Der Papst hätte noch viel deutlicher werden müssen.
Verlogene Aufregung der Muslime:
Kairo/Rom/Berlin - In der islamischen Welt haben die Äußerungen von Papst Benedikt XVI. über die gewaltsame Verbreitung von Religion einen Sturm der Entrüstung entfacht. In verschiedenen islamischen Ländern kam es zu Protestaktionen. Religionsvertreter sprachen von Beleidigung und Gotteslästerung. Der Chef des staatlichen Religionsamtes und oberste islamische Geistliche in der Türkei, Ali Bardakoglu, der dem Papst eine "Kreuzfahrermentalität“ vorgeworfen hatte, gab jedoch mittlerweile zu, Benedikts Rede gar nicht vollständig gelesen zu haben. Seine scharfe Kritik habe er auf der Basis von Pressemeldungen formuliert, sagte Bardakoglu der Zeitung "Hürriyet“. Nun werde er sich den vollständigen Text aus dem Deutschen übersetzen lassen.
"Hürriyet“-Kolumnist Mehmet Yilmaz kritisierte, wenn Bardakoglu den gesamten Redetext gekannt hätte, wäre ihm klar geworden, dass sich der Papst von den Zitaten aus dem Mittelalter distanziert habe. "Es kommt mir so vor, als ob niemand von jenen in der islamischen Welt, die den Papst wegen seiner Rede attackieren, die Papst-Rede auch gelesen haben“, schrieb Yilmaz.
"Dialog ein Hauptanliegen Benedikts"
Der Papst hatte in Regensburg jeglicher religiös motivierter Gewalt eine Absage erteilt. Dabei zitierte er aus einem Disput im 14. Jahrhundert zwischen dem byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos und einem gelehrten Perser über den Dschihad. Dort hieß es an einer Stelle, Mohammed habe der Welt nur Schlechtes und Inhumanes gebracht. Der Papst selbst nannte diese Aussage "eine "erstaunlich schroffe“ Art und Weise, die Frage nach dem "Verhältnis von Religion und Gewalt“ zu stellen.
Der Vatikan versucht unterdessen, die Lage zu beruhigen. Der Papst habe niemals die "Werte des Islam" in Frage stellen wollen, sagte der neue "Außenminister" des Heiligen Stuhls, Monsignore Dominique Mamberti. Vielmehr sei der "Dialog mit den großen Kulturen" ein Hauptanliegen Benedikts XVI..
Ruf nach Entschuldigung
Zitate aus dem Mittelalter: Benedikt XVI. am Dienstag in der Uni Regensburg.
(Foto: dpa)
Der Chef des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Ayyub Axel Köhler, fordert in der "Neuen Presse": Der Papst "sollte sich bei den Muslimen entschuldigen. So könnte er zur Entspannung beitragen und für Klarheit sorgen". Auch die Regierungen mehrerer moslemischer Länder verlangen eine persönliche Entschuldigung Benedikts. Er müsse seine Äußerungen zurücknehmen, sagte Malaysias Ministerpräsident Abdullah Badawi. "Der Papst darf das Ausmaß der Empörung, die er verursacht hat, nicht unterschätzen.“
Die sechs Öl-Monarchien am Persischen Golf, Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, Katar, Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate fordern in einer gemeinsamen Erklärung eine "klare und offene Entschuldigung" des Papstes "für die schädlichen Irreführungen in seiner Rede und für seinen Angriff auf den Islam und dessen Propheten.“ Eine bloße Klarstellung reiche nicht aus.
Neun Monate nach Mohammed-Karikaturen
Die Welle der Empörung folgt neun Monate nach dem Beginn gewaltsamer Proteste wegen der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Tageszeitung. Ein irakischer Geistlicher zog bereits einen Vergleich zu den Mohammed-Karikaturen, die zu Jahresbeginn Massenproteste ausgelöst hatten. In Ägypten wurde zu Protestkundgebungen aufgerufen. In Gaza wurde ein Sprengstoffanschlag auf eine christliche Kirche verübt. Die örtliche Polizei sprach von einem Zusammenhang mit den Papstäußerungen.
Deutsche Politiker wiesen die Kritik am Papst als ungerechtfertigt zurück. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, wer den Papst kritisiere, verkenne die Intention seiner Rede. Sie sei eine Einladung zum Dialog der Religionen. "Was Benedikt XVI. deutlich macht, ist eine entschiedene und kompromisslose Absage an jegliche Anwendung von Gewalt im Namen der Religion." Auch der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber bewertete die Rede positiv. (md/joe/AP/AFP/dpa)