Es ist nicht so kompliziert, wie Sie denken!
Erstens: man weiß, dass die Polypen krank sind, wenn die Krankengeschichte so häufige Infekte aufweisen! Man weiß das so gut, dass man nicht noch zusätzlich unter Quälerei der Kinder auf die Oberfläche einer Rachenmandel schauen muss, wo man ohnehin die Bakterien nicht sehen kann.
Die Rachenmandel sitzt im Nasenrachenraum. Es kommt nun nicht auf die absolute Größe der Rachenmandel an, sondern auf die relative! Das heißt: wenn die Rachenmandel "nur" mittelgroß ist, der Nasenrachenraum aber sehr eng: dann ist die Rachenmandel "zu groß".
Ob die Rachenmandel zu groß ist oder nicht: dass erkennt man nicht an einem Oberflächenblick, sondern an den Folgen: zu große Rachenmandeln behindern die Nasenatmung! Ist die Nasenatmung behindert, ist die Rachenmandel also zu groß!
Mit den Infekten ist es ähnlich: ist die Rachenmandel Infektionsquelle und nicht mehr Abwehrorgan, dann ist die Infekthäufigkeit außergewöhnlich hoch! Bei hoher Infekthäufigkeit ist also die Rachenmandel Infektionsquelle! Einschränkung: manchmal ist sie nicht die einzige Infektionsquelle! Auch die Gaumenmandeln können chronisch krank sein! Das merkt man, wenn die Polypenoperation die Infekthäufigkeit nicht senken kann. Dann gilt der Satz: zu kurz gesprungen bedeutet ebenfalls, das Ziel verfehlt zu haben!
Überdies wird jede Rachenmandel eingeschickt. Und die Pathologen haben bisher
jedesmal nach der Operation bestätigt, dass die Rachenmandel krank war. Erfahrungswissen ist auch Wissen! Und letztendlich müsste man ja eine alternative Erklärung bieten, wo die häufigen Infekte herkommen, wenn man die Erklärung mit den kranken Polypen nicht akzeptieren mag. Und sehen Sie: da fällt mir dann nichts Gescheites mehr ein! Ich werde jedenfalls nicht jeden Tag zwischen 10 und 20 Kinder in ein Ganzkörper-CT oder -MRT schicken oder in einer Spezialambulanz für Immunkrankheiten vorstellen: ich hätte nämlich in 20 Jahren Praxistätigkeit noch nicht einen einzigen "Treffer gelandet"!
Also: Erfahrungswissen ist Wissen! Das Häufige ist häufig und das Seltene ist selten.
Zum Thema Paukenröhrchen und Parazentese: auch dazu habe ich bereits sehr viel geschrieben. Bitte benutzen Sie mal die Suchfunktion oder schauen Sie auf meiner Homepage auch noch die Informationen zu diesem Thema an
http://www.hno-vahle.de .
Ich habe dort dargelegt, nach welchen Kriterien
ich Paukenröhrchen lege oder nicht lege. Ich muss aber zur Kenntnis nehmen, dass es Kollegen gibt, die andere Prioritäten setzen und andere Kriterien wählen. Ich kann diese Kollegen nicht zwingen, meine Sichtweise zu übernehmen. Also kann ich auch im Internet nicht schreiben, wie
man in solchen Fällen immer entscheidet.
Ich habe das Gefühl, Sie
wollen Ihr Kind nicht operieren lassen und suchen nun verzweifelt nach Gründen, die OP zu vermeiden.
Ich hingegen muss täglich mehrfach lange Zeit mit Müttern sprechen, die die gleichen "Argumente" und Einwände wie Sie haben.
Ist das Kind dann endlich operiert, dann sitzen die gleichen Mütter bei mir und fragen mich, warum ich nicht schon viel eher auf die OP gedrängt habe, wo ich doch wisse, wie schnell die Kinder nach der OP wieder fit - und vor allem gesund! - seien. Immer wieder auch die gleichen Selbstvorwürfe: "Wenn ich doch nur mein Kind schon früher hätte operieren lassen! Wieviel Sorgen, Krankheiten, Ärger und Nerven hätten wir uns dann erspart!".
Viele Grüße
W. Vahle