Noch ein Bericht aus der "Ärzte-Zeitung" von heute...
Magere Daten zur Creme aus Vitamin B12 und Avocadoöl
Von Angela Speth
Ärzte Zeitung Ausgabe 197 Donnerstag 29/10/2009
Bislang gibt es nur wenige kleine Studien zur umstrittenen Creme gegen Psoriasis und Neurodermitis.
Vieles an dieser Geschichte ist angeblich purer Zufall. Zufall ist dann wohl auch, dass der Fernsehbeitrag „Heilung unerwünscht“ nur wenige Tage vor dem heutigen Weltpsoriasistag ausgestrahlt wurde – zu einem Zeitpunkt also, da die Aufmerksamkeit für das Thema ohne geschärft war und ist. Jedenfalls schlagen die Wellen hoch um eine rosa Salbe aus Vitamin B12 und Avocadoöl, die nach einer Behauptung des Autors Klaus Martens nicht nur Schuppenflechte, sondern auch Neurodermitis hochwirksam, aber nebenwirkungsfrei heile. Leider habe die Pharma-Industrie die Herstellung bisher boykottiert, um den Verkauf ihrer chemischen Präparate nicht zu gefährden.
„Seitdem kommen täglich mindestens zehn Patienten in meine Praxis, die eine Rezeptur für die Apotheke verordnet haben wollen“, berichtet Privatdozent Thomas Rosenbach, niedergelassener Dermatologe in Osnabrück und Sprecher des wissenschaftlichen Beirats vom Deutschen Psoriasis Bund. So ein glücklicher Zufall aber auch: Wie mittlerweile hinlänglich verbreitet, startete just am Tag nach der Sendung die Produktion des bisher verhinderten Wundermittels doch noch. Mitte November wollen es das Schweizer Unternehmen Mavena Health Care und die Regeneratio Pharma aus Remscheid als Regividerm© auf den Markt bringen. Gleichzeitig kommt, natürlich ebenfalls rein zufällig, ein Buch von Martens zum selben Thema heraus.
Es begann ja rührselig wie ein Groschenroman: Studenten rühren Ende der 80er Jahre in ihrer WG-Küche Vitamin B12 und Avocadoöl an, um eine psoriasiskranke Freundin zu behandeln. Tatsächlich: Der Mix hilft. Sie lassen ihn patentieren und bemühen sich 20 Jahre lang, ihn zu vermarkten – vergeblich, denn die böse Pharma-Mafia blockt hartnäckig.
„Der wahre Grund: Die Wirkung ist überhaupt nicht seriös belegt“, stellt Rosenbach im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“ klar. Hochwertige Studien lägen nicht vor, allenfalls kleine Anwendungsbeobachtungen. Etwa die von Professor Markus Stücker aus Bochum (Dermatology 203, 2001, 141): 13 Psoriasis-Patienten hatten auf einer Körperseite die Creme aufgetragen, auf die andere Calciptriol. Nach zwölf Wochen war der Hautauschlag mit beiden Mitteln gleich gut zurückgegangen (Reduktion des PASI-Wertes von 9,2 auf 0,8).
Drei Jahre später veröffentlichte der Forscher die Resultate eines doppelblinden Seitenvergleichs mit 49 Neurodermitis-Patienten: Der Wert einer Skala (SASSAD, Six Area Six Sign Atopic Dermatitis Severity Score) wurde mit der Salbe signifikant stärker reduziert als mit Placebo. 27 Patienten bescheinigten der Creme eine gute, 17 eine mittlere Wirksamkeit, die Zahlen für Placebo: 5 und 39 Prozent. Bei 33 Teilnehmer kam es jedoch zu unerwünschten Wirkungen (Br J Dermatol 150, 2004,977).
Und schließlich gibt es eine doppelblinde Untersuchung von Dr. Ronald Januchowski aus South Carolina mit 21 Neurodermitis-kranken Kindern und Jugendlichen (Journal of Alternative and Complementary Medicine 15, 2009, 387): Eine Skala zufolge (SCORAD, SCORing ATopic Dermatitis) besserten sich die Beschwerden nach vier Wochen signifikant stärker als mit Placebo. Erklären könnte man den Effekt damit, dass Vitamin B12 Stickoxide neutralisiert, die bei Psoriasis und Neurodermitis im Übermaß entstehen und die zur DNA-Bildung notwendige Methionin-Synthese hemmen. Allerdings: Stickoxide sind nicht die Ursache, nur die Folge der Krankheit. Wegen der mageren Datenlage ist die Creme auch nicht als Arzneimittel, sondern lediglich als Medizinprodukt zugelassen. Folglich bedarf sie nur eines Zertifikats – das über die Wirksamkeit nichts aussagt – und einer Erlaubnis der Landesbehörde.
„Die Berichterstattung der ARD, eines eigentlich seriösen Senders, ist enttäuschend“, sagte Rosenbach. Vermutlich handele es sich um eine reine Pflegecreme, deren Anwendung eventuell zwar die Schuppung beseitige, nicht aber die Schuppenflechte. Den Ansturm auf das vermeintliche Zaubermittel sieht der Dermatologe als Ausdruck der Verzweiflung über eine Krankheit, die rund zwei Prozent der Bevölkerung zu schaffen macht. Ihre Belange stehen am heutigen Weltpsoriasistag im Mittelpunkt vieler Veranstaltungen.