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Montag, 8. Mai 2006, 19:47

Auch eine der Grundlagen des Scharlatanerie-Betruges im Gesundheitsbereich.

Und das ist alles allgegenwärtig.

Feindbild Mensch: Ökofaschismus und New Age
Schwarzer Faden 2/93, Peter Bierl

Nach den Morden von Mölln demonstrierte das ,,andere" Deutschland mit den Lichterketten seine ,,Ausländerfreundlichkeit", während das Asylrecht abgeschafft, Roma und Sinti nach Rumänien deportiert und mit den osteuropäischen Staaten Verträge über Saisonarbeiterinnen abgeschlossen werden. Was Schönhubers Republikaner in den 80er Jahren forderten, ist heute Konsens der bundesdeutschen Parteien bis hin zu den Grünen. Oberflächlich wie die Lichterketten ist auch die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Rassismus, eingegrenzt auf Skinheads und einige organisierte Nazigruppen. Als Ursache rassistischer Gewalt werden sozialökonomische und psychologische Defizite angenommen. Rassismus wird zum ,,Protest" von ,,Randgruppen", von ,,sozial Schwachen" und ,,orientierungslosen" Jugendlichen erklärt. Rassismus und Faschismus entstehen aber keineswegs am Rande der Gesellschaft. Im Gegenteil, seit über zweihundert Jahren produzieren Intellektuelle rassistische Ideologien, die mit finanzieller Hilfe des Kapitals über die Massenmedien verbreitet und von staatlichen Apparaten umgesetzt werden.

Wie in der ersten Jahrhunderthälfte haben in Deutschland ir bis antirationale Ideologien Konjunktur, auch im liberalen und linken Spektrum der Gesellschaft. Soziale Verhältnisse werden mit biologistischen Kategorien interpretiert. Postmoderne Kritik an einer angeblichen Herrschaft der Vernunft als Ursache gesellschaftlicher Fehlentwicklungen, traditionelle Frauenbilder Mütterlichkeit, Emotionalität etc. verklärt als ,,Recht auf Differenz", ein Multi-Kulti-Ansatz der von statisch fixierten homogenen Kulminationen und ,,nationalen Identitäten" ausgeht.

Zwei Strömungen breiten sich derzeit rasant aus, ökorassistische Positionen und New-Age. Die New Age-Szene hat zehntausende von Anhängerinnen. Das Geschäft mit entsprechenden Veranstaltungen, Accesoires und Literatur blüht. Zwölf Prozent der Umsätze im deutschen Buchhandel werden mit Esoterik erzielt. Schon vor Jahren wiesen die beiden Wiener Autoren Schweidlenka und Guggenberger auf die Verbindung zwischen New-Age und Rechtsextremismus hin. Sie untersuchten 367 New AgeGruppen und 161 Zeitschriften. Ergebnis: 46 Gruppen und 28 Zeitschriften sind eindeutig rechtsextrem, weitere 56 Gruppen und 27 Zeitschriften haben entsprechende Kontakte.

Zur Entwicklung des Begriffs Ökologie

Esoterische und völkisch-rassistische Strömungen knüpfen nicht bloß taktisch an die Ökologiebewegung an, sondern haben diese entscheidend und massenwirksam mitgeprägt. Den Begriff ,,Ökologie" prägte der deutschen Zoologe Ernst Haeckel (1834-1919). Er definierte Ökologie als Wissenschaft von den Beziehungen der Organismen zur Umwelt und verknüpfte esoterische, sozialdarwinistisch-rassistische Positionen sowie Fortschritts und Technikoptimismus zu einer ,,ökologischen Weltanschauung". Die Evolution bezeichnete er als kosmische Kraft, die sich in der Natur verkörpert. Haeckel propagierte die "Umkehr zur Natur": Eine "naturgemäße Gesellschaftsordnung" müsse ,,ewigen Naturgesetzen" entsprechen, worunter er Darwins Lehren vom Kampf ums Dasein und dem Aussterben der Schwachen verstand. Darwins eifriger deutscher Schüler forderte deshalb (1879) rassenhygienische Maßnahmen, wie z.B. die Todesstrafe als Selektionsinstrument.

Wollte Haeckel eine ,,natürliche Gesellschaft" durch unbeschränkten Einsatz moderner Naturwissenschaft und Technik errichten, so distanzierten sich seine Nachfolger unter dem Einfluß der sogenannten Lebensphilosophie vom Fortschritts und Technikoptimismus und entwickelten den ,,Organismus"-Ansatz. Die ,,Lebensphilosophie" war um die Jahrhundertwende eine sehr verbreitete Strömung. Ihre zentrale These lautet, daß die neuzeitliche Geschichte eine Geschichte des Verfalls ist, weil unter der Herrschaft der Vernunft die menschliche ,,Ganzheitlichkeit" aufgelöst werde. Der Geist spaltet Leib und Seele, schrieb etwa Ludwig Klages (1872-1956). Gegen eine ,,mechanistische" Naturwissenschaft und einen ,,lebensfeindlichen" Intellekt setzte Klages Herz, Gefühl und Instinkt, die ,,Rückkehr zum natürlich-unbewußten Leben".Der Philosoph Wilhelm Dilthey (1813-1911) definierte Leben als Intuition;. Erkenntnis sei nicht durch rationale Methoden, sondern nur durch ,,geistiges Schauen" möglich.

Ihren Höhepunkt erreichte die Lebensphilosophie mit Oswald Spengler (1880-1936). In seinem Buch "Der Untergang des Abendlandes" zeichnet er den Menschen als Raubtier und den Kampf als ,,Urtatsache" des Lebens, woraus sich Herrschaft und ,,natürliche" Rangunterschiede ergeben. Geschichte interpretiert Spengler als Aufeinanderfolge verschiedener Kulturen, wobei jede Kultur ein Organismus ist, Ausdruck einer bestimmten Volksseele. Der "Untergang des Abendlandes" kann nach Spengler durch die Herrschaft der ,,unverbrauchten" weil ,,jungen" deutschen Rasse verhindert werden. Martin Heidegger (1889-1976) schrieb, seine ,,eigentliche Existenz" erreiche der Mensch erst im völkischen Kollektiv, das sich seinerseits in erster Linie im Kampf konstituiere. Der Mensch als instinktgetriebenes Raubtier, Leben als Krieg und Kampf, Waten im Blut als Erlebnis; diese Ideen wurden nach dem l. Weltkrieg durch die Freikorps-Literatur, durch die Romane Ernst Jüngers millionenfach verbreitet.

Die Ökologen gaben die Idee einer linearen Evolution zu immer vollkommeneren Formen auf. Gemäß der Spenglerschen Kulturtheorie sollten auch Pflanzen- und Tiergemeinschaften dem Kreislauf des Entstehen, Wachsen, Reifen und Vergehen unterliegen. Die Entwicklung eines Organismus sei unabhängig von allen Umweltfaktoren im Keim schon vorherbestimmt. Die Ökologen Friederichs und Thienemann setzten eine ,,ganzheitliche" intuitive Anschauungsweise gegen den ,,mechanistischen Aufklärungsaberglauben" (Friederichs). Die ,,ganzheitliche" Ökologie beanspruchte den Stellenwert einer Leitwissenschaft für menschliches Handeln überhaupt. Friederichs schrieb 1934: "Weiter aber breitete sich die Welle der ökologischen Auffassung aus über alle Lebensgebiete:

Heimatpflege und Heimatschutz, Naturschutzbewegung, Städtebau, Volk als Gemeinschaft, Wirtschaft als Organismus." Landschaften wurden als Ausdruck des ,,Volksgeistes" interpretiert: "..So unterscheiden sich auch die Landschaften der Deutschen in allen Wesensarten von denen der Polen und Russen wie auch die Völker selbst. Die Morde und Grausamkeiten der ostischen Völker sind messerscharf eingefurcht in die Fratzen ihrer Herkommenslandschaften." Gemäß dem Organismus-Konzept hatte sich der einzelne vollkommen dem Ganzen und dessen vorherbestimmtem Zweck unterzuordnen.

Nach 1945 hatte das ,,Ökosystem"-Konzept des britischen Verhaltensforscher Tansley die Nase vorn. Der ,,ganzheitliche" Ansatz war durch den Faschismus diskreditiert und aufgrund seiner irrationalen Komponente ungeeignet, ökologische Zusammenhänge in quantitativen Größen mathematisch, physikalisch, chemisch auszudrücken; Voraussetzung sowohl für weitere Erkenntnisse als auch deren kapitalistische Verwertung.

Beide Ansätze koexistieren in der Ökologiebewegung. Allerdings wird der naturwissenschaftliche Ansatz von Ökofaschisten und New Age angegriffen. So argumentiert Herbert Gruhl, ökologische bzw. organische Prinzipien seien ebenso "unergründlich" wie das Leben selbst, nicht wissenschaftlich zu erklären sondern von "geheimnisvollen Antrieben" bestimmt. Gruhl nennt konkret Haß, Neid, Hilfsbereitschaft, und führt als Beispiel die aufopfemde Mutter an. Fritjof Capra behauptet, rationales/wissenschaftliches Denken sei linear und deshalb prinzipiell antiökologisch. Das Verständnis ökologischer Zusammenhänge werde "durch die innerste Natur des rationalen Geistes behindert". Ökologisches Bewußtsein könne nur aus einer "intuitiven Erkenntnis" entstehen.

Deutschland als Biotop: Ökofaschismus und ,,Neue Rechte"

Ehemalige NSDAP-Ökologen wie der Prof. Werner G. Haverbeck, gründeten 1958 den ,,Weltbund zum Schutz des Lebens" (WSL). Haverbeck gehörte 1928 zur Reichsleitung des NS-Studentenbundes, später leitete er den Reichsbund ,,Volkstum und Heimat, Dachverband aller gleichgeschalteten Landschafts, Volkstums- und Heimatpflegeverbände. 1950 bis 1960 war Haverbeck Pfarrer der anthroposophischen Christengemeinde, 1974 wird er Präsident des WSL. Haverbecks Ökologieverständnis basiert auf der Annahme, daß die "Unterarten des Menschen ebenso wie die Pflanzen und Tiere einem jeweiligen Ökosystem zugeordnet" sind. Umweltschutz wäre deshalb "Völkerschutz", Schutz der "biologischen Substanz" vor "Überfremdung". Für die Republikaner sind Flüchtlinge und Migrantinnen schuld an der Umweltzerstörung, weil sie die BRD überbevölkem. Umweltschutz definieren die Republikaner als "Erhaltung des deutschen Volkes und seines ökologischen Lebensraumes".

Die pseudowissenschaftliche Grundlage für die sogenannte ,,Neue Rechte" und den Ökofaschismus liefern Konrad Lorenz und Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Praktisch alle Verhaltensweisen des Menschen seien angeboren und genetisch fixiert. Der Mensch ist unveränderlich aggressiv und egoistisch, er haßt ,,Fremde" und verteidigt sein ,,Revier", ganz natürlich ist, daß Männer Frauen beherrschen. Lorenz' Position war seit 1940 weitgehend gleich, nur die Wortwahl hat er verändert: Durch das Bevölkerungswachstum komme es zu einer "Verhaustierung" (1940), die Menschheit degeneriere, weil "sozial Ausfallbehaftete" (1972) nicht mehr ausselektiert würden. Gegen angebliche Überbevölkerung setzte Lorenz 1940 den "rassischen Gedanken" und 1988 AIDS.

Die behauptete ,,Bevölkerungsexplosion" im Trikont und die ,,materialistische Lebenseinstellung" der Menschen im Norden sind für Ökofaschistinnen die Ursachen der ökologischen Zerstörungen. Einwanderungsstop, Konsumverzicht ,,für alle" und bevölkerungspolitische Maßnahmen werden damit ökologisch begründet.

1975 veröffentlichte Herbert Gruhl das Werk "Ein Planet wird geplündert". Das Buch avancierte zu einem der meistgelesenen Bücher in der Ökologiebewegung. Gruhl tritt aus der CDU aus, behält aber sein Abgeordnetenmandat im Bundestag. 1975 bis 1977 ist er Vorsitzender des. BUND und beteiligt sich am Gründungsprozeß der Grünen. 1980 verläßt er die Grünen wegen deren ,,Linksentwicklung" und gründet 1982 die Ökologische Demokratische Partei (ÖDP).

Für Gruhl ist die Erde ein "Raumschiff' mit begrenzten Ressourcen (Sonnenenergiez.B. ist jedoch unerschöpflich!), angesagt ist deshalb "Konsumverzicht". Bedroht wird das "Raumschiff" durch eine "Inflation von Ansprüchen" der Arbeiterinnen und "Eingeborenen in allen Ländern" bzw. die "sozialutopisch motivierte Anspruchsmentalität der Linken" wie HansJoachim Ritter, derzeitiger ÖDPChef, formuliert. Das Rezept Gruhls dagegen ist ein starker deutscher Staat, der mit diktatorischer Gewalt den ,,Konsumverzicht" erzwingt und Flüchtlinge und Migrantinnen an der Grenze stoppt. Er prognostiziert einen globalen sozialdarwinistischen Kampf ums Dasein: "Für die jetzt folgende Periode der Weltpolitik sind der Rüstungsstand, die zahlenmäßige Größe eines Volkes, seine Ausstattung mit fruchtbarem Boden, Grundstoffen und Industrien weiterhin wichtigste Voraussetzungen. Für die Zukunft werden die Völker einen riesigen Vorsprung erreichen, denen es gelingt, ihren Rüstungsstandard auf der höchsten Spitze, ihren Lebensstandard jedoch niedrig zu halten"

Gruhl bedauert, daß gnadenlose Selektion in unserer Gesellschaft (angeblich) nicht stattfindet: "Das Geflecht der karitativen menschlichen Einrichtungen, das man heute als 'soziales Netz bezeichnet, fängt auch den noch auf, der seine Lage selbst verschuldet hat". Die "Menschenlawine" verstoße gegen die "Gesetze der Natur", jedoch: "Der Tod bringt den Ausgleich, er schneidet alles Leben, das auf diesem Planeten auswuchert, wieder zurück.."

Die ÖDP: nationalistisch, antisozial, frauenfeindlich und rassistisch

Seit Gruhl 1989 aus der ÖDP ausgetreten ist, kursiert das Gerücht, die ÖDP habe sich von ökofaschistischem Positionen verabschiedet. Nach wie vor wirbt die Partei mit Gruhls Schriften, seine Auftritte bei NeoNazis wurden nie kritisiert. 1990 bot die ÖDP Gruhl den Ehren vorsitz an,der ÖDP-Vorsitzende Ritter hielt 1991 eine Laudatio als Umweltministerin Monika Griefahn (Ex-Greenpeace) im Namen der rosagrünen Landesregierung Niedersachsens Herbert Gruhl das Bundesverdienstkreuz an die deutsche Brust heftete.

Im ÖDPWahlprogramm 1990 ist nachzulesen wie bestimmend die Positionen Gruhls immer noch sind: "Schon jetzt wächst in unserem Land die Fremdenfeindlichkeit. Ein unbegrenzter Zuzug von Menschen aus anderen Ländern würde unsere ökologischen Möglichkeiten überfordern." Die Opfer des staatlichen Rassismus und der Neonazis, Migrantinnen und Flüchtlinge, sind selber schuld und obendrein verantwortlich für ökologische Zerstörungen suggeriert die ÖDP. Gefordert wird, "rechtskräftig abgelehnte Asylbewerber ...umgehend in ihre Herkunftsländer zurückzuweisen." "Keine Gründe für Asyl", heißt es im Wahlprogramm weiter, "sind Unzufriedenheit mit einem politischen System, sowie eine wirtschaftliche Notlage". Die ÖDP möchte "Ausländer" nach ihrer Arbeitskraft selektieren: "Ausländer aus Nicht-EG-Staaten... dürfen weder eine Aufenthalts noch eine Arbeitserlaubnis erhalten. Ausnahmen gelten für solche, die keiner Arbeitserlaubnis bedürfen, zB. Wissenschaftler."

Die ÖDP fordert "Arbeitsplatzteilung" und "Verkürzung der Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich". Die Forderung nach dem Anschluß der DDR hat sich inzwischen erledigt, aber die ÖDP ist keineswegs zufrieden. Sie "bekennt sich zu den Freiheits- und Selbstbestimmungsrechten für alle Teile des deutschen Volkes". In einem Flugblatt wird von rechts kritisiert:

"Was sollen Heimatvertriebene von einer Bundesregierung erwarten, welche die Oder-Neiße-Linie als endgültige deutsche Grenze bezeichnet."

Wie die gesamte ,,Neue Rechte" lehnen Gruhl und die ÖDP das Prinzip der Gleichheit der Menschen und damit auch gleiche Rechte für alle ab. Gruhl: "Der Schwan ist weiß... der Rabe ist schwarz, alles ist von selbst an seinem natürlichen Platz. Das ist gut. All dieses Streben der Menschen nach... organisierter Gerechtigkeit ist hoffnungslos". Wegen der "Andersartigkeit und Vielgestaltigkeit der Völker" lehnt die ÖDP Einwanderung ab. Die Partei ist gegen. "einseitige Frauenpolitik" und für " Familienpolitik". Abtreibungen dürfe es "in einem humanen Staat nicht geben". Gruhl kritisiert im April 1991 "die Mitteldeutschen" die nicht bereit seien, "auf marxistische Emanzipationsideale wie die Beschäftigung der Frau zu verzichten."

Menschen als Katastrophe

"Bevölkerungswachstum" wird bereits im Bericht des ,,Club of Rome" von 1972 als eine Hauptursache ökologischer Zerstörungen und Armut bezeichnet. Hunger wird nicht analysiert als eine Frage der Verfügbarkeit über Boden oder Einkommen, sondern als das Ergebnis einer mathematischen Beziehung von Kopfzahl zu bebaubarem Land. Dem Untemehmer ,,Club of Rome" stellt sich nicht die Frage, was Hunger damit zu tun hat, daß multinationale Konzerne in Kenia Blumen oder im Sahel Erdbeeren für den Export anbauen oder Todesschwadrone Bauern und Bäuerinnen im Trikont von ihrem Land verjagen.

Die ÖDP glaubt, "die Bevölkerungsexplosion bedroht das Leben auf der Erde' Während sie deshalb den "Kinderreichtum der Armen" durch Kontrollmaßnahmen in den Griff bekommen möchte, sollen weiße deutsche Frauen zum Gebären genötigt werden: Abtreibung dürfe nicht "öffentlich gefördert werden", indem die Krankenkassen die Kosten übernehmen. Der Vorsitzende des Bund Naturschutz (BUND), Hubert Weinzierl findet, "Jeder Naturschutz endet dort, wo die Menschenlawine alles überrollt." "Nur wenn die Eindämmung des Überbevölkerungsstromes gewährleistet ist", so glaubt. Weinzierl, "wird... eine Aussicht bestehen, ...unsere Zivilisationslandschaft so zu gestalten, daß sie wert bleibt, Heimat genannt zu werden." Die rassistische Forderung nach Ausländerstop wird zunehmend ökologisch verbrämt Menschen aus dem Trikont als Lawine zu bezeichnen, die alles zerstört, ist rassistischer Sprachgebrauch. Gruhl betrachtet Hungerkatastrophen als natürlichen Ausgleich gegen die ,,Bevölkerungsexplosion". Konrad Lorenz äußerte im Interview mit Weinzierl in der Zeitschrift NATUR, "daß die ethischen Menschen nicht so viele Kinder haben und die Gangster sich unbegrenzt und sorglos weiter reproduzieren", weshalb er als ein Mittel gegen "Übervölkerung" auch "eine gewisse Sympathie für Aids" habe.

Im UN-Weltbevölkerungsbericht wird Bevölkerungswachstum als "Hauptursache für die Zerstörung des Bodens in den Entwicklungsländern" benannt, keineswegs die von multinationalen Konzernen durchgesetzte Agroindustrie mit Monokulturen, genetisch manipuliertem Saatgut, Dünger und Giften. Hingegen rechnete die FAO (Welternährungsorganisation der UN) aus, daß bei einer Umstellung der Landwirtschaft im Trikont auf bessere Produktmischung, weniger Einsatz von Dünger und Gift, Maßnahmen zur Bodenerhaltung, sowie Orientierung am Eigenbedarf 15 Milliarden Menschen ernährt werden könnten.

Das Bild von der ,,Bevölkerungsexplosion", von der ,,Menschenflut" aus dem Süden und Osten wird auch von liberalen Blättern wie dem SPIEGEL, der ZEIT oder GEO ("Sprengstoff Mensch" verbreitet. Sie liefern die propagandistische Begleitung für die Praxis westlicher Regierungen und Institutionen wie IWF und Weltbank: Frauen in Asien, Afrika und Lateinamerika werden zwangssterilisiert und gesundheitsgefährdenden Verhütungsexperimenten ausgesetzt.

Die Verbindung von Esoterik und Ökofaschismus

Charakteristisch für ökofaschistische Ansätze ist der Gedanke von der ,,Ganzheit" der Natur und abgeleiteten ,,ewigen Naturgesetzen" denen sich Gruppen und Individuen unterzuordnen haben. Die menschliche Gesellschaft wird sozialdarwinistisch interpretiert: Kampf ums Dasein, Überleben der Stärksten, Ausmerze der Schwachen bzw. jener, die gegen ,,Naturgesetze" verstoßen, ökofaschistische Konzepte beruhen auf einem mythischen Naturbegriff: Natur und Evolution sind materieller Ausdruck transzendentaler, kosmischer Prinzipien und Kräfte. Aus dieser ideologischen Gemeinsamkeit ergibt sich die Verbindung von Ökofaschismus und Esoterik. Alle esoterischen Richtungen gehen davon aus, daß die Welt bzw. das Universum lediglich Manifestierung spiritueller Prinzipien bzw. einer kosmischen Energie oder Intelligenz ist Dieses transzendentale Prinzip begründet die innere Einheit und Ordnung, sowie die Harmonie des Kosmos.

Wurzelrassen und Weltherrschaft: die Theosophie

Die Esoterik hat ihre Wurzeln in der Theosophie. Deren Begründerin Helena Petrowna Blavatsky (1831-1891) übernahm vom Hinduismus und Buddhismus die Lehre von der Seelenwanderung und Wiedergeburt. Hinzu kommen die elitäre Konzeption der stufenweisen Einweihung der Anhängerinnen in die ,,Geheimlehre" und eine spezielle ,,Wurzelrassentheorie". Laut Blavatsky entwickeln sich sieben ,,Wurzelrassen" auf einem Planeten. Die "wilden Stämme" und Menschenaffen sind Nachkommen der dritten Wurzelrasse, der Völkermord europäischer Kolonialisten in Afrika, Asien und Amerika deshalb nur das "Austerben einer niedren Rasse". "Die Flutwelle der inkarnierten Egos ist über sie hinweggerollt... und ihr Verlöschen ist daher eine karmische Notwendigkeit..". 1875 gründet Blavatsky die Theosophische Gesellschaft, um die Jahrhundertwende hatte diese weltweit etwa 100.000 Mitglieder. Heute gibt es theosophische Gruppen in etwa 50 Staaten. Einer der ersten 1884 gegründe ten theosophischen Gruppe in Deutschland gehörte u.a. Ernst Haeckel an. Nachfolgerin Blavatskys wurde Annie Besant (1847-1933). Seit 1907 Führerin der Theosophen erlangte sie 1914 auch noch den Vorsitz im indischen Nationalkongreß und wurde zur Gegnerin Gandhis, weil Besant gemäß der theosophischen Rassenlehre für das Kastenwesen eintrat.

Anknüpfend an Nietzsches Kritik der christlichjüdischen Religion als Sklavenmoral, die die Herrschaft des Übermenschen behindert, wollten völkische Esoterikgruppen das germanische ,,Heidentum" wiederbeleben. Jörg Lanz v.Liebenfels gründete 1900 den ,,Neutemplerorden"; auf der ,,0rdensburg" Werfenstein wehte als germanisches Sonnensymbol die Hakenkreuzfahne. Guido v. List entwickelte aus der Theosophie und dem ,,Ariermythos" Gobineaus die sogenannte ,,Ariosophie": Die Herrschaft der Germanen ist schicksalhaft vorherbestimmt, Führer sind die Armanen, als germanische Religion gilt der ,,Wotanismus", den v.List als Reinkamationslehre interpretierte. 1912 gründete der Verleger antisemitischer und völkischer Zeitschriften Theodor Fritsch (1852-1933) den ,,Germanenorden für deutsche Art" als straff-zentralistische und konspirative Organisationsstruktur nach Art der Freimaurer. Als bayrischer Ableger entstand 1918 die ,,Thule-Gesellschaft". Deren Ziel war die Kontaktaufnahme zu transzendentalen Wesen durch okkulte Praktiken. Mit Hilfe dieser Wesen sollte eine deutsche Vorherrschaft sowie die Zucht einer neuen Rasse durchgesetzt werden. Die Thule-Gesellschaft beteiligte sich 1919 an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik, initiierte die Ermordung Kurt Eisners und organisierte das Freikorps Oberland maßgeblich mit. 1920 gründete die Thule-Gesellschaft, der u.a. Rudolf Hess und Alfred Rosenberg angehörten die ,,Deutsche Arbeiterpartei", kurz darauf in NSDAP umbenannt.

Theosophie deutschnational: die Anthroposophie

Rudolf Steiner(18611925), Gründer der Anthroposophie, war zunächst Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophen. 1913 trennte er sich von den Theosophen. Sein anthroposophischer Erkenntnisweg richtet sich gegen die Auffassung, übersinnliche Erkenntnis sei Glaubenssache und entziehe sich menschlichem Denken. Zwar behauptet Steiner, er wolle keinen blinden Glauben, andererseits: "Schon der Einwand: ich kann auch irren, ist störender Unglaube. Er zeigt, daß der Mensch kein Vertrauen hat in die Kraft des Wahren. Denn gerade darauf kommt es an, daß er sich nicht vermißt, von seinem eigensüchtigen Standpunkte aus sich die Ziele zu geben, sondern darauf, daß er sich selbstlos hingibt und von dem Geiste sich die Richtung bestimmen läßt." Nach Gehirn-Wäsche klingt auch der Satz, "Der Lernende muß in jedem Augenblick sich zum völlig leeren Gefäß machen können, in das die fremde Welt einfließt."

Anthroposophie ist eine Geheimlehre:

"Gewisse Teile der Geheimkunde können allerdings auch heute nur solchen mitgeteilt werden, die sich den Prinzipien der Einweihung unterwerfen". Auch für die Waldorfschülerinnen empfiehlt Steiner, auf plumpe Indoktrination zu verzichten: "..nicht indem man den Kindern Anthroposophie lehrt das würde uns nicht einfallen sondern indem man belebt den Unterricht durch das, was aus der Anthroposophie kommt, indem man Anthroposophie in den Unterrichtsstoff einfließen läßt.".

Von der Theosophie übernimmt Steiner die Wurzelrassenlehre. Die Individuen gehen wegen der Reinkarnation durch die verschiedenen Rassen hindurch. Bis heute sind fünf ,,Wurzelrassen", inklusive Unterrassen, auf der Erde entstanden. Die ersten beiden Wurzelrassen hatten kaum menschliche Züge. Die 3. Wurzelrasse, die ,,Lemurier", lebten südlich des heutigen Asien. Diese Rasse verfiel, ihre Nachkommen sind die gegenwärtigen "wilden Völker". Aus dem besten Teil der Lemurier entstand die 4. Wurzelrasse, die ,,Atlantier". Auch ihre Kultur zerfiel, Nachkommen heute sind teilweise die Mongolen, "der begabteste Teil" entwickelte sich zur 5 Wurzelrasse der ,,Arier". Innerhalb der einzelnen Wurzelrassen gibt es je sieben Unterrassen, denen sieben verschiedene historische Epochen zugeordnet werden, in denen jeweils bestimmte Fähigkeiten ausgebildet werden. Anthroposophie ist in diesem Sinne Geschichtsphilosophie, religiös-mystische Welterklärung plus Erlösungsweg. Zunächst findet eine Ablösung vom kosmischen Prinzip statt, hin zum Materiellen. Dieser Prozeß hat laut Steiner im griechisch-lateinischen Zeitalter seinen Höhepunkt erreicht. Dort wird die Ich-Entwicklung vorangetrieben durch das Selbstbewußtsein und die Fähigkeit physische Triebe zu unterdrücken und damit die Voraussetzung geschaffen, um den Kontakt mit den höheren Wesen wieder aufzunehmen.

Gegenwärtig leben wir laut Steiner in der angelsächsischgermanischen Epoche. Diese Epoche wird im Kampf aller gegen alle untergehen und nur die spirituell Erleuchteten werden überleben. Krieg ist unvermeidlich, weil er ein Kampf zwischen Spirituellen und Materialisten ist und weil Schmerz und Leid notwendig sind, um erleuchtet zu werden. Jede Epoche wird von einem ,,Erzengel" beherrscht, der die ,,Volksseele" des führenden Volkes repräsentiert. Führend sind nach Steiner die Deutschen bzw. ,,Mitteleuropäer", deshalb herrscht Erzengel Michael. Die spirituelle Sendung der Deutschen wird bedroht durch eine internationale Verschwörung gegen Deutschland so interpretierte Steiner den I. Weltkrieg und durch "Rassenmischung" mit spirituell "erstarrten" Völkern. Juden bezeichnete Steiner in diesem Zusammenhang als eine "vorzeitig", weil "einseitig" zur abstrakten Intellektualität entwickelte Gruppe. Einen klassischen' Gedanken rassistischen Denkens greift Steiner auf, wenn er behauptet, Wertigkeit von Menschen könne an der Physiognomie abgelesen werden: Die alten Griechen mit hoher Stirn sind ,,hochwertig", ,,Asiaten" minderwertig, Schwarze egoistische Triebwesen, weil sie wegen ihrer Hautfarbe die starke Sonnenstrahlung "aufsaugen" und es deshalb in ihnen ständig kocht ,,Weiße" hingegen reflektieren die Sonne und müssen sich Licht und Wärme mit dem Mittelhirn erarbeiten. Sie sind deshalb zur "am Geist schaffende(n) Rasse" bestimmt, "die das Menschliche in sich entwickeln". Wie die Theosophie befürwortet auch Steiner ein Kastenwesen auf ,,freiwilliger" Basis, nämlich aufgrund spiritueller Einsicht sowie "moralischer und intellektueller Differenzierung entsprechend".

Der gesellschaftliche Einfluß der Anthroposophinnen ist nicht zu unterschätzen. In der BRD sind etwa 12.000 organisiert in der ,,Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft" (AAG). Dazu gehören die Waldorfschulen (seit 1919/20), der biologisch-dynamische Landbau (Demeter), Kosmetika (Weleda), die anthroposophische ,,Christengemeinschaft" und die ,,Freie Hochschule für Geisteswissenschaften" in Dornach bei Basel, die GLS Gemeinschaftsbank, eine Elitehochschule in Baden-Württemberg. Anthroposophen haben führende Positionen bei den Grünen. Mitglieder bzw. Financiers sind bzw. waren V.Siemens, Ludwig Bölkow (MBB), Herrhausen (Deutsche Bank) und Rohwedder.

Die New-Age Bewegung

Der Begriff New Age stammt von der Theosophin Alice Bailey und bezeichnet den Glauben an ein ,,Neues Zeitalter", das künftige ,,Zeitalter des Wassermanns". Die Übergangsperiode in der wir leben ist die ,,Wendezeit". Im ,,Neuen Zeitalter" wird das Dasein nach kosmischen bzw. göttlichen Gesetzen geregelt, es herrschen Frieden und Harmonie, Einheit mit Natur und Kosmos. Voraussetzung dafür ist ein ,,neuer" spiritueller Mensch. Allerdings kann esoterisches Wissen nicht gelernt oder gelehrt, sondern nur er und gelebt werden. Charakteristisch sind die Lehren vom Karma und der Reinkarnation. Entsprechend der Bilanz des irdischen Handelns (=Karma) wird die Seele wiedergeboren als Pflanze, Tier oder Mensch. Nach der theosophischen Lehre ,,reinigt" sich die Seele auf ihrem Inkarnationsweg und ermöglicht damit die spirituelle, soziale und rassische Höherentwicklung der Menschheit. Aufgabe im Diesseits sind deshalb ,,Psychohygiene" und Bewusstseinserweiterung um in eine ,,höhere Sphäre" inkamiert zu werden.

Die New Age Bewegung ist die aktuelle Spielart der Esoterik. Entstanden ist sie Ende der 60er Jahre in den USA, breitete sich in den 70er Jahren in Westeuropa aus und erlebt seit den 80er Jahren einen Boom in der BRD. In den USA entstand New Age im Kontext der Protestbewegungen der weißen Mittelschicht (Vietnamprotest, Ökologie und Frauenbewegung, Hippies), in der BRD knüpft sie inhaltlich und personell ebenfalls an solche Bewegungen an. Ökologische Zerstörung, Patriarchat, Kriegsgefahr sowie die Sehnsucht nach einer anderen Lebensweise wurden aufgegriffen und esoterisch kanalisiert. Zur esoterischen Szene gehören die ,,Wiederentdeckung" der Indianer, Kelten und Germanen mit ihrer ,,natürlichen" Lebensweise, die Bewußtseinserweiterung durch Meditationstechniken oder Drogen, das Interesse an Autoren wie Hermann Hesse oder Carlos Castaneda, Strömungen in der Pop-Musik (z.B. das Musical Hair), Tarot-Karten und Astrologie, ,,natürliche" Heilverfahren, sowie diverse straff organisierte Psycho-Sekten (Bhagwan etc). Die New Age Bewegung im engeren Sinn ist netzwerkartig strukturiert und verknüpft, sie besteht aus einer Vielzahl von Gruppen,Einzelpersonen, Verlagen, Zeitschriften und Unternehmen.

Fritjof Capras Buch ,,Wendezeit" war in der BRD in den 80er Jahren in seiner Breitenwirkung vergleichbar mit Gruhls ,,Ein Planet wird geplündert". Capra serviert die alten Thesen der Lebensphilosophie: Krisenbeschwörung, Herrschaft der Vernunft als Übel, Rettung durch Spiritualität und Intuition. Einer negativen ,,alten", ,,mechanistischen" Naturwissenschaft stellt er eine positive ,,neue", kybernetische gegenüber. Der neue Ansatz, so Capra, sei ,,ganzheitlich" und ,,intuitiv", der alte nicht. Das ist insofern falsch, als bereits bürgerliche Denker der Aufklärung von einer Einheit der Welt ausgingen und das Verhältnis der Teile zum Ganzen problematisierten. Auch ist die Systemtheorie weder ,,intuitiv" noch ,,neu" wie Capra unterstellt. Ihre ,,Ganzheitlichkeit bezieht sich auf ein System, jedoch teilt sie in System und Umwelt. Systeme sollen perfektioniert werden, im Verhältnis ihrer Teile zueinander und zur Außenwelt. Ausgeblendet bzw. als systemnotwendig verklärt werden Herrschafts und Ausbeutungsverhältnisse innerhalb des Systems oder nach Außen. Systemtheorie verträgt sich bestens mit einer umwelttechnokratisch perfektionierten Beherrschung und Ausbeutung der Natur. Ideologisch bildet Capras Theorie die Basis für ein Bündnis von Esoterik und High-Tech.

Die Meditationsprogramme der New Age Szene erfreuen sich inzwischen wachsender Beliebtheit im kapitalistischen Management. Seit 1970 verwenden Konzerne in Japan und den USA Meditation in Betrieben zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität. Führend ist dabei die Transzendentale Meditation des Maharishi Maharesh Yogi. Auch die Findhomgemeinschaft betätigt sich im Sinne einer Kooperation mit dem Kapital. Findhom wurde 1962 in Schottland auf einem Atom und Luftwaffenstützpunkt gegründet. Führer war der ehemalige Luftwaffenoffizier Peter Caddy. Die anfänglich kleine Gruppe hat inzwischen Kontakte zur ,,Soil Association", einer anthroposophischen britischen Adelsvereinigung. Bei der EG-Kommission gibt es eine FindhomMeditationsgruppe und die Organisation ,,Planetary Citizens", auch in der BRD aktiv, ist als Unterabteilung der UNESCO anerkannt. Ziel von ,,Planetary Citizens" ist eine UNO-Weltregierung. Findhom finanziert sich u.a. durch Seminare und Wirtschaftskonferenzen von Konzernen wie Volvo, Shell,Rank-Xerox, IBM, Philips in ihrem schottischen Hauptquartier.

Findhom ist autoritär organisiert. Anfangs akzeptierten alle "die Notwendigkeit der Führung durch einen starken Mann", Peter Caddy, heißt es in einer Selbstdarstellung, in den 70er Jahren etablierte sich eine oligarchische Führung. Seitdem gehört David Spangler zu den Chefideologen von Findhom. Er plädiert für Hierarchien, Kapitalismus, Atomkraft und Gentechnik: "Alle spirituellen Gesellschaften sind hierarchisch. Anders können sie nicht funktionieren. Es ist klar, daß man sich bei der Führung der Angelegenheiten einer spirituellen Gesellschaft nicht an jene wenden kann, die weniger erleuchtet sind." Wirtschaftlicher Erfolg und hoher Profit signalisieren laut Spangler gesteigertes spirituelles Bewußtsein. Der theosophische Einfluß ist unverkennbar. Etwa wenn Spangler den Ort als Übungsplatz und Heiligtum der "fünften Wurzelrasse" bezeichnet. Wie für Blavatsky und Steiner sind "die Eingeborenenvölker der Erde" für Spangler minderwertig, weil spirituell nicht entwicklungsfähig und deshalb "dazu bestimmt.. zu vergehen". Nicht weiter schlimm, schließlich können sie als Angehörige einer höheren Kultur wiedergeboren werden. Überhaupt ist der Tod für Spangler und andere New Ager nichts Negatives. Für viele sei "der Tod ein großer Segen", weil das irdische Dasein nur spirituelle Energie durch Angst, Gier, Trägheit etc. bindet und schädigt: "Der Tod ist die kreative Zerstörung der Gewohnheiten". Ein anderer Findhom-Führer, Sir George Trevelyan meint, "Der Atomkrieg ist für die ,,Spirituellen" eine Aussicht auf höchste Freude, nur für ,,Materialisten" wird es schrecklich werden." 1980 erhielt Trevelyan von dem späteren Europaabgeordneten der Grünen, Jakob v. Uexküll, den ,,Altemativen Nobelpreis" überreicht.

Nach theosophischer Lehre haben nur die am höchsten entwickelten Angehörigen der fünften arischen Wurzelrasse eine Zukunft im New Age. Für ,,Materialisten" und ,,Eingeborene" ist da kein Platz, Herrenmenschen sind gefragt. Spangler: Die "Schöpfung einer neuen Zivilisation.. ist kein Werk für Schwache, sondern für die im inneren Leben und in der äußeren Manifestation Starken, die bereit sind, die Energien zu empfangen und den Gesetzen ihres sicheren Einsatzes zu gehorchen." Ein Ärgernis für deutschnationale Anthroposophen ist, daß Spangler als "Führer der Völker der Erde in ein neues Zeitalter" die USA betrachtet, während nach anthroposophischer Lehre die Deutschen dazu berufen sind.

New Age Ideologie hilft auch gegen feministische Anwandlungen. Männlich und weiblich werden als verschiedene, sich ergänzende Wesenheiten biologistisch interpretiert, symbolisiert im YingundYang Zeichen. Ausgeblendet wird, daß unterschiedliches Verhalten von Männern und Frauen Folge patriarchaler Verhältnisse ist, Herrschaft und Ausbeutung widerspiegelt wie reproduziert. Selbst Vergewaltigung wird gerechtfertigt In einer ,,Einführung in die esoterische Astrologie" aus dem Rowohlt-Verlag heißt es, Ursache von Vergewaltigung seien Verletzungen aus früheren Leben. Teile der eigenen Seele seien abgespalten worden:

"..Frage: Wer hat Dich vergewaltigt? Eine der fünf {oder wieviele es bei Dir eben sind) Personen [gemeint sind Elemente der Seele, PB], die Du damals weggeschickt hast. Sie möchte heute mit Gewalt wieder zu Dir zurück. .Die gleiche Gewalt, mit der Du sie damals wegschicktest, wendet sie jetzt auf ihre Rückkehr auf. Das erlebst Du als Vergewaltigung. Sie will einfach wieder rein!" Think. positive, selbst bei Vergewaltigung.

Mit Rudolf Bahro zurück zum ,,grünen Adolf"

Rudolf Bahro, Professor für ,,Soziale Ökologie" an der Berliner HumboldtUniversität, erfreut sich wohl aufgrund seines DissidentenImage in der ehemaligen DDR großer Beliebtheit. Seine Vorlesungen sind brechend voll. Bahro war Mitglied der SED und Funktionär in der DDR-Industrie. Von 1977 bis 1979 saß er wegen seines Buches ,,Die Alternative" in Haft Ende 1979 wurde er entlassen und in die BRD abgeschoben. Dort engagierte er sich bei den Grünen; 1980 veröffentlichte er die ,,Elemente einer neuen Politik" In beiden Büchern fordert Bahro eine sozialistische Gesellschaft als Ergebnis einer "Kulturrevolution", die mit der "Megalomanie brechen" und "kollektive Rücksicht gegenüber dem Naturzusammenhang lernen" muß. Kulturrevolution bedeutet, "die Entfremdung, die Subalterunität der arbeitenden Massen" zu überwinden. Eine Gruppe von Propheten müsse das Volk führen, indem sie dessen Hoffnung artikulieren. Noch ist Bahros Utopie ein Zusammenschluß von Kommunen, analog der Pariser Commune von 1871 mit rätedemokratischen Strukturen. Schon in den ,,Elemente einer neuen Politik" ist der KommuneGedanke anders definiert. Gemeint sind selbstverwaltete Projekte innerhalb des Kapitalismus, die sich ausdehnen und vemetzen und langfristig das System evolutionär überwinden. Ausdrücklich lehnt Bahro revolutionäre "Gegengewalt" ab. Statt von ,,Kulturrevolution" ist jetzt von einer "Umkehrbewegung" die Rede. Diese ist spirituell fundiert, weil "das Bedürfnis nach irgendeiner Art religiöser Transzendenz eine menschennatürliche, innerweltliche Angelegenheit ist". Bahro empfiehlt Gruhl-Lektüre und Abschied vom Klassenkampf zugunsten des "Gattungsinteresses". Motto: "Nicht rechts, nicht links, sondern vorn".

Bahro verabschiedet sich vollkommen von der Kapitalismuskritik zugunsten eines kulturpessimistischen Ansatzes. Die menschlichen Eingriffe in die Natur führen zur "Isolierung des Menschen von den natürlichen Energiekreis laufen. Unvermeidlich entartet so die menschliche Physis und Psyche, wie das von Krebs bis zur Kriminalität zutage tritt.". 1991 verortet Bahro die Ursache biologistisch, in "'genotypische(n) Antriebsräße(n) aus der Altsteinzeit", die unbewußt im Hirn regieren und zur "Overkillkapazität" des Menschen führen. In der Friedensbewegung entdeckt Bahro sein Herz für Deutschland: "Nationale Emotionen" hätten in Deutschland "einen höheren Stellenwert als anderswo". Sie müssten kanalisiert werden "auf ,,Frieden schaffen ohne Waffen", auf Volkssouveränität und Demokratie von unten, aus regionalen und kommunalen Bindungen, auf Bewahrung von Heimat, Landschaft, Sitte vor dem nivellierenden, terroristischen Zugriff des zentralen Staatsapparates und des vaterlandslosen Kapitals..." Den grünen Realpolitikerinnen wirft er im Dezember 1984 vor, die Grünen als Hoffnungsträgerin einer spirituellen deutschen Volksbewegung zu zerstören. Diese Ökopax-Bewegung werde sich dann andere politische Ausdrucksformen suchen und zwar rechts. Auch ,,die Bewegung" vor 1933 wertet Bahro positiv. Negativ war ihre "macht-materialistisch(e)", "expansiv(e)" Wendung nach außen durch die Realpolitik der NSDAP. Nach dem Austritt aus den Grünen und einem Trip zur BhagwanKommune nach Oregon/USA sucht Bahro in ,,Logik der Rettung" weiter die guten Seiten des Nationalsozialismus:

"Ich halte die Frage nach dem Positiven, das vielleicht in der Nazibewegung verlarvt war und dann immer gründlicher pervertiert wurde, für eine aufklärerische Notwendigkeit, weil wir sonst von den Notwendigkeiten abgeschnitten bleiben, aus denen jetzt Rettendes erwachsen könnte." "Kein Gedanke verwerflicher als der an ein neues 1933?! Gerade der aber kann uns retten. Die Ökopax-Bewegung ist die erste deutsche Volksbewegung seit der Nazibewegung. Sie muß Hitler miterlösen die seelische Tendenz, die wenn auch schwächer, immer noch in uns ist.."

Die Ursache ökologischer Zerstörungen, in Bahros Sprache ,,die Apokalypse", liegt in der menschlichen Natur. Der Mensch ist von Natur aus disponiert, sich "selbstisch gegen das Ganze zu stellen", weil die Rückbindung zur kosmischen Ordnung fehlt. Der rationale Geist, die linke analytisch-denkende Hirnhälfte dominiert, verdrängt den archaischen, magischen, mythischen Geist, wodurch "die nur intuitiv zu leistende Einordnung unserer Existenz ins Weltganze unterentwickelt" und die Verbindung zur kosmischen Intelligenz gekappt ist.

In Anlehnung an Machiavellis ,,Fürsten" plädiert er für die "Rettungsregierung" eines "guten Fürsten", weil in einer Demokratie den "Sonderinteressen" Raum gegeben wird. Zunächst braucht es eine charismatische Führung, einen Propheten, der das Volk in Bewegung setzt. In der Übergangsphase soll dann ein ,,House of the Lord" regieren, ein Gremium von Menschen, die Erde, Wasser, Luft, Feuer, Pflanzen, Steine und Tiere rituell symbolisieren, dazu Vertreterinnen ethnischer Minderheiten und der Kinder. Am Ende steht die globale Föderation von ,,Stämmen" mit einem ,,Ökologischen Rat" als "spirituell-politische Instanz" an der Spitze. Potentieller Kandidat für den ,,Fürsten" war Gorbatschow, "die wunderbarste politische Figur, die ich in meinem Leben gesehen habe", mit Fehlern, aber entwicklungsfähig: "ich kenne die Seele dieses Mannes, weil wir in unseren Biographien und Intentionen ziemlich ähnlich sind". D.h. natürlich Bahro wäre als Führer ebenso geeignet..

Zusammen mit dem Alt-68er Rainer Langhans und Jochen Kirchhoff betreibt Bahro aus esoterischökologischer Perspektive die Verharmlosung des Nationalsozialismus, und damit die Relativierung seiner Verbrechen, bis hin zur Rehabilitierung bestimmter Strömungen des Nationalsozialismus. So fordert Bahro 1990, sich "..dem Nationalsozialismus als einem notwendigen, d.h. zunächst nachträglich indisponiblen, unvermeidlichen' Ereignis (zu) stellen. Es muß da eine Herausforderung gegeben haben, auf die er die psychologisch nächstliegende Antwort war, und es muß massenhaft, mehrheitlich, gerade auch in der Intelligenz, eine seelische Disposition gegeben, die keiner besseren Antwort fähig war vielleicht noch nicht denn wieso erweisen sich Werke wie die Heideggers, C.G. Jungs, Ernst Jüngers, Carl Schmitts heute, in der ökologischen Krise, als im Theoretischen aufschlußreich, während so manche antifaschistische Analyse ihren Impuls erschöpft hat?" Zum Hauptgegner wird die antifaschistische Linke, weil sie "dieses nationale.. völkische Moment nicht bedient. Eigentlich ruft es in der Volkstiefe nach einem grünen Adolf.

Positiv am Nationalsozialismus wertet Rainer Langhans "Regionalisierung, Anerkennung und Förderung der Eigenarten, ..Wiederverwendung von Rohstoffen... Das Gefühl für Autarkie und dezentrale Kreisläufe.. Selbsthilfe, schonender und naturgemäßer Umgang mit den Gaben der Natur. Sie wandten sich gegen den Kapitalismus und seine Entfremdung .Blut und Boden bedeutet eigentlich eine Wiederverzauberung..(..) Und sie kümmerten sich um die Jungen. Sie gaben ihnen, was sie in der blauen Blume suchten. Kampf und Erschauern, selbstverwaltete Strukturen, Natur contra Asphalt, Begeisterung und hohe Ziele" (nur die Autobahnen waren ein Fehler! ?,PB). Im Vergleich kommen die Grünen schlechter weg, sie hätten Angst vor Autorität und Hierarchie, vor Kampf und Vorbildern, vor den "polaren Lebenskräften.." und fördern stattdessen die "Gleichmacherei".

Langhans kritisiert die "überalterte Faschismustheorie", denn: "Spiritualität in Deutschland heißt Hitler". Gegen eine "..dumme Aufklärung, die gegen den sogenannten ,,Einbruch des Irrationalen" Dämme baut" setzt Langhans die Aufgabe, Hitlers Vision zu verstehen und seine Fehler zu vermeiden, "Wir müssen also sozusagen die besseren Faschisten werden". Wenn wir mit Langhans positiv denken, vermögen wir "noch in den fürchterlichsten Verzerrungen das Schöne zu entdecken, das eigentlich intendiert ist". Zum Beispiel in der Gentechnologie als einem Weg, "auf der grobstofflichen Ebene einen ,,neuen Menschen" zu realisieren, so schön wie irgend möglich. Das ist sehr verdienstvoll, nur bleibt die Frage: Warum so?.." Der Guru hat nämlich längst abgehoben: "Wenn Du weiter oben sitzt, siehst Du den größeren Zusammenhang und du siehst: Es ist gut." und daß "..das Nichttun das wahre Tun ist".

Jochen Kirchhoff, der dritte Mann neben Bahro und Langhans in der gemeinsamen ,,Lemwerkstatt", will die ,,nationale Identität fördern. Sein Freund Bahro setzt dabei auf die Ossis, weil dort der Mauer sei Dank "die nationalkulturelle Substanz noch viel unverbrauchtbarer gegenwärtig" ist als im Westen. Kirchhoff beklagt, daß "nationale Identität" und die "schöpferischirrationale Komponente im deutschen Geist" durch die Nazis diskreditiert sind. In der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus hätten sich die Deutschen als "gelehrige Schüler der Alliierten" erwiesen, sie seien durch eine "materialistische PseudoAufklärung" umerzogen worden, statt das ,,eigentlich Gemeinte" zu begreifen. Ergebnis: "Der deutsche Geist unserer Tage ist in ein enges Korsett eingeschnürt..". So interpretiert Kirchhoff den Nationalsozialismus als "Revolte gegen den Nihilismus und die lebensfeindliche Grundtendenz des modernen Industriesystems, ein verhunzter und darum gescheiterter Versuch, den Ausrottungsfeldzug gegen die Natur zu stoppen, der sich damals schon abzeichnete (..) (ein) pervertierter Aufstand des Mythos gegen die lebensfernen Abstraktionen und Projektionen eines eindimensionalen, mechanistischen Denkens (..) Zerr form einer in der Substanz berechtigten deutschen Visionssuche". Gegen die ,,kosmische Verlorenheit" des Menschen als Konsequenz aus dem "Siegeszug des vom Lebendigen losgelösten Intellekts" predigt Kirchhoff die Rückbesinnung auf das Irrationale.

Bahro und Kirchhoff knüpfen an den esoterischvölkischen Ökologiebegriff der 20er Jahre an, einschließlich der Angriffe auf ,,die Vernunft" und ,,die Moderne". Wie die Faschisten des Thule-Seminars und der ,,Neuen Rechten" beziehen sie sich auf Autoren wie Nietzsche, Carl Schmitt und Martin Heidegger. Inzwischen vertritt Langhans die These, die SS habe eine "hohe Sterbekultur" entwickelt und Bahro knüpft Kontakte zur nazistischen ,,Deutschen Unitarier Religionsgemeinschaft". Autoren aus dem Umfeld der ,,konservativen Revolution" wie Carl Schmitt oder Ernst Jünger, aber auch Martin Heidegger, die sogenannte ,,Neue Rechte" und die Gruppe um Bahro, sie alle verbindet das selbe Verhältnis zum Nationalsozialismus: Distanz zur NS ,,Realpolitik" weil diese die ,,wahren" Ziele der Bewegung ,,verraten" habe.

Feindbild Mensch: Die Rettung des Menschen vor der Natur

Die New-Age Bewegung verbreitet Schicksalsgläubigkeit und Entpolitisierung, propagiert hierarchische und elitäre bis hin zu offen sexistischen und rassistischen Positionen, wirbt für die ,,positive" Kooperation mit Managern und Militärs, für die Akzeptanz gefährlicher Technologien (was stört den Geist schon die Zerstörung des schnöden Körpers). Menschen, vor allem aus dem Trikont, werden durch die ökofaschistische Propaganda von der ,,Überbevölkerung" zur Hauptursache ökologischer Zerstörungen erklärt. Das Unternehmen ESPRIT ließ auf Werbetafeln plakatieren, "Wir könnten alle in Harmonie mit der Natur leben, wenn die Übervölkerung nicht wäre".

Dieses Feindbild Mensch lenkt ab von den eigentlichen Ursachen, rechtfertigt bevölkerungspolitische Maßnahmen wie Zwangssterilisierungen, Hunger und Elend sowie politische und militärische Einmischung der westlichen Führungsmächte. Nach dieser Logik muß die Natur gegen den Menschen verteidigt werden,, als wäre der Mensch nicht ein Teil der Natur und als gäbe es keine Klassen, Täter und Opfer.

Der moderne Begriff ,,Ökologie" ist entstanden in einem rassistischen, sozialdarwinistischen und esoterischen Kontext. Er knüpfte an den Inhalt des älteren philosophischen Begriffs der ,,Natur" an, der die Frage nach dem Sinn und dem Wesen des Seins umfaßte. Dieser philosophische Naturbegriff war immer Welterklärung, Orientierung für den Alltag, aber auch Legitimation von Herrschaft Der Inhalt und die Assoziationen die sich mit einem Begriff verbinden sind aber nicht statisch und unveränderlich, sondern abhängig von intellektuell-theoretischen wie praktischen politischen Auseinandersetzungen. Der Begriff Ökologie war und ist zunehmend wieder esoterisch-rassistisch besetzt. Unter anderem auch, weil für manche Linken Ökologie immer noch kein Thema ist. Sie halten das für ,,kleinbürgerliche Romantik" oder setzen auf die ,,freie Entfaltung der Produktivkräfte", d.h. auf die unter kapitalistischen Bedingungen entwickelte Technik, Wissenschaft und Arbeitsorganisation. Das ist falsch. So bleiben beispielsweise Atomkraft und Gentechnik auch ,,in Volkes Hand" Destruktivkräfte. Marx schrieb, der Kapitalismus entwickelt den gesellschaftlichen Reichtum nur, indem er die Quellen menschliche Arbeitskraft und Natur zerstört. Im Sinne einer linken Politik kann der Begriff Ökologie zunächst nur die rationale Analyse der ökologischen Zusammenhänge meinen. Auf dieser Grundlage geht eine linke ökologische Politik davon aus, daß der Mensch als Naturwesen von bestimmten ökologischen Bedingungen abhängig ist und stellt fest, daß eben diese durch die kapitalistische Entwicklung zerstört werden. Antikapitalistische und radikalökologische Orientierung gehören insofern zusammen, als die ökologische Frage nur im Zusammenhang mit der sozialen gelöst werden kann, d.h. durch die Überwindung der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Einer Wirtschaftsweise, die stets danach drängt, sich zum Zweck des maximalen Profits Mensch und Natur zu unterwerfen, sie auszuplündern und zu zerstören.

2

Montag, 8. Mai 2006, 22:48

Warum sind die Grünen so besonders scharf auf Scharlataneriemethoden im Gesundheitsbereich?

3

Mittwoch, 10. Mai 2006, 17:12

Allen voran die unsägliche Antje Vollmer,die mal Bundestagsvizepräsidentin war.

4

Mittwoch, 10. Mai 2006, 17:47

Hallo Dr Kinderarzt

wie kann man direkt fragen stellen ? ich sitze schon zwei Std am Computer und komm nicht durch.

5

Mittwoch, 10. Mai 2006, 17:55

Es hat doch schon geklappt.

Oder fragen Sie,wie man eine neue Textsammlung eröffnet?

6

Mittwoch, 10. Mai 2006, 20:07

Es gibt also gute und böse "Esoterik"
Zitat:

"Wenn in diesem Artikel einigen liebenswürdigen Individuen auf die Füße getreten wurde, die "Esoterik" anwenden, um anderen Menschen zu helfen, so ist dies unabdinglich. Dies ist nicht als Ablehnung des spirituellen Bedürfnisses von Menschen zu verstehen, sondern als Ideologiekritik an der Umdrehung dieses Bedürfnisses für Machtpolitik. Auch im Esoterikbereich gibt es nicht nur Gurus, Lamas, Psychoberater - also Täter - sondern auch eine Menge Opfer, da es gerade die Verunsicherten und Sensiblen sind, die in die Fänge der autoritären Propagandazirkel geraten. Auch soll hier nicht einer technisierten Rationalisierung das Wort geredet werden. Subjektivität ist wichtig und von der dogmatischen Linken als Basis gesellschaftlichen Seins nicht erkannt worden. Heilpraxis, Homöopathie, Skepsis gegenüber der Schulmedizin und Unmut über die etablierte Wissenschaft werden wie auch die Erforschung von Grenzbereichen wie Parapsychologie, Traumarbeit oder die Beschäftigung mit dem Tod keinesfalls abgelehnt.

Zitat Ende ->

Du bist nichts, dein Karma ist alles
Esoterik und Herrschaft

von Utz Anhalt

http://www.sopos.org/aufsaetze/3a2c5b72ea07e/1.phtml


Du bist nichts, dein Karma ist alles
Esoterik und Herrschaft

von Utz Anhalt


"Die Tätigkeiten eines yogi unterscheiden sich von denen eines gewöhnlichen Menschen dadurch, daß er alle materiellen Wünsche, von denen Sexualität an erster Stelle steht, aufgegeben hat."

Bhagavad-Gita / Wie sie ist


"Es wird in esoterischen Kreisen noch heute diskuttiert, welches die "richtige", nämlich "weißmagische" Drehrichtung des Hakenkreuzes sei und welches die "falsche", schwarzmagische.

Ralph Tegtmeier


"Hari, Hari, Ramadama, und der Guru ist kein Armer, Heyheyheyooo."

Udo Lindenberg

Buddha
Eliten, die sich esoterischer Topoi bedienen, wissen um die materiellen Hintergründe ihrer Interessen.

Die Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang zwischen Esoterik / New Age und reaktionärem Gedankengut ist nicht neu, sondern wurde von Jutta Ditfurth und Peter Kratz bereits Anfang der 90er, bzw. Ende der 80er Jahre konkretisiert. Der Wind von rechtsaußen hat sich indessen verschärft. Fragestellung in diesem Artikel ist nicht das individuelle "Glaubensbekenntnis" von Menschen, sondern spiritualisierte Herrschaftsideologie. Gab es vor zehn Jahren noch eine breite linksliberale Öffentlichkeit, so ist diese heute aus dem politischen Raum nahezu verschwunden. Konservativ-revolutionäre Bestrebungen, mit dem Ziel demokratische Öffentlichkeit verschwinden zu lassen, scheinen zu greifen. Als "positiv denkende Lichtgestalten" gelten New Economy Manager inzwischen als Helden des Profits.

Der Krischnajünger, der mir in der Innenstadt von Hannover die Bhagavad-Gita vermachte, vergaß nicht, zu erwähnen, daß im alten Indien die Frauen nicht abgetrieben hätten und "die Menschen auch nicht (wie die Tiere) einfach überall Sex hatten". Das mag stimmen oder nicht. Historisch ist es außerordentlich schwierig, zu erforschen, welche Art von geschlechtlichem Verkehr Menschen im vorhinduistischen Indien pflegten. Es ist allerdings für diese Gesellschaft, in der wir leben müssen, auch nicht von Bedeutung, wenn es nicht bei einer solch reaktionärer Aussage um die Zerstörung freier Entfaltungsräume von Menschen hier und heute gehen würde. Entscheidend wird das ideologische Ziel zum Verzicht (der gläubigen Anhänger) auf die Aneignung dinglicher und somit sozialer Wirklichkeit in dieser Welt. Ob ein Mensch nun Christ, Buddhist, Moslem, Animist, Hindu oder Anhänger einer anderen Religion sein möchte, sollte dem Individuum selbst vorbehalten bleiben. Immerhin ist religiöse Vielfalt ein Anzeichen für kulturelle Freiheit - so scheint es. Der ganze Unsinn hat Methode und einen gar nicht "transzendenten" Hintergrund: Sei es nun, weil das Schicksal, dem das (nicht mehr vorhandene) Individuum sich unterwerfen darf, im Geburtshoroskop festgelegt ist, sei es, weil die Vorstadthausfrau Judith Jannberg[1] erkennt, daß sie in Wahrheit eine mächtige Hexe ist, sei es, daß der frustierte Hausbesetzer bei Scientology landet und endlich den elektronischen Anschluß an sein Gehirn gefunden hat oder daß ein Siemensmacher fieberhaft den (unterbezahlten) Hostessen auf der Expo 2000 erklärt, sie müßten ätherische Wesen sein.[2] Alle fühlen sich unheimlich wohl, so suggerieren es ihre im Lächeln verkrampften Mundwinkel auf den Einbänden der Esoterikliteratur, die frisch der Waschmittelwerbung entsprungen sein könnten.

Nun sollte jeder Ethnohistoriker eigentlich froh sein über das Interesse an Riten und Philosophien verschollener, außereuropäischer und vorchristlicher Völker. Das Experimentieren mit alternativer Medizin und erweiterten Zuständen des eigenen kastrierten Bewußtseins gehört in den Verdinglichungs- und Entfremdungsprozessen der Warengesellschaft zu menschlichen Grundbedürfnissen nach Nähe, Zuneigung und Offenheit, die jedem progressiven Menschen vertraut sein dürften. Auch die Wiederentdeckung von Traditionen der Volkskultur, die durch Staats- und Kirchenterrorismus im neuzeitlichen Europa vernichtet wurden, was zum Beispiel Kräuterkunde oder pflanzliche Rauschmittel betrifft, ist eine spannende Beschäftigung. Die Ethnologie hat im 20. Jahrhundert gezeigt, daß Europa nicht der Nabel der Welt ist. Die Aufgeschlossenheit gegenüber nichteuropäischen Kulturen kann durchaus der Auflösung eigener kolonialer Gedankenstrukturen dienen, wenn das Fremde ersteinmal als Anderes erkannt wird, ohne daß die eigenen Einordnungsmuster greifen. Da müßte doch Esoterik, das mystische Geheimwissen der verschiedenen Völker etwas ganz Tolles und Verbindendes sein. Assoziationen an wohlriechende Räucherstäbchen, duftenden Tee und freundliche Menschen ziehen vorüber.
Was ist Esoterik?

Hier soll nicht auf die vielen Differenzen innerhalb der Konkurrenz des heutigen Esoterikmarktes eingegangen werden, sondern auf die ihnen gemeinsamen Herrschaftsstrategien.

Zuerst einmal eine esoterische Selbstdefinition: "Esoterische Philosophie verbindet die drei Möglichkeiten des menschlichen Bewußtseins - Wissenschaft, Religion und Philosophie - zu einem ganzheitlich fundierten Denksystem, das auf die größten Denker der Geschichte zurückgeht. Demzufolge ist sie die durch Jahrtausende gewachsene überlieferte 'Weisheit der Zeitalter'"[3] Ziemlich anmaßend! Genauer betrachtet allerdings auch voraufklärerisch. Gerade die Trennung von Religion und Wissenschaft (auch die Philosophie ist eine Wissenschaft) war ein Verdienst der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, nämlich die Trennung von Glauben und Analyse, die Lösung der Wissenschaft von religiös formulierten Herrschaftsdogmen, die nicht hinterfragbar sein sollten. Gerade dieser Brei aus verschiedenen Fachdisziplinen, wo sich die meisten "Denker" schwer tun, auch nur eine davon adäquat zu beherrschen, führt nun angeblich zu einem ganzheitlich fundierten Denksystem, welches auch noch durch Jahrtausende gewachsen ist.

Die "größten Denker" können dieser Verallgemeinerung nur entsprechen, wenn sie selbst esoterisches Gedankengut vermittelten. "Große Denker" wie Voltaire, Rousseau, Feuerbach, Karl Marx, Michael Bakunin und später Rosa Luxemburg, Erich Mühsam und selbst Friedrich Nietzsche, kurz gesagt aufklärerische Denker, die zumindest tendenziell antireligiös waren, fallen aus diesem Kontext der "großen Denker" heraus - und damit auch ihre Theorien und die Konsequenzen: die Forderung nach materieller Emanzipation des Menschen. Es wird deutlich, wer aus der "Ganzheitlichkeit" ausgeschlossen wird: die, die zeigten, daß die Entwicklungen menschlicher Gesellschaften gar nicht ganzheitlich aus sozialen Konflikten resultieren, die ihre Grundlage in antagonistischen materiellen Interessen haben. Wessen Denksystem ist, nach Meinung der "Esoterischen Philosophie" durch die Jahrtausende gewachsen? Das Denksystem sozialen Widerstands kann es nicht sein.


"Was steckt hinter diesem oder jenem scheinbar so zufälligen Ereignis? Wünschen wir uns nicht alle eine ausgleichende Gerechtigkeit, die den Schuldigen bestraft und die Unschuldigen unversehrt läßt? Ist es möglich, Gerechtigkeit in allem zu erkennen, wenn wir unsere Betrachtungsweise ändern oder erweitern?"

Die Themen der "Esoterischen Philosophie" sind deutlich. Da ist für Freitag, den 29. September 2000 angekündigt: "Vision 2000: Vom Ich zum Wir - Eine Korrektur unseres Denkens". Der Pädagoge A. Gollmann "klärt auf": "Vom Ich zum Wir ist der Schlüssel zu einem friedlichen und kooperativen Zusammenleben. Ob in der Familie, in der Gesellschaft, in dem Verhältnis von Mensch und Natur - die Zukunft liegt im Wir."[4] Solidarität ist ein Bestandteil emanzipatorischen Denkens. Gollmann geht es allerdings nicht um die Solidarität mit den Gebeutelten, Unterdrückten oder Entwürdigten, sondern in der Familie, womit die bürgerliche Kleinfamilie, ihrerseits ein Produkt der und Konstante von bürgerlich kapitalistischen Herrschaftsbedingungen, gemeint ist und "in der Gesellschaft", womit wiederum nur diese, tatsächlich von sozialen Interessengegensätzen gespaltene,Gesellschaft gemeint sein kann. Der technische Begriff des Konzepts oder der politische der Utopie wird durch den religiösen der Vision ersetzt. Aber weiter. Für Freitag, den 4. August ist ein Vortrag "Schicksal - Zufall oder Gerechtigkeit" von S. Laganki, einer Heilpraktikerin, angekündigt mit dem Text: "Was steckt hinter diesem oder jenem scheinbar so zufälligen Ereignis? Wünschen wir uns nicht alle eine ausgleichende Gerechtigkeit, die den Schuldigen bestraft und die Unschuldigen unversehrt läßt? Ist es möglich, Gerechtigkeit in allem zu erkennen, wenn wir unsere Betrachtungsweise ändern oder erweitern?" Wieder "ausgleichende Gerechtigkeit für alle". Angehörige der Oberschicht und Bettler wünschen sich also "alle" eine ausgleichende Gerechtigkeit. Durch - das bleibt unausgesprochen - eine höhere Instanz. Diejenigen, die vom gesellschaftlichen Reichtum ausgeschlossen werden, dürfen sich wünschen, daß für Ausgleich gesorgt wird, statt sich den Reichtum, der ihnen vorenthalten wird, selbstbestimmt anzueignen. Zudem negiert Frau Laganki die traditionell christliche Perspektive eines göttlichen Gerichts, das zumindest im Jenseits auf Seite der Schwachen steht (und damit zugleich die "irdische" Ungleichheit absegnet), indem sie rhetorisch fragt, ob Gerechtigkeit bei Veränderung des Blickwinkels nicht "in allem erkannt" werden kann. Alle wünschen sich Ausgleich, dessen Gerechtigkeit in allem erkannt werden kann. Andersherum, was haben ein bundesdeutscher Pädagoge und eine Heilpraktikerin mit "Religion, Philosophie und Wissenschaft" zu tun oder mit von ihrer Organisation definierten "größten Denkern der Menschheit (über Jahrtausende)". Frau Laganki und Herr Gollmann sind weder Theologen oder Religionswissenschaftler, noch Philosophen, noch Geisteswissenschaftler. Der eine hat "Erziehung" (in der spätkapitalistischen Bundesrepublik) gelernt, die andere das "Heilen" von psychisch-physischen Beschädigungen, die durch diese Gesellschaft entstanden sind. Genau das ist, wohlwollend vorausgesetzt, ihre jeweilige fachliche Kompetenz und ihr fachliches Interesse. Wie wäre es denn, wenn ein Historiker, der über das Agrarsystem der römischen Kaiserzeit arbeitet, versuchen würde, anhand seiner Quellenanalyse die Befindlichkeit bundesdeutscher Individuen, die als Heilpraktiker oder Pädagogen "Therapie" betreiben, zu entschlüsseln? Ahistorisch, unwissenschaftlich, lächerlich und absurd. Wenn überhaupt, dann beschäftigen sich doch Historiker mit "Zeitaltern" und nicht unbedingt Heilpraktiker oder Pädagogen.[5] Die Definitionsmacht über "Weisheit" innerhalb historischer Strukturen ist aus deren Gesellschaften zu entschlüsseln und gebunden daran, was in der jeweiligen Schicht und Klasse als "weise" galt (wenn diese Vorstellung überhaupt existierte). Die Wertigkeiten von "Charaktereigenschaften" - selbst ein historisch entstandener Begriff des europäischen Bürgertums der Neuzeit ist an konkrete Bedingungen gesellschaftlicher Verhältnisse in definierbaren Zeitstrukturen geknüpft. In den prosperierenden 80er Jahren des 20. Jahrhunderts galt den Kindern der 68er in der BRD Individualismus als erstrebenswert. In der Verwirrung und Inhaltsleere der 90er Jahre aufgrund des Wegfalls der Attraktivität der "Neuen Linken" durch den Zusammenbruch des Realsozialismus und im Zuge deregulierter Arbeitsprozesse treten geistig-moralisch gewendet "konservative" Werte wie "Geborgenheit" oder "Zuverlässigkeit" in den Vordergrund. Das ist ein Problem der zeitlichen (historischen) Genese, mit dem sich Geschichtswissenschaftler herumärgern müssen. Esoteriker haben ein anderes "Zeitproblem". So lautet das Thema der "Esoterischen Philosophie" vom 13. Oktober 2000: "Haben wir genug Zeit zum Leben?" Referent ist ein Dr. H.-J. Ritz. Er "fragt": "Ist Zeit wirklich knapper geworden? Wie können wir unsere Zeit optimal nutzen?"

Wieder dieses ominöse "Wir". Kein Wort davon, daß die "Zeit", die sich ein Individuum einteilen kann, in einer Gesellschaft, die konkrete Formen von Arbeit durch abstrakte Lohnarbeit unterschiedlich "bezahlt", auch damit zu tun hat, welche materiellen Privilegien dieses Individuum hat oder nicht. In hierarchischen Gesellschaften verfügen diejenigen, die in einer höhergestellten Position sitzen, generell über mehr freie Zeit und über eine größere Verfügung innerhalb ihrer Zeit, als diejenigen, die in der Hierarchie weiter unten stehen - und da ihre konkrete Arbeit mit weniger Geld "entlohnt" wird, mehr arbeiten müssen. Ob dann, in der zur Verfügung stehenden Zeit, das Individuum Tauchurlaub auf den Malediven macht, oder sich lediglich eine Bratwurst im Schnellimbiß holt, ist denn auch eine Frage der materiellen Lebensumstände. Der Pädagoge Gollmann meint wohl: "Ich fahre nach Südfrankreich zum Erholen" und nicht: "Wir (der Berber und ich) fahren nach Südfrankreich (indem ich ihm die Reise bezahle)." Kurzgefaßt handelt es sich bei allem größenwahnsinnigen Anspruch "esoterischer Philosophie", "das Panorama einer von Leben, Bewußtsein, Geist und Intelligenz geleiteten Evolution" zu entwerfen, um den realen und materiell bestimmten Anspruch der ökonomisch Privilegierten, ihre Privilegien zu erhalten und in einer Zeit, in der soziale Kämpfe marginalisiert sind, ausbauen zu können.

Ein intelligenter Schüler von Herrn Gollmann könnte auf die Idee kommen, sein Leben selbst zu bestimmen und bewußt seinen Geist dazu zu verwenden, sich dem Zensuren- und Anpassungsdruck des bundesdeutschen Schulsystems zu entziehen. Noch fürchterlicher wäre es allerdings, wenn dieses Individuum nicht anthropologisch, das heißt naturwissenschaftlich, über Evolution, dieses Ziel erreichen wollte und damit warten, bis aus dem "Einzeller Schüler" irgendwann der "Mehrzeller" Pädagoge wird, sondern das Panorama einer herrschaftsfreien Gesellschaft entwerfen und diese gesellschaftlich, d.h. revolutionär, einforderte. Täte er dies kollektiv, indem er mit anderen Abhängigen (Schülern) vom Ich zum Wir käme, wäre Herr Gollmann wohl nicht sonderlich glücklich. Einem "Geist" des 19. Jahrhunderts, Michael Bakunin ergab sich die Antwort vom Ich zum Wir denn auch in einer anderen Logik als Herrn Gollmann: "Zwischen dem, der befiehlt und dem, der gehorcht, kann es keine Form der Freundschaft geben." In solch einer emanzipatorischen Erweiterung des Bewußtseins wären esoterische Herrschaftsvermittler wie Herr Gollmann denn auch überflüssig. Wie sagte meine Geschichtslehrerin in der 12. Klasse: "Die Geschichte hat bewiesen, daß eine herrschaftsfreie Gesellschaft unmöglich ist." Die gegenteilige Aussage quittiert dieser Staat verbeamteten Pädagogen denn auch mit Berufsverboten. Herr Gollmann geht weiter als die damalige linksliberale Lehrerin. Nicht allein die Herrschaftsvermittlung, das heißt, Individuen zu funktionierenden Befehlsempfängern zu erziehen, gibt er als seine Aufgabe an, sondern möchte ihnen sogar die Möglichkeit entziehen, Herrschaftsstrukturen als von Menschen und materiellen Zwängen gemacht zu erkennen. D.h. er verteidigt nicht nur die Repressionsmechanismen dieser Gesellschaft, sondern stellt die Unterordnung unter diese mit dem Begriff Vision in einen religiösen Zusammenhang, der auf Jahrtausende alten Denksystemen basiert. Was für Denksysteme? Solche, die vor 1789 zurückfallen und sogar vor das europäische Mittelalter mit seinen teilweise genossenschaftlichen Sozialsystemen. Wahr daran ist nur, daß verschiedenste autoritäre Herrscher ihre speziellen Astrologen, Hofmagier und Ratgeber hatten, die ihre Herrschaft "spirituell" unterfütterten.

Hier nicht historisch, sondern im Sinne von Levi-Strauss strukturalanthropologisch zu argumentieren, ließe eine strukturelle Ähnlichkeit von Herrschaftssystemen in verschiedenen Epochen durchaus erkennbar werden.[6] Selbstredend nicht aufgrund einer religiösen oder philosophischen Schicksalshaftigkeit, sondern aufgrund einer Analogie im Interesse der Herrschaftsausübung, die esoterisiert, geheimgehalten werden muß, da sonst die Beherrschten die Herrschaft übernehmen könnten.

Von Religion mag man halten, was man will; Emanzipation in der Moderne fängt da an, wo religiöser Glaube aufhört. Naturzerstörung im Dienste von Profiten für Kapitaleigner liegt in der ökonomischen Logik begründet und hat relativ wenig mit religiösen Vorstellungen von Menschen zu tun. Wie Menschen schonender mit der nichtmenschlichen Natur umgehen können, hat mit Glauben ebenfalls nichts zu tun, sondern mit der Entwicklung von Technik, die der Natur nicht schadet - was zuerst bedeutet, Alternativen zu entwickeln, die den Trägern naturzerstörender Techniken wie der Atom- oder Gentechnik konfrontativ und antagonistisch gegenüberstehen, da diese Träger in der Logik ihrer Profitmaximierung handeln. Kooperation würde hier Unterwerfung unter deren Interessen bedeuten. Esoterik als "ganzheitliches" Denksystem kann in der gesellschaftlichen Wirklichkeit begründete Systemkritik nicht enthalten. Willy Brandts nationalistischer Traum einmal umgedreht: Hier wird zusammengewachst, was nicht zusammengehört. Der Kitt, um soziale-gesellschaftliche Antagonismen zu kitten, muß denn auch die Mystik sein, die Religion, da es in der erkennbaren und begreifbaren Wirklichkeit diese Ganzheitlichkeit zwischen Kapitalverwaltern, Angestellten und Arbeitern nicht gibt. Dadurch, daß alles seinen Platz erhält, werden bestehende Gewaltstrukturen ganz im Sinne der Gewaltausüber für unveränderbar erklärt.

Der Clou an der Sache ist, daß, wenn heutige esoterische Psychologen, Pädagogen oder Heilpraktiker mit dem Ziel (dafür werden sie schließlich bezahlt), Individuen in dieser Gesellschaft zum positive thinking, dem freudigen Unterwerfen unter hierarchische Strukturen, zu bringen, das antiemanzipatorische Ziel esoterisch (im Geheimen) bleibt. Seit Jahrtausenden bestehende Denksysteme zur Herrschaftssicherung schließen Revolutionen, materielle Umwälzungsprozesse durch beherrschte gesellschaftliche Mehrheiten, eine in Jahrtausenden weltweit immer wieder erlebte Qualität des sozialen Widerstandes, aus. Das ist ihr ideologischer, praktischer, gar nicht kosmischer Sinn.

Ob es sich um das unaussprechbare Tao handelt oder um die Königin des Lichts, um den Phallus des Gottkönigs Dalai Lama, die Reinkarnation als Stubenfliege oder die Selbstzerstörung des Quadrats zwischen Pluto und Mars, der Sinn hinter diesem Unsinn ist nicht, wie es verwirrten Ex-Linken scheinen mag, eine Neuauflage des Herrn der Ringe oder ein besonders abgedrehtes Anarchokollektiv, sondern Herrschaftsideologie mit dem Ziel, Selbstbestimmung von Menschen wegzulügen oder entstehende im Keim zu ersticken. Wenn eine Zeitarbeitsfirma (TonSteineScherben sangen noch von Sklavenhändlern) sich Elfen 2000 nennt oder die Stadtwerke Hannover mit positive energy werben, so steckt kein Ausbruch von Sensitivität seitens neoliberaler Menschenmakler und von oben bestimmter dahinter, sondern das Gegenteil. Elfen, mystische Wesen, die seit Tolkien als die edleren (adligeren) Menschen bekannt sind, mit übermenschlichen Eigenschaften wie Langlebigkeit, Naturliebe und Zauberkünsten ausgestattet, werden zur Selbstbezeichnung für eine Firma, die, untertariflich, an dem Verkauf der Lohnarbeit von Arbeitskräften in kurzfristige und ungesicherte Arbeitsverhältnisse verdient. Die Stadtwerke, eine unangenehme ehemalige Behörde, die aber ein zentrales Element von Herrschaftssicherung verwaltet: die Stromversorgung, bringt sich in einen Zusammenhang mit dem, was die Esoterikindustrie als "Positives Denken" verkauft. Der selbst schon reaktionäre, weil von dialektischen Prozessen losgelöste, Aufbau von "guten Gedankenstrukturen" durch die Esoterik, vermittelt per Bildern von Lebensenergie, Vitalität, Kraft (durch Freude?) wird von den Stadtwerken übernommen und für das Prestige der Stromversorgung verwendet. Abgesehen von der allerabstraktesten und naturwissenschaftlichen Banalität, daß alles Energie ist, soll vermittelt werden, daß die Energie (Strom), die der Konzern Stadtwerke in die Wohnung liefert, positiv ist, ja, daß die Behörde selbst, die nichts anderes tut, als Geld für die Versorgung mit Strom abzuknöpfen, positiv ist. Die positive Botschaft hier: "Zahle weiter jede Erhöhung der Strompreise, zum Beispiel für Atomstrom, ohne - wie es eine an den Bedürfnissen von Menschen angelegte Gesellschaftsutopie wäre - für kostenlose Stromversorgung einzutreten." Das wäre dann wohl negative Energie. Zugegeben, 64 DM im Monat ist für ein Esoterikseminar vergleichsweise wenig.

Verwundern muß die Einfachkeit und Ähnlichkeit der frommen Botschaften, die in der Esoterikliteratur vermittelt werden, bei sehr komplexen und in der Ethnologie, Religionsgeschichte und Kulturanthropologie wissenschaftlich schwer zu fassenden Themenbereichen wie indianischer Philosophie, Schamanismus, keltischer Religion, tibetischer und indischer Kulturen, magischer Weltentwürfe oder Okkultismus.

Die reale Beschäftigung mit den gesellschaftlichen Strukturen der Kulturen, aus denen ihre Weltsysteme stammen, findet in keinem Esobuch statt. Außer einigen grinsenden Mönchen keinerlei (schon gar nicht kritischer) Umgang mit der blutigen Geschichte der tibetischen feudal Buddhokratie. Wenn Carlos Castaneda zivilisationsmüden Amerikanern und Mitteleuropäern frei erfundene Romane mit der Anleitung zum Drogengebrauch schreibt, so tut das niemanden weh, auch wenn es die Tatsache verschleiert, wie wenig gesellschaftliche Bedeutung die "Wissenden", die Schamanen in der Erhaltung kultureller Eigenständigkeit von Indianern des amerikanischen Südwestens heute haben, während diese Ethnien bei andauerndem Geno-, Ethno- und Demozid um ihr materielles Überleben kämpfen müssen.

Leider sind es allzuhäufig abgehalfterte Linke, die an der immer schwieriger werdenden Verwirklichung sozialer Utopien verzweifelten und zu Jüngern und Opfern der esoterischen Gehirnwäsche mutierten.


Otto Schily fragte ganz esoterisch Herrn Gyatsu nach "Bewußtsein ohne Gehirn".

Die aus den Wahnideen des Rassisten Rudolf Steiner hervorgegangene Waldorfpädagogik gilt zu Unrecht unter Linken noch heute oftmals als bessere Pädagogik. Jener Steiner erkannte beispielsweise: "Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse."[7] Hier könnte Steiners Aussage: "Das Gute muß hinein, das Böse hinaus" durchaus auf die Praxis des Innenministers Otto Schily (sozialisiert in einer Anthroposophenfamilie) bezogen werden, wenn er per Einwanderungsgesetz die Verwertbarkeit von Menschen nach ökonomischen Kriterien sortiert. Aber auch eklektischen Staatskommunisten war esoterisches Denken gelegentlich vertraut. So verwand die DDR das Leninzitat: "Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist." Nicht verwunderlich, daß in solch religiöser Verzückung eine autoritäre Exkommunistin wie Antje Vollmer nach dem Ausschluß der ökologischen Linken (aus der ökoparteilichen Ganzheitlichkeit?) dafür eintrat, die Verbindung der Grünen mit den "Wertkonservativen" ( gemeint waren die Biologisten der ÖDP) wiederherzustellen und dem durch "Reinkarnation" erwählten autokratischem Dalai Lama einen Bergkristall (in Tibet Symbol für den Phallus des herrschenden Patriarchen) überreichte. Otto Schily fragte ganz esoterisch Herrn Gyatsu nach "Bewußtsein ohne Gehirn". Damit war nicht die Gehirnwäsche an untergeordneten Mönchen gemeint, die den Gottkönig Gyatsu verehren müssen und auch nicht die Homosexuellenverachtung des buddhokratischen Herrschers.[8]

Grundlage der heutigen Esoterik (New Age) ist unter anderem die Geheimlehre von Helena Blavatzky, ein "ariosophisches" und rassistisches Konzept, das neben Steiner auch Adolf Hitler in den Bann zog.[9] Das Interessante an dieser "Wurzelrassenideologie" für Herrschaftseliten besteht darin, daß aufgrund "karmischer Verflechtungen" nicht etwa kolonialistische und kapitalistische Gewalt für die Verelendung des Großteils der Weltbevölkerung verantwortlich sind, sondern daß Genozid im "Karma", im Schicksal zu Kulturen ernannten Gruppen von Menschen selbst begründet liegt.

Weitergedacht mußten also sechs Millionen jüdische Menschen durch die Taten der faschistischen Henker sterben, weil dies ihr aus früheren Leben begründetes Schicksal war. Konsequenz des Karmadenkens ist es und das macht den Reiz für die Eliten und ihre Zuträger heute aus, daß die Opfer von Gewaltherrschaft für die Gewalt, die an ihnen ausgeübt wird, auch noch schuldgesprochen werden.

Im Nationalsozialismus verband sich so "natürlich-biologische" Landwirtschaft mit esoterischem "Blut und Boden" und Antisemitismus.[10] Die Archetypenlehre des Freudschülers, Antisemiten und Hitlerverehrers C.G. Jung wurde sowohl im historischen "New Age", der Nazi-Ideologie, als auch im jetzigen New Age, das Jungs faschistisches Weltbild leugnet, zum Bezugspunkt für die menschenfeindliche Verortung von Teilen der Mittelschichten. Dieser Jung erläuterte 1934: "Der Jude als relativer Nomade hat nie und wird voraussichtlich auch nie eine eigene Kulturform schaffen, da alle seine Instinkte und Begabungen ein mehr oder weniger zivilisiertes Wirtsvolk zu ihrer Entfaltung voraussetzen... Das arische Unbewußte hat ein höheres Potential als das jüdische."[11]

Im Gegensatz zu Alice Miller, die den Ursprung des harmonisierenden Endes von Kindermärchen in den verdrängten familiären Grausamkeiten sieht, die gesellschaftliche Barbarei von Generation zu Generation aufrechterhielten,[12] verortete Jung die Entstehung eben dieser Märchen und Mythologie als solches in einem "kollektiven Unbewußten."

Rassismus als unbewußte, somit nicht hinterfragbare Struktur, Volk, Nation und sonstige Konstanten von Herrschaft als unbewußtes unveränderliches Naturprodukt. Waren es im Feudalsystem die "Kaiser von Gottes Gnaden" oder bei dem Führer der nationalsozialistischen Schlächter die "Vorsehung" bietet jetziges New Age und Esoterik Karma, Planeten, maya und Höheres Selbst, Kristallmagie und andere Fallen an. Ein Beispiel: "Um den vollen Glanz und die Wahrheit der Liebe zu erkennen, können die Fische, wenn sie wollen, auf die Unschuld des Widders, die Geduld des Stiers, das Bewußtseins des Zwillings, das Wahrnehmungsvermögen des Krebses, die Vornehmheit des Löwen, das Unterscheidungsvermögen der Jungfrau, die Urteilskraft der Waage, den Scharfsinn des Skorpions, die Ehrlichkeit des Schützen, die Weisheit des Steinbocks- und die Menschlichkeit des Wassermanns zurückgreifen."[13] Basis des gesellschaftlichen Seins von menschlichen Individuen sind nicht etwa die sozialen und materiellen Verhältnisse, die Individuen sind auch keine Subjekte, die sich in einer, von der Herrschaft und Ausbeutung durch Wenige, befreiten Gesellschaft allseitig entfalten könnten, sondern Stereotypen, die allein die Möglichkeit haben, in einem Vegetieren, das durch den Zeitpunkt ihrer Geburt von den Sternen bestimmt ist, sich den Interessen der ausgeübten Gewalt unterzuordnen. Herrschaft wird nicht in Frage gestellt, sondern "planetarisiert".

Die astrologische Typologisierung im Jahre 2000 deckt sich auffallend mit den "Charakterprofilen", die neoliberale Menschenverwerter an ihre "Mitarbeiter" stellen. Selbstständig Denken und Kritik könnte ja gefährlich sein. "Löwen" gehören nun einmal in die Spitzenpositionen und "Widder" an die Front. Wenn sich dann ein ausgebeutetes "Humankapitalsklavengeschöpf" wider Erwarten nicht vollkommen prostituiert, liegt in seinem Horoskop bestimmt ein "Wassermann" (Rebell und Wissenschaftler) versteckt. Soziale Antagonismen in Klassengesellschaften? In der Esoterik wird "aufgeklärt": "Manche Fische folgen der Meerjungfrau in die Tiefe und vergessen, daß menschliche Lungen unter Wasser nicht atmen können. Sie werden zu Drogensüchtigen, Alkoholikern, Hoffnungslosen, Verzweifelten, Heruntergekommenen."[14] Die Opfer der Verhältnisse, Menschen ohne Arbeit und Obdach, Junkies und Berber bedürfen folgerichtig nicht einmal mehr der bürgerlichen Gewissensberuhigung, da ihr Schicksal ja in den Sternen steht und nicht vielleicht damit zu tun hat, daß ihr Boss sie gefeuert oder ihr Vermieter sie nach Sanierungsmaßnahmen aus der Wohnung gejagt hat.

"Viele Fische, besonders die, die zum Mystizismus neigen, sind sich bewußt, daß sie - und die Menschheit - eine Art Zwischenstufe zwischen dem Animalischen und dem Göttlichen sind." Eine Zwischenstufe zwischen dem grunzenden Germanen, der aufgrund eines Animalismus mordet und vergewaltigt und dem göttlichen Herrenmensch? "Mitgefühl und unpersönliche, unvoreingenommene Liebe sind ebenfalls Fische-Tugenden, die auf diese Stellung im Tierkreis zurückgeführt werden können." Na klasse, wenigstens die Stellung im Tierkreis könnte dazu verhelfen, daß sich zumindest die im März geborenen Menschen zu einer solidarischen Gesellschaft zusammenschließen. "Mitgefühl" und Solidarität sind demnach an die Stellung im "Tierkreis" gebunden, entstehen nicht etwa aus dem Widerstand gegen die Entwertung von Menschen in feudalen bzw. kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen und totalitären Regimen. Wolfgang Reinicke, in den 70ern Prominentenberater, ansonsten Jung-Verehrer, redet Klartext: "Man hat unter anderem darauf hingewiesen, daß während des zweiten Weltkriegs Millionen von Menschen gefallen sind, deren Geburtshoroskope durchaus nicht auf einen gewaltsamen Tod hindeuteten. Der Astrologe kann hierauf entgegnen, daß nicht nur der einzelne Mensch, sondern ganze Völker ihre Nativität haben, d.h. dem Einfluß der Sterne unterliegen."[15] Millionen von Menschen, die in dem von den Nazitruppen ausgehenden Angriffskrieg und für die Interessen der Eliten der einzelnen Kapitalstaaten als Kanonenfutter dienten, starben demnach, da es im Horoskop ihres "Volkes" festgeschrieben war. "Du bist nichts, dein Volk ist alles" betitelten schon die historischen Nazis ihre Entwertung menschlichen Lebens. "Jedem das Seine", stand in Buchenwald.

Wie Peter Kratz aufdeckte, steckt hinter dem faustischen Denken[16] von Esoterik und New Age, das auch die wahnhafte Machbarkeit der Technokratie auf der Expo 2000 kennzeichnete, eine neue alte Rückbindung (Religion) von potentiell progressiven Teilen der Eliten an Kapitalinteressen. Mittels "Naturreligiösität" und "Ganzheitlichkeit" sollen auch die möglichen Opfer faustischer Technik (heute Gen-, Bio- und Atomtechnik) die Auflösung von sozialen Standards und ihre damit einhergehende Entrechtung als schicksalhaft verinnerlichen. Die Traditionslinien reichen dabei vom "heroischen Realismus" des rechtsextremistischen Gurus Ernst Jünger über die "Rassentheorien" von Gobineau und Langbehn bis zum Vordenker Hitlers, dem völkischen Dichter Chamberlain, dessen antisemitische Viehzüchterphantasien eins zu eins in heutigen esoterischen Theorien wiedergefunden werden können.
Wem dient die jetzige Esoterik?

Heutige Esoterik, New Age geht davon aus, daß "die Menschheit" am Übergang vom Fisch- zum Wassermannzeitalter steht und somit vor einem kosmischen Evolutionssprung der "Menschheit." Diese abstrakte "Menschheit" ist nicht mehr gesellschaftlich definiert, sondern kosmisch. Wem diese ganzheitliche Harmonisierung in Gesellschaften, die von sozialen Konflikten zerrissen sind, dient, ist eindeutig, da sie den herrschaftstragenden Eliten ihr Privileg von Anfang an überläßt: der Herrschaft. Ganzheitlichkeit hat nichts mit Kosmos oder Universum zu tun, sondern mit Herrschaftssicherung. Soziale und politische Gewalt wird naturalisiert und spiritualisiert. Interessant wird dies für die Ideologieproduzenten des Kapitals, da sich viele indigene Kulturen magisch definierten, in einer Welt lebten, die von Geistern und Ahnen und in Abhängigkeit von der nichtmenschlichen Natur, Jagdglück, Wetterumschwüngen bestimmt war, also Ereignissen, die nicht beeinflußbar sind und durch Magie, durch Zauber handhabbar gemacht werden. Siemens, Höchst & Co übertragen diese "übersinnliche Natürlichkeit" auf sich, in einem höchst unspirituellen Interesse: ihrem eigenen. Hier stimmt die Feststellung von Karl Marx: "Der Mensch ist das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse." Auch in indigenen Kulturen erfinden Menschen die Mythologien und nicht die Mythologien die Menschen.

Wenn ein brasilianischer Regenwaldindianer in der gesellschaftlichen Aufgabe eines "Schamanen" Individuen in seiner Dorfgemeinschaft hilft, sich in dem tradierten Bezugssystem der umgebenden Natur zurechtzufinden, ist die Basis das dortige Lebensumfeld. Wenn ein esoterischer Guru oder Psychoeinflüsterer "ganzheitlich" Menschen "therapiert", die in deregulierten Ausbeutungsverhältnissen verunsichert und isoliert sind, so ist der "Regenwald" die Firmenstruktur. Durch deren Spiritualisierung wird dem Individuum das Bewußtsein über seine sozialen, in jahrhundertelangen Kämpfen erreichten Rechte genommen. Magie bedeutet Mimesis. In Jagdzaubern wird beispielsweise Jagdglück dadurch beschworen, daß das Verhalten der verehrten Tiere nachgeahmt wird. Etwas Besseres kann Managern in den Spitzenpositionen gar nicht passieren, als daß ihren Mitarbeitern eingeimpft wird, daß sie das Verhalten ihrer Vorgesetzten kopieren müssen. Die zwangsintegrierten Teile einer sich auflösenden Mittelschicht können sich so magisch per "Illusionszauber" einbilden, an der Macht beteiligt zu sein. Ganz banale Konzepte zur Effizienzsteigerung mutieren zu "Visionen". Damit werden Konzernstrategien, deren Interesse völlig unspirituell auf der Ausbeutung der Ressourcen der menschlichen Arbeitskraft und der nichtmenschlichen Natur basiert, zu Priestern. Die Heilsbotschaft ist eindeutig: "Paß Dich an, gib Dich selbst auf!" Egal, ob in der Esoszene von Indianern, Tibet, Buddha oder den Druiden gefaselt wird, diese Botschaft bleibt immer die Gleiche. Kulturanthropologisch[17] ist ein "Evolutionssprung" Schwachsinn.
Zur Geschichte

Esoterik in verschiedensten Variationen gibt es seit Jahrtausenden. Bei Teilen der gnostischen Gruppen, den Iluminaten, den Rosenkreuzern und hermetischen Zirkeln läßt sich fragmentarisch aufklärerisches Gedankengut nachweisen. Was einerseits in Abkehr vom christlich-patriarchalisch definierten Gottesbild als geistiges Vorläufertum von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erschien, blieb andererseits als rosenkreuzersche Idee einer Weltreform immer von den Fürstenhöfen finanziert. Der Weisheitsbegriff der Rosenkreuzer lag, analog zur Esoterischen Philosophie immer quer zur Moderne. Die Basis der politischen Moderne und erst recht der demokratische Gedanke war immer Öffentlichkeit, die Basis von Gnosis, Rosenkreuzern und Hermetikern immer "altes Wissen", Geheimwissen in verschiedensten theistischen Erklärungssystemen, die die Welt durch "unsichtbare" Mächte und Götter erklärten.

Neben der Liberto-Gnosis als Kontrapunkt zum Frühchristentum sind hier insbesondere die von der katholischen Kirche des Mittelalters verfolgten Ketzerorden der Katharer, Templer und Waldenser[18] zu nennen. Vor der europäischen Aufklärung definierte sich die Stellung esoterisch-okkulter Zirkel oftmals in Opposition zu christlichen Großkirchen.[19]

In der Aufklärung wandten sich Rationalismus und Materialismus, vor allem Marx und Feuerbach gegen die theologische Spekulation. Noch bei Hegel und Hölderlin[20] ist dagegen die Rede von einer "höheren Aufklärung", einer "höheren Vernunft".[21] Die Begriffe Wahrheit und Vernunft sind im 18. Jahrhundert in der Aufklärung mehrdimensional. Dies ist nur verständlich durch den damaligen Bruch der Aufklärer mit einem klerikal-totalitär verordnetem Herrschaftskonzept, dessen Kinder sie waren und dessen sie sich sich mühsamst entledigten. Der klassische Okkultismus war "heidnisch", letztlich gehen alle okkult-esoterischen Bezugssysteme auf vorchristliche Traditionen zurück. Im Okkultismus ist alles der "Dialektik der Gegensätze" wie männlich/weiblich, schwarz/weiß unterworfen, einem patriarchalen Weltbild, das von der Ungleichheit aller Menschen ausgeht. Zusammen stellen diese Gegensätze ein harmonisches Gleichgewicht her. Demnach ist das ganze Universum ein Organismus. Die erleuchteten "Übermenschen", die dies erkannt haben, können ihr "Wissen" nichterleuchteten "Untermenschen" nur über Symbole mitteilen. Historisch betrachtet bedeuteten Ideologien, die die Harmonie zwischen Herrschenden und Beherrschten forderten immer autoritäre Formation der Herrschaft. Demokratie und erst recht sozialistische Basisdemokratie bedeutet hingegen das zähe Austragen von Konflikten gleichberechtigter Menschen. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts holte die Transzendenz auf diese Welt, in der Nachfolge Evas, auf dem Wege der Erkenntnis. Die menschliche Vernunft sollte zu einer göttlichen Vernunft werden. In dieser göttlichen Vernunft liegt vieles von dem enthalten, was von den Faschisten im 20. Jahrhundert als Herrenmenschentum umgedeutet wurde und von jetzigen reaktionären Apologeten wie Langhans oder Bahro als "Gattungsfragen" bezeichnet wird. Was nur im Kontext der Ablösung vom christlichen Feudalgedankengut historisch einzuordnen ist, denn auch Aufklärer denken nicht losgelöst von ihrer Zeit, wurde im 20.Jahrhundert fester Bestandteil einer hypermodernen Vernichtungsideologie im Sinne militärischer Großraumpolitik.

Vor dem ersten Weltkrieg entzückte sich der Kriegshetzer Kaiser Wilhelm II., bevor er Millionen in den Tod jagte: "Ich sehe keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche." Selbstverständlich teilte er die beschworene Einheit nicht harmonisch mit denjenigen, die für die Interessen des ihm gar nicht kosmisch, sondern sehr weltlich verbundenen Großkapitals, mit zerrissenen Gedärmen in den Schützengräben krepierten. Genau an diesem Punkt hören "kosmische Einheit" und "mystische Bande" nämlich auf.

Heinrich Heine, selbst esoterisch angehaucht, warnte Anfang des 19. Jahrhunderts: "Doch noch schrecklicher als alles wären Naturphilosophen, die handelnd eingriffen in eine deutsche Revolution und sich mit dem Zerstörungswerk selbst identifizieren würden."[22] Sozialrevolutionäre wie Erich Mühsam und Gustav Landauer waren in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in naturmystischen Gruppen organisiert und verknüpften das kollektive Leben in der "freien Natur" mit der Forderung und Umsetzung von sozialer Freiheit.

In der historischen Genese von Esoterik, Okkultismus und Neuheidentum setzten sich die antiautoritären Tendenzen nicht durch. Die "feinstofflichen" Bezugssysteme dienten vielmehr dem Aufbau von autoritärer Herrschaft. Die naturliebenden Jugendbewegungen der Weimarer Republik wurden von völkischen Faschisten vollkommen instrumentalisiert.

Die "handelnden Naturphilosophen" des Dritten Reichs ermordeten denn auch, naturreligiös begründet, alles "Nichtarische", zum Beispiel den Anarchisten Erich Mühsam, als er sich im KZ weigerte, das "Horst-Wessel-Lied" zu singen und statt dessen die Internationale anstimmte. Meinten Mühsam und Landauer die nichtentfremdete Entfaltung von menschlichen Individuen in der Natur, so leiteten die Nazis gerade die Vernichtung dieser Entfaltung aus angeblichen "Naturgesetzen" ab. In der nichtmenschlichen Natur gibt es ein Wahlrecht oder Arbeitsrecht, keine Selbstbestimmung oder Egalität. Die heutige naturmystische Esoterikszene (New Age) basiert nicht mehrheitlich auf einem libertären Naturmystizismus, sondern auf den völkischen Traditionen. An heutigen Kultstätten wie den Externsteinen werden "unpolitische" New Ager mit faschistischem Gedankengut infiltriert.
Und heute?

Immer mehr von der materiellen Verelendung bedrohten Teile der Mittelschichten, seit Jahrhunderten von der protestantischen Erwerbsethik ("jeder ist seines Glückes Schmied") und katholischer Doppelmoral indoktriniert, aber zu aufgeklärt, um den Dogmen katholischer und protestantischer Herrschaftssicherung Folge zu leisten, beginnen sich in der Zerstörung des öffentlichen Raumes und der Auflösung sozialer Rechte in der "New Economy" "spirituell" zu definieren. In dem Durchbruch neuer Arbeits- und Produktionsstrukturen, den die Linke nicht emanzipatorisch zu nutzen und Theorie nicht neu zu entwickeln wußte, laufen Modernisierungsprozesse ab, in denen sich die alten Einordnungsmuster auflösen und zu einer Gesellschaftsdefinition über Symbole führen, die diese Prozesse begreifbar machen sollen. Dieses Vakuum an emanzipatorischer Perspektive innerhalb laufender Gesellschaftsprozesse füllt Esoterik.

Einen "Dritten Weg", diesen Slogan sowohl der Nationalsozialisten als auch Teilen der Alternativszene der 80er Jahre, kann es, bedingt durch ökonomische Prozesse im emanzipatorischen Sinne nicht geben, sondern eine Hinwendung zu "Neuheidentum" in diffuser Ablehnung christlicher Herrschaftsstrukturen fällt ideologisch hinter die im Christentum geforderte grundsätzliche Gleichheit der Menschen "vor Gott" zurück.

Ein diffuser Antimodernismus bedingt reaktionäre gesellschaftliche Verortung, da technische Modernisierung irreversibel ist. Ziel der "spiritualisierten" Blut- und Boden Poeten war nie eine wirklich ökologische und der nichtmenschlichen Natur angemessene Produktionsweise, sondern die naturzerstörerische, mit einem antiemanzipatorischen "Naturrecht" begründete totale Herrschaft kapitalverwaltender und feudal-ständestaatlicher Eliten. Auch der "naturreligiös" definierte Nationalsozialismus wurde ideologisch zusammengelogen, da er real ein damals hypermodernes Wirtschaftskonzept verfolgte.

Wenn heute der reale Regenwald abgeholzt wird, baut VW biotechnisch (Regenwaldhaus) eben einen neuen. Wenn die reale sinnliche Erfahrung durch entfremdete Produktionsbedingungen vernichtet wird, darf die esoterische "Kompensation" für diese Vernichtung gar nicht kosmisch, sondern materiell bezahlt werden.[23] 400 DM für den selbsternannten Wochenendschamanen inklusive Schwitzhüttenritual, wobei traditionelle nordamerikanische Indianer nichts so sehr ablehnen wie die Vermarktung ihrer Kultur. So sind es nicht die wirklichen indianischen Schamanen, die ihre politische Funktion immer mehr verlieren und darum kämpfen müssen, Fragmente ihrer Kulturen vor dem Ethnozid bewahren zu können, sondern das sehnsüchtig nach dem "Fremden" stierende Verlangen der nur fiktiv bestehenden "Neuen Mitte"[24] mit beliebigem Wohlfühlmüll die eigene innere Leere, Folge des Verzichts auf bürgerlich-demokratisches Engagement, aufzufüllen. Fernab jedes wirklichen Zusammenhangs, in dem Rituale, Zeremonien entstehen und ihren Sinn ergeben, lernt der Manager in der "wilden Natur" den Sozialdarwinismus. Durch Völkermord und Zwangsassimilation zerstörte Kulturen werden so ein zweites Mal ausgeplündert. Das mit Millionenumsatz verkaufte "indianische Bewußtsein", was sich neben Tarot und Karma in die Esoterik einfügt, funktioniert nur, wenn die wirklichen Indianer ausgeblendet werden. Neu ist das nicht. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die gerade in die Reservate gepferchten indian tribes im weißen Mittelschichtsamerika zu den Komparsen und Statisten der Wild-West-Shows. Die Besiegten werden integriert, um die vermeintliche Überlegenheit zu feiern. Das New Age tötet ihre Wirklichkeit heute. Die "Spiritualität" von indianischen Schamanen ergab sich aus den materiellen Notwendigkeiten in ihren Gesellschaften, die fundamental andere waren als die der gehobenen weißen mitteleuropäischen und nordamerikanischen Mittelschicht (Hauptzielgruppe der Esoterik).

So protestierte Renate Domnick von der Gesellschaft für bedrohte Völker 1988 beim Bundesvorstand der Grünen: "es ist eine, wenn auch unbewußte Übernahme imperialistischer Haltungen zu glauben, daß die oft streng gehüteten Zeremonien indigener Völker jedermann zugänglich sein müßten."[25] Sie setzte noch voraus, daß es um die wirklichen Zeremonien gehen würde. Von Bedeutung ist aber das (pseudo-) religiöse Element. Hier ein wenig "indianischer" Mythos, da ein bißchen Vaudouzauber zugepackt und irgendwo ein Hohepriester, z.B. Techno-DJ, der das ersehnte pseudoarchaische Ritual einleitet, damit das Individuum sich mittels "Stammessymbolik" geistig abschalten kann. Geplündert wird im Eso-Supermarkt, was das Zeug hält. Selbstverständlich steht nicht der radioaktiv verseuchte Shoshoniindianer im Mittelpunkt des Interesses, oder die alkoholkranke Navahofrau, die inmitten des kapitalstärksten Staates der Erde ein 4. oder 5. Welt Dasein fristen darf und auch nicht der an Diabetes leidende Pimaindianer, sondern der "weise vorausschauende", so manchem Softwarespezialisten gar nicht unähnliche, Übervater (wahlweise indianisch, indisch, tibetisch), der Psychotips gibt, wie das Betriebsklima zwecks Leistungsmaximierung, verbessert werden kann. Meditation statt einklagbaren Rechten. So erklärt Karl Everding, einer dieser keltisch-indianisch-druidischen Gurus 1983[26] und dies sei nur der Beliebigkeit halber ausgewählt: "Es geht nicht um deine äußeren Lebensumstände, es geht um deine innere Fähigkeit, dein Leben so zu kreieren, wie Du es willst." Er lügt, denn die horrenden Preise seiner und der meisten anderen esoterischen Seminare sind auf die gehobene Mittelschicht zugeschnitten, ein bestimmter äußerer Lebensumstand ist Voraussetzung.

Vielmehr ist diese Verheißung der "Genügsamkeit", auch so ein esoterischer Topos, eine Verleugnung der banalsten individuellen Erfahrung: Wenn ich im Gefängnis sitze, kann ich leider nicht im Park spazierengehen. Innere Freiheit bei äußerer Unfreiheit gibt es nicht. Es ist eine Frechheit, Bezugssysteme, die aus lebenslangen Erfahrungen in einem äußeren Lebensumstand gewonnen werden, in Wochenendseminaren vermarkten zu wollen. Der Kapitalismus macht, das unterscheidet ihn übrigens ganz massiv von vielen indigenen Kulturen, alles zur Ware. Für seine esoterischen Lehren sind bestimmte Primitivismen interessant, die in Kulturen hineinprojiziert werden, die in starker Abhängigkeit zur nichtmenschlichen Natur lebten: Schicksalsergebenheit, Ethnozentrismus, Faustrecht, soziale Entrechtung, "natürliches" Sterbenlassen der Kranken und Schwachen, das Gesetz des Totschlägers, bedingungsloses Einordnen in antidemokratische Hierarchien. Den Mitläufern und Opfern mit ihrem Bedürfnis nach nichtentfremdetem Zusammenleben wird vorgegaukelt, daß Freiheit ohne eine Veränderung der materiellen Verhältnisse möglich sei.

Ganzheitlichkeit bedeutet somit alles andere als die Ganzheit eines selbstbestimmten Individuums mit einer intakten Umwelt, das seiner sozialen Vervollkommnung frönt, sondern das Opfer des konkreten Lebens von Menschen für ein abstraktes "Ganzes", womit nicht das "Ganze", sondern die gegen die Mehrheit der Bevölkerung gerichteten Interessen Einzelner gemeint ist.

Ein New Age Verständnis der Einheit zwischen Leben und Tod führte historisch in Eugenik und Euthanasie. Alte oder behinderte Menschen sind von dieser "Einheit des Lebens" auch ausgeschlossen. Der alte neue "Pantheismus" völkischer und faschistischer Sekten definiert selbst das Töten als Gottestat.[27]

Daß Versatzstücke solcher "Spiritualität" in einem Territorium, in dem Demut, Spießer- und Denunziantentum, Opportunismus und Speichelleckerei nach wie vor als Primärtugenden gelten, postmodern verkitscht einen neuen Anstrich erhalten, zeigt - ganz und gar unspirituell - eine sozialgeschichtlich gewachsene Untertanenmentalität, Ergebnis gescheiterter bürgerlicher (1848) und vergessener proletarischer (1918) Revolutionen. So kann dem Euphemismus von Ralph Tegtmeier nicht zugestimmt werden, wenn er schreibt: "Nicht, daß die Bevölkerung der Industrieländer heute schon mehrheitlich "okkultistisch" dächte. Aber sie übernimmt immer häufiger, oft auch völlig fraglos, Werte und Denkstrukturen, die im okkulten Lager beheimatet sind. Letztlich handelt sich dabei nur um einen langfristig anzusetzenden Normalisierungsprozeß."[28]

Ein ganz spezielles Beispiel für okkulte Beschäftigung gab Helmut Kohl, der sich, nach dem okkulten (geheimen) Verschwinden von Geldern auf seine "Ehre" berief, auf das "spirituelle" Recht des Feudalherren im Unterschied zu dem Bürgerrecht der Gesetzestreue. Sein spezieller Esoterikberater, der Pfaffe Basilius Streithofen rechtfertigte dies damit, daß das "Naturrecht" ein höheres Recht sei, wohlgemerkt, für den Ex-Bundeskanzler einer parlamentarischen Demokratie. Die Übernahme okkulter Denkstrukturen zeigte sich in der Bevölkerung primär darin, daß öffentlicher Protest weitestgehend ausblieb.

In verschiedenen Jugendkulturen, insbesondere in der Gothic- und Technoszene, sind esoterische Weltbilder verbreitet. Per Esoterik wird rechtsextremes Gedankengut über Musik vermittelt. So geiferte Michael Moynihan, der Sänger von Blood Axis im Sommer 1996: "Selbstverständlich gehört das Blut mit der Rasse zusammen, wenn es um das Blutsband und die Ahnen geht.... Blood Axis will die europäische Volksseele wieder zum Leben erwecken."[29] Mit der Initiative "Grufties gegen Rechts" gibt es in der Gothic-Szene allerdings auch eine Tendenz, rechtsradikaler Propaganda entgegenzutreten.
Resumé

Festzuhalten bleibt, daß es heute gemeinsame Interessen zwischen esoterischen Gurus, kapitalstrategischen Interessen und Rechtsextremisten gibt. Dieses Interesse ist kein kosmisches oder spirituelles, sondern ein weltliches: die Stabilisierung elitärer und antidemokratischer Macht. Vielen Anhängern der Esoterik, die aufgrund des Zusammenbrechens sozialer Strukturen verunsichert sind, ist dieser Zusammenhang nicht bewußt. Eliten, die sich esoterischer Topoi bedienen, wissen um die materiellen Hintergründe ihrer Interessen. Es geht um die Aufhebung demokratischer Rechte und deren Umwandlung in transzendente "Realitätsschichten." Um nicht mißverstanden zu werden: Das Interesse an außereuropäischen Bezugssystemen ist wichtig und bereichernd. Esoterischer Gedankenmüll ist das Gegenteil davon. Wenn in diesem Artikel einigen liebenswürdigen Individuen auf die Füße getreten wurde, die "Esoterik" anwenden, um anderen Menschen zu helfen, so ist dies unabdinglich. Dies ist nicht als Ablehnung des spirituellen Bedürfnisses von Menschen zu verstehen, sondern als Ideologiekritik an der Umdrehung dieses Bedürfnisses für Machtpolitik. Auch im Esoterikbereich gibt es nicht nur Gurus, Lamas, Psychoberater - also Täter - sondern auch eine Menge Opfer, da es gerade die Verunsicherten und Sensiblen sind, die in die Fänge der autoritären Propagandazirkel geraten. Auch soll hier nicht einer technisierten Rationalisierung das Wort geredet werden. Subjektivität ist wichtig und von der dogmatischen Linken als Basis gesellschaftlichen Seins nicht erkannt worden. Heilpraxis, Homöopathie, Skepsis gegenüber der Schulmedizin und Unmut über die etablierte Wissenschaft werden wie auch die Erforschung von Grenzbereichen wie Parapsychologie, Traumarbeit oder die Beschäftigung mit dem Tod keinesfalls abgelehnt. Die Sektenarbeit der katholischen und evangelischen Wirtschaftsunternehmen ist als Konkurrenz um den Seelenmarkt anzusehen und nicht als die bessere Alternative zum New Age. Es ist wichtig, darauf zu achten, in welcher Logik, in wessen Auftrag und von wem finanziert gezaubert wird. Daran zeigt sich meistens, ob es nicht vor allem um energetische Kapitalflüsse geht. Hier soll nicht, denn das wäre esoterisch, Spiritualität verteufelt werden. Was immer "entfaltete Spiritualität" sein mag, die Basis dafür kann nicht in der Vollbringung angepaßter Höchstleistungen liegen (Ziel der Esoterik).

Noch einmal Wolfgang Reinicke: "Stark tritt beim Löwen der Wille zur Macht hervor... Der starke Sonneneinfluß drückt sich aus in Selbstschätzung, Selbstüberschätzung, Herrlichkeit." Neben unzähligen Opfern kam mit dem Nachfahren des Sonnenkönigs Louis XIV in der französischen Revolution ein Instrument zu mindest an einem nicht Unschuldigen zur Anwendung: die Guillotine. Leider wurde danach wieder für Nachfolger gesorgt. Hoffentlich nicht bis in alle Ewigkeit.
Anmerkungen

[1] Judith Jannberg als Protagonistin der von Alice Schwarzer und Jutta Ditfurth massiv kritisierten "spirituellen Frauenbewegung" definiert patriarchale Gewalt nicht sozial, sondern göttlich. Durch "Göttinnen" bestimmt, sind Frauen die besseren Menschen. Dieser antihistorische und antiemanzipatorische Ansatz deckt sich, wenn auch unbewußt, mit "Hexenbildern", die durch die Hexenjäger der frühen Neuzeit geschaffen wurden. Diese Art von "femininer Spiritualität" raubt den realen Opfern der historischen Hexenprozesse ihre Identität und den Tätern ihre wirkliche Schuld, denn wenn sie Frauen ermorden ließen, weil sie Männer waren, bleibt die kirchenterroristische, politische Funktion der Hexenprozesse ausgeklammert.

[2] Kein Witz! Praktisch bedeutete dies, daß die Hostessen sechs Stunden lang nicht essen, trinken oder sitzen durften. Unsere Ätherisierung durch Radioaktivität seitens dieser Atomtechnokraten könnte ja bald Realität werden. Vielleicht werden dann ja, wie im Rollenspiel "Shadowrun" von Schamanen die Giftgeister beschworen. - Alle angeführten Beispiele sind real.

[3] Esoterische Philosophie, Studiengesellschaft (Broschüre), Hannover 2000. - Allein die Methode das Denksystem Ganzheitlichkeit, das heißt ein Fazit als Basis der Arbeit zu nehmen widerspricht der Technik (geistes-)wissenschaftlichen Arbeitens und erst recht linker Wissenschaftskritik.

[4] Die Vermittlung von New-Economy-Bedürfnissen wie Teamwork und "flachen Hierarchien" füllt nicht nur die Taschen der Esoterikverkäufer, sondern auch die von Disney. Zeigte sich im Film König der Löwen noch die Strategie eines individualisierten Sozialdarwinismus, so müssen wenige Jahre später Dinosaurier für "brainpools" und Gruppenarbeit herhalten, wohingegen der Einzelgänger gefressen wird. Hier scheint es aber unterschiedliche Kapitalstrategien zu geben. So warb ein Managermagazin für ein Saurierbuch mit den Worten: "Blick in eine Zeit, als Fressen und Gefressen werden zum täglichen Geschäft gehörte."

[5] Auch bei manchen Psychotherapeuten ist Esoterik sehr beliebt, verspricht sie den Patienten doch eine rasche Heilung. Für die wirkliche Behandlung psychischer Krankheiten, bei der das Ergebnis der Therapie nicht feststeht sind diese Heilsversprechungen katastrophal. Im Unterschied zum Millerschen Erleben des kindlichen Traumas dient esoterische "Psychotherapie" nicht der Emanzipation durch Erkennen der eigenen Realität, sondern der Verleugnung durch Anpassung. Solche "schwarze Pädagogik" bietet die Ursache der Krankheit als deren Heilung an. "Positiv denken" entspricht der Verdrängung bei Freud.

[6] Strukturell lassen sich gewisse Ähnlichkeiten zwischen der Aztekenkaste der Mexicagesellschaft und den Hofastrologen europäischer Feudalherren des Mittelalters feststellen, was auch damit zusammenhängt, daß stände- bzw. kastengesellschaftliche Verteilungswirtschaften ähnlich notwendigen Bedingungen unterliegen.

[7] Rudolf Steiner: Gesamtausgabe. Bd. 349. Vortrag vom 3. März 1923. S. 52-67.

[8] Colin Goldner: Bewußtsein ohne Gehirn? In: Konkret. Heft 9. September 2000. S. 58 f. - Esoterische Logik ist beliebig. Als ich einer mir bekannten Verehrerin von Herrn Gyatsu das Buch von Ditfurth Entspannt in die Barbarei schenkte, in dem brillant recherchiert, die Menschenverachtung des tibetischen Lamaismus entlarvt wird, stellte die Beschenkte fest, daß, "wo ich doch sonst eine so wundervolle Art hätte, jetzt wieder meine düsteren Seiten hervortreten." Die Benennung der Wirklichkeit der Opfer ist düster, nicht etwa die Verhältnisse die sie zu Opfern machen, ein klassischer Mechanismus der Esoterik.

[9] Die in Jahrtausenden entwickelten Ideologeme esoterischer Herrschaftssicherung fingen keinesfalls mit der relativ unoriginellen Sammlung von Blavatsky an - In diesem Artikel ist jedoch kein Raum, um diese Strömungen adäquat darzustellen.

[10] Jutta Ditfurth: Gegen die Entwertung des Menschen. Hamburg 1997. S. 285.

[11] C.G. Jung: Ges. Werke X. 1974. S. 190 f.

[12] Alice Miller: Du sollst nicht merken. Variationen über das Paradies-Thema. Frankfurt a.M. 1983.

[13] Ich mag den vielseitigen Fisch. Heiter-Besinnliches über einen unverwechselbaren Menschen. Bern, München, Wien 1996. S. 16.

[14] Ebd., S. 13.

[15] Wolfgang Reinicke: Praktische Astrologie. So erstellen Sie Ihr Horoskop selbst. München 1997.

[16] Hiermit sind Weltanschauungen gemeint, in der der an Goethes Faust angelegte "Gottmensch" abseits jeglicher sozialer Verantwortung nur noch mit sich selbst ringen muß - ob er autokratisch Technologien, die nicht nur ihn selbst, sondern auch die gesamte Welt zerstören können, anwendet oder nicht. Solche Selbstvergöttlichung nahmen, nicht esoterisch, sondern historisch verschiedenste Herrschaftseliten für sich in Anspruch. Bei Goethe blieb im "Teufelspakt" die Frage offen. Im faustischen Denken geht es darum, ob das herrschaftstragende forschende Individuum alles tun darf, was technisch möglich wäre. Für Emanzipationsbewegungen muß es darum gehen, Individuen die Möglichkeit dieser Willkür zu nehmen.

[17] Kulturanthropologie ist die Wissenschaft, die sich damit auseinandersetzt, welche Prozesse in menschlichen Gesellschaften naturwissenschaftlich (anthropologisch) und welche Mechanismen gesellschaftlich (kulturell) zu erklären sind. Reaktionäre, völkische und esoterische Herrschaftsideologien zeichnen sich dadurch aus, daß sie kulturelle Prozesse zu anthropologischen und evolutionären umdeuten. Dies dient dem Erhalt materieller Privilegien, die keinesfalls evolutionär, sondern kulturell entstanden sind.

[18] Dies führte bei den Nazis zu einer "Ketzerromantik", in der die Ketzerbewegungen des Mittelalters zu einer "germanisch-völkischen Rassendefinition" mißbraucht wurden. Auch das Hexenbild des "spirituellen" Teils der Frauenbewegung hat seine Ursprünge teilweise in diesem "arischen Naturweib". Hier wäre Ideologiekritik von seiten des (links-)politischen Teils der Frauenbewegung angesagt.

[19] Okkultismus war insbesondere im christlichen Mittelalter oftmals deshalb "geheim", konspirativ, da seine Anhänger konkreter Verfolgung ausgesetzt waren.

[20] Gerade Hölderlin ist deshalb bei heutigen Esoterikern neben Rilke und Goethe sehr beliebt. Das liegt insbesondere an seiner "entpolitisierten" Gefühligkeit.

[21] Werner Schneiders: 300 Jahre Aufklärung in Deutschland, in: Ders. (Hg.): Christian Thomasius 1655-1728. Interpretationen zu Werk und Wirkung (= Studien zum 18. Jahrhundert 11). Hamburg 1989. S. 19.

[22] Zit. nach: Peter Kratz: Die Götter des New Age. Im Schnittpunkt von "Neuem Denken", Faschismus und Romantik.

[23] Siehe dazu Kratz. Da ich mich im gesamten Artikel auf ihn beziehe, entfallen die Seitenangaben. Zur genaueren Einsicht auf den Angriff des New Age auf die Linke empfiehlt sich die Lektüre dieses Standardwerks, eines der besten zum Thema.

[24] Eine Untersuchung der ideologischen Bedeutung des Begriffs "Neue Mitte" in Bezug zur Esoterik steht noch aus. Beiden gemeinsam ist, daß sie allein auf der Selbstdefinition derer basieren, die sich ihr zugehörig fühlen, beide eher Haltungen und Einordnungen definieren als materielle Wirklichkeiten.

[25] Zit. nach: Jutta Ditfurth, a.a.O., S. 273.

[26] Daß dieses Beispiel 17 Jahre zurückliegt, ist unerheblich. Das Geschäft der esoterischen Ausplünderung kultureller Bezugssysteme boomt heute viel mehr als damals.

[27] Peter Kratz, a.a.O., S. 258 f.

[28] Ralph Tegtmeier. Magie und Sternenzauber. Okkultismus im Abendland. Köln 1995. S. 267.

[29] Reader. Texte von Alfred Schobert und andere Materialien zum Thema "Rechte Tendenzen in der Darkwave-Szene".


Kontext:

* Victoria und Victor Trimondi, Zorniger Raddreher. Der Dalai Lama ist kein Friedensfürst
* Sven Oliveira Cavalcanti, Von der Hysterie zur Depression. Über den Wandel psychologischer Krankheiten. Bemerkungen zu Alain Ehrenbergs "Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart."
* Winfried Rust, Ganzheitlich falsch. Über das Verhältnis von Materialismus, Esoterik und Poesie


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Kommentare:
-Nostal, Mißglückte Säkularisierung?! (12. Dec. 2000, 10:21)
-Karl, Wissenschaftliche Analyse und politischer Widerstand (28. Feb. 2001, 10:19)
-- [+] utz, Re: Wissenschaftliche Analyse und politischer Widerstand (01. Mar. 2001, 00:10)
-Arfst Wagner, Steinerzitat in Artikel von Utz Anhalt (23. Jun. 2001, 23:50)
-- [+] Utz, Re: Steinerzitat in Artikel von Utz Anhalt (02. Aug. 2001, 23:56)
-paleo, an die brillenträger (31. Aug. 2001, 11:25)
-Sören, (10. Dec. 2002, 01:31)
- [-] Valbogalf, Einfältige Polemik (23. Jan. 2004, 22:41)
-526, Schade (14. Feb. 2006, 19:47)
-mr.anthro, "Steiner Zitat" (08. Jul. 2008, 23:55)
-Stein des Tempels, Spiritualität ? Was hat sie bewirkt ? (07. Nov. 2008, 14:33)
- [<] Hinrich, Du bist nichts, dein Karma ist alles (16. Nov. 2008, 16:39)
- [-] verena häggberg, biologisten der ödp (01. Dec. 2008, 16:24)
-- [+] utz anhalt, Re: biologisten der ödp (01. Dec. 2008, 23:53)
--- [<] Verena Häggberg, Re: biologisten der ödp (02. Dec. 2008, 14:45)

7

Mittwoch, 17. Mai 2006, 17:26

Esoterik ist IMMER Schwachsinn und Betrug.

9

Sonntag, 6. März 2011, 08:04

Was für eine stinkende Drecks-Brut !

14

Donnerstag, 16. Juni 2011, 22:24

Na klar !

SIE sind das beste Beispiel dafür.

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