört bestraft."
Die Wellness zwischen Klostermauern und Bierkesseln, zwischen Katzenklo und Hundehütte steht aber nicht allein für die absurde Überdrehung eines Trends. Sie markiert auch ihren Niedergang: Die Zentren des Wohlfühlkultes, also Bäder und Spas, sind besetzt, nun sind die Peripherien dran.
Astra-Werbung: "Der Begriff war ein dankbares Opfer"
Der Werber Hartwig Keuntje ließ einmal Hamburg zuplakatieren mit einem überjuxten Poster: Es zeigte einen Mann im Whirlpool, dichtes Brusthaar, dünnes Haupthaar, Oberlippenbart. Links und rechts räkelten sich zwei Schönheiten, in der Hand hielt der Mann eine Flasche Astra-Bier. Darüber die Zeile: 'Das nennt man jetzt Wellness.' "Der Begriff war ein dankbares Opfer, weil er damals schon durch war", sagt Keuntje, "man kann den heute nicht mehr ernsthaft in der Werbung benutzen." Bei vielen seiner Kollegen hat sich das noch nicht herumgesprochen.
"Wellness ist ein Billigetikett geworden", sagt Trendforscher Horx, "wenn profane Gegenstände wie Socken und Betten als Wellness verkauft werden, dann war's das."
Horx hat daher einen neuen Trend ausgerufen, dem die Menschen in den nächsten Jahren hinterherhetzen sollen: "Selfness". Dahinter steckt die nächste mystische Wendung, denn "Selfness" ist Wohlfühlen plus Selbstfindung, eine "neue Selbstveränderungskultur". "Ich will nicht bleiben, wie ich bin", postuliert Horx, "es geht nicht mehr um vorübergehende Entspannung, sondern um dauerhafte Selbstveränderung." Persönlichkeitstraining und Selbsterfahrungstrips sollen künftig besonders gefragt sein. Reiseveranstalter und Coaches können jauchzen und frohlocken: Der nächste Wachstumsmarkt ist da.