Ideen zur Bewältigung des Problems:
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Aus der aktuellen Ausgabe | Diese Woche
«Eine Folge der Verwestlichung»
Von Daniel Binswanger
Islamkenner Olivier Roy hält nichts vom herrschenden Multikulturalismus. Aber noch weniger davon, wegen Selbstmordattentätern die liberalen Grundsätze aufzugeben.
Herr Roy, Tony Blair hat die englischen Muslimgemeinden aufgefordert, sich stärker im Kampf gegen den Fundamentalismus zu engagieren. Versagt der gemässigte Islam?
Die Position der offiziellen, britischen Vertreter des Islam ist ganz klar. Sie alle verdammen den Fundamentalismus. Jetzt erwartet man von ihnen, dass sie ihre eigenen Gemeinden stärker überwachen. Ich habe regelmässigen Kontakt mit englischen Polizeiagenten. Sie führen die Methoden des British Empire fort: Man vertraut dem Dorfältesten und fordert von ihm, dass er seine Leute im Griff hat. Die Jugendlichen, die in den Fundamentalismus abgleiten, sind aber genau diejenigen, die nicht in die Gemeinden integriert sind. Im Gegensatz zu weitverbreiteten Vorstellungen nehmen die Fanatiker nicht am Gemeinschaftsleben der Moschee teil. Sie stehen in der Regel auch ausserhalb des Vereinslebens, haben sich von den Eltern abgekoppelt.
Ist es die Zerstörung der Traditionen, die zum Terrorismus führt?
Der Terrorismus, den die englischen Attentäter repräsentieren, ist eine Folge der Verwestlichung. Sie sind entweder in Europa geboren oder im Vorschulalter nach Europa gekommen; sie waren auf öffentlichen und nicht auf religiösen Schulen; sie haben entweder gar keine oder nur sehr oberflächliche Religionsstudien betrieben; sie haben ein Ingenieurstudium hinter sich, sind Erzieher oder waren einfach Kleinkriminelle. Eines der grossen Integrationsprobleme der pakistanischen Gemeinde in England ist die Endogamie. Häufig wird die eigene Cousine geheiratet. Bei den Radikalen ist das anders: Wenn sie verheiratet sind, dann in der Regel mit einer Europäerin. Egal, ob man die Täter unter sozialem, familiärem oder kulturellem Gesichtspunkt einordnet, sie sind verwestlicht. Sie trinken Alkohol, haben Freundinnen, gehen in Nachtklubs. Und irgendwann kommt das Erweckungserlebnis, die Konversion. Sie werden born-again muslims. Die Religion, zu der sie sich bekehren, ist aber nicht die Religion ihrer Eltern.
Sie betonen den Bruch mit der Tradition. Gibt es aber nicht im Kerngehalt des Islam Elemente, die die Gewalt und die Fanatisierung vorantreiben?
Natürlich gibt es die. Aber alle grossen Religionen haben dieses Fanatisierungspotenzial. Jahrhundertelang gab es keine islamischen Suizidattentäter, keinen islamischen Terrorismus. Wenn man den Fundamentalismus auf das Wesen des Islam zurückführt, kann man nicht erklären, weshalb der Terrorismus sich gerade heute entwickelt. Das Suizidattentat ist eine moderne und keine islamische Erfindung. Die Tamil Tigers haben es als Erste im grossen Stil praktiziert. Die Fundamentalisten rechtfertigen den Terror mit dem Islam, aber das ist eine Neukonstruktion.
Hätte der traditionelle Islam den Terror nicht schärfer verurteilen müssen?
Es gibt Dutzende Fatwas der sunnitischen Geistlichkeit gegen al-Qaida und den Terror. Das Problem ist eher, dass der sunnitische Klerus nicht hierarchisiert ist und deshalb keine oberste Instanz existiert, die das letzte Wort spricht. Zudem gibt es in Europa wenig Schriftgelehrte. Der europäische Islam ist ein Gastarbeiter-Islam, der obere Klerus blieb in den Heimatländern. Damit wurde das Feld frei für selbsternannte, fanatische Prediger.
In seiner Essenz ist dieser Fundamentalismus also nicht religiös, sondern politisch.
Al-Qaida führt die Ideologie des politischen Antiimperialismus weiter. Es besteht eine Verwandtschaft zum terroristischen Fanatismus, mit dem in den siebziger Jahren die RAF einen Teil der europäischen Jugend faszinieren konnte. Mit dem Islam und der Globalisierung kommt eine neue Dimension hinzu. Zudem sind wir in neue Bereiche der Gewaltbereitschaft vorgestossen. Aber das Programm der Religionsfanatiker ist dem Linksterrorismus erstaunlich nahe: Kampf gegen Amerika, gegen den Zionismus, gegen die kapitalistische Wirtschaftsordnung.
Sie sagen, der Terrorismus entspringe einer Krise des Islam. Wie kann sie bewältigt werden?
Das Problem ist die Auflösung des kulturellen Umfelds, in das der Islam eingebunden war. Auch die katholische Kirche hat Schwierigkeiten, auf kulturelle Veränderungen zu reagieren, zum Beispiel auf die homosexuelle Ehe. Für den traditionellen Islam stellen sich diese Probleme hundertfach gesteigert, insbesondere aufgrund der grossen Migration und der Globalisierung. Der Islam in Europa muss unter neuen kulturellen Bedingungen das Verhältnis zum Glauben neu definie- ren. Die Macht der Fanatiker liegt darin, dass sie für dieses Problem scheinbar eine Lösung anbieten können. Ein solider europäischer Islam kristallisiert sich gerade erst heraus.
Wie soll der denn aussehen?
Die theologischen Debatten müssen wir den Muslimen überlassen. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, einen bestimmten Islam heranziehen zu können. Wir sollten auf Pluralismus setzen. Selbstverständlich darf nur mitspielen, wer sich an den Rechtsstaat hält. Das muss mit allen polizeilichen, geheimdienstlichen und sonstigen Mitteln durchgesetzt werden. Sonst gilt aber die Religionsfreiheit. Das ist der einzige Weg, um die Fanatiker politisch und sozial zu isolieren. Wenn liberale Rahmenbedingungen geschaffen sind, wird sich auch ein liberaler Islam durchsetzen.
Sie glauben, dass ein solcher Islam alle europäischen, aufklärerischen Werte teilt?
Nein. Das ist aber auch nicht notwendig. Der Vatikan ist gegen die Abtreibung und trotzdem keine Gefahr für die europäischen Länder, in denen sie praktiziert wird. Die christlichen Fundamentalisten in Amerika glauben nicht an den Darwinismus und bedrohen trotzdem nicht das Universitätssystem. Der politischen Gewalt des Islam muss ein Ende gesetzt werden. Das heisst aber nicht, dass wir uns hinterher über alles einig sein müssen. Was wir brauchen, ist Pluralismus innerhalb klar akzeptierter Grenzen der Rechtsstaatlichkeit.
Der Multikulturalismus stösst doch derzeit an seine Grenzen.
Ich bin weder ein Anhänger des englischen Multikulturalismus noch des französischen, der die kulturelle Assimilierung forciert. Beide beruhen auf einem Irrtum: Sie gehen vom Vorrang der Kultur aus. Frankreich will über die Kultur die Integration erreichen, England die kulturelle Koexistenz garantieren. Man sollte aber Politik nicht mit Kultur verwechseln. Der Islam muss als Religion anerkannt werden, nicht als Kultur. Es gibt keine kulturelle Homogenität der islamischen Minderheiten in Europa. Auch die kulturelle Einheit unserer eigenen Gesellschaften wird ja immer diffuser.
Ist es besser, wenn sogar Polizistinnen das Kopftuch tragen können wie in England, oder war es richtig, den Schülerinnen das Kopftuch zu verbieten wie in Frankreich?
Die Engländer gehen zu weit. Staatsbeamte sollten in Ausübung ihrer Funktion keine ostentativen Zeichen ihrer religiösen Zugehörigkeit tragen. Ich bin aber auch gegen das französische Gesetz. Ich hätte das Kopftuch nur für Minderjährige verboten. Wo man davon ausgehen kann, dass eine erwachsene Person eine autonome Entscheidung trifft, muss der liberale Grundsatz Religionsfreiheit den Vorrang haben.
Soll man Hassprediger tolerieren?
Nein. Man muss aber die Grenze richtig ziehen. Wenn ein Imam sagt, Frauen seien dem Mann untergeordnete Wesen, sollte man ihn gewähren lassen. Wenn er seinen Gläubigen aber die Erlaubnis gibt, ihre Frauen zu schlagen, dann sollte er angeklagt werden, weil er dazu aufruft, französische Gesetze zu brechen. Eine theologische Ideenpolizei bringt nichts. Wir müssen den Rechtsstaat verteidigen. Und dazu haben wir auch die Mittel.
Olivier Roy ist Forschungsdirektor am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Paris. Er schrieb das Standardwerk «L’Islam mondialisé» (Le Seuil, 2002).
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