Also: wenn bei liegenden Paukenröhrchen eine akute Mittelohrentzündung vorliegt, dann bedeutet das, dass Eiter im Mittelohr gebildet wird und dieser Eiter durch das offene Loch im Paukenröhrchen sich nach außen drückt. Die Kinder haben dann also ein laufendes Ohr. Der Eiterdruck im Mittelohr ist also so hoch, dass sich der Eiter nach außen drückt.
Wie soll da Wasser ins Mittelohr fließen können? Wenn dem Wasser der Eiter entgegenfließt?
Das ginge nur, wenn der Wasserdruck noch höher ist als der Eiterdruck. Und dafür muss man schon einigermaßen tief tauchen. Und man muss den Kopf nach unten halten: die Gehörgänge steigen nämlich nach innen etwas an, sodass sich beim Untertauchen mit aufrecht gehaltenem Kopf eine Luftblase schützend vor das Trommelfell legt und das Wasser nicht an das Trommelfell heranlässt. Erst beim Kopfbücken nach unten kann die Luftblase nach außen entweichen, sodass der Schutz weg ist.
Etwas anderes ist es, wenn die Kinder häufige Mittelohrentzündungen haben und oft schwimmen gehen.
Kommt die Mittelohrentzündung wirklich jedesmal kurz nach dem Schwimmengehen? Oder sind da auch mal längere Zeitabschnitte dazwischen?
Häufige Mittelohrentzündungen beim häufigen Schwimmengehen mit Paukenröhrchen sind zunächst mal nicht mehr als einfache zeitliche Koinzidenzen - also zeitliche Zusammentreffen zweier Ereignisse. Die müssen nicht automatisch "Ursache" und "Wirkung" sein! Wenn man "beweisen" will, dass das häufige Schwimmengehen die Ursache der Mittelohrentzündungen ist, dann muss das "reproduzierbar" sein - sich also wiederholen lassen.
Wenn nach mehrfachem Schwimmengehen in immer ziemlich gleichen Abständen eine Mittelohrentzündung auftritt und beim Verzicht auf Schwimmen längere Zeit keine Mittelohrentzündung auftritt - dann würde ich irgendwann freiwillig auf das Schwimmen verzichten! Niemand von uns Ärzten kann die Natur zwingen, sich immer bei allen Kindern vorhersehbar zu verhalten. Ich weiß nicht, wie die Gehörgänge Ihres Kindes aussehen - ob sie wirklich in normalem Winkel nach innen ansteigen oder nicht vielleicht weniger. Ich weiß nicht, wie die Tubenfunktion ist und auch nicht wie die Infektanfälligkeit bestimmten Keimen gegenüber ist. Ich weiß nicht, wieviel Ohrenschmalz Ihr Kind produziert und ob es fettig genug ist. Ich kenne auch nicht das Keimspektrum des Badewassers. Kurz und gut: unwahrscheinlich ist nicht unmöglich! Ich werd' den Teufel tun und Ihnen dazu raten, Ihr Kind immer und immer wieder ins Schwimmbad zu schicken, wenn es jedesmal mit einer Mittelohrentzündung herauskommt!
Mein Wunsch ist nur der, dass nicht alle Kinder mit Paukenröhrchen auf das Schwimmen verzichten (müssen), obwohl bei 99,9 % der Kinder nichts passiert! Diesen Kindern möchte ich nicht das Schwimmvergnügen verbieten! Und die wenigen Kinder, die vielleicht Probleme bekommen beim Schwimmen (in meiner eigenen Praxis hatte ich noch nicht einen solchen Fall!), werden das schon herausbekommen, ob sie besser aus dem Wasser bleiben!
Viele Grüße
W. Vahle