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Pseudotherapien besitzen Showcharakter
Sophie Niedenzu, 26. April 2013, 14:21

foto: apa/dpa/frank leonhardt
Irgendwo
im Grenzbereich zwischen Psychotherapie und Pseudotherapie liegt die
Familienaufstellung, bei der das Beziehungsgeflecht im System Familie
nachgestellt wird. Wer steht wem besonders nahe, wer kommt weniger gut
miteinander aus?
Mit
viel Dramatik sollen in kürzester Zeit psychische Probleme gelöst und
verarbeitet werden - Für empfindsame Menschen nicht ungefährlich
Sie
trat, schlug, biss, kratzte, zwickte und spuckte - so lange, bis sie
körperlich und psychisch nicht mehr in der Lage war, sich zu wehren.
Sara* war etwa fünf, sechs Jahre alt, als sie zum ersten Mal von ihrer
Mutter in eine feste Umarmung gezwungen wurde. Die Ursache dafür waren
heftige Heulkrämpfe, die sie als Kind sehr oft hatte. Sara war schwer zu
beruhigen - aber berühren lassen wollte sie sich deswegen nicht, im
Gegenteil: "Ich wollte möglichst viel Abstand zu allen haben", erzählt
sie heute. Ihre Mutter war da anderer Meinung.
"Festhalte-Therapie" nennt sich die Technik, die in den 80er Jahren
vor allem von der Psychologin Jirina Prekop propagiert wurde.
Ursprünglich zur Behandlung von autistischen Kindern verwendet, wurde
das "Holding" von ihr als Psychotherapie bei "allen Bindungsstörungen"
in der Familie angewendet - sie garantiere damit eine "Erneuerung der
Liebe". Für Kritiker ist diese Methode allerdings nichts anderes als
Gewalt gegen Kinder.
"Ich habe es immer gehasst", sagt Sara, wenn sie an die Zeiten
zurückdenkt, in denen sie sich gegen die "Schraubstock-Umarmung" gewehrt
hat. "Es gab keinen einzigen Moment, an dem ich das gut fand oder
dankbar war. Ich war einfach nur zu müde, um mich noch zu wehren,
deshalb war ich schließlich entspannt." Das Schlimmste an dieser
Behandlung sei für sie der Verlust der Selbstkontrolle gewesen - dass
nicht sie darüber bestimmen durfte, ob und wie sie angefasst werden
wollte.
Rituelle Inszenierung
Die Festhalte-Therapie ist nur eine von vielen Methoden, die in den
Bereich der esoterischen Psychotechniken fällt. Nicht zuletzt deshalb,
weil dadurch sinnvolle Grenzen des Kindes überrannt werden und es zu
einem Zusammenbruch der Persönlichkeit kommen kann. Generell zeichnen
sich Pseudotherapien dadurch aus, dass sie intensive Erlebnisse
schaffen, aber anders als eine Psychotherapie nicht alte Verletzungen
oder Verhaltensmunster zu überwinden vermögen. Die Grenzen zwischen
Psychotherapie und Pseudotherapie sind dabei fließend: Nicht selten
beruhen Pseudotherapien auf psychotherapeutischen Methoden.
Darunter fällt beispielsweise die "Familienaufstellung" - eine
Technik, die zur Diagnose in der Familientherapie häufig verwendet wird.
Dabei schlüpfen Personen in die Rolle von Familienangehörigen. Der
Betroffene stellt sie so im Raum auf, wie er möchte. So wird das
Beziehungsgeflecht in der Familie nachgestellt: Wer steht wem besonders
nahe, wer kommt weniger gut miteinander aus?
Der ehemalige katholische Missionar Bert Hellinger hat diese Idee
aufgegriffen und verspricht Teilnehmern seines Seminars, die Probleme in
der Familie innerhalb eines Wochenendes zu lösen. "Er sieht die
Aufstellung als eine rituelle Inszenierung, um die Wahrheit
herauszufinden. Er sagt, was die Lösung ist und wie Familienmitglieder
zueinander stehen sollen", erklärt die Psychologin Ulrike Schiesser von
der Bundesstelle für Sektenfragen.
Hellinger vertritt mit seiner Version der Familienstellung ein
konservatives Weltbild: Frauen sind den Männern untergeordnet, die
Eltern gehören immer zueinander und sollten geachtet werden, niemand
darf aus der Familie ausgeschlossen werden. "Das Bild der Familie, das
Hellinger in Verbindung mit einem übermächtigen großen Ganzen sieht,
gibt er selbst vor", erklärt Schiesser. Damit sei er vor ein paar Jahren
"ein Star" in der Therapieszene gewesen.
Tödliches Ende
Pseudotherapien wie diese können bei den Teilnehmern langfristige
psychische Schäden verursachen - oder gar tödlich enden: Bei einem
Seminar mit 600 Teilnehmern schickte Hellinger eine Betroffene hinaus,
weil sie ihm zufolge der Familie nur schadete. In der darauffolgenden
Nacht nahm sich die Teilnehmerin aus Verzweiflung das Leben. "Das ist
ein belegter Fall, Folgeschäden durch Pseudotherapien sind prinzipiell
aber schwer nachweisbar", sagt Schiesser.
Das Gefährliche an Pseudotherapien ist laut Schiesser, dass Methoden
angewendet werden, die im Kern wirksam seien. In den 90er Jahren
besonders beliebt war dabei der "Hoffman-Quadrinity-Prozess". Er
garantiert Heilung oder zumindest Linderung bei Drogenabhängigkeit,
Missbrauchserfahrungen, Essstörungen, Depressionen,
Diabetes, Krebs, Paranoia, Magengeschwüren und Frigidität.
In nur acht Tagen sollen belastende oder traumatische
Kindheitserfahrungen aufgearbeitet werden. Den Seminarabsolventen wird
dabei ein "anderes" Leben versprochen. In "Wutsitzungen" werden
verdrängte kindliche Gefühle nacherlebt: Teilnehmer schlagen unter
anderem mit Stöcken auf Kissen ein und schreiben stundenlang Hass-Briefe
an ihre Eltern. Danach erfolgt die Versöhnung mit den Eltern - die
totale Vergebung ist in dieser Pseudotherapie die einzige Möglichkeit.
Eine Psychotherapie würde hier mehr differenzieren und etwa die
Möglichkeit geben, den Eltern zwar nicht zu vergeben, aber sich trotzdem
von ihnen zu emanzipieren.
Der Quadrinity-Prozess hingegen folgt einem strikten Zeitplan und
strengen Ritualen. Am fünften Tag etwa wird die Loslösung von den Eltern
nachgestellt - dabei gehen die Teilnehmer auf einen Friedhof und
stellen sich die Beerdigung ihrer Eltern vor. Grenzen werden dabei nicht
akzeptiert, im Gegenteil: Deren Überschreitung ist notwendig für den
Erfolg der Methode.
Viel Dramatik
Festhalte-Therapie, Familienaufstellung, Quadrinity-Prozess,
Rebirthing oder Engeltherapie: Die Liste an Pseudotherapien ist lang.
Sie werden oft im Rahmen von intensiven Wochenendseminaren von
Nichttherapeuten angeboten. Laien, die Weiterbildungskurse absolviert
haben, aber über keine psychologische Grundausbildung verfügen, bieten
Persönlichkeitsseminare an, die in den Bereich der Lebenshilfe fallen.
Charakteristisch dafür ist ein gewisser Showcharakter: "Es wird
geschrien, geweint, es muss etwas sichtbar gemacht werden", sagt
Schiesser. Anders als Psychotherapien, die sich langsam zu den Problemen
der Klienten vortasten, wird bei Lebenshilfe-Seminaren mit viel
Dramatik ein Thema möglichst schnell verarbeitet. Dabei werden
psychologische Prozesse in Gang gesetzt, die bei einer falschen
Betreuung gefährlich werden können.
"Innerhalb kürzester Zeit wird emotional viel aus den Teilnehmern
herausgeholt", sagt die Psychologin. Gerade für empfindsame Personen sei
ein derartiges Wochenendseminar gefährlich. Meist bestehen diese aus
vielen Gruppenübungen, Meditation, kaum bis wenig Essen und wenig
Schlaf. Teilnehmer können nach diesen Extremerfahrungen Psychosen
entwickeln und in eine Manie fallen. Die Symptome sind dabei schwer
unterscheidbar von dem, was in den Seminaren erwünscht wird, nämlich
beispielsweise Stimmen zu hören oder mit Hilfe von Atemübungen
Halluzinationen zu bekommen.
Angehörige von Betroffenen wenden sich in solchen Fällen häufig an die
Bundesstelle für Sektenfragen.
"Die Seminarteilnehmer bemerken manchmal nicht rechtzeitig, wenn sie in
eine psychische Ausnahmesituation geraten, und werden von den
Seminarveranstaltern eher darin unterstützt, keine therapeutische Hilfe
in Anspruch zu nehmen - bis zu dem Punkt, wo es nicht mehr geht",
erzählt Schiesser. Dann sei der Lebenshilfe-Trainer plötzlich nicht mehr
erreichbar.
Zeit- und Kostenfrage
Deswegen alle Persönlichkeitsseminare pauschal zu verurteilen sei
aber falsch, es gebe durchaus sinnvolle Seminare, sagt Schiesser.
Vorsicht ist dann geboten, wenn es das erklärte Ziel ist, das Leben an
einem Wochenende komplett zu ändern, völlig neue Entscheidungen in
kürzester Zeit zu treffen. Wenn etwa den Teilnehmern nahegelegt wird,
soziale Kontakte sofort abzubrechen.
Angebote, die zu hinterfragen sind, erkennt der Laie außerdem daran,
dass sie hohe Kosten verursachen. Wichtig sei außerdem eine Nachsorge.
"Gibt es keine Folgetermine, dann ist das Angebot fragwürdig", sagt die
Psychologin. Hinweise darauf, ob es sich um ein seriöses Angebot handelt
oder nicht, kann auch die Beantwortung folgender Fragen geben: Gibt es
einfache Lösungen für komplexe Probleme? Wird für alle Probleme die
gleiche Lösung vorgeschlagen? Was wird genau versprochen?
Sara geht es heute gut. Mit 14 Jahren suchte sie auf eigene Faust
eine Psychotherapeutin auf, bei der sie eineinhalb Jahre blieb. Als sie
ihr zum ersten Mal von ihren Erlebnissen mit der Festhalte-Therapie
erzählte, wurde ihr dabei schwindlig. Die Psychotherapeutin habe ihr
aber den nötigen Raum gegeben, die Erfahrung zu verarbeiten. Lange Zeit
haderte sie mit einer Art "hilfloser Wut", wenn ihre Grenzen in
irgendeiner Art nicht respektiert wurden. "Was mir vielleicht noch ein
bisschen geblieben ist, ist ein gewisses Misstrauen den Menschen
gegenüber, die mir eigentlich sehr nahe sind", sagt Sara. (Sophie
Niedenzu, derStandard.at, 26.4.2013)
* Name von der Redaktion geändert
Interview: "Wie spirituell darf ein Psychotherapeut sein?"
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Zur Psychotherapie und zur Psychoanalyse
Selbst solch menschenverachtender und gemeingefährlicher krimineller Schrott läuft unter sogenannter "Psychotherapie" :
Familienaufstellung nach Hellinger